„Gibt es Neuigkeiten über Janet?“, fragte Connor und wandte sich an Alex, einen seiner zuverlässigsten Männer.
„Wir ermitteln noch, wer verantwortlich sein könnte. Haben Sie jemanden im Verdacht?“
Connor schüttelte den Kopf. „Ich habe mich noch nicht damit abgefunden, dass unser Gebiet verletzt und wir angegriffen wurden. Wer wäre so kühn, sich gegen uns zu stellen?“ Mit Hilfe des Krankenhausbettes gelang es ihm, aufzustehen.
„Das muss Marco sein. Unser Soldat hat versehentlich seinen Bruder getötet, als wir seine Gang daran hinderten, Drogen in unserem Gebiet zu verkaufen. Er ist es. Er sucht Rache. Eigentlich war ich sein Ziel, doch meine Tochter geriet in seine Hände!“ Sein Kiefer verkrampfte sich, und seine Augen loderten vor Wut.
Alex nutzte die Gelegenheit, die Frage zu stellen, die ihm schon lange durch den Kopf ging. „Wenn ich fragen darf – warum haben Sie Ihre Tochter so lange geheim gehalten? Sie sagten, sie sei gestorben. Wir hätten für ihre Sicherheit gesorgt, wenn wir von ihr gewusst hätten.“
Connors schwarze Augen verengten sich, als er ihn anstarrte. „Ich erlaube mir nicht, deine Frage zu beantworten, Alex! Es ist besser für dich, dich nicht in meine persönlichen Angelegenheiten einzumischen.“ Er blickte aus dem Fenster und beobachtete die raschelnden Blätter. „Ich bin dein Boss, und ich bin niemandem Rechenschaft schuldig!“, fuhr er ihn an, seine Stimme voller Frustration über die Gefahr, in der seine Tochter schwebte.
„Nicht einmal mir?“ Die Stille im Raum wurde von einer Stimme durchbrochen, die Connors Aufmerksamkeit fesselte, und er drehte sich zur Tür. „Ich bin dein Boss. Macht dich das mir gegenüber rechenschaftspflichtig?“ Anton sah ihm in die Augen und erkannte einen kurzen Anflug von Verzweiflung, der jedoch sofort seiner gewohnten Kälte wich.
„Boss“, presste Connor hervor und trat auf ihn zu.
Antons Blick glitt zu Connors bandagierter Schulter, bevor er Alex bemerkte, der hinter ihm stand. „Lass uns allein.“ Kaum hatte er es gesagt, verließ Alex den Raum; das Zuschlagen der Tür unterstrich seinen Abgang.
„Also – kannst du mir mehr über deine Vergangenheit erzählen und vielleicht etwas Licht auf deine Tochter werfen, die du bisher verschwiegen hast?“
Connor schluckte schwer. „Sie ist nicht der Rede wert. Du hättest nicht aus Australien zurückkommen sollen. Ich kriege das hier alles allein hin.“
Anton legte ihm die Hand auf die andere Schulter. „Vor drei Jahren hast du dein eigenes Leben riskiert, um meines zu retten. Als die Kugel meine Brust traf, spürte ich, wie mein Leben entglitt – doch dann bist du aufgetaucht und hast mich herausgeholt. Du hast meinen Capo entlarvt, der vorhatte, mich durchsieben zu lassen. Ich musste zurückkommen, um deine Tochter zu retten. Das ist meine Schuldentilgung.“
Connor nickte und senkte den Blick. Seine Gedanken schweiften zu seiner Tochter, und er fröstelte bei dem Gedanken an die Brutalität, die sie ihretwegen erleiden musste.
„Wir sollten uns auf die Lieferung konzentrieren und die Beziehungen zu den Stallions festigen“, sagte er entschlossen und hob den Kopf wieder zu Anton.
„Warum hast du deine Tochter geheim gehalten?“, fiel Anton ihm ins Wort. Connor hielt inne, atmete tief durch und antwortete schließlich:
„Ich wollte sie fernhalten. Sie war zu schwierig für mich, also habe ich sie aufgegeben.“
„Wo ist ihre Mutter? Lebt deine Frau? Was verheimlichst du mir noch?“ Antons Stimme war tief und durchdringend.
„Ich habe meine Frau geliebt, aber sie hat mich betrogen, also habe ich …“ Connor presste die Lippen zusammen. „… sie getötet.“
„Du … was?“ Anton war völlig vor den Kopf gestoßen. Er wusste um Connors Brutalität und Gnadenlosigkeit, aber nicht, dass er fähig war, seine Frau zu ermorden.
Connor nickte. „Sie hat es verdient!“ Er starrte Anton fest in die Augen, ohne jede Reue. „Ich dachte, ich könnte die quälenden Bilder vergessen, sie mit einem anderen Mann in meinem Bett zu erwischen. Aber jedes Mal, wenn Janet weinte und ich sie hielt, stand mir ihr Gesicht wieder vor Augen. Es war, als ob meine Frau noch lebte und mich durch ihre bernsteinfarbenen Augen verhöhnte. Jedes Kichern von Janet war wie ein Stich in die Brust – als würde meine Frau mich auslachen.“ Seine Stimme war hart, erfüllt von Bitterkeit und Hass.
„Also habe ich sie im Adoptionszentrum abgegeben. Doch meine Cousine und ihr Mann traten auf und adoptierten sie.“
Anton sog jedes Wort dieses gnadenlosen Geständnisses in sich auf. „Warum sorgst du dich jetzt, wenn sie entführt wurde?“, fragte er ungläubig. „Du solltest froh sein, dass sie weg ist!“
„Ich habe sie bereits für den Fehler ihrer Mutter bestraft. Jetzt will ich sie zwar nicht in meinem Leben, aber ich wünsche ihr kein Leid.“
„Ihr Fehler war, dass sie zurückgekommen ist. Weil sie meine Tochter ist, haben sie sie geschnappt – und es ist meine Verantwortung, sie zu befreien.“
Anton wollte gerade etwas sagen, da platzte Alex herein. „Boss, Sie hatten recht! Marco will mit Ihnen sprechen.“
Connor riss ihm sofort das Telefon aus der Hand. „Schalt auf Lautsprecher“, flüsterte Anton.
***
~ JANET ~
„Lasst mich los!“, schrie ich voller Angst, als sie mich auf den eiskalten Boden des Kerkers warfen. Im flackernden Licht erkannte ich die Silhouetten von fünf riesigen Gestalten, die über mir standen.
„Lasst uns ihren lieben Vater anrufen und sehen, ob er seine Tochter retten wird.“
Einer kniete sich hin und kam mir mit einem höhnischen Grinsen bedrohlich nahe. „Marco.“ Als ihm ein Bandenmitglied ein Handy reichte, erfuhr ich seinen Namen, während ich meine Knie an meine Brust drückte.
Als Dad abhob, schaltete er sofort auf Lautsprecher. Kaum öffnete ich den Mund, presste einer von ihnen seine Hand darauf und brachte mich zum Schweigen. „Wo ist meine Tochter?“ Die Stimme meines Vaters war voller Verzweiflung.
„Warum die Eile, Connor?“, höhnte Marco. „Deine Tochter ist bei mir in Sicherheit. Meine Jungs und ich werden uns gut um sie kümmern.“
„Rühr sie an, und ich begrabe dich lebendig. Hör auf mit der verdammten Scheiße und halt deine dreckigen Finger von meiner Tochter. Wieviel Geld willst du?“
Marcos Gesicht verfinsterte sich, und er seufzte leise. „Du klingst gar nicht wie ein hilfloser Vater. Ich hatte erwartet, dass du um ihr Leben flehst! Du hast mir den Moment verdorben.“
„Marco – wie viel?“
Als ich die angespannte Stimme meines Vaters hörte, verspürte ich trotz allem ein kleines bisschen Trost. Er sorgte sich noch um mich, und ein Rest Zuversicht blieb, dass er alles tun würde, um mich hier herauszuholen.
„Ich will die Diamanten, die du an die Stallion-Bratva schickst!“
„Willst du mich verarschen? Weißt du überhaupt, was diese seltenen Diamanten wert sind? Eine verdammte Milliarde!“
Marco kicherte. „Wenn du deine Tochter wiedersehen willst, dann tu, was ich sage. Oder vergiss, dass es sie je gegeben hat.“ Seine unheilvollen Worte jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken. „Wirst du deine Tochter wählen – oder deine Loyalität zu Anton Genovese?“ verhöhnte er.
„Du hast eine Minute Zeit, dich zu entscheiden!“ Er beendete das Gespräch und sah mich mit mörderischem Blick an.
„Ich bemitleide dich. Von allen Männern auf der Welt musstest du Connor als Vater haben!“
Ich kämpfte gegen den Mann, der mir die Hand auf den Mund gepresst hatte, bis ich mich befreien konnte. Der Nebel in meinem Kopf lichtete sich, als die Drogen nachließen, und mein Mut kehrte zurück. „Bemitleide dich selbst! Denn er wird dich jetzt nicht verschonen.“
„Ach ja?“
Ich hob herausfordernd die Augenbraue. „Mach mir die Handschellen ab, und ich zeige dir, warum ich seine Tochter bin! Sei Manns genug und kämpfe allein mit mir – ohne deine Wölfe.“ Mein Blick huschte kurz zu den anderen vier Gestalten, bevor er wieder zu ihm zurückkehrte. Sie alle wirkten überrascht von meinen Worten.
„Ich kämpfe nicht mit Frauen!“, höhnte Marco. „Außer im Bett. Da liebe ich es, sie zu zähmen.“ Er zwinkerte mir zu.
„Das ist, weil du weißt, dass du außerhalb des Schlafzimmers keine Chance gegen sie hast!“ Ich funkelte ihn an. „Ihr seid fünf, und meine Hände sind gefesselt. Mir gefällt eure Angst!“
„Zeit abgelaufen!“ Das Handy klingelte wieder, und mein Vater nahm ab. „Also, hast du dich entschieden?“, fragte Marco.
„Was du verlangst, ist unmöglich! Wir können dir die Diamanten nicht geben.“
Mein Herz rutschte mir in die Kehle. Die Diamanten waren ihm offenbar wichtiger als mein Leben. Marco grinste mich verschlagen an. „Selbst wenn ich sie in Stücke schneide und dir zurückschicke?“
„Mach mit ihr, was du willst. Aber wenn du Geld willst, ruf mich zurück.“
Das Gespräch endete – und mit ihm meine Hoffnung, dass mein Vater mich retten würde. Trotz der Drohung blieb er loyal zur Genovese-Familie und traf die Entscheidung, die mich den Konsequenzen ihres Zorns auslieferte.
Marco knirschte mit den Zähnen und schlug mir so heftig ins Gesicht, dass ich auf den Boden stürzte. Der metallische Geschmack von Blut füllte meinen Mund.
„Nein!“ Meine Schreie hallten wider, als der Mann mir eine Droge injizierte, und alles begann langsam zu verschwimmen – bis das Letzte, was ich sah, die sich schließende Kerkertür war.