Kapitel Vier: Der Zusammenstoß

1287 Words
Amelias Sicht Ein Fahrer hatte plötzlich die Spur gewechselt und so den abrupten Stopp verursacht. „Es tut mir leid, Ma’am. Ich entschuldige mich für meinen Fehler“, sagte sie mit zitternder, atemloser Stimme und umklammerte das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. „Schon gut, Caren. Lass uns weiterfahren“, sagte ich und strich ihr über die rechte Hand, die das Lenkrad umklammerte. „Ja, Ma’am“, murmelte sie und startete den Motor. Ich lehnte mich zurück, während Caren zu dem Juweliergeschäft fuhr, das sie im Sinn hatte. Bevor ich mich weiter in Gedanken verlieren konnte, kamen wir an. Caren fuhr auf den Parkplatz, während ich tief ein- und ausatmete. Sie parkte auf einem der freien Plätze, und ich stieg aus. Das Wetter war bewölkt und spiegelte meine wirren Gedanken wider; die Schwere des Graus lastete schwer auf meinen Schultern. Der süße Duft von frisch Gebäck lag in der Luft – ein flüchtiger Trost inmitten meiner Betäubung. Überall waren Stimmen und Hupen zu hören, die mich benebelten. „Hier entlang, Ma’am.“ Caren zupfte an meinem Ärmel, und mir wurde bewusst, dass ich losging. Ich folgte ihr, ließ mich von ihr führen, so wie ich es Devon all die Jahre erlaubt hatte, und spürte, wie meine Beine beim Anblick des großen Schildes des Juweliergeschäfts wackelten. Mein Kopf ratterte und meine Angst wuchs: „Was soll ich nur kaufen?“ „Was, wenn ich das falsche Schmuckstück auswähle?“ „Was, wenn ich Devon noch mehr verletze, als ich es ohnehin schon getan habe?“ „Was, wenn …?“ „Ma’am, seien Sie vorsichtig!“ Ich hörte Caren aufschreien und bewahrte mich so davor, mit einer Mutter und ihrem Kind zusammenzustoßen. „Es tut mir so leid, Miss, ich bitte um Verzeihung“, sagte Caren hastig zu der Frau, die mich mit gerötetem Gesicht ungläubig anstarrte. „Halt dieses blinde Ding fest! Du willst doch nicht, dass sie auf die Straße rennt!“ Die Frau zischte und zerrte ihre Tochter, die mit einer Chipstüte spielte, weg. Ich starrte das Mädchen an, das so unbeschwert wirkte, obwohl ihre Mutter sie wegzog. Unbewusst rieb ich mir den Bauch und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. „Wird Devon sich mir gegenüber ändern, wenn ich das Baby behalte?“ Ich stand da und starrte der Frau und ihrem Kind hinterher, voller Fragen im Kopf. Ich spürte ein sanftes Zupfen an meinem Ärmel, und Carens Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Ma’am, ist alles in Ordnung?“ Ich nickte und versuchte, mich zu fassen. Innerlich zerbrach ich. Ich wusste nicht, was ich hier tat oder wonach ich suchte. Die Worte der Frau hallten in meinem Kopf wider: „Halten Sie diese blinde Fledermaus besser fest …“ Bin ich eine blinde Fledermaus, die orientierungslos durchs Leben stolpert und nicht weiß, was sie will? Oder versuchte ich nur, das Beste aus einer unglücklichen Ehe zu machen? Ich rieb mir den Bauch und spürte ein Wirrwarr an Gefühlen. Bin ich bereit dafür? Bin ich bereit, Mutter zu werden? Werde ich das überstehen? Ich habe das Gefühl, mich dabei selbst zu verlieren. Devon, das Baby, der Juwelierladen … es ist alles so überwältigend. Ich weiß nicht, was ich will oder was ich brauche. Ich weiß nur, dass ich müde bin, so müde davon, in meiner Ehe ständig auf Eierschalen zu laufen. „Ma’am, wir sollten hineingehen.“ Carens Stimme war sanft und beruhigend, als sie mich zum Laden führte. Ich folgte ihr wie ein Roboter, ohne nachzudenken. Der Wachmann schwang die Tür auf, noch bevor Caren sie erreichen konnte, und wir betraten den Laden, wobei wir ihm gleichzeitig zunickten. Helles Licht präsentierte Schmuck auf Seidentüchern. Vereinzelte Pailletten und Halbedelsteine lagen auf Poliertüchern herum und wurden von den Käufern begutachtet. Ich sah mich um und entdeckte beliebte Schmuckmarken auf langen Theken in glänzenden Glasvitrinen. Kunden zeigten auf die Stücke ihrer Wahl, während die Verkäufer ihnen bereitwillig Auskunft gaben und die Eigenschaften jedes einzelnen Stücks erläuterten. Leichte Hintergrundmusik lief, aber nicht laut genug, um das Hupen der Autos im sich draußen aufbauenden Verkehr zu übertönen, oder das Rattern des Kassenbons und das Klackern von Absätzen auf den Kunstharzfliesen. Der Geruch von Lufterfrischer, Ammoniak und Parfüm hing in der Luft, und ich rang nach Luft. Ich ging weiter umher und ließ meinen Blick von einem Stück zum anderen schweifen, als das Klacken von Absätzen seltsam nahe kam. „Willkommen bei Satire, gnädige Frau. Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Verkäuferin mit einem freundlichen Lächeln. Ich fragte mich, ob es eine Marketingstrategie war oder ob sie einfach nur nett sein wollte. „Ich suche ein seltenes Stück für meine Schwiegermutter“, antwortete ich und mein Blick schweifte zu einem Blumenarrangement in der Ecke des Ladens. „Frau …“, sagte sie und sah mich eindringlich an, um den Satz zu vervollständigen. „Nur Amelia. Amelia, Frau Amelia“, stammelte ich. Sie nickte mir zu, und ich spürte ein plötzliches Engegefühl in der Brust. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf begann sich zu drehen, und meine Sorgen schlichen sich ein. Was, wenn Devon herausfindet, dass ich mich nicht mit seinem Namen vorgestellt habe? Meine Lippen zitterten, und meine Handfläche wurde schweißnass. Ich griff nach Caren, die hinter mir stand. Und plötzlich wackelten meine Beine. „Gnädige Frau! Frau Amelia!“, riefen die beiden gleichzeitig. „Gnädige Frau, ist alles in Ordnung?“, fragte Caren und rieb mir den Rücken. „Soll ich Ihnen Wasser bringen, Frau Amelia?“, fragte die Angestellte und runzelte die Stirn. „Das ist nicht nötig, danke. Mir geht es gut“, antwortete ich und rückte meine Kleidung zurecht. Ich rieb meine verschwitzte Handfläche an meinem Rock, blinzelte und versuchte, mich wieder zu konzentrieren, als plötzlich eine laute Stimme meine benebelte Wahrnehmung durchbrach. „Na, na, na!“, hörte ich eine laute, vertraute Stimme, begleitet von lautem Klatschen und dem Klackern von Absätzen. „Wer hätte gedacht, dass ich die Prinzessin von Kolak vor mir haben würde? Ich hätte die Medien mitgebracht!“ Sie sprach, während sie vor mir stehen blieb, ihre Gefolgschaft kichernd hinter ihr. „Ich tue gut daran, Ihnen eine Kopie meines Terminkalenders zukommen zu lassen, Miss Mercedez“, antwortete ich und entfernte mich von ihrem Blick und dem aufdringlichen Duft ihres Chanel No. 5. „Weiß Devon, dass Sie hier sind?“, flüsterte sie, während sie mir folgte. „Ja, das weiß er“, antwortete ich ihr fast sofort. „Was macht er überhaupt mit so einem armseligen Mädchen wie dir?“, fragte sie erneut und traf mich diesmal mitten ins Herz. „Dasselbe wie mit einem Mädchen wie dir“, murmelte ich und ballte die Fäuste. „Und was ist denn mit einem Mädchen wie mir los?“, fragte sie und wirbelte mit ausgebreiteten Armen herum, wobei sie ihr exklusives Kleid präsentierte. „ICH WEISS, DU HASST MICH, AMELIA! DU HASST ES, DASS DEIN MANN DICH ALLEIN LÄSST, UM ZEIT MIT MIR ZU VERBRINGEN!“ Sie zischte höhnisch, ihre Stimme noch lauter, und ein widerliches Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Ich sah mich um und bemerkte, dass sich bereits einige Leute auf uns konzentrierten und näherten. Ihr Geflüster wurde lauter, und mir lief es eiskalt den Rücken runter. Mein Atem ging schwer, und ich fühlte mich winzig. Mein Blickfeld verengte sich, und mir wurde übel. „WARUM RAUSCHEN SIE NICHT WIE IMMER ZU IHREM LIEBSTEN PAPA?“ Sie kicherte und klatschte in die Hände. Ich ballte die Hand zur Faust, spürte das Brennen der Tränen in meinen Augen und gab dem aufsteigenden Unwohlsein nach. Ich rannte los und stieß dabei gegen Menschen um mich herum.
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