Kapitel 4: Keine Betäubung

2196 Words
Yara Ich bin mir nicht sicher, ob Alpha Warren mich hierhergebracht hat, weil er mich als seine Gefährtin erkannt hat und nicht die Kraft besaß, mich im Wald zurückzulassen, oder ob er wusste, dass sein Rudelarzt längst über seinen Ruhestand hinaus ist. Wie dem auch sei, ich bin jetzt hier – und da ich hier bin, helfe ich diesem Alpha. Genau aus diesem Grund habe ich die Medizin gewählt. Er muss sein Bein nicht verlieren. Es wird eine Menge Anstrengung meinerseits erfordern, aber ich bin tatsächlich aufgeregt, endlich an einem Werwolf zu arbeiten – und dann auch noch an einem Alpha. „Ich nehme an, Sie möchten, dass wir das jetzt erledigen, Alpha?“, frage ich ihn. „Ja, je schneller, desto besser.“ „Gut.“ Ich reiche ihm die Liste mit den Dingen, die ich benötige, um seine Knochen ordnungsgemäß wieder zusammenzusetzen. „Ach, und wir müssen Sie betäuben“, füge ich hinzu und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen, um zu sehen, wie hier die Behandlungsräume eingerichtet sind. „Ist das hier der Ort, wo...?“ „Nein“, unterbricht mich Alpha Warren. Ich drehe mich zu ihm um. „Nein?“ „Keine Betäubung.“ „Gut, dann eben eine Nervenblockade. Dafür brauche ich nur...“ „Nein“, wiederholt er. „Alpha, bitte! Ich muss den Bereich waschen, gründlich reinigen, Ihr Bein aufschneiden, Haut und Muskeln zurückklappen, damit ich an die Knochen komme, und sie dann langsam wieder an die richtige Stelle bringen. Der Schmerz wird unerträglich sein. Sie brauchen die Nervenblockade.“ „Nein“, sagt er erneut und hält meinem Blick stand. Schließlich wende ich die Augen ab und murmele leise etwas über sture Alphas. Als ich mich wieder umdrehe, sehe ich, dass er mich mit hochgezogener Augenbraue beobachtet, als hätte er mich gehört. War ich wirklich so laut gewesen? Verdammt, ich habe zu lange mit Menschen zu tun, die solche Dinge nicht hören können. Wie viel hat er wohl von meinem Gemurmel verstanden? Dr. Stevens, der immer gereizt wirkt, tritt in den Raum. Mit einem genervten Gesichtsausdruck wirft er die Gegenstände, die ich angefordert habe, auf den Tisch. Ich zucke zusammen, als ich ein drohendes Knurren höre. Als ich aufsehe, bemerke ich, dass Alpha Warren ihn anstarrt. „Wird es noch etwas geben, Doktor?“, fragt Dr. Stevens mit spitzem Tonfall. Irgendwie schafft er es, meinen Titel – den gleichen wie seinen – wie eine Beleidigung klingen zu lassen. „Nein, danke, Doktor. Ich übernehme ab hier.“ Ich gehe zum Waschbecken und beginne, meine Hände zu schrubben. Aus vielen Gründen bin ich nervös. Erstens bin ich in einem unbekannten Rudel mit einem Alpha, der mein Gefährte ist. Ich habe keine Ahnung, was ich von ihm erwarten soll oder warum ich überhaupt hier bin. Und fast noch schlimmer: Er will, dass ich ihn operiere, während er wach ist! Was für ein verrückter Alpha ist das denn? „Du denkst so angestrengt nach, dass fast Rauch aus deinen Ohren steigt, Yara. Worüber machst du dir Sorgen?“, fragt er mich. Ich drehe mich um und schaue ihn über meine Schulter an. Woher weiß er überhaupt, dass ich mir Sorgen mache? Warum schenkt er mir so viel Aufmerksamkeit? Ist das die Gefährtenbindung? In meinem Leben hatte ich bisher nur Kontakt zu zwei Alphas: Alpha Solomon und Alpha Simon. Alpha Solomon war ein guter Alpha, aber er war nie so im Einklang mit dem, was ich tue oder denke. Und Simon… ein Schauer des Ekels läuft durch mich. Er ist aus einem ganz anderen Grund aufmerksam. Der Mann ist mir unheimlich. Als ich mit dem Händewaschen fertig bin, drehe ich mich wieder zu Alpha Warren um. Ich sehe, dass er auf eine Antwort auf seine Frage wartet. „Das wird sehr schmerzhaft sein. Kann ich Ihnen wenigstens ein lokales Betäubungsmittel geben?“ „Nein, ich muss wachsam sein, um mein Rudel zu schützen“, sagt er. „Sie können Ihr Rudel nicht gerade mit nur einem Bein schützen, Alpha“, schnappe ich zurück, meine Nerven verleihen mir Mut. „Warren. Nennen Sie mich Warren, und Sie sagten, Sie könnten mein Bein retten.“ „Ich kann, WENN Sie unter Sedierung stehen und ich mir keine Sorgen machen muss, dass Sie zucken oder Ihr Bein wegziehen, während ich operiere.“ „Ich habe eine sehr hohe Schmerztoleranz.“ Das überrascht mich nicht. Er hat nicht einmal gewimmert, als Annika und ich ihn gefunden haben. Zudem hat er mehrere kaum sichtbare Narben über seinen gesamten Körper. Dieser Mann hat lange in den Rudelkriegen gekämpft. Er muss einen sehr starken Wolf haben, der ihn immer wieder heilen kann. „Wie stark ist Ihr Wolf gerade?“, frage ich, während ich sein Bein für die Reinigung vorbereite. „Ich bin sehr stark, Kleine“, sagt eine tiefe Stimme, und meine Augen schnellen hoch, als Annika in meinem Kopf zu schnurren beginnt. Warrens Wolf tritt hervor und antwortet selbst. Warren lächelt, als wüsste er wieder einmal, welche Wirkung sein Wolf auf meinen hat. Kann er Annika schnurren hören? Ich schüttle den Kopf, um meine Gedanken zu klären. Ich muss mich konzentrieren und nicht an Warrens unglaublichen Teakholzduft denken. „Wenn ich die Knochen nacheinander halte, wie lange dauert es, bis Sie sie setzen können?“, frage ich. „Nicht lange, Kleine“, sagt er, fast schnurrend. „Ich bin ein sehr starker, mächtiger Alpha-Wolf.“ Die Art, wie er es sagt, wirkt nicht prahlerisch, sondern eher wie ein Imponieren. Mein Kopf malt das Bild eines Pfaus, der seine Federn vor seiner Auserwählten zur Schau stellt. „Richtig“, murmele ich und spüre, wie mein Körper auf den tiefen Tenor seiner Stimme reagiert. Es fühlt sich an, als würde seine Stimme meine Nerven streicheln und sie mit einem unbekannten Bedürfnis erfüllen – ein seltsames Gefühl, besonders kurz vor einer Operation. Ich schaue in die intensiven, jadegrünen Augen von Alpha Warren. „Sind Sie bereit, Alpha?“ „Warren“, korrigiert er mich. Ich nicke. „Sind Sie bereit, Warren?“ „Ja, Yara.“ Ich beiße die Zähne zusammen, hasse es, zu wissen, dass es ihm wehtun wird. Aber wenn er mich sein Bein nicht betäuben lässt, kann ich nichts daran ändern. Ich beginne, das Blut von seinem Bein abzuwaschen, lege ein nasses Tuch über die blutige Stelle und achte darauf, die herausragenden Knochen nicht zu berühren. Sein Körper ist mit verkrustetem Blut, Gedärmen und Knochensplittern bedeckt, genau wie ich es mir vorgestellt habe. Unter dem Teakholzduft riecht er nach Krieg und Tod. Es ist eine gute Übung für mich, zu lernen, den Geruch des Kampfes während der Arbeit zu ignorieren. Diese Art von Training bekomme ich nicht an der Universität. „Sprechen Sie mit mir“, sagt er mit zusammengebissenen Zähnen. „Worüber möchtest du reden?“, frage ich, ohne meinen Blick von seinem Bein zu heben, während ich vorsichtig beginne, das verkrustete Blut von seiner Haut zu schrubben. Die scharlachroten Flecken lösen sich langsam, doch eine schimmernde Spur bleibt zurück – ein stilles Mahnmal vergossener Lebensenergie. „Weißt du, was du für mich bist?“ Seine Stimme ist tief, beinahe ein Grollen, und obwohl es wie eine Frage klingt, lässt sein Ton keinen Raum für Zweifel. Mein Magen zieht sich zusammen, als hätte jemand einen unsichtbaren Knoten darin gelegt. „Ja“, antworte ich leise, ohne aufzublicken. „Sobald du geheilt bist, kannst du mich ablehnen. Wenn du es vorher tust, könnte es deine Heilung beeinträchtigen.“ Die Worte kommen mechanisch über meine Lippen, doch in meinem Inneren tobt ein Sturm. Warum fühlt sich allein der Gedanke, dass er mich ablehnen könnte, wie ein Dolchstoß in meine Brust an? Ich kenne ihn kaum. Ich habe keine Absicht, mich an einen Alpha oder ein Rudel zu binden – zumindest nicht, bevor ich mein Studium abgeschlossen habe. Und dieses Rudel … es ist gefährlich nah an Simon. Schon der Gedanke an ihn jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. „Wer sagt, dass ich dich ablehnen werde?“ Seine Worte sind ruhig, doch ein verletzter Unterton schwingt mit. Meine Hände verharren für einen Moment, dann blicke ich zu ihm auf. „Aber ich bin ein Einzelwolf“, erwidere ich fast trotzig. „Du bist meine zukünftige Luna.“ Seine Aussage trifft mich härter, als ich erwartet habe. „Du kennst mich nicht einmal“, sage ich schließlich, während ich meinen Blick wieder senke und mich erneut seiner Verletzung widme. „Ich weiß, dass du intelligent bist, mitfühlend und mutig. Und ich weiß, dass du einsam bist.“ Seine Stimme ist sanft, fast beschwörend, und ich kann nicht verhindern, dass meine Finger für einen Moment zögern. Die ersten drei Eigenschaften kann ich noch nachvollziehen. Es ist nicht schwer, sie aus meiner Tätigkeit als Ärztin abzuleiten. Aber einsam? Diese Behauptung trifft mich unerwartet, wie ein Dolch, der genau ins Ziel trifft. „Warum glaubst du, dass ich einsam bin?“, frage ich schließlich und wische das letzte Blut ab, bevor ich nach dem Skalpell greife. Ich zeige es ihm, um sicherzustellen, dass er weiß, was als Nächstes kommt. Er nickt knapp und spricht weiter. „Die nächste Universität mit einer medizinischen Fakultät ist etwa eine Stunde nördlich von hier. Zwischen hier und dort gibt es viele Orte, an denen ein Einzelwolf sich frei bewegen könnte, wenn sie es wollte. Aber stattdessen …“ Er unterbricht sich mit einem leisen Knurren, als ich vorsichtig die erste Schnittlinie ziehe. Seine Gesichtsmuskeln zucken leicht, doch er fährt unbeirrt fort. „Aber stattdessen hast du dich entschieden, in ein Gebiet zu kommen, das voller Wölfe ist.“ Seine Worte treffen ins Schwarze. Annika, mein innerer Wolf, sehnt sich tatsächlich nach der Gemeinschaft eines Rudels. Sie vermisst das vertraute Summen von Stimmen, die Wärme der Zugehörigkeit. Ich hingegen könnte für immer allein bleiben. Doch der Waldgeruch und die Nähe anderer Wölfe scheinen Annika zu beruhigen, und ich genieße die Momente der Stille, die das Rudel mir trotz allem lässt. Warren stößt ein scharfes Zischen aus, und mein Blick schießt zu seinem Gesicht. Ich beobachte, wie er tief einatmet, seinen Schmerz unter Kontrolle bringt, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. „Wie machst du das?“, frage ich, fasziniert von seiner Beherrschung. „Was genau?“ „Mit diesem Schmerz umgehen.“ „Geist über Materie“, antwortet er, als sei es das Einfachste der Welt. „Körperlicher Schmerz kann dich mental brechen, wenn du es zulässt. Deshalb wird Folter so oft eingesetzt. Wenn du den Körper brechen kannst, folgt oft auch der Geist. Aber mein Geist ist stärker als mein Körper – und mein Körper ist sehr stark.“ Ich werfe einen kurzen Blick auf die Narben, die seinen muskulösen Körper bedecken. Sie erzählen Geschichten von Kämpfen, Verlusten und Siegen – unauslöschliche Zeugen eines Lebens, das keine Pause kennt. „Kämpfst du schon lange?“, frage ich, während ich die zerrissenen Muskeln vorsichtig zur Seite schiebe, um die gebrochenen Knochen freizulegen. „Seit ich Alpha wurde – vor fast zwölf Jahren.“ „Zwölf Jahre?“ Die Überraschung in meiner Stimme ist nicht zu überhören. Ich richte mich auf und sehe ihn an. „Du bist älter, als ich dachte.“ Er hebt eine Augenbraue, ein Ausdruck von Arroganz, der an ihm jedoch unwiderstehlich wirkt. „Ich habe das Rudel übernommen, als ich achtzehn war. Jetzt bin ich dreißig. Das sind zwölf Jahre, kleiner Wolf.“ „Annika ist nicht klein“, murmele ich und konzentriere mich wieder auf seine Verletzung. „Im Vergleich zu Arric schon.“ „Arric ist ein Alpha-Wolf. Nur ein anderer Alpha wäre größer als ein Alpha-Wolf“, sage ich, während ich vorsichtig den ersten Knochen aus seinem Bein ziehe. Ich überprüfe ihn gründlich, bevor ich ihn an den Bruch halte, von dem er stammt. „Okay, Arric, zeig uns, was du kannst“, sage ich leise und halte den Knochen ruhig an Ort und Stelle. Vor meinen Augen beginnt der Bruch sich zu schließen, die Knochenstücke verschmelzen, als wäre nichts geschehen. „Faszinierend!“, entfährt es mir, und für einen Moment vergesse ich, wo ich bin und mit wem ich es zu tun habe. „Findest du das wirklich so aufregend?“, fragt Warren trocken, ein Anflug von Amüsement in seinen jadegrünen Augen. „Für mich schon“, antworte ich, zucke mit den Schultern und wende mich erneut seinem Bein zu. „Dann ist es wohl mein Glückstag“, sagt er lächelnd, gerade als es an der Tür klopft. Ich blicke zur Tür, mein Herz schlägt schneller. Wer könnte das sein? Warren bemerkt meine Unsicherheit und schenkt mir ein Lächeln, das mir fast den Atem raubt. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich beschützen werde.“ „Komm rein, Charlie“, ruft er, ohne den Blick von mir zu nehmen. Die Tür öffnet sich abrupt, und ein breitschultriger Mann betritt den Raum. „Alpha… was zum Teufel machst du hier drin?“ Seine Stimme ist voller Wut, während er auf den Tisch zusteuert und auf Warrens filletiertes Bein hinabblickt.
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