Tabby zur Rettung! - Chapter 20

1313 Words
Ashlyn wäre beinahe nicht gegangen. Sie stand länger vor dem Spiegel, als nötig gewesen wäre, und zupfte an den Ärmeln ihres Hoodies, bis sie gleichmäßig saßen. Zog den Saum gerade. Richtete ihn. Richtete ihn nochmal. „Eins. Zwei. Drei“, sagte sie laut, um ihre Nervosität zu beruhigen, griff nach ihrem Handy und ging, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Der Skatepark lag hinter dem Gemeindezentrum, der Beton an manchen Stellen glatt abgenutzt, an anderen abgesplittert. Ein paar Kids waren schon da. Irgendwo Musik. Irgendwo sonst Gelächter. Toby stand am Rail, als hätte er sein ganzes Leben darauf gewartet. Sie verschränkte die Arme. „Das muss ich sehen.“ Toby ließ sein Board fallen und rollte es einmal vor und zurück, als würde er sich auf etwas Ernstes vorbereiten. „Hast du schon mal einen sauberen Boardslide gesehen?“, fragte er, als er losfuhr, erst geschmeidig, selbstsicher. Mitten im Rollen sah er zu ihr, als bräuchte er die Bestätigung, dass sie zusah. „Ich hab dich schon über Luft stolpern sehen“, rief sie. „So gut bist du nicht.“ „Unverschämt. Das war Windeinwirkung.“ „Ich gucke ja“, sagte sie trocken. „Zeig mal.“ Er traf das Rail. Für einen halben Sekundenbruchteil sah es gut aus. Dann rutschte das Board weg. Toby nicht. Er knallte so hart auf den Beton, dass es mit einem scharfen, hallenden Schlag über den Platz klatschte. Das Geräusch ließ ihre Brust sich zusammenziehen. Ashlyn war schon in Bewegung, bevor sie überhaupt nachdenken konnte. „Toby—“ platzte es laut aus ihr heraus, während sie neben ihm auf die Knie fiel. „Mir geht’s gut“, stöhnte er und versuchte, sich hochzustemmen, bevor er scharf die Luft einzog. Sein rechtes Handgelenk blieb steif. Ashlyn kniete neben ihm. „Dir geht’s nicht gut.“ „Mir geht’s… größtenteils gut.“ „Du kannst dein Handgelenk nicht bewegen.“ „Ich kann es bewegen.“ Er wackelte schwach mit den Fingern. „Siehst du? Beweglichkeit“, sagte er, während er das verstauchte Handgelenk schonte. „Das ist nicht dein Handgelenk.“ Er sah es an, als hätte es ihn verraten. „Okay. Kleiner Rückschlag.“ Ashlyn stützte ihn, als er sich aufsetzte. „Warum hast du das überhaupt versucht?“ Toby blinzelte überrascht. Dann zuckte er mit den Schultern. „Du hast zugesehen.“ Die Schlichtheit davon löste etwas in ihr. Er sagte es nicht so, als würde sie ihm irgendetwas schulden. Er sagte es einfach nur. „Sie, mein Herr, sind ein Idiot“, sagte sie, stieß ihn leicht an und kicherte dabei die ganze Zeit. „Amtlich bestätigt.“ Er versuchte aufzustehen und verzog das Gesicht so heftig, dass sie sofort seinen Arm packte. „Hör auf. Du machst es nur schlimmer.“ Toby sah auf ihre Hand an seinem Ärmel. Dann nickte er. „Okay.“ Einfach okay. Kein Diskutieren. Kein Getue. „Mein Haus ist in der Nähe“, sagte sie. „Meine Mom hat Eis. Bandagen. Zeug vielleicht.“ Er zögerte. „Deine Mom?“ „Sie beißt nicht.“ „Davor hab ich nicht Angst“, murmelte er. Ashlyn verdrehte die Augen und half ihm hoch. Er lehnte sich an sie, ohne ein Theater daraus zu machen. Es fühlte sich… normal an. Das Haus sah aus wie immer. Kleine Veranda. Verblasste Stufen. Vertraute Fenster. Ashlyn spannte sich an, bevor sie die Tür öffnete. Ihre Mom sah aus der Küche auf, als sie hereinkamen. „Ash—“ Dann sah sie Toby. „Toby Rivera?“, sagte ihre Mom und blinzelte. Toby erstarrte. „Äh. Ja, Ma’am?“ Ashlyn sah zwischen ihnen hin und her. „Ihr kennt euch?“ Ihre Mom lachte leise. „Ferienlager. Das wäre dir aufgefallen, wenn du nicht die ganze Woche in deinem Hoodie versteckt gewesen wärst.“ Ihre Stimme zitterte ein wenig, aber sie lächelte. „Ich freu mich, dass du Freunde findest. Fühl dich wie zu Hause.“ Toby sagte höflich Hallo und fragte sofort, ob es Snacks gäbe. Ashlyn starrte ihn an. Etwas in ihrer Erinnerung verschob sich. Ihre Mom trat näher und hob sanft sein Kinn an. „Deine Haare wachsen wieder nach.“ Ihr Blick fiel auf sein Handgelenk. „Was ist passiert?“ „Skateboard. Schwerkraft. Ich hab verloren.“ „Schlimm“, sagte er und lachte mit zusammengebissenen Zähnen. Sie seufzte. „Setz dich.“ Ashlyn führte ihn zum Sofa. Er ließ sich vorsichtig nieder und versuchte nicht zu zeigen, wie weh es tat. Ashlyn holte den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Wandschrank im Flur. Sie hatte immer genau gewusst, wo er war. Kontrolle war einfacher, wenn man wusste, wohin Dinge gehörten. Sie setzte sich neben ihn und nahm sein Handgelenk vorsichtig in die Hand. „Sag mir, wenn es weh tut.“ „Es tut jetzt schon weh“, gab er zu. „Aber okay.“ Sie wickelte Eis in ein Handtuch und drückte es auf die Schwellung. Toby sog scharf die Luft ein. „Okay. Das ist kalt.“ „Das ist der Sinn der Sache“, sagte Ashlyn mit einem schiefen Grinsen. Ihre Mom blieb in der Nähe stehen. „Alles okay, Baby?“, fragte sie leise und trat auf ihre Tochter zu. Ashlyn versteifte sich. Die Frage galt nicht dem Handgelenk. Sie nickte. „Ja.“ Ihre Mom hielt ihren Blick einen Moment länger als sonst, dann nickte sie zurück. „Tee ist im Schrank“, sagte sie leise, bevor sie wieder in die Küche ging. Die Luft veränderte sich mit diesen Worten. Toby bewegte die Finger und verzog das Gesicht. „Also den Trick hab ich eigentlich gestanden.“ Ashlyn schnaubte. „Du hast Beton gefressen.“ „Strategisch“, warf Toby ein. „Du bist gefallen…“ „Für die Kunst.“ Sie lachte, bevor sie es verhindern konnte. Toby sah zufrieden aus, als wäre genau das sein Ziel gewesen. Ashlyn richtete die Bandage, präzise und gleichmäßig. Ihre Gedanken versuchten, rückwärts zu ziehen. Zu der anderen Stimme. Zur Erinnerung an Grants grobe Hände. An die Art, wie er mit ihr gesprochen hatte... Du gehörst mir. Sie drängte den Gedanken weg. Ich habe mich jemandem gegeben, der es nicht verdient hat. Der Satz kam trotzdem. Toby beobachtete ihre Hände. „Du bist verdammt gut darin.“ „Worin?“, fragte sie, während sie weiter sein Handgelenk verband. „Dinge zu reparieren.“ Ihr Hals wurde eng. „Nicht alles.“ Er bohrte nicht nach. Er nickte nur einmal. „Okay.“ Einfach okay. Kein Nachhaken. Ashlyn klebte den Verband fertig fest und lehnte sich zurück. „Ein paar Tage nicht skaten.“ Er salutierte mit der gesunden Hand. „Jawohl, Ma’am.“ Sie verdrehte die Augen. Toby sah sich im Haus um. Ashlyn folgte seinem Blick. Die Stille fühlte sich nicht scharf an. Ihre Mom summte leise in der Küche. Das war schon länger nicht mehr passiert. „Hast du Hunger?“, rief ihre Mom. Toby blinzelte. „Immer. Ich sag nie Nein zu kostenlosem Essen.“ Ihre Mom lachte. „Gute Antwort.“ Ashlyn sah zu, wie er vorsichtig aufstand. Er machte keine große Show daraus und gab ihr nicht das Gefühl, klein zu sein, weil sie ihm geholfen hatte. Er war einfach da. Gegenwärtig. Als würde er dazugehören. Ashlyn lehnte sich gegen das Sofa und erlaubte sich zu atmen. Das Bedauern war noch da. Die Erinnerung lebte noch immer unter ihrer Haut. Aber hier zu sitzen, während ihre Mom ihn in der Küche aufzog und Toby darüber diskutierte, wie er es „fast geschafft“ hätte — das Gewicht verlagerte sich. Zum ersten Mal seit einer Weile fühlte es sich nicht mehr so an, als müsse sie es überleben, dass jemand sie auswählte. Es fühlte sich an wie etwas, das sie selbst entscheiden konnte.
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