Prolog

558 Words
Prolog Vor zwölf Jahren Kat Jannsen weinte nicht an dem Tag, als sie Maxwell Crayton beerdigte. Viele andere taten es. Trauergäste versammelten sich in Scharen um den langen Sarg, der mit einer Flagge umwickelt war. Noch mehr waren in der Kirche, doch Kat hatte den Teil mit Gott ausgelassen. Sie blieb hinter einem Baum stehen, denn sie fühlte sich fehl am Platz, uneingeladen, unerwünscht und wunderte sich über die Flagge. Militär? Welche anderen Geheimnisse hatte er gehabt? Kat konnte nicht sagen, warum sie gekommen war. Abgesehen davon, dass sie ihn so liebte, wie keinen anderen Menschen zuvor. So viele Hoffnungen würden in diesem Sarg beerdigt werden. So viele Träume. So viel Verzweiflung würde zurückbleiben. Sein Tod hätte keinen Unterschied mehr machen sollen. Er war schon zwei Monate vermisst gewesen, bevor er starb. Drei Monate davor hatte er sie wie eine gebrauchte Sonntagszeitung weggeschmissen. Jetzt zitterte Kat im kalten Schneeregen. Sie schüttelte ihren Kopf gewaltsam, um die ersten Tränen seit Tagen abzuwehren. Sie richtete ihre Schultern auf. Du wirst nicht weinen. Sie hatte kein Recht dazu, die Zeremonie der Familie zu besuchen, aber sie vertrat jemanden, der dabei sein sollte. Ihr Blick schweifte über die Runde aus Trauernden. Sie falteten die Flagge. In wenigen Momenten würde sie es wissen. Sie übergaben Miriam die Flagge, der Schwester, die ihn aufgezogen hatte. Miriam. Die einzige Chance für Kats Baby, ein normales Leben zu haben. Schmerz stach durch ihr Herz. Kummer wegen Max, Kummer wegen dem Baby, das sie bereits zu sehr liebte, um es zu behalten. Kat kämpfte gegen die Tränen an, damit sie die Frau sehen konnte, die ihre Zukunft – das Leben ihrer Tochter – in ihren Händen hielt. Der Soldat blieb vor einer älteren Frau stehen und Kat verzog das Gesicht. Miriam war dreiundvierzig, fünfzehn Jahre älter als Max. Die Frau sah ein Jahrzehnt älter aus. Zu alt? Nein. Sie konnte nicht zu alt sein. Frauen hatten ständig Babys in ihren Vierzigern. Vielleicht lies der Verlust sie älter aussehen. Ein noch älterer Mann stützte sie. Sein Arm wirkte stark und robust an ihrer Schulter. Fünf andere standen um sie herum und bildeten einen Halbkreis um das Paar. Zwei Neffen, hatte Max gesagt. Neffen mit Ehefrauen oder zumindest Partnerinnen? Erwachsene Neffen? Die Frau drehte ihren Kopf, um auf etwas zu antworten, das ihr Mann gesagt hatte und Kat hielt die Luft an, als sie den nackten Schmerz auf dem Gesicht sah, das dem von Max so ähnlich war. Die Ähnlichkeit war beinahe so groß, wie zwischen ihr und ihrer Mutter. Das war also Miriam. So viel Trauer. Sie musste ihren Bruder wirklich geliebt haben. Aber Kat hatte nicht erwartet, dass sie so alt war. Sie hatte sich ein warmherziges, junges Liebespaar vorgestellt. Für einen Moment lang ließ sie sich gegen den Baum fallen. Es ist niemals leicht, Kat. Max‘ Worte und zuvor die ihrer Mutter. Worte, nach denen sie lebte. Warum sollte es hier anders sein? Du hast keine Wahl, Kat. Außer du willst dein süßes Baby verdammen, noch bevor es den ersten Atemzug nehmen kann. Alles stimmte. Keine Wahl, keine Möglichkeiten, außer das unschuldige Kind in die Hände des Schicksals zu legen. Nein. Sie musste Miriam vertrauen. Mehr Getümmel am Grab. Trauernde begannen, Miriam und ihren Ehemann zu begrüßen. Zeit zu gehen. Kat würde sich heute nicht aufdrängen. Aber bald. Es war nicht mehr viel Zeit übrig.
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