Wiederholte Geräusche - Chapter 1

1119 Words
Hinweis der Autorin / Inhaltswarnung Diese Geschichte enthält Themen wie emotionale Manipulation, obsessive Beziehungen, Traumabindung, familiäre Instabilität und psychische Belastung. Einige Szenen können für Leserinnen und Leser, die sensibel auf kontrollierende Dynamiken oder ungesunde romantische Bindungen reagieren, belastend sein. Lesen nach eigenem Ermessen wird empfohlen. „Ich bleibe nicht die ganze Woche.“ Ashlyn sagte es, bevor das Auto überhaupt richtig geparkt war. Der Blinker tickte weiter, obwohl sie längst im Schotterparkplatz standen, Kiefern drängten sich von beiden Seiten heran, Hütten lagen verstreut, als gehörten sie zu einer Prospektversion von Frieden. Ein hölzernes Schild am Eingang verkündete in fröhlich geschnitzten Buchstaben WILLKOMMEN IM CAMP STILLWATER. Ihre Mutter stellte endlich den Blinker ab. Gott sei Dank, dachte Ashlyn. Das Klicken hatte ihr während der ganzen Fahrt auf die Nerven geschlagen – ein gleichmäßiges, nutzloses Geräusch, das nirgendwohin führte. Es fühlte sich zu vertraut an. Wiederholend. Sinnlos. Als wäre man in etwas gefangen, das sich einfach nicht vorwärts bewegen wollte. „Doch, das wirst du.“ „Ich kann das nicht.“ Ihr Hals brannte. „Du kannst mich nicht einfach hierher bringen und erwarten, dass ich plötzlich okay bin.“ „Du wirst es sein“, widersprach ihre Mutter. „Nein. Werde ich nicht.“ Ihre Stimme brach, und sie hasste das. „Du kannst mich nicht einfach irgendwo bei Fremden absetzen und erwarten, dass ich plötzlich anders bin.“ Ihre Mutter stellte den Motor ab, und die plötzliche Stille fühlte sich schwerer an als der Streit. „Hier geht es nicht um Magie“, sagte sie leise. „Es geht um Mühe. Darum, dich aus deiner Komfortzone zu holen.“ Ashlyn lachte einmal, scharf und spröde. „Du meinst so tun.“ So tun konnte sie gut. Der Kiefer ihrer Mutter spannte sich an. „Du kannst nicht jedes Mal aufgeben, sobald sich etwas unangenehm anfühlt.“ Unangenehm. Dieses Wort schon wieder. Ashlyn starrte durch die Windschutzscheibe auf Kinder, die Seesäcke ausluden, als wäre das hier normal. Als würden sie nicht im Namen von Wachstum einfach abgeladen werden. „Du und Dad habt das auch immer gesagt“, murmelte sie. „Direkt bevor ihr eine Tasche gepackt habt.“ Ihre Mutter zuckte zusammen. Klein. Schnell. Aber Ashlyn sah es. Sie sah es immer. „Das ist nicht fair.“ „Das hier auch nicht.“ Irgendwo hinter ihnen schlug eine Autotür zu. Lachen driftete durch die Bäume. Alles klang zu leicht. „Wenn ich es hasse, rufe ich Dad an“, sagte Ashlyn und umklammerte ihr Handy. Das Hintergrundbild war ein altes Foto von ihr und ihrem Vater, von bevor alles in stille Spannung und getrennte Zimmer zerbrochen war. „Du kannst anrufen, wen du willst. Du bleibst trotzdem.“ Genau das war das Problem. Die Leute sagten immer, sie würden bleiben – bis sie es nicht mehr taten. Sie blieben wütend. Sie blieben still. Sie blieben beim So-tun. Nichts fühlte sich je stabil an. Ruhe war nur vorübergehend. Ruhe war nur die Stille, bevor etwas zerbrach. Ihre Mutter griff nach ihrer Hand. „Du kannst nicht dein ganzes Leben in deinem Kopf verbringen. Du musst es wenigstens versuchen.“ Ashlyn zog ihre Hand zuerst weg. *** Der Kreis am Abend roch nach Rauch, Kiefernharz und erzwungener Verletzlichkeit. Tanner stand in der Mitte, als hätte er diesen Moment vor einem Spiegel geprobt. „Was ist eure größte Angst?“ fragte er fröhlich. „So können wir etwas über einander lernen.“ Ashlyn verschränkte die Arme und vermied Blickkontakt. Sie konnte Fremden nie lange in die Augen sehen. Ihre Haut fühlte sich dann zu eng an, als würde jemand nach Rissen suchen. Ein Mädchen auf der anderen Seite des Kreises hob die Hand. „Ich habe Angst zu ersticken.“ „Gültige Angst“, sagte Tanner grinsend. „Keine Plastiktüten hier.“ Gelächter lief durch den Kreis am Feuer. Ein Junge mit Brille räusperte sich. „Ich habe Angst, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Meine Eltern sind gestorben, als ich klein war. Ich möchte sie wiedersehen.“ Der Kreis wurde für eine halbe Sekunde still. Diese halbe Sekunde dauerte zu lange. „Falsches Camp dafür, Kumpel“, sagte Tanner leicht. „Der Nächste.“ Ashlyns Magen zog sich zusammen. Warum fragen, wenn man die echte Antwort nicht hören will? Ein anderer Junge zögerte, als Tanner auf ihn zeigte. „Ich habe Angst davor, beurteilt zu werden.“ Das blonde Mädchen neben ihm zögerte nicht. „Ich beurteile dich gerade.“ Der Kreis brach in Gelächter aus. Ashlyn lachte nicht. Stattdessen beobachtete sie das Gesicht des Jungen. Die Veränderung war klein – kaum sichtbar – ein Anspannen um seinen Mund, bevor er sich zu einem Grinsen zwang. Das war schlimmer. Sie hasste es, dass sie das bemerkte. Sie hasste es, dass es sonst niemand tat, und dann legte sich etwas Kälteres in ihre Brust. Sie hatte ihn auch beurteilt. Dafür, dass er es laut gesagt hatte. Dafür, dass er so ehrlich gewesen war. Dafür, Fremden etwas zu geben, das sie gegen ihn verwenden konnten. „Ashlyn?“ Ihr Name traf sie wie ein geworfener Stein. Sie sah zu schnell auf. Ihr Puls schoss hoch. „Deine größte Angst.“ Zwanzig Gesichter wandten sich ihr zu. Ihre Mutter saß direkt hinter ihr, nah genug, um es zu hören. Nah genug, um es später zu analysieren. Ashlyns Finger gruben sich in ihre Handflächen. „Ich habe vor nichts Angst.“ Das blonde Mädchen schnaubte. „Natürlich nicht. Du siehst aus wie der Typ Mensch, der denkt, er wäre besser als alle anderen.“ Ein paar Leute lachten wieder. Hitze kroch Ashlyn den Nacken hinauf. „Vor gar nichts?“ hakte Tanner nach. Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich.“ Es war eine Lüge, und sie wusste es. Sie hatte vor allem Angst. Davor, das Falsche zu sagen. Davor, zu viel zu sein. Davor, nicht genug zu sein. Davor, dass Menschen gehen. Davor, dass Menschen bleiben. Sie hatte dieses gleiche angespannte Lächeln schon bei der Scheidung getragen. In den Nächten, in denen ihr Haus sich wie eine als Normalität verkleidete Kriegszone anfühlte. In der Nacht, in der ihre Schwester in ein Programm außerhalb der Stadt geschickt wurde, nachdem alles zu weit eskaliert war, um noch so zu tun als wäre alles in Ordnung. Durch das Flüstern über das Baby, das die letzte Illusion von Stabilität zerbrach. Sie hatte früh etwas gelernt. Gib Menschen keine Munition. „Okay“, sagte Tanner leicht. „Mutiges Mädchen.“ Die Art, wie er es sagte, klang nach Zweifel. Der Kreis machte weiter. Ashlyns Haut fühlte sich zu eng an. Auf der anderen Seite des Feuers beobachtete sie jemand, als würde er ihre größte Angst bereits kennen.
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