Nachtluft - Chapter 18

1465 Words
Ashlyn hörte irgendwann in der dritten Woche auf, die Tage zu zählen. Die Zeit in der Wohnung fühlte sich nicht mehr wie ein Kalender an, sondern wie etwas, das sich langsam ansammelte. Leere Kaffeetassen neben der Spüle. Tobys Stiefel schief neben der Tür. Der Fernseher, der spät nachts noch leise lief, obwohl keiner von ihnen wirklich hinsah. Auch die Bewerbungen, die nie abgeschickt wurden, gehörten inzwischen zu dieser Liste. Ashlyn stand an der Spüle und sah zu, wie Seifenblasen im Abfluss verschwanden. Das Wasser lief länger, als es musste, summte gegen das Metallbecken, während ein Teller reglos in ihren Händen lag. Hinter ihr knarrte das Sofa. Toby schlurfte in die Küche und rieb sich den Schlaf aus den Augen, seine Haare auf einer Seite plattgedrückt vom Kissen. Er blieb kurz vor dem Kühlschrank stehen, blinzelte zur Uhr über der Mikrowelle und lehnte sich dann mit der Schulter gegen die Arbeitsplatte. „Du bist früh auf“, murmelte er. Ashlyn drehte sich nicht um. Sie spülte den Teller ab und stellte ihn ins Abtropfgestell. „Es ist Mittag.“ „Immer noch früh.“ Der Kühlschrank öffnete sich hinter ihr. Toby trank direkt aus der Orangensaftflasche, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und lehnte sich wieder gegen die Arbeitsplatte. „Bist du sauer auf mich?“ Ashlyn stellte das Wasser ab und trocknete sich langsam die Hände, bevor sie sich zu ihm umdrehte. „Ich bin frustriert.“ „Weshalb?“ Sie nickte in Richtung Wohnzimmer. Die Sofakissen waren ungleichmäßig eingedrückt, dort wo er wieder zu lange geschlafen hatte. Ein Controller lag neben dem Couchtisch, und der Laptop, den sie ihm für Bewerbungen hingelegt hatte, stand immer noch geschlossen da. „Deswegen.“ Toby folgte ihrem Blick und verschränkte die Arme. „Ich habe dir gesagt, dass ich suche.“ „Du hast dich nirgendwo beworben.“ „Ich schaue nach Stellen.“ „Nach Stellen schauen ist nicht dasselbe wie sich bewerben.“ Er rieb sich den Nacken und sah auf den Boden. „Du glaubst also, ich versuche es gar nicht?“ „Ich glaube, du weichst aus.“ Sein Kiefer spannte sich. „Nicht jeder bewegt sich in deinem Tempo, Ash.“ „Es geht nicht um Tempo.“ „Worum dann?“ Sie zögerte. Die ehrliche Antwort klang selbst in ihrem Kopf hart. Es fühlt sich an, als würde ich alles allein zusammenhalten. Stattdessen sagte sie leise: „Es geht um Einsatz.“ Toby lachte kurz. „Einsatz?“ „Ja.“ Er stieß sich von der Arbeitsplatte ab. „Du glaubst, hier zu wohnen ist für mich leicht? Du wachst nicht jeden Morgen auf mit dem Gefühl, dass alle erwarten, dass du versagst.“ Ashlyn blinzelte. „Versagen?“ „So fühlt sich Jobsuche an.“ „Du hast es nicht einmal richtig versucht.“ „Hab ich.“ „Stellenanzeigen lesen ist kein Versuch.“ Seine Hand schlug auf die Arbeitsplatte. „Hör auf, mit mir zu reden, als wäre ich ein Projekt.“ Der Klang hallte durch die Küche. Ashlyn spürte dieses vertraute Ziehen in ihrer Brust. Beruhige ihn. Repariere es. Mach es wieder gut. Sie zwang sich, still zu bleiben. „Ich versuche nicht, dich zu reparieren.“ „Doch. Immer.“ „Das ist nicht fair.“ „Du kannst nicht anders.“ Der Kühlschrank summte leise zwischen ihnen. Toby griff nach seiner Jacke. „Wohin gehst du?“ fragte Ashlyn. „Raus.“ „Das ist keine Antwort.“ „Mehr habe ich gerade nicht.“ Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ashlyn blieb noch lange in der Küche stehen, nachdem das Geräusch seines Trucks in der Straße verklungen war. Die Wohnung fühlte sich ohne ihn leer an, doch der Streit hing immer noch in der Luft. Als ihr Handy vibrierte, war es längst dunkel. Park. Sie starrte fast eine Minute auf das Wort, bevor sie ihre Schlüssel nahm. Der Park sah nachts anders aus. Tagsüber gehörte er Kindern, Hunden und Eltern, die so taten, als hätten sie ihr Leben im Griff. Nachts gehörte er Schatten und summenden Laternen. Toby saß am Rand des Basketballfeldes, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und starrte auf den Asphalt. Ashlyn ging langsam über den Platz. „Du hättest auch zu Hause mit mir reden können.“ Toby sah kurz auf und dann wieder weg. „Ich wollte nicht in der Wohnung streiten.“ „Ihr habt trotzdem gestritten.“ „Ja.“ Sie setzte sich neben ihn und ließ etwas Abstand zwischen ihnen. „Du hältst mich für faul“, sagte er und sah zum leeren Korb. „Ich glaube, du steckst fest.“ „Die höfliche Version.“ „Die ehrliche.“ Das Kettennetz klirrte leise im Wind. „Weißt du, was das Schlimmste daran ist?“ fragte er. „Was.“ „Du hast wahrscheinlich recht.“ Ashlyns Wut ließ ein wenig nach. „Du bist nicht kaputt.“ „So fühlt es sich aber an.“ „Du hast Angst.“ „Ja.“ „Zumindest gibst du es zu.“ Er atmete langsam aus. „Das löst nichts.“ „Nein.“ Eine Weile saßen sie schweigend da und hörten dem entfernten Verkehr zu. „Ich brauche, dass du es versuchst“, sagte Ashlyn schließlich. „Ich versuche es.“ „Nein. Du denkst darüber nach, es zu versuchen.“ „Das ist dasselbe.“ „Ist es nicht.“ Toby stand auf und begann über die Linien des Feldes zu gehen. „Du verstehst nicht, wie sich das anfühlt.“ „Dann erklär es mir.“ Statt zu antworten blieb er stehen und sah zum Parkplatz. „Bereust du es, dass ich eingezogen bin?“ Die Frage traf sie hart. Ashlyn zögerte. Toby bemerkte es sofort. „Hab ich mir gedacht.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Musstest du auch nicht.“ „Ich bereue, dass wir so streiten.“ „Das ist nicht dasselbe.“ „Nein.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Du verdienst jemanden, der sein Leben im Griff hat.“ „Danach habe ich nicht gefragt.“ „Solltest du aber.“ „Ich wollte dich.“ Seine Stimme brach leicht. „Ja.“ „Und genau das ist das Problem.“ Ashlyn stand ebenfalls auf. „Was soll das heißen?“ „Dass ich Angst habe, dass du eines Tages aufwachst und merkst, dass du jemanden Besseren finden kannst.“ „Das wird nicht passieren.“ „Das kannst du nicht wissen.“ „Doch.“ „Wie?“ Sie trat einen Schritt näher. „Weil ich dich auswähle.“ Er sah sie an, als wollte er es glauben. „Grant hast du auch gewählt“, sagte er leise. Der Name schnitt durch die Luft. „Das ist nicht dasselbe.“ „Von hier aus fühlt es sich genauso an.“ Ashlyn rieb sich über die Stirn. „Ich vergleiche dich nicht mit ihm.“ „Musst du gar nicht.“ „Dann hör auf, es selbst zu tun.“ Toby atmete müde aus und nickte zum Parkplatz. „Komm.“ Sie gingen schweigend über das Gras. Eine einzelne Laterne tauchte ihr Auto in ein schwaches gelbes Licht. Sie stiegen ein. Ashlyn startete den Motor, legte aber keinen Gang ein. Das Radio rauschte kurz und fand dann ein leises Lied, das keiner von ihnen kannte. Toby lehnte sich im Sitz zurück. „Du wolltest dich nicht wirklich trennen.“ Ashlyn umklammerte das Lenkrad. „Ich wollte es nicht sagen.“ „Das ist nicht dasselbe.“ „Nein.“ Der Motor summte leise. „Weißt du, was mir am meisten Angst macht?“ fragte Toby. „Was.“ „Dass du recht hast.“ Ashlyn schluckte. „Ich will nicht der Typ sein, der dich runterzieht“, sagte er leise. „Aber jedes Mal, wenn wir dieses Gespräch führen, fühlt es sich genau so an.“ „Du ziehst mich nicht runter.“ „Warum fühlt es sich dann so an, als würde ich neben dir ertrinken?“ Ashlyn sah durch die Windschutzscheibe in den leeren Park. „Ich will dich nicht verlassen.“ Toby nickte einmal. „Aber ich will auch nicht weiter so tun, als wäre alles in Ordnung.“ „Das ist fair.“ Ashlyn drehte sich leicht zu ihm. „Du willst nicht diskutieren?“ „Wozu.“ „Normalerweise würdest du.“ „Stimmt.“ Ein schwaches Lächeln zuckte an seinem Mundwinkel. „Aber du hast nicht unrecht.“ Der Motor summte ruhig. Nach einem Moment lehnte Toby den Kopf zurück und schloss die Augen. „Und jetzt?“ fragte er. Ashlyn sah auf ihre Hände am Lenkrad. Die Worte rutschten heraus, bevor sie sie aufhalten konnte. Wir sollten Schluss machen.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD