Kapitel 7. Die Resonanz beginnt

1357 Words
Lyra erwachte mit einem erstickten Keuchen, die Finger gruben sich in die dünne Matratze, als hätte sich die Erde unter ihr verschoben. Zuerst dachte sie, es sei ein weiterer Albtraum die Art, die sie verfolgt hatte, seit sie das Rudelterritorium wieder betreten hatte. Mondlicht. Blut. Eine Präsenz direkt hinter ihrer Schulter. Doch dies war anders. Dies war keine Angst. Dies war Hitze. Sie brach ohne Vorwarnung in ihrer Brust auf, ein scharfer Funke, der aufflammte und sich ausbreitete, durch ihre Adern raste wie ein Lauffeuer. Ihr Atem stockte, als sie eine Handfläche auf ihr Herz presste. Die Empfindung pulsierte einmal, zweimal langsam und bedacht wie ein Herzschlag, der nicht ihrer war. Unmöglich, sagte sie sich. Die Resonanz-Bindung war ein Mythos. Eine Legende, die erzählt wurde, um Kinder zu erschrecken und Alphas zu schmeicheln. Eine Bindung, die sich nur einmal entfachte, zwischen Schicksalsgefährten und einmal gebrochen, nie zurückkehrte. Und doch … war sie da. Wartete. Der Zug verstärkte sich, zuerst kaum merklich, dann unverkennbar. Kein Schmerz, keine Lust, sondern etwas weit Gefährlicheres ein Ruf. Ihr Wolf regte sich unter ihrer Haut, ruhelos und wachsam, die Ohren aufgestellt, als hätte er einen Laut gehört, den sonst niemand hören konnte. Lyra schwang die Beine über die Bettkante, der Holzboden war kühl unter ihren nackten Füßen. Das Zimmer fühlte sich zu klein an, die Luft zu d**k. Jeder Atemzug trug ein seltsames Bewusstsein, ein Gefühl von Richtung. Als stünde etwas oder jemand im Zentrum ihrer Welt und zöge sie mit unsichtbaren Fäden näher. Ihr Kiefer presste sich zusammen. „Nein“, flüsterte sie, mehr Flehen als Befehl. Die Bindung antwortete, indem sie heller aufflammte. Hitze schoss tiefer, kräuselte sich durch ihren Magen, ihre Oberschenkel, ihre Wirbelsäule. Sie taumelte, klammerte sich am Bettpfosten fest, als die Empfindung erneut anschwoll, diesmal schärfer. Bilder flackerten hinter ihren Augen breite Schultern, silberne Augen, verdunkelt von Zurückhaltung, Hände, die sich an seinen Seiten ballten, als hielte er sich zurück. Draven. Der Name hallte in ihrem Geist wider, ungebeten und intim. Auf der anderen Seite des Territoriums erstarrte Draven mitten im Schritt. Die Türen des Ratssaals standen vor ihm offen, Älteste murmelten mit leisen, angespannten Stimmen. Er hörte sie kaum. Die Welt verengte sich auf ein einziges, heftiges Pochen in seiner Brust eine Resonanz, so plötzlich, dass sie ihm die Luft aus den Lungen raubte. Er presste eine Faust gegen sein Brustbein, seine Augen blitzten silbern auf, als sein Wolf mit einem Knurren der Wiedererkennung nach vorne drängte. Sie. Die Bindung entzündete sich wie ein Blitzschlag. Es hätte nicht möglich sein dürfen. Er hatte sie vor sechs Jahren sterben gefühlt hatte sie sich losreißen gefühlt, als er sie zurückwies, als Pflicht und Angst und das Gift des Rates ihn dazu zwangen. Die Abwesenheit hatte ihn ausgehöhlt, eine Narbe hinterlassen, die nie verheilte. Und jetzt war sie zurück. Stärker. Hungrig. Draven drehte sich wortlos um, ignorierte die scharfen Rufe hinter sich. Er verlangsamte nicht seinen Schritt, als er durch die Hallen ging, seine Stiefel schlugen im Takt des Pulsschlags gegen den Stein, der in seinem Blut tobte. Jeder Schritt schärfte den Zug, eine magnetische Kraft, die ihn zu dem einen Ort zog, den er geschworen hatte, nie wieder aufzusuchen. Lyras Duft traf ihn, bevor er sie sah. Mondgewärmte Haut. Wilde Magie. Hitze. Sie stand am Rand des Trainingsgeländes, die Hände auf dem Holzzaun abgestützt, als wäre er das Einzige, was sie aufrecht hielt. Ihre Schultern hoben und senkten sich mit unregelmäßigen Atemzügen, dunkles Haar fiel ihr in einem Vorhang den Rücken hinab, den er viel zu gut in Erinnerung hatte. Draven blieb wenige Schritte entfernt stehen. Die Bindung rastete zwischen ihnen ein, spannte sich straff wie eine gezogene Bogensehne. Lyra spürte ihn, bevor sie sich umdrehte. Ihre Wirbelsäule versteifte sich, jeder Nerv erwachte in lodernder Gewahrheit. Der Zug verankerte sich an seiner Quelle, zwang ihren Blick herum, gegen ihren Willen. Ihre Augen trafen sich und die Welt kippte. Silber flammte gegen Bernstein auf. Die Resonanz schwoll an, nicht länger subtil, nicht länger ignorierbar. Sie rollte in Wellen durch sie hindurch, heiß und beharrlich, erweckte etwas Tiefes und Wildes. Ihr Wolf drängte nach vorne, die Rute hoch, Wiedererkennung hallte wie ein Heulen durch ihren Geist. Gefährte. Lyra zog scharf die Luft ein, Zorn durchschnitt den Dunst. „Bleib zurück.“ Draven bewegte sich nicht. Er konnte nicht. Sein Körper summte von kaum gezügelter Macht, jeder Instinkt schrie danach, die Distanz zu schließen, zu berühren, Anspruch zu erheben. Die Bindung pulsierte zwischen ihnen, hell und lebendig, ein lebendiges Wesen, das Anerkennung forderte. „Ich habe das nicht gerufen“, sagte er, seine Stimme war leise, von Zurückhaltung rau. „Ich auch nicht“, fauchte sie, obwohl ihre Stimme sie verriet weicher, erschüttert von der Hitze, die sich in ihrem Bauch kräuselte. „Das sollte nicht existieren. Du hast es beendet.“ „Ich weiß.“ Die Bindung antwortete auf seine Worte mit einem weiteren scharfen Puls, als würde sie sie beide verspotten. Lyras Knie wurden weich. Sie griff wieder nach dem Zaun, ihre Zähne gruben sich in ihre Unterlippe, als die Empfindung ihre Sinne überflutete. Die Welt wurde unerträglich scharf der Duft von Kiefer und Stahl, das Geräusch seines Atems, die Art, wie sein Blick jedes Zittern verfolgte, das sie durchlief. Draven machte einen Schritt näher. Die Bindung flammte heftig auf, eine Woge so intensiv, dass Lyra aufschrie, der Laut wurde ihr aus der Kehle gerissen. Hitze brach über sie herein, sammelte sich tief, breitete sich schnell aus. Ihr Wolf drängte nach vorne, verzweifelt und wütend, forderte Befreiung. „Nicht“, warnte sie, obwohl sich ihr Körper zu ihm neigte, verräterisch und voller Sehnsucht. Draven hielt sich mit sichtlicher Anstrengung zurück, Muskeln spannten sich unter seinem Hemd an. Sein Wolf knurrte, lief in ihm auf und ab, wütend über die Distanz. Er konnte ihre Emotionen durch die Bindung spüren Zorn, verstrickt mit Sehnsucht, Verletzung, verwoben mit einem Begehren, dem keiner von ihnen je wirklich entkommen war. „Du spürst es“, sagte er leise. „Ja“, zischte sie. „Das heißt nicht, dass ich dir vergebe.“ Die Worte trafen hart. Die Bindung erlosch leicht, reagierte auf ihren Schmerz mit einem tiefen, schmerzenden Pochen, das sich tief in Dravens Brust festsetzte. Reue durchschnitt ihn, scharf und erbarmungslos. „Ich erwarte keine Vergebung“, sagte er. „Aber dies dies ist real. Es ist erwacht. Und es wird nicht aufhören.“ Als wollte er seinen Punkt beweisen, schwoll die Resonanz erneut an, diesmal kontrollierter, ein steter Puls, der ihre Herzschläge synchronisierte trotz der Distanz zwischen ihnen. Lyra konnte ihn spüren seine Zurückhaltung, seinen Hunger, die Art, wie sein Wolf gegen den unsichtbaren Zaum seines Willens ankämpfte. Es ängstigte sie. Und es begeisterte sie. Ihr Wolf schob sich nach vorne, berührte seinen durch die Bindung, eine neugierige, intime Berührung, die ihren Atem stocken ließ. Dravens Augen verdunkelten sich, ein leises Knurren entglitt seiner Kontrolle, bevor er es einfing. „Lyra“, warnte er, seine Stimme war d**k. „Wenn du nicht willst, dass das außer Kontrolle gerät, musst du dich erden.“ Sie lachte bitter. „Du hast nicht das Recht, mir zu sagen, wie ich mit etwas umgehen soll, das du zerstört hast.“ Trotzdem zwang sie ihre Füße in die Erde, gründete sich, zog Kraft aus dem Boden unter ihr. Die Hitze wich gerade genug zurück, damit sie denken konnte. Die Bindung blieb, pulsierte stetig, eine unbestreitbare Präsenz, die zwischen ihnen summte. Um sie herum regte sich das Rudel. Köpfe drehten sich. Geflüster lief durch den Trainingsplatz, als andere begannen, es zu spüren die Veränderung in der Luft, das Knistern von Macht, das den Raum zwischen Alpha und Verbannten umgab. Die Ältesten würden es bald spüren. Lyra richtete sich langsam auf, hob das Kinn. „Das ändert nichts“, sagte sie, obwohl ihrer Stimme die Überzeugung fehlte. „Ich lasse mich nicht zurück in deine Welt zerren, nur weil irgendeine uralte Magie beschlossen hat, zu erwachen.“ Draven hielt ihren Blick, etwas Wildes und Rohes glomm hinter seinen Augen. „Es hat bereits alles verändert.“ Sie wusste, dass er recht hatte. Die Resonanz pulsierte erneut stetig, lebendig, geduldig. Wartete.
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