Diesmal ausgewählt - Chapter 6

1358 Words
Ashlyn hatte in vier Tagen kaum geschlafen. Nicht, weil sie ängstlich war. Sondern weil sie geredet hatte. Stunden am Telefon. Geflüsterte Gespräche, die sich bis nach Mitternacht zogen. Lachen, das sie unvorbereitet traf. Pausen, die sich nicht schwer anfühlten. „Bist du noch da?“, murmelte Toby. „Ja.“ „Gut.“ Dieses Wort hatte begonnen, etwas zu bedeuten. Gut hieß beständig. Gut hieß, kein Countdown versteckte sich unter Zuneigung. Genau elf Tage, nachdem sie beschlossen hatten, exklusiv zu sein, schrieb Toby ihr kurz vor Mittag. Eltern weg. Haus leer. Kommst du vorbei? Ashlyn starrte länger auf die Nachricht, als nötig gewesen wäre. Ihr Puls beschleunigte sich. Nicht vor Angst. Vor Erwartung. Sie prüfte sich zweimal im Spiegel, bevor sie ging. Dann ein drittes Mal. Eins. Zwei. Drei. Sie fuhr mit heruntergelassenen Fenstern zu seinem Haus, die Sommerluft warm auf ihrer Haut. Der Juli fühlte sich weit an. Weniger begrenzt. Toby öffnete die Tür, bevor sie klopfte. Er sah nervös aus. Wirklich nervös. „Hey“, sagte er, und seine Stimme brach leicht. Ashlyn lächelte. „Hey.“ Das Haus war still. Kein Fernseher. Keine Schritte oben. Nur das leise Rauschen der Klimaanlage und ihr eigener Herzschlag. „Sie sind wirklich weg?“, fragte sie. „Sehr weg“, sagte er. „Meine Mom hat mir eine Aufgabenliste dagelassen, als würde ich ein Hotel führen.“ Sie trat ein. Die Tür klickte zu. Für einen Moment bewegte sich keiner von beiden. Dann atmete Toby tief ein. „Du musst nicht“, sagte er. „Ich weiß.“ „Ich meine es ernst.“ „Ich weiß“, wiederholte sie. Das war wichtig. Er trat langsam näher und ließ Abstand zwischen ihnen. Abstand, den sie hätte vergrößern können, wenn sie gewollt hätte. Tat sie nicht. Seine Finger berührten zuerst ihre. Nicht greifend. Nicht ziehend. Nur dort ruhend, wartend. Ashlyn verschränkte ihre Finger mit seinen. Wärme schoss ihren Arm hinauf, schnell und hell. „Du zitterst“, murmelte Toby. „Du auch.“ Ein kleines, schiefes Lächeln. „Gut.“ Sie lachte leise, und die Spannung löste sich. Er hob eine Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Langsam. Vorsichtig. „Alles noch okay?“, fragte er. Kein Druck darin. Keine Ungeduld. „Ich bin okay“, sagte sie. Er küsste sie zuerst leicht, als würde er fragen statt annehmen. Ashlyn spürte den Unterschied sofort. Kein Drängen. Kein Beweisen. Sie blieben länger dort stehen, als sie erwartet hatte – einfach nur küssend. Weiche Münder. Atem, der sich anglich. Seine Hände ruhten an ihrer Taille, die Daumen strichen leicht über ihre Seiten, als bräuchte jede Bewegung Erlaubnis. Als sie sich näher an ihn lehnte, vertiefte sich der Kuss langsam. Hitze baute sich in Schritten auf, nicht in Sprüngen. Seine Finger glitten unter den Saum ihres Shirts, warm auf ihrer Haut, und sie spürte das Prickeln durch ihren Körper ziehen. Als ihr Hoodie schließlich zu Boden glitt und sein Shirt folgte, pochte ihr Puls so laut, dass sie ihn in den Ohren hörte. Er hielt inne, bevor er weiterging. „Warte“, sagte er leise. „Wenn wir so weitermachen, werden wir miteinander schlafen. Bist du sicher, dass du bereit bist?“ Sie blinzelte. „Was?“ „Meine Klamotten wären nicht aus und mein Slip nicht so nass, wenn ich nicht bereit wäre.“ Er schluckte, fast schüchtern. „Noch eine Frage dann“, sagte er. „Darf ich die Augen geschlossen halten?“ Ihre Stirn zog sich zusammen. „Warum?“ „Ich will das erste Bild nicht überstürzen“, sagte er. „Ich will es richtig in Erinnerung behalten. Ich will das hier bewahren. Alles davon.“ Die Worte trafen tiefer als jede Berührung. Sie nickte. „Okay.“ Er schloss bewusst die Augen. Nicht konsumierend. Nicht verschlingend. Vertrauend. Sie führte stattdessen seine Hände. Ließ ihn entdecken statt beanspruchen. Als sie sich aus den restlichen Kleidungsstücken lösten, geschah es langsam und absichtlich, Stoff glitt Stück für Stück zu Boden, während er die Augen geschlossen hielt wie ein Versprechen. Ihr Atem wurde unruhig. Erwartung sammelte sich tief und schwer in ihrem Bauch, Wärme breitete sich in ihr aus, bis Stillstehen unmöglich wurde. Als er die Augen schließlich öffnete, geschah es allmählich. Vorsichtig. Die Art, wie er sie ansah, ließ ihre Knie weich werden. Kein Hunger. Kein Besitzanspruch. Ehrfurcht. „Du bist…“ Er atmete zittrig aus. „Du bist unglaublich.“ Sie lachte leise, Nerven und Feuer kollidierten. „Beim nächsten Mal“, murmelte er und strich mit dem Daumen sanft über ihre Hüfte, „halte ich sie vielleicht nicht geschlossen.“ „Beim nächsten Mal?“, neckte sie. „Wenn du mich willst.“ Sie küsste ihn statt zu antworten. Das Tempo veränderte sich dann – nicht schneller, aber tiefer. Aus Vorsicht wurde Intensität. Ihre Körper fanden zueinander mit einer Unvermeidlichkeit, die ihr den Atem nahm. Jede Berührung fühlte sich verstärkt an. Jeder Atemzug klang lauter im stillen Haus. Als er ihren Hals hinunterküsste, versuchte Erinnerung sich einzuschieben. Hände, die nicht pausierten. Worte, die in die Enge trieben. Ashlyn legte ihre Hand flach auf seine Brust. Toby erstarrte sofort. „Zu viel?“ „Nein“, hauchte sie. „Nur langsamer.“ „Okay.“ Keine Frustration. Keine Ungeduld. Er passte sich sofort an. Langsamer. Absichtlich. Der Unterschied war überwältigend – im besten Sinn. Das hier war nichts, das genommen wurde. Es war etwas, das wuchs. Diesmal bewegte sie sich zuerst, zog ihn näher, führte ihn mit Sicherheit statt Zögern. Das Feuer zwischen ihnen wurde schärfer, hell und verzehrend. Für ihn fühlte sich alles neu und explosiv an – Atem stockte, Kontrolle glitt in Wellen davon, die er nicht verbarg. Für sie war es Loslassen. Kein Entkommen. Kein Sich-Ergeben. Entscheidung. Als sie schließlich in seinem Schlafzimmer ankamen, fühlte es sich weniger nach Eskalation an als nach Schwerkraft. Nachmittagslicht schnitt in schmalen Streifen über die Wände. Das Alltägliche des Raums machte die Intensität noch schärfer. „Ganz sicher?“, fragte er ein letztes Mal. „Ja.“ Keine tickende Uhr. Kein Druck, getarnt als Romantik. Nur zwei Neunzehnjährige im Juli, die füreinander brannten – ohne Angst. Es war nicht perfekt. Nicht elegant. Es war Hitze und Lachen und die Art, wie er ihren Namen sagte, als wäre er das Wichtigste im Raum. Und als alles seinen Höhepunkt erreichte – hell, überwältigend, unbestreitbar – geschah es, weil sie beide da waren. Beide entschieden. Beide wollten. Das Klopfen an der Haustür zerriss den Moment. Sie erstarrten. Noch ein Klopfen. Lauter. „Yo, Toby!“ Seine Augen weiteten sich. Ashlyn brach in Lachen aus, bevor sie es stoppen konnte. „Ist das—“ „Mein Nachbar“, stöhnte Toby. „Meine Mom hat ihm bestimmt gesagt, er soll nachsehen, ob ich noch lebe.“ Das Klopfen wurde zu einem Rütteln. „Alter! Dein Auto steht hier!“ Ashlyn fiel halb entsetzt, halb hysterisch zurück in die Kissen. Toby angelte nach seiner Shorts. „So habe ich mir das nicht vorgestellt.“ „Du hast es dir vorgestellt?“, neckte sie. „Ja“, gab er zurück. „Ohne Publikum.“ Noch ein Klopfen. „Komme!“, rief Toby. Er drehte sich noch einmal zu ihr um, Haare zerzaust, Grinsen schief, Atem noch unruhig. „Alles okay?“, fragte er leise. Sie nickte. Mehr als okay. „Geh dich um deinen Spion kümmern“, sagte sie. Er beugte sich noch einmal zu ihr und küsste sie. Schnell. Lächelnd. „Bleib“, murmelte er. Ashlyn legte sich zurück und starrte an die Decke, während er den Flur hinunterlief. Ihr Herz raste noch immer. Aber nicht vor Angst. Vor Freude. Genau elf Tage. Und zum ersten Mal fühlte sich das Sich-Geben nicht an wie etwas, das genommen wurde. Es fühlte sich geteilt an. Als Tobys Stimme aus dem Flur herüberdrang, wie er sich darüber beschwerte, man solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, lachte sie wieder. Die Welt war nicht zurückgeschnappt. Sie hatte sie nicht bestraft. Sie hatte sich geöffnet. Und diesmal war sie hineingetreten, weil sie es wollte.
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