Kapitel Zwei-1

2013 Words
Kapitel Zwei Kat Jannsen konnte nicht aufhören, an den Tag zu denken, an dem sie Max getroffen hatte. Mit nichts als einer dreistündigen Fahrt vor ihr, war das nicht überraschend. Sie presste ihre Hände fest in das Lenkrad und beschleunigte in den Verkehr in Richtung Denver auf der Autobahn 25. Gedanken an Max hielten ihren Verstand von Lizzie und Miriam ab, den Grund für ihren Trip. Seit zehn Jahren hatte Miriam ihr jeden Monat ein Foto und eine Nachricht geschickt, die die Erfolge und Misserfolge ihrer Tochter umrissen. Bis zu diesem Monat. Noch schlimmer, sie erhielt keine Antwort von Miriams Haus. Ja, Gedanken an Max waren besser als die Alternative. Exakt zehn Stunden vor dem Flug zur Ostküste, um ihre Mutter zu besuchen. Weshalb das alles die Schuld ihrer Mutter war. Wäre Ellen nicht unzurechnungsfähig, wäre Kat jetzt nicht hier und würde jede Regel brechen, nach der sie lebte. Das Schicksal herausfordern. Gäbe es ihre Mutter nicht, hätte sie Maxwell Crayton nie getroffen. Hätte sich nie in die Universität in Chapel Hill eingeschrieben. Wäre niemals so aufgebracht an diesem folgenschweren Tag. „Miriam, wo zum Teufel bist du?“, jammerte Kat, während sie ihr Telefon schnappte. Aber in Miriams Haus in Bluff River Falls läutete das Telefon nur, bis es von dem Anrufbeantworter unterbrochen wurde. Bereits seit einer Woche und Kat hatte keine Wahl. Etwas war passiert. Zeit herauszufinden, was es war. Gedanken an Miriam führten natürlich wieder zu Max. Kat versuchte, sich vergeblich zu konzentrieren, aber mit nichts als der Fahrt vor sich, war das hoffnungslos. Und es war einfach, zu einfach sich zu erinnern. Die Jahre glitten so mühelos dahin, wie die Meilen unter ihren Reifen. Die 21-jährige Kat hatte ihre zornige Mutter durch das Plexiglas angefleht. Ellen Jannsen, die mit siebenundvierzig immer noch eine schöne Frau war, sah nicht gerade nach einem Mörder aus. Außer sie war wütend. Und sie war jetzt auf jeden Fall wütend. „Nein! Beantworte meine Frage! Was wirst du machen, um mich hier herauszuholen?“ „Alles, was ich kann, Mom. Aber du musst mit den Psychiatern arbeiten. Wenn du sie nicht einmal sehen –“ „Seelendoktor? Du willst, dass ich mit den Widerlingen rede, die denken, dass ich verrückt bin? Oh verzeih mir, keine Widerlinge, deine Idole. Du wirst eines Tages eine von ihnen sein, so wie dein Vater. Nur, dass ich nicht verrückt bin, Katherine. Ich bin sein elf Jahren hier. Hol mich raus!“ Kat hatte alles bereits gehört. „Ich versuche es, Mama. Aber wenn du nicht mir ihnen redest, kann ich nicht –“ „Du kannst einen Detektiv finden, um zu beweisen, dass ich es nicht war“, keifte ihre Mutter zurück. Dann stand Ellen auf, platzierte ihre Hand flach über dem Plastik vor dem Gesicht ihrer Tochter und sperrte sie effektiv aus ihrem Leben, als sie ihren Abgang verkündete. „Komm nicht wieder, bevor du es gemacht hast.“ Kat konnte noch einen letzten Blick auf die leuchtend grünen Augen ihrer Mutter werfen, bevor sie ihr den Rücken zudrehte. Endlich gab sie dem Bedürfnis nach, dass immer weiter gewachsen war, seitdem sie ihre Mutter zum ersten Mal verärgert hatte und ließ ihre Schultern nach vorne sinken. Wie konnte sie helfen, wenn ihre Mutter nicht kooperierte? Sie blinzelte, um das Brennen zu stoppen, das ihre Tränen ankündigte. Ihre Besuche endeten immer in Tränen. Ihren Tränen. Am Anfang, vor einigen Jahren, hatte ihre Mutter auch geweint. Sie tat es nicht mehr. Kat bezweifelte, dass sie es überhaupt konnte. Als sie auf einmal das fragende Starren des Wärters spürte, zwang sie sich aufzustehen und war froh, dass ihr keine Träne entwischt war. Oder war dies das erste Zeichen? Keine Tränen mehr... keine Reue mehr. Kalte Entscheidungen, schnelles Urteil. Kat zitterte und kuschelte sich in ihren warmen Mantel. War das der Beginn der Verrücktheit? Sie grübelte immer noch über die Verweigerung ihrer Mutter, sich selbst zu helfen, als sie zurück zur Universität fuhr. In dem großen, mehrstufigen Klassenraum glitt sie auf ihren Sitz und kramte pflichtbewusst nach ihrem Notizblock. Die Ironie ihres Lebens schlug sie mehrmals täglich direkt ins Gesicht. Ein Diplom in Psychologie mit einer Mutter, die lebenslang eingesperrt war, weil sie ihren Vater ermordet haben sollte. Sie hatte nur noch drei Monate bis zu ihrem Abschluss. Dann sieben Jahre Medizinstudium. Aber dann würde sie die Antworten haben, die sie brauchte, die Alpträume würden enden, ihre Mutter würde Hilfe bekommen und die Angst, die sich in jedem Atemzug bemerkbar machte, würde verschwinden. Oder? Mit Sicherheit würde ein forensischer Psychiater sich selbst heilen können. Eine Welle durchzog den mehrstufigen Klassenraum auf einmal wie ein kollektives Seufzen. Kat richtete ihre Aufmerksamkeit nach vorne und ihr Atem stockte im Hals. Ein Geräusch wie von paarenden Wildkatzen segelt von hinter ihr bis nach vorne. Ihr Herz machte einen zustimmenden Satz. Professor Evans war beurlaubt. Seine Vertretung würde dafür sorgen, dass keine der weiblichen Studenten eine einzige Vorlesung der Verhaltenspsychologie im nächsten Monat verpassen würde. Die Vertretung hatte blaue Augen. Tiefe, reiche, erzähl-mir-all-deine-Geheimnisse blaue Augen, die voller Belustigung glitzerten, als er die Klasse untersuchte. Er war groß, sicherlich 1,80, mit einem Gesicht, das... angenehm aussah. Er war jung und seine blonden Haare berührten den hinteren Kragen seines Sportsakkos – ein Sakko, dass sich verlockend über seine breiten Schultern spannte, als er sich zur Tafel umdrehte und zwei Worte aufschrieb. Maxwell Crayton. „Unsere Aufgabe?“ Eine weibliche Stimme hinter ihr sprach die hoffnungsvolle, offenkundige Einladung aus. Maxwell Crayton drehte sich mit einem Lächeln zu ihr und Kats Magen rotierte. „Mein Name“, erwiderte er simpel. Dabei war nichts simpel an der Aufregung, die Kat bei dem Ton seiner Stimme erfüllte. Es war Schokolade. Warme, flüssige Schokolade lief über ihre Haut, durch ihre Poren, bis zu ihrem Herzen. „Ich glaube, ihr seid gerade inmitten einer Diskussion über Genetik.“ Seine Stimme rumorte erneut in ihr und zog ihren Blick auf seinen Mund. Kleine Lachfalten strahlten rund um seine festen, sinnlichen Lippen. Lippen wie diese... Kat leckte über ihre eigenen und steuerte ihre Aufmerksamkeit wieder zu seinen Worten. „Die Debatte wütet bis heute. Gene oder Umfeld? Veranlagung oder angelerntes Verhalten?“ Kat zog einen scharfen Atemzug ein und fühlte sich, als hätte er sie geschlagen. Dieses Thema hatte sie bereits behandelt. Gelebt eigentlich. Es war wirklich eine Debatte. Und der Grund, weshalb sie niemals Kinder haben würde, niemals wagen würde, eine Mutter zu sein. Sie würde seinem Vortrag nicht zuhören – wusste bereits, dass er keine Antwort für sie hatte. Die Hoffnung war an dem Tag gestorben, an dem sie die Wahrheit entdeckt hatte. Sie hatte bei ihrer Mutter versagt, bei sich selbst. Es gab keinen Grund mehr, um mit ihren Plänen fortzufahren. Dem Untergang geweiht, hatte sie die Uni beinahe aufgegeben, aber sie war kein Drückeberger. Und sie wusste nicht, was sie sonst mit sich machen sollte. Für eine ganze Woche war sie über den Campus gewandert, zu ängstlich, um zu gehen, zu aufgebracht, um den Unterricht zu besuchen. Würde sie unweigerlich zu ihrer Mutter werden? Endlich griff Mrs. Perrelli ein, die Bibliothekarin, für die sie arbeitete und die sie noch am ehesten als Freund zählen konnte. „Geh doch einmal zu einem Betreuer, meine Liebe. Dafür sind sie hier.“ Kein Therapeut. Therapeuten kannte sie. Therapeuten hatten keine Antworten. Aber ein Betreuer. Ja, das klang gut. UNC Betreuer Edward Greeves hatte ihr Worte gegeben, nach denen sie leben konnte. „Du fokussierst dich zu sehr auf dich selbst. Beginne, an andere zu denken. Frage dich selbst, wie du anderen helfen kannst. Wenn du die Antwort darauf findest, hörst du auf, das Problem zu sein und wirst Teil der Lösung.“ So plötzlich. So banal. Und genau das, was sie hören musste. Dann würde sie eben keine Kinder haben. Dann gab es eben keine Garantie, dass sie nicht alle Prophezeiungen von Tante Nell erfüllen und zu ihrer Mutter werden würde. Stattdessen konnte sie anderen helfen, die mit ähnlichen Fragen kämpften. Sie war gut im Zuhören. Sie war logisch. Und selbst wenn es keine Antworten für sie gab? Es gab Antworten für andere und sie konnte ihnen helfen, sie zu entdecken. Kat Jannsen konnte die Welt verändern. Und in drei Monaten würde sie das. Und jetzt musste sie erneut mit dem bittersüßen Wissen umgehen, dass jemand wie Mr. Perfect Macwell Crayton niemals ihr gehören konnte. Sie sperrte die Worte, die ihre Verzweiflung buchstabierten aus und verbannte jegliche Hoffnung. Sie lächelte. Vielleicht konnte sie ihn nicht haben, aber sie konnte träumen, nicht wahr? Träume waren billig. Träume kosteten nichts. „Haben Sie irgendwelche Fragen?“ Kat fokussierte sich langsam auf die Augen, die sie angestarrt hatte, über die sie geträumt hatte... die nun nur mehr wenige Zentimeter vor ihren entfernt waren. Max Crayton kniete vor ihr auf dem Sessel eine Stufe unter ihr. Hitze breitete sich in ihr aus. Aus Scham klappte ihr Mund auf und schloss sich wieder. Ihr Tagtraum. „Nein, ich –“ Erschrocken blickte sie sich hilfesuchend um... und sah einen leeren Klassenraum. Guter Gott, sie und Maxwell Crayton hatten die ganze Klasse weggeträumt. Sie presste ihre Augen zusammen und wünschte sich verzweifelt, dass er verschwand. „Etwas anderes im Sinn?“ Warum ließ er sie nicht alleine? Sie öffnete ihre Augenlider langsam und entdeckte... das Lächeln. So wie das erste. Erneut rotierte ihr Magen und ihre Knie wurden weich. „Etwas anderes“, plapperte sie ihm nach, da ihr Hirn zu erstarrt war, um etwas Originelles hervorzubringen. „Mittagessen mit mir?“ Ihr Magen drehte sich zu einem plötzlichen, schmerzhaften Knoten zusammen. „Nein, ich –“ „Sie müssen sich nicht schämen, Ms. Jannsen.“ Bei ihrem erstaunten Blick verwandelte sich sein Lächeln in ein breites Grinsen. „Ich, ähm, habe geschummelt.“ Er deutete mit seinem Kopf auf ihren Rucksack, wo der Name Kat Jannsen groß auf ihrem Notizblock stand. „Und als Ihr temporärer Professor können wir nicht miteinander ausgehen. Aber Lunch...“ „Danke, aber ich –“ „Ich könnte Ihnen sagen, was Sie verpasst haben, während Sie abgelenkt waren.“ Gutaussehend, aber frech. Sie konnte nicht glauben, dass er sie tatsächlich auf ihren Aussetzer ansprach. „Ja, ich weiß“, sprach er weiter ohne Unterbrechung. „Total unausstehlich. Ich kann mir nicht helfen. Ich bin brutal ehrlich.“ Das war es. So schnell war es um sie geschehen, Hals über Kopf, jedes Klischee, das sie je gehört hatte, komplett verliebt. Lustig, wie sie das „brutal“ komplett übersprungen und zum „ehrlich“ übergegangen war. Dieser Fehler hatte sie vier Jahre lang verfolgt. Bis sie herausgefunden hatte, dass sie das „ehrlich“ überspringen und nur auf dem „brutal“ bleiben hätte sollen. Brutal. Eine zu nette Beschreibung in Wirklichkeit. Aber das war der Preis für ihre Tagträume. Max Crayton lehrte sie die Kosten ihrer Tagträume: Jahre voller Alpträume. Sie waren noch nicht vorbei. Kat stöhnte und drängte die Vergangenheit mit Gewalt aus ihrem Kopf, als sie von der Überlandstraße abfuhr. Nein, das war eine Lüge. Max hatte ihre Gedanken nie wirklich verlassen. Sie konnte nur darauf hoffen, dass sein Geist bereit war, sich in einer hinteren Ecke ihres Verstands auszuruhen und nur zu beobachten. Miriam! Konzentriere dich auf Miriam. Kat bog in eine Straße ab, die einen Block von ihrem Ziel entfernt war und kroch langsam vorwärts. Still. Im großen Vordergarten standen keine Autos. Kat parkte neben einem Auto in der Garage hinter dem Haus. Kein Grund ihre illegale Anwesenheit bei den Nachbarn zu verkünden. Wo war Miriam? Das war ein Fehler! „Erzähl mir etwas, das ich nicht weiß“, murmelte Kat und griff auf die Türschnalle. Bekannte Psychiaterin aus Denver verhaftet wegen Diebstahl. Geheimnisse aufgedeckt. Leben zerstört. „Film startet um zehn“, fauchte Kat zurück. „Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll!“ Damit drückte sie die Tür auf. Sekunden später hatte sie den Hintergarten durchquert und ließ sich selbst in das beinahe stille Haus. Obwohl das Sicherheitssystem teuer aussah, war die Tür unverschlossen. Ein weiteres Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung war. Irgendwo spielte Musik – Country Musik.
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