Der Vorratsraum roch nach Antiseptikum und Staub.
Ich hielt meinen Rücken fest gegen die Tür gepresst, die Hand noch immer am Griff, bereit, sie zuzuhalten, falls die Familie zurückkam. Doch der Korridor war inzwischen still geworden, nur die gedämpften, gebrochenen Schluchzer entfernten sich in Richtung des Zimmers des Fahrers.
Christian hatte sich nicht bewegt.
Er stand zwei Schritte von mir entfernt, die Schultern gegen ein Metallregal gelehnt, die Arme fest vor der Brust verschränkt. Das trübe Neonlicht über uns flackerte einmal und tauchte sein Gesicht in wechselnde Schatten. Sein Kiefer war angespannt, aber nicht auf diese arrogante, trotzige Art, an die ich mich gewöhnt hatte. Das hier war anders. Das war ein Mann, der sich nur mit purer Willenskraft zusammenhielt.
Ich betrachtete ihn. Wirklich betrachtete ihn.
Die Gerüchte hatten Christian als verwöhnten Erben dargestellt. Rücksichtslos, anspruchsvoll, einen Playboy, der Autos und Frauen mit derselben Gleichgültigkeit verschliss. Ganz anders als sein korrekter, vorbildlicher älterer Bruder, der das Unternehmen am Laufen hielt, damit Christian sein schönes Leben führen konnte.
Er war auch nicht der Mann, den seine Leute aus ihm gemacht hatten. Er war kein perfekter griechischer Gott, der Kunst liebte und in allem gut war.
Ich hatte das alles geglaubt. Ich hatte mich gegen ihn gewappnet und Tantrums, Forderungen und als Forderungen getarnte Tantrums erwartet. Oder Schlimmeres, besonders nach den Seiten, die er mir in der kurzen Zeit gezeigt hatte, die ich ihn kannte.
Aber dieser Mann … derjenige, der still in einem engen Vorratsraum stand, während sein Fahrer ein paar Gänge weiter um sein Leben kämpfte und die Anschuldigungen einer trauernden Familie noch in seinen Ohren hallten – dieser Mann hatte keinen einzigen Schlag ausgeteilt. Er hatte die Stimme nicht erhoben. Er hatte niemanden daran erinnert, wer er war oder wie viel Geld er besaß.
Er hatte einfach nur gesagt: Es tut mir leid. Und er hatte es ernst gemeint.
Christian war überraschend … viel menschlicher, als irgendjemand ihm wahrscheinlich zugetraut hatte.
„Du hättest das nicht tun müssen“, sagte er leise, ohne mich anzusehen. „Dich vor sie stellen. Du hättest verletzt werden können.“
„Das ist mein Job“, antwortete ich. „Dich zu beschützen.“
Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Bin ich das alles für dich? Nur dein Job? Eine Person, für die eine andere am Ende verletzt wird?“
Die Frage hing schwer zwischen uns – zu schwer für einen Vorratsraum, zu ehrlich, als dass einer von uns sie hätte beantworten können.
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen – was auch immer –, doch plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Seine Augen verengten sich, als würde er Teile eines Puzzles zusammensetzen, das ich nicht sehen konnte.
„Der Unfall“, sagte er langsam. „Das Timing. Das Restaurant. Wie das Auto uns so getroffen hat.“
Mein Puls beschleunigte sich. „Was willst du damit sagen?“
Er sah mir endlich in die Augen. Die Trauer war noch da, aber darunter stieg etwas Schärferes auf. „Ich will damit sagen, dass mein Fahrer nichts falsch gemacht hat. Er hat nicht die Kontrolle verloren. Ich erinnere mich ganz genau. Er sagte, irgendetwas funktioniere nicht, und in dem Moment, in dem er auf die Bremse trat, passierte die Explosion. Jemand wollte, dass ich in diesem Wagen sitze, als es passiert ist.“
Bevor ich antworten konnte, vibrierte die Tür des Vorratsraums gegen meinen Rücken – ein scharfes, bewusstes Klopfen.
„Elena.“ Colins Stimme, leise und beherrscht. „Ich bin’s. Colin.“
Ich ließ den Griff los und ließ ihn herein. Sein Blick scannte den Raum einmal – Christians Position, meine Position, die Ausgänge. Standardprotokoll. Aber um seinen Mund lag etwas Angespanntes.
„Wir haben eine Situation“, sagte Colin. „Der Vater von Young Master ist gerade eingetroffen.“
Christian straffte sich. „Was?“
„Er hat gehört, dass du das Meeting frühzeitig verlassen hast. Jemand hat ihm auch gesagt, dass du hier bist. Er ist im Flur zusammengebrochen. Die Sanitäter sind bei ihm.“
Ich sah, wie alle Farbe aus Christians Gesicht wich. Er bewegte sich zur Tür, doch Colin hob die Hand.
„Sie bringen ihn in die Notaufnahme. Bleib hier, bis…“
Christian drängte sich trotzdem vorbei, und ich folgte ihm sofort.
Im Korridor herrschte Chaos. Zwei Sanitäter kümmerten sich um einen älteren Mann, der auf einer Trage lag. Christians Vater. Sein Gesicht war aschfahl, eine Sauerstoffmaske über dem Mund befestigt.
Christian blieb einige Schritte entfernt stehen, die Hände nutzlos an den Seiten herabhängend. Er sah seinen Vater an, und für lange Zeit sah es aus, als würde seine ganze Welt zusammenbrechen.
Ich sah es. Den rohen, unverfälschten Kummer, der seine Züge nach unten zog. Diesmal keine Schuld. Nur Trauer. Rein und hilflos.
Er streckte die Hand aus, als wollte er seinen Vater berühren, hielt dann aber inne, als die Sanitäter die Trage wegrollten. Colin und zwei weitere Männer im Anzug folgten ihnen sofort.
Ich weiß nicht, was mich bewegte.
Vielleicht die Art, wie sich seine Finger im letzten Moment zur Faust ballten. Vielleicht die Art, wie er schwer schluckte, wie sein Hals arbeitete, wie er Tränen zurückkämpfte, die er niemals vor jemandem vergießen würde. Vielleicht die Erkenntnis, dass Christian sein ganzes Leben lang gehört hatte, dass er nicht zusammenbrechen durfte.
Ich trat vor.
Meine Hand fand seine, und meine Finger schlangen sich durch seine – rau und plötzlich, ohne Erlaubnis oder Vorwand.
Sein Kopf fuhr zu mir herum, die Augen weit aufgerissen.
Ich ließ nicht los.
Die Sanitäter rollten seinen Vater in Richtung der Notaufnahme. Der Korridor leerte sich, bis nur noch wir drei übrig waren. Colin beobachtete aus sicherer Entfernung, Christian stand reglos neben mir, und meine Hand hielt seine noch immer fest wie einen Rettungsanker.