Die Stille danach - Chapter 14

1196 Words
Ashlyn wachte vom Geräusch der laufenden Dusche auf. Das Licht im Flur war an. Ein schmaler Streifen fiel unter der Schlafzimmertür hindurch. Nadja schlief noch, zur Wand gedreht, den Daumen an den Lippen, so wie sie es nur tat, wenn sie schlecht geträumt hatte. Ashlyn glitt aus dem Bett und trat in den Flur. Die Tür zum anderen Schlafzimmer stand offen. Das Bett war abgezogen. Die zusätzliche Decke, die sonst vom Sofa verschwand, lag ordentlich gefaltet am Fußende, als würde sie zurückgegeben statt nur ausgeliehen. Der Kleiderschrank hing halb leer. Eine Reisetasche stand aufrecht neben der Kommode, gepackt und geschlossen, zu ordentlich für jemanden, der gut geschlafen hatte. Die Dusche verstummte. Ashlyn lehnte sich an den Türrahmen und wartete. Die Badezimmertür öffnete sich. Nasses Haar fiel über nackte Schultern. Einen Moment lang blieb Mara stehen, als sie Ashlyn im Türrahmen sah. „Du bist früh wach“, sagte Ashlyn. „Ich habe kaum geschlafen.“ „Ich auch nicht.“ Ohne die Tür zu schließen, zog Mara Jeans an. Keine Scham. Nur Resignation. Ein Pullover hing in ihren Händen. „Du musst nicht herumstehen.“ „Ich stehe nicht herum.“ „Du stehst um sechs Uhr morgens in der Tür und beobachtest, wie ich mich fertig mache.“ Ashlyn verschränkte die Arme. „Ich will nur wissen, ob es dir gut geht.“ Ein dünnes Ausatmen. „Ich werde zurück auf eine Schule geschickt, die ich hasse, weil Mom glaubt, Abstand würde alles reparieren. Wie gut soll es mir schon gehen?“ Das traf. „Sie denkt, es ist strukturiert. Sicher.“ „Sie denkt, es hält das Haus ruhig.“ Der Pullover glitt über ihre Arme. Der Stoff wurde glatt gestrichen, als ließe sich die Situation dadurch ordnen. „Ich werde nicht weggeschickt, weil ich gefährlich bin“, fuhr Mara fort. „Ich werde weggeschickt, weil ich alles komplizierter mache.“ „Das ist nicht fair.“ „Es stimmt.“ Ashlyn trat ganz ins Zimmer. „So sehe ich dich nicht.“ Ein müder Blick. „Nein. Du siehst es als etwas, das du reparieren musst.“ „Ich versuche nicht, dich zu reparieren.“ „Du reparierst alles.“ Nicht scharf. Nur erschöpft. „Ich versuche nur, dass nicht noch mehr auseinanderfällt.“ „Es ist längst auseinandergefallen.“ Stille legte sich über den Raum. Schwer, aber nicht feindselig. Aus dem Flur kam eine leise Stimme. „Ash?“ Beide drehten sich um. Nadja stand dort, das Haar zerzaust, die Wangen vom Schlaf gerötet. Ein Blick auf die Tasche reichte. Ihre Augen lösten sich nicht mehr davon. „Du gehst heute.“ Mara nickte. „Ja.“ „Mom hat Sommer gesagt.“ „Es hat sich geändert.“ Nadjas Blick wanderte in Richtung Küche, zur Tür am Ende des Flurs, wo ihre Mutter sich bewegte, aber nicht herauskam. „Es ändert sich immer“, sagte sie leise. Ashlyn ging zu ihr und kniete sich hin. „Komm her.“ Nadja ging an ihr vorbei ins Zimmer. Sie nahm die gefaltete Decke vom Bett und hielt sie an sich gedrückt. „Du hast sie gefaltet.“ „Ich wollte sie nicht herumliegen lassen.“ „Sie ist deine.“ „Sie gehört dem Haus.“ Nadja drückte ihr Gesicht kurz in den Stoff, bevor sie die Decke sorgfältig zurücklegte. „Du musst nicht gehen“, sagte Ashlyn. „Doch. Muss ich.“ „Nein.“ Mara spannte den Kiefer an. „Du glaubst, hierzubleiben hilft?“ „Hier zu sein ist besser, als zu verschwinden.“ „Ich verschwinde nicht.“ „So fühlt es sich an.“ Nadja wurde ganz still. Mara sah Ashlyn direkt an. „Du siehst es nicht.“ „Was sehe ich nicht?“ „Wie eng es hier ist. Jeder Raum hält die Luft an.“ „Wir wohnen hier.“ „Eben.“ Das Wort wog schwerer als gedacht. „Glaubst du, ich fühle das nicht?“ fragte Ashlyn. „Ich glaube, du tust so, als würdest du es nicht.“ „Ich tue nicht so.“ „Du schluckst es.“ „Das ist etwas anderes.“ „Nein.“ In der Küche fiel eine Schranktür zu. Ihre Mutter bewegte sich, kam aber nicht heraus. „Du darfst das nicht edel machen“, sagte Ashlyn leise. „Du gehst, weil es einfacher ist.“ Mara blinzelte. „Einfacher?“ „Ja.“ „Du glaubst, dorthin zurückzugehen ist einfacher als hier zu sein?“ „Nicht hier zu sein ist es.“ Die Worte blieben zwischen ihnen hängen. „Du glaubst, ich merke nicht, wie du alles aufhebst?“, fragte Mara. „Für Mom. Für mich.“ „Das ist nicht der Punkt.“ „Doch.“ „Du musst mich nicht beschützen.“ „Ich beschütze dich nicht.“ „Was machst du dann?“ Ashlyn zögerte. „Tragen“, sagte Mara. Nadja verschob ihr Gewicht, sagte aber nichts. „Wenn ich bleibe“, fuhr Mara fort, „bleibe ich, weil du Verstärkung brauchst. Nicht weil es mir gut geht.“ „Ich brauche keine Verstärkung.“ Mara sah sie weich an, was es nur schlimmer machte. „Doch.“ Die Küchenuhr piepte. „Du könntest wenigstens bleiben“, sagte Ashlyn. „Ich habe es versucht.“ „Versuch es noch einmal.“ „Wenn ich jetzt nicht gehe, gehe ich gar nicht mehr.“ „Vielleicht ist das okay.“ „Ist es nicht.“ „Du darfst das nicht für mich entscheiden.“ „Und du darfst nicht entscheiden, dass Gehen alles löst.“ Die Luft wurde dünner. „Kommt Mom raus?“, fragte Nadja leise. Niemand antwortete. Mara nahm die Reisetasche. „Du gehst immer, bevor es laut wird“, sagte Ashlyn. „Das ist nicht fair.“ „Vielleicht.“ Noch eine Schranktür in der Küche. Mara sah kurz dorthin und dann zurück. „Ich kann hier nicht weiterkämpfen.“ „Niemand verlangt, dass du kämpfst.“ „Doch. Du.“ Das Klopfen an der Tür schnitt durch alles, was noch gesagt werden konnte. Mara hob die Tasche auf. Nadja trat zur Seite. Ashlyn öffnete die Tür. Der Fahrer nickte kurz und nahm die Tasche. Kalte Luft strömte ins Haus, als sie hinausgingen. Am Bordstein kniete Mara sich vor Nadja. „Ich rufe an, wenn ich angekommen bin.“ Nadja nickte. „Besser.“ „Mach ich.“ „Versprochen?“ „Versprochen.“ Kleine Arme legten sich fest um ihren Hals und hielten länger als sonst. Als sie sich lösten, sah Mara Ashlyn an. „Trag nicht alles allein.“ Ashlyn hielt ihrem Blick stand. „Verschwinde nicht.“ Etwas blieb unausgesprochen zwischen ihnen. Die Autotür schloss sich, der Motor sprang an. Sie standen nebeneinander und sahen zu, bis die Rücklichter am Ende der Straße verschwanden. Als Ashlyn wieder ins Haus trat, fühlte es sich größer an als eine Stunde zuvor. Nicht stiller. Leer. Sie blieb in der Küche stehen, die Hände auf die Arbeitsplatte gestützt, und starrte auf den Platz, an dem die Tasche gestanden hatte. Ihr Handy vibrierte. Sie sah nach unten. Toby rief an.
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