Kapitel 3 Mitternachtsfahrt

1236 Words
POV: Willa Den nächsten Tag hatte ich das Gefühl, mich selbst von irgendwo nahe der Decke aus zu beobachten. Tyler schrieb mir elf SMS. Ich löschte sie, ohne mehr als das erste Wort zu lesen. Maddies Nummer war immer noch blockiert. Im Leistungskurs Literatur bat mich Frau Farrow zweimal, aufzupassen, und beide Male nickte ich nur und spielte die Szene in der Umkleidekabine in meinem Kopf ab, während ich versuchte, meine Gefühle dazu zu ordnen. Die Antwort entglitt mir immer wieder. Gut, sagte ich mir immer wieder. Du fühlst dich gut. Du hast gestern Abend die Entscheidung getroffen, nicht diejenige, der es passiert ist. Genau darum ging es. Als die dritte Stunde zu Ende war, war ich so überzeugt, dass es mir gut ging, dass ich kaum zusammen zuckte, als ich Maddie auf dem Flur begegnete und sie meinen Namen mit dieser leisen, gebrochenen Stimme sagte. Ich ging weiter. Meine Hände blieben ruhig. Um 22 Uhr war ich auf einer Party auf den Klippen. Das Haus der Holts lag auf dem Hügelkamm östlich der Stadt, und die Terrasse ragte über den Abgrund hinaus, nur Dunkelheit und 18 Meter tiefe Felsen. Jemand hatte Lichterketten am Geländer angebracht, die das Ganze wie ein Schiff aussehen ließen, das gleich ablegen würde. Ich war gekommen, weil sich das Zuhausebleiben wie Kapitulation anfühlte. Ich war gekommen, weil ich Cassians Nummer noch in meinem Handy hatte und noch nicht wusste, was ich damit anfangen sollte. Ich hatte drei Drinks intus und beobachtete die Lichter der Stadt durch das Geländer, als plötzlich jemand neben mir auftauchte. Lucian Blackwood. Ich erkannte ihn von den Schulfluren, vom Meisterschaftsfoto, von den Mädchen, die über die Blackwood-Brüder tuschelten, wie über schlechtes Wetter. Motorradstiefel. Lederjacke mit hochgeschlagenem Kragen. Ein silberner Ring über seiner linken Augenbraue, der die Lichterkette reflektierte. Er hatte dieselben sturmgrauen Augen wie Cassian und dasselbe dunkle Haar, aber wo Cassian beherrscht wirkte, sah er aus, als wäre er eigens dafür geschaffen worden, Ärger zu machen. Er lächelte, als hätte er schon gewonnen. „Willa Hale.“ Er sprach meinen Namen aus, so wie man ein Wort genießt, das man sich lange aufgehoben hat. „Du bist schwerer zu finden, als ich dachte.“ „Ich habe mich nicht versteckt“, sagte ich. „Nein.“ Er lehnte sich neben mir ans Geländer und blickte über die Lichter. „Du warst gestern Abend am Lagerfeuer. Ich habe gehört, du hast Tyler Reeves vor der halben Footballmannschaft zurechtgewiesen.“ „Das hat er verdient.“ „Ja, das hat er.“ Lucian warf mir einen Seitenblick zu. Da war etwas Wissendes, etwas Absichtliches in seinem Blick, und ich spürte, wie mein Puls etwas schneller schlug. „Cass meinte, du seist interessant.“ Da war es. Keine Heuchelei, kein Herumreden. Ich drehte mich um und sah ihn direkt an. „Hat er das?“ „Ja.“ Lucians Lächeln verschwand nicht. „Er hat auch erwähnt, dass du den Schulfoto-Account betreust. Den geheimen. Dass du schon eine Weile Leute beobachtest, ohne dass sie es wissen.“ „Das Konto könnte jedem gehören.“ „Könnte.“ Er neigte den Kopf. „Ist es das?“ Ich hielt seinen Blick einen Moment länger fest, als mir lieb war, dann sah ich wieder zu den Lichtern. „Was willst du, Lucian?“ „Einen Tanz.“ Er stieß sich vom Geländer ab und reichte mir gemächlich die Hand, als hätte er die ganze Nacht Zeit gehabt und wüsste, wie es enden würde. Ich nahm seine Hand. Der Tanz dauerte etwa vier Minuten, dann zog er mich nach draußen, und ich folgte ihm die Auffahrt hinunter zu seinem Motorrad, das dunkel und tief am Bordstein stand. Er reichte mir einen Helm, ohne zu fragen, ob ich mitfahren wollte, und irgendetwas daran ärgerte mich so sehr, dass ich ihn sofort aufsetzte, nur um zu beweisen, dass ich keine Angst davor hatte. Er fuhr schnell. Die Stadt verschwand unter uns, die Straße schlängelte sich die Hügel hinauf, und ich hielt mich mit beiden Händen an ihm fest, spürte die Vibrationen des Motors in meinen Beinen und dachte an nichts, was das beste Gefühl war, das ich seit zwei Tagen hatte. Der Aussichtspunkt war ein ebener Parkplatz oben auf dem Bergrücken, ohne Geländer, nur ein breiter Kiesstreifen mit Blick über das ganze Tal, die Lichter der Stadt verstreut wie Zucker. Er stellte den Motor ab, und wir saßen einen Moment lang in der Dunkelheit und Stille. „Besser?“, fragte er. „Ja“, sagte ich ehrlich. Er drehte sich um und sah mich an, und sein Gesichtsausdruck verriet keinerlei Vorsicht. Bei Cassian hatte es einen Moment der Entscheidung gegeben, ein kontrolliertes Schnappen. Bei Lucian war nichts dergleichen. Er strich mir einfach eine Haarsträhne hinter das Ohr, als hätte er es nie anders gemacht, und dann küsste er mich, erst langsam, dann immer heftiger, und die Nacht breitete sich um uns herum aus. Es war völlig anders als die Nacht zuvor. Roh und ungestüm, ohne jegliche Strategie, nur pure Jagd und Leidenschaft, der Motor noch warm unter uns und seine Stimme in meinem Ohr, rau und unverblümt, die mir Dinge sagte, die mein Gesicht glühen ließen, meine Brust schmerzte und meine Gedanken wie Vögel zerstreuten. Ich kam mit dem ganzen Tal unter mir, lachend, weil ich immer noch glaubte, die Kontrolle zu haben. Das Lachen blieb ihm im Mund stecken, und er schluckte es herunter, als wolle er es für sich behalten. Danach fuhr er mich mit leise brummendem Motor und warmer Hand auf meinem Knie zurück zur Party, und an der Tür küsste er mich noch einmal, langsam und gemächlich. Und er sagte: „Nächstes Mal bei mir.“ Ich spürte es noch in den Knien, als ich wieder hineinging. Ich wäre beinahe mit jemandem zusammengestoßen, der gerade aus der Küche um die Ecke kam. Er wich zurück, hob beide Hände, um mich zu stützen, und ich sah auf und spürte, wie die Zeit stillstand. Stille Augen. Dunkle Locken, leicht zerzaust, als hätte er sich heute Abend schon hundertmal durch die Haare gefahren. Er hielt eine Kamera an seiner Seite, die Finger locker um den Gurt, und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte. Nicht überrascht. Nicht selbstgefällig. Etwas anderes. Etwas, das tatsächlich wichtig zu sein schien. Elias Blackwood. Der Jüngste. Der, der nicht in den Leistungskursen war, nicht in der Footballmannschaft spielte oder jemals da war, wo man ihn erwartete. Der, den die Mädchen in der Schule mit leicht hilfloser Stimme hübsch nannten. Er hatte mich den ganzen Abend beobachtet. Das konnte ich an seinem Blick erkennen. So, wie man jemanden ansieht, den man schon eine Weile beobachtet hat. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, irgendetwas, doch er kam mir zuvor. „Du siehst aus, als würdest du gleich etwas Schönes zerbrechen“, sagte er leise. Seine Stimme war sanft und bedächtig, als wäre er es gewohnt, wichtige Dinge in leeren Räumen zu sagen. Ich starrte ihn an. Er blickte auf meine Hände, dann wieder auf mein Gesicht, und dann tat er etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Er reichte mir seine Hand. „Die Dunkelkammer ist leer“, sagte er. „Komm her und weine, wenn du musst.“ Eine kurze Pause. „Oder lass mich dich alles vergessen lassen.“ Hinter mir bewegte sich die Party und wurde immer größer. Ich betrachtete seine Hand lange. Dann nahm ich sie.
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