Kapitel 1 Der Knall, der alles zerstörte

1000 Words
POV: Willa Die Tür war nicht einmal abgeschlossen. Das war es, was mir danach im Gedächtnis blieb, irgendwo hinter meinem Brustbein wie ein Splitter, den ich nicht erreichen konnte. Tyler schloss seine Tür nie ab. Ich dachte immer, das hieße, er hätte nichts zu verbergen. Ich stieß sie um 23:47 Uhr auf, an dem Tag, der eigentlich unser Jahrestag sein sollte. Das erste Geräusch, das ich hörte, war Maddie. Ich kannte ihre Stimme so gut wie meinen eigenen Herzschlag. Sie war meine beste Freundin seit der siebten Klasse, durch jeden misslungenen Haarschnitt, jeden noch schlimmeren Freund und jede nächtliche Heulkrämpfe auf ihrem Badezimmerboden. Ich kannte ihr Lachen, hell und plötzlich, als ob es sie selbst überraschte. Ich kannte das Geräusch, das sie machte, wenn ihr etwas gut schmeckte, wenn sie ein Film berührte, wenn sie versuchte, nicht zu weinen. Ich kannte auch dieses Geräusch. Unverfälscht. Vertraut. Absolut unmissverständlich. Dann das Klatschen von Haut auf Haut, rhythmisch und obszön, und mein Gehirn... setzte einfach aus. Wie ein Telefon, das mitten im Satz hängen bleibt. Alles puffert. Tylers marineblaue Bettwäsche. Die, die ich ihm letzten Monat bei Target ausgesucht hatte, weil er eigentlich graue kaufen wollte und ich gesagt hatte, Grau sei deprimierend. Dieselbe Bettwäsche lag verheddert um zwei Körper auf seinem Bett, und für eine lange, gedehnte Sekunde stand ich einfach nur in der Tür und hielt eine Papiertüte mit seinen Lieblings-Cupcakes darin. Die Zeit stand still. Dann explodierte sie. Ich schrie nicht. Ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil Schreien sich anfühlte wie etwas, das Menschen tun, wenn sie überrascht sind, und ein tiefer, animalischer Teil von mir wusste es bereits. Schon seit Wochen. Die verpassten Anrufe, der gesperrte Bildschirm und die Art, wie er aufgehört hatte, im Dunkeln nach mir zu greifen. Was stattdessen herauskam, war ein Lachen. Ein scharfer, abgehackter Laut, hoch und falsch, und beide rissen auseinander, als hätte ich mit der Peitsche geknallt. Tyler rutschte gegen das Kopfteil des Bettes zurück. Er war immer noch erregt. Sein Gesicht war kreidebleich. Maddie presste mit zitternden Händen das Laken an ihre Brust, ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als ob sie es vor Publikum inszenierte. „Willa“, sagte Tyler. Nur mein Name. Als wäre das ein Satz. „Es ist nicht so, wie es aussieht“, sagte Maddie. Ich hätte beinahe wieder gelacht. Ich spürte es bitter und scharf in meinem Hals, aber ich schluckte es hinunter und spürte, wie etwas Kälteres an seine Stelle trat. Meine Handtasche war in meiner Hand. Ich warf sie gedankenlos, ohne zu zielen, und sie traf Tyler mit einem befriedigenden Knall mitten ins Gesicht. Er stieß einen Schrei aus. Die Cupcake-Tüte knallte zu Boden. Maddie machte ein Geräusch, als wollte sie etwas sagen, und ich drehte mich zu ihr um mit einem Blick, der ihr den Mund verschloss. „Lass es.“ Meine Stimme war leise und ruhig. Nicht zitternd. Nicht brechend. Ich war fast beeindruckt davon. „Mach bloß nichts mit Erklärungen. Heul nicht rum und mach das Ganze nicht zu deiner Angelegenheit. Setz dich einfach in seine Laken und begreif, was du getan hast.“ „Baby, bitte“, begann Tyler und stieg aus dem Bett, eine Hand nach mir ausgestreckt. „Fass mich nicht an.“ Die Worte kamen emotionslos und präzise über seine Lippen, und er zuckte tatsächlich zusammen. Gut. „Du darfst mich nicht anfassen. Du darfst nichts erklären. Du darfst gar nichts tun, außer da zu sitzen und zu wissen, dass du das Schlimmste bist, was mir je passiert ist, und dass ich ein Jahr an dich verschwendet habe, das ich nie wieder zurückbekomme.“ „Willa“, flüsterte Maddie. Ihre Augen waren feucht. Selbst jetzt, mit zerzausten Haaren und verschmierter Wimperntusche, war sie wunderschön, und der Anblick, wie sie in seinem Bett saß, ließ etwas in meiner Brust zerbrechen. „Ihr seid für mich gestorben“, sagte ich zu ihr. Meine Stimme zitterte kein einziges Mal. „Ihr beide. Für mich gestorben. Abschaum, Lügner, weg.“ Ich drehte mich um und ging hinaus. Ich knallte die Tür nicht zu. Das leise Klicken hinter mir war irgendwie lauter als jedes Geräusch, das ich hätte machen können. Ich spürte es zwischen meinen Zähnen. Meine Beine trugen mich die Treppe hinunter in die kalte Nachtluft und bis zu meinem Auto, bevor sie zu zittern begannen. Ich saß lange auf dem Fahrersitz, beide Hände am Lenkrad, die Knöchel knochenweiß. Das Brennen begann hinter meinen Augen. Salz und Hitze, die drohten, überzukochen. Ich starrte auf die Windschutzscheibe, bis der Blick stillstand. Nein. Nicht heute Abend. Nicht für sie. Etwas Kaltes durchströmte mich, etwas, das sich wie Entschlossenheit anfühlte oder vielleicht wie Trauer, die noch keine Gestalt angenommen hatte. Ich war nicht mehr das Mädchen in der Tür. Ich war nicht mehr das Mädchen, das seine Bettwäsche ausgesucht und mit Cupcakes aufgetaucht war und Leuten vertraut hatte, die sie schon ewig angelogen hatten. Ich hatte es satt, dieses Mädchen zu sein. Ich entsperrte mein Handy und öffnete Tylers Kontakt. Ich hab's gelöscht. Dann Maddies. Dann öffnete ich den Gruppenchat für das Lagerfeuer der Oberstufe morgen Abend, das ich eigentlich schwänzen wollte, weil Tyler Lagerfeuer kindisch fand, und tippte drei Worte, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Ich bin dabei. Ich drückte auf Senden, ließ mein Handy auf den Schoß fallen und starrte auf die dunkle Straße draußen. Eine Benachrichtigung leuchtete auf. Nicht der Gruppenchat. Eine Direktnachricht vom geheimen Foto-Account der Schule. Dem, den ich leitete. Dem, von dem niemand wusste, dass er mir gehörte. Ich hob das Handy langsam auf. Es war ein Foto. Cassian Blackwood, oberkörperfreiIch saß nach dem Training in der Umkleidekabine, im goldenen Licht vor dem Regen, der Schweiß glänzte noch auf seinen Schultern. Er blickte direkt in die Kamera. Als wüsste er schon, dass ich zuschaute. Die Bildunterschrift lautete: Er hat nach dir gefragt. Ich saß lange auf dem dunklen Parkplatz und starrte auf diese Worte. Etwas Seltsames, elektrisierendes breitete sich in dem kalten Ort aus, wo einst mein Herz schlug.
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