Durch das Fenster – Chapter 12

1105 Words
Die Babysitter-Idee war eigentlich nie eine Idee gewesen. Sie war Überleben. Nadja war in Ashlyns Schoß am Küchentisch eingeschlafen, während ihre Schwester im anderen Zimmer über etwas weinte, das sich heute Abend nicht lösen lassen würde. Das Weinen war nicht laut, aber es zog sich durch das Haus wie etwas Lebendiges, glitt unter Türen hindurch und durch die Wände. Ashlyn trug Nadja zum Sofa, strich ihr die Haare aus der Stirn und starrte lange genug auf die Uhr, um zu wissen, dass dieser Abend allein nicht auszuhalten war. Das Haus fühlte sich aufgequollen an von all den Dingen, die niemand aussprach. Sie zog ihr Handy heraus, weil es nur einen Ort gab, der sich nicht anfühlte, als würde er zusammenbrechen. Bist du wach? Die drei Punkte erschienen fast sofort und flackerten wie ein Puls, den sie nicht beruhigen konnte. Sie verschwanden kurz und tauchten wieder auf. Jedes Verschwinden fühlte sich an wie eine Entscheidung, die neu überdacht wurde. Ja. Warum? Können wir vorbeikommen? Die Punkte tauchten schnell wieder auf. Ja. Was ist los? Ashlyn blickte auf Nadja hinunter, die schlafend an ihrer Brust lag, der Daumen nahe am Mund, als könnte sie nichts auf der Welt erreichen. Aus dem anderen Zimmer war das Weinen ihrer Schwester leiser geworden, aber nicht besser. Nadja ist hier. Sie ist eingeschlafen. Meiner Schwester geht es heute Abend nicht gut. Die Pause danach wirkte überlegt, nicht zweifelnd. Du und Nadja? Ja. Die Tür ist abgeschlossen. Austin ist völlig weggetreten. Nehmt das Fenster. Kein Vortrag. Kein Nachhaken. Nur Organisation. Die Erleichterung traf sie so heftig, dass es ihr fast peinlich war. Tobys Wohnung lag still unter einer schmalen Straßenlaterne, die Jalousien halb heruntergelassen. Feuchtes Gras durchnässte ihre Jeans, als sie sich unter seinem Schlafzimmerfenster hinkniete, Nadja warm und schwer an ihrer Schulter, ihr Atem süß und gleichmäßig an Ashlyns Hals. Die Nachtluft kühlte ihre überhitzte Haut. „Leise“, flüsterte sie. Nadja nickte ernst, was absolut nichts bedeutete. Ashlyn klopfte leicht gegen das Glas. Die Jalousien bewegten sich. Das Fenster wurde zur Hälfte hochgeschoben und Toby beugte sich hinaus, das Haar zerzaust vom Schlaf, das Shirt verknittert, die Augen schwer, aber wach in dem Moment, in dem er sie erkannte. Die Erschöpfung verschwand nicht. Sie verlagerte sich nur. „Ihr zieht das wirklich durch“, murmelte er. „Du hast Fenster gesagt.“ „Pass auf, dass wir meinen Bruder nicht wecken.“ In dieser Anweisung lag Vertrauen. Nadja ging zuerst. Ruhige Hände nahmen sie entgegen und setzten ihre kleinen Füße ohne Zögern auf die Matratze. Keine Unsicherheit. Kein Neuüberlegen. Einfach sicher. Dann streckte er Ashlyn die Hand entgegen, warm, fest genug, um sie hinaufzuziehen, ohne Besitz zu ergreifen. Sie schlüpfte hinein. Der Raum roch nach Waschmittel und einem Hauch von Metall, als ließe sich die Arbeit nie ganz abwaschen. Aus dem Wohnzimmer murmelte der Fernseher, bläuliches Licht flackerte unter der Tür hindurch. Austin hustete einmal auf dem Sofa, und das Geräusch durchschnitt alles. Beide erstarrten, während ihr Herz in ihren Ohren dröhnte. Dann setzte das Schnarchen wieder ein, und der Raum atmete aus. Nadja sah zwischen ihnen hin und her, als gehöre das hier zu den größten Abenteuern ihres kurzen Lebens. „Onkel Toby“, flüsterte sie übertrieben leise. Er verzog das Gesicht und legte einen Finger an die Lippen. „Spionageeinsatz.“ Ein ehrfürchtiges Keuchen folgte. Ashlyn musste fast lachen, und dieses Fast war genug. Sie hatte nicht bemerkt, wie fest sie sich selbst zusammengehalten hatte, bis etwas Leichtes einen Riss hineinschlug. Im Schneidersitz auf der Matratze nahm Toby Nadja auf seinem Schoß auf und begann sofort mit einer Geschichte über einen Drachen, der nur lila Müsli aß und im Tiefkühlregal wohnte. Er korrigierte sie nicht, drängte sie nicht und sah nicht auf die Uhr, als wäre das hier eine Unterbrechung von etwas Wichtigerem. Er schenkte ihr einfach Aufmerksamkeit. Als Saft verlangt wurde, bewegte er sich mit bedachter Vorsicht in die kleine Küchenzeile. Schranktüren öffneten sich langsam. Der Kühlschrank schloss sich mit kontrolliertem Druck. Die Saftlinie stieg gleichmäßig im Plastikbecher. Er brachte ihn zurück, als wäre es wichtig. Nadja lehnte sich beim Trinken an seine Brust, ihre Augenlider sanken mit jedem halbfertigen Satz. Kleine Finger krallten sich in Baumwollstoff und beanspruchten Raum, ohne um Erlaubnis zu bitten. Ashlyn blieb an der Wand sitzen und sah zu. Die Arbeit lebte in ihm. Man sah es an der leichten Krümmung seiner Schultern, am Schmutz tief in den Knöcheln, an dem langsamen Rollen seines Nackens, wenn er dachte, niemand bemerke es. Die Fabrik haftete an Haltung und Atem. Aber sie betrat diesen Raum nicht. Als Nadjas Stimme schließlich im Schlaf versank, bewegte er sich selbst, statt sie zu verschieben. Sein Rücken lehnte sich an die Wand. Sein Bein wurde taub. Ihr Gewicht ruhte vollständig an seiner Brust, ohne Beschwerde. Als gehöre sie dorthin. Keine Inszenierung. Kein stilles Aufrechnen. Nur Präsenz. Etwas in Ashlyn spannte sich an und beruhigte sich dann, wie ein Puls, der wieder seinen Rhythmus findet. Sie hatte Jungen gesehen, die Sanftheit vorspielten. Hatte erlebt, wie Freundlichkeit zu einem Druckmittel wurde und Zuneigung verschwand, sobald sie unbequem wurde. Das hier war leiser. Er verschob Nadja nicht, als sein Bein das Gefühl verlor. Er seufzte nicht, als Speichel sein Shirt durchnässte. Er rückte sie nicht zurecht, um es sich selbst bequemer zu machen. Er passte sich um sie herum an und blieb. Nach einer Weile hob sich sein Blick. „Alles okay?“ Die Frage war weder beiläufig noch automatisch. Sie nickte, weil Sprechen etwas aufreißen würde. Seine Augen blieben einen Moment länger auf ihr, als verstünde er das Gewicht dessen, was sie nicht sagte. „Du hättest nicht durchs Fenster klettern müssen.“ „Doch.“ Weil das Haus zu laut gewesen war. Weil ihre Schwester zerbrach. Weil das Gewicht von allem gegen ihre Rippen gedrückt hatte. Weil sie etwas Stabiles brauchte. Eine Tür hätte daran nichts geändert. Sein Mundwinkel zuckte. Bewegung vom Sofa draußen ließ beide erstarren, während die Stille sich spannte. Dann ein tiefes Schnarchen. Die Luft kehrte zurück. Ashlyn rutschte auf den Boden neben die Matratze. Das Lampenlicht zeichnete die Erschöpfung unter seinen Augen nach, die feine Falte zwischen seinen Brauen von Arbeit und Verantwortung, die für neunzehn eigentlich zu schwer war. Er sah müde aus. Und zugleich standhaft. Mit Nadja schlafend zwischen ihnen und nichts Dramatischem, das geschah, legte sich etwas in ihr an einen Platz, der ihr mehr Angst machte als jedes Chaos zuvor. Keine Feuerwerke. Keine Besessenheit. Kein Adrenalin, das sich als Liebe verkleidete. Gewissheit. Er hielt keine Reden. Er machte keine Versprechen. Er versuchte nicht, sich zu beweisen oder etwas im Gegenzug zu verlangen. Er blieb. Und das war genug.
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