KAPITEL VIER: UNTER DEN BLAUEN FLECKEN

1608 Words
Myla starrte ihn einige Sekunden lang fassungslos an. Dann spottete sie: „Wo hast du denn dieses lächerliche Gerücht aufgeschnappt? Erst bist du ein Betrüger, und jetzt auch noch eine Klatschbase?“ Sie lachte ihm ins Gesicht und fuhr fort: „Du bist erbärmlich, und du wirst schon bald von unseren Anwälten hören. Du bist erledigt. Geh mir einfach aus den Augen.“ „Geh mir aus dem Weg, Schlampe.“ Er versuchte grob, Myla zur Seite zu drängen, während er sich an ihr vorbeischob, und rammte ihr dabei absichtlich seinen Ellbogen in den Magen. Myla keuchte auf und schlug hart zurück. Scott taumelte rückwärts und stolperte über seinen umgefallenen Stuhl. Er stürzte nach vorne, versuchte das Gleichgewicht zu halten und fiel mit voller Wucht auf sie, wodurch er sie zu Boden riss. Ihr Kopf schlug hart auf dem Marmorboden auf, und das Geräusch hallte durch den ganzen Raum. Haydens wütendes Gebrüll erfüllte den Saal. Jared sprang über den Konferenztisch und zerrte Scott grob von ihr weg. Beck war bereits an Mylas Seite und untersuchte sie, während Hayden mit seinem Rollstuhl neben ihn fuhr. Nachdem er Scott auf die Beine gezerrt hatte, rammte Jared seine Faust mitten in Scotts Magengrube. Der Schlag schleuderte Scott gegen die Wand; er rutschte zu Boden, erbrach sich über sich selbst und stöhnte, während er sich den Bauch hielt. Myla stöhnte leise und versuchte aufzustehen, aber Beck hielt sie sanft zurück. „Ganz ruhig, Myla. Du bist ziemlich hart mit dem Kopf aufgeschlagen.“ Mylas Blick verschwamm, während sie schwach lachte, aber sie versuchte nicht mehr aufzustehen. „Jared!“, schrie Beck, als er sah, wie dieser sich darauf vorbereitete, erneut auf Scott einzuschlagen. „Verschwende deine Energie nicht an diesen Versager. Es kann dauern, bis der Krankenwagen hier ist; wir müssen sie sofort ins Krankenhaus bringen. Du weißt, wie tückisch Kopfverletzungen sein können, und mir gefällt dieser abwesende Blick in ihren Augen überhaupt nicht.“ Hayden blickte kalt auf Scott hinunter und sah dann in die fassungslosen Gesichter derer, die noch am Konferenztisch standen. „Die Sitzung ist beendet! Schafft mir diesen Dreckskerl aus den Augen. Meinetwegen kann er sein eigenes Auto vollkotzen, bis ein Abschleppwagen das Teil hier wegschafft. Anna, ich rufe dich morgen an. Ich will, dass rechtliche Schritte eingeleitet werden, um dieses Schmutzmaul ein für alle Mal zu stopfen.“ „In Ordnung, Chef. Gehe ich recht in der Annahme, dass du auch dein gesamtes Finanzportfolio von seiner Firma abziehst?“, fragte Anna süffisant. „Sofort. Danke für die Erinnerung.“ „Hayden“, meldete sich Carter vorsichtig zu Wort, während Jared Myla behutsam hochhob. „Ich glaube nicht, dass Scott Myla absichtlich verletzen wollte.“ „Ich weiß nicht, Carter; für mich sah es so aus, als hätte er absichtlich versucht, Myla so grob wie möglich beiseite zu stoßen. Und er hat einen üblen Ruf, was körperliche Gewalt gegenüber Frauen in seiner Vergangenheit angeht. Ich glaube nicht, dass er sich geändert hat.“ Carter nickte verständnisvoll. Hayden wandte sich zu dem stöhnenden, zitternden Scott um. „All die Jahre habe ich deine abfälligen Worte über Frauen und deinen Alkoholismus ignoriert, aber du hast die Grenze überschritten, als du es gewagt hast, meine Frau zu verletzen. Ich werde dich verdammt noch mal ruinieren“, knurrte er. Dann folgte er Jared, der Myla hinaustrug, mit Beck dicht auf den Fersen. Jared legte Myla in Becks Arme, stieg in den SUV und nahm sie dann von Beck wieder entgegen. Sie rollte sich instinktiv auf seinem Schoß zusammen, während er sie hielt, als wäre sie aus Glas. Hayden rollte hinein und rastete seinen Stuhl in der Halterung ein; seine Augen ließen ihr Gesicht nicht eine Sekunde los. Beck rutschte auf den Beifahrersitz neben den Fahrer und gab einen knappen Befehl zum Losfahren. Der Wagen schoss davon. Die Luft im Inneren war d**k vor Sorge. Jared blickte auf sie hinunter und strich ihr sanft die Haare von der feuchten Stirn. Ihr Blick war unkonzentriert, ihr Atem flach, und sie murmelte immer wieder wirre Dinge vor sich hin. Sie blinzelte langsam, ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie etwas sagen. Aber ihre Worte waren lallend. „Nicht … bringen …“ „Myla, wohin nicht?“, fragte er und beugte sich vor, um sie besser zu verstehen. „Nicht … ins Crest Hospi …“, murmelte sie, kaum lauter als ein Flüstern. „Es ist das nächste, Liebes“, sagte Jared sanft, als er sie endlich verstand. Ihre Stirn legte sich in Falten. Sie wimmerte, ein leises, kindliches Geräusch. „Nein … nein, nicht dorthin … zu viele schlimme Erinnerungen … will da nicht hin …“ Jared blickte auf, seine Augen trafen im Rückspiegel auf Becks besorgten Blick. Es war dasselbe Krankenhaus, in das Hayden nach dem Unfall eingeliefert worden war. Dann fing sie an, leicht um sich zu schlagen, immer noch „Nein … nein“ murmelnd. „Schon gut“, sagte Hayden leise, seine Stimme tief und warm. „Wir fahren nicht dorthin, Baby. Wir bringen dich woanders hin.“ „Okay“, hauchte sie. Dann begann sie, eine abgehackte Melodie vor sich hin zu summen. Hayden stieß einen besorgten Seufzer aus. „Sie wird immer verwirrter.“ Er sah den Fahrer an. „Steve, zur St. Veronica Klinik. Ich habe dem Chefarzt bereits geschrieben, dass wir kommen. Fahr schneller!“, sagte er scharf, während er herüberreichte und über ihr Haar streichelte. Sie lehnte sich in seine Berührung, drehte dann plötzlich den Kopf zu ihm, was ihn zusammenfahren ließ, während Jared schnell reagierte, um ihren Kopf besser zu stützen. „Du berührst mich“, flüsterte sie, als wäre sie zutiefst erstaunt. Dann schenkte sie ihm ein schläfriges Lächeln. „Es ist so lange her, dass du mich so berührt und angesehen hast …“ Sie blinzelte langsam, ihre Augen waren glasig. „Ich dachte, du liebst mich nicht mehr.“ Hayden stockte der Atem. Die Worte trafen ihn wie ein Messer im Bauch. Er schluckte schwer, öffnete den Mund, um etwas zu sagen — Doch ihre Augen rollten nach hinten, und sie sackte tiefer gegen Jareds Brust. „Myla!“, rief Jared panisch und klopfte ihr immer wieder gegen die Wange. „Hey … hey … komm schon, Süße, mach die Augen auf —“ „Ich habe eine Beule an ihrem Kopf gespürt; sorg dafür, dass sie nicht einschläft“, sagte Hayden panisch. Einen Moment später flatterten ihre Augen auf. Sie blinzelte langsam, benommen. Jared stieß einen schweren Seufzer der Erleichterung aus. „Versuch einfach wachzubleiben, Baby“, murmelte er und schmiegte sein Gesicht an ihr Haar. „Wir sind fast da.“ Sie gab ein leises Geräusch von sich und kuschelte sich enger an ihn. Als sie vor der Klinik hielten, warteten bereits zwei Krankenschwestern mit einer Trage. Jared legte sie darauf, und sie alle sahen grimmig zu, wie sie weggebracht wurde. Hayden saß reglos da, seinen Rollstuhl an den hohen Fenstern geparkt, und starrte auf den sterilen weißen Boden. Beck lehnte an der Wand, während Jared nervös auf und ab ging. Ihre Worte hallten immer und immer wieder in Haydens Kopf wider: „Ich dachte, du liebst mich nicht mehr.“ Er schloss die Augen, während sich seine Brust schmerzhaft zusammenzog. Nach dem Unfall hatte sich alles verändert. Die Monate voller Schmerzen, die verschiedenen Experten und Spezialisten, die langen Operationen und die endlosen, schlaflosen Nächte im Krankenhausbett, unfähig sich zu bewegen. Er hatte geglaubt, er wüsste, was Verzweiflung bedeutet, als der Arzt ihm gesagt hatte, dass er nie wieder laufen könne. Aber das Schlimmste kam, als er erfuhr, dass er impotent war. Etwas in ihm war an diesem Tag zerbrochen und ausgeblutet. Der Unfall hatte ihn nicht nur körperlich gebrochen; er hatte ihm auch das genommen, was ihn als Mann ausmachte. Er hatte Myla immer mit seinem ganzen Wesen geliebt; das eine Jahr, in dem sie ausgegangen waren, und die zwei Jahre ihrer Ehe waren der Himmel gewesen. Ihr Sexleben war roh, wild und verzehrend gewesen. Er hatte sie gegen Wände gedrückt, sie über die Küchenzeile gebogen und sie mit seinem Mund zwischen ihren Schenkeln geweckt. Und plötzlich … konnte er weder stehen noch gehen … konnte nicht einmal mehr einen harten Schwanz bekommen. Was also hatte er ihr noch zu bieten? Er war bitter geworden … zornig. Er hasste sich selbst dafür, dass er bei einfachsten Dingen Hilfe brauchte; ihr Trost und ihre Fürsorge fühlten sich für ihn wie Mitleid an. Er hatte das Gefühl, zuzusehen, wie sie versuchte, einen Geist zu lieben. Er hatte angefangen, sich zurückzuziehen, eingesperrt in seinem eigenen Kopf. Sogar Jared und Beck hatten ihn mehr als einmal zur Rede gestellt und ihn aufgefordert, sie nicht länger wegzustoßen. Aber er wusste nicht, wie er ihr gegenübertreten sollte, ohne sich wie ein nutzloser Versager von einem Mann zu fühlen. Er dachte, er würde ihr die Last ersparen, zu der er geworden war. Jetzt sah er die Wahrheit. Die ganze Zeit über hatte sie ebenfalls gelitten. Und seine vermeintliche Gnade hatte sie glauben lassen, dass er sie nicht mehr liebte. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund, seine Kehle schmerzte, während er aus dem Fenster starrte. Aber es gab eine Sache, die keiner von ihnen wusste, eine Sache, die er niemals einer Seele erzählt hatte. Er erinnerte sich an ein Detail des Unfalls nur zu genau. Sekunden bevor der maskierte Fahrer ihn rammte, hatte dieser ihm zugezwinkert und Hayden salutiert. Der Unfall war kein Zufall gewesen. Es war ein Mordanschlag. Und nach den neuesten Beweisen, die er vor Kurzem erhalten hatte, schien es, als wären sie noch nicht fertig.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD