Kapitel 1

1171 Words
„Was für ein verdammter Witz.“ Meine Stimme durchschnitt die steife Atmosphäre, und alle um mich herum erstarrten. Ich hob den Blick, meine Augen huschten zur rechten Seite des Tisches, an dem ich saß. Meine Familie – die angesehene Moretti-Familie – besetzte diese Seite, ihre Gesichter ernst, die Augen jetzt weit aufgerissen und entsetzt über die Worte, die mir gerade entschlüpft waren. Meine Mutter richtete sich auf und wollte etwas sagen, doch ich wandte mich ab und zwang sie, es wieder hinunterzuschlucken. Mein Blick blieb schließlich auf der gegenüberliegenden Seite hängen. Die Volkov-Familie. Dieselbe Familie, die seit so langer Zeit Feindschaft mit meiner pflegte, dass niemand mehr an diesem Tisch eigentlich wusste, worum es in dem eigentlichen Streit überhaupt gegangen war – nur, dass man sich nicht vermischte. Na ja. Bis jetzt. Bis beide Familien entschieden hatten, dass eine Heirat der beste Weg sei, die Beziehung zu kitten, und ich … Eleanor Moretti … als Bauernopfer meiner Familie auserkoren wurde. Entschuldigung – als Vertreterin. „Haben Sie Einwände gegen unseren Vorschlag, Liebes?“ Meine Zähne knirschten bei der herablassenden Art, wie Alexander Volkov mich musterte. Als wäre ich ein kleines Kind, dessen Meinung ohnehin keine Rolle spielt. „Natürlich habe ich die“, sagte ich, bevor meine Eltern, die plötzlich unter dem Gewicht der alten Fehde zusammengesackt waren und anscheinend nur noch daran dachten, sie loszuwerden, reagieren konnten. „Hier sitzen alle zusammen, um etwas so Wichtiges wie eine Ehe zu entscheiden – mit mir als Hauptperson. Da sollte meine Meinung wohl am meisten zählen.“ „Eleanor“, sagte mein Vater, seine Stimme immer noch streng. „Wir sind nicht hier, um Witze zu machen. Die Volkovs haben uns ein sehr faires Angebot gemacht, und außerdem gibt es zwei Optionen. Zwei sehr geeignete Junggesellen, wobei der zweite junge Herr eine markante Persönlichkeit ist – gut gebildet und von tadellosem Auftreten. Manchmal muss man eben Opfer bringen, um des Friedens willen. Und das hier könnte eines dieser Opfer sein. Wir haben eine sehr gute Wahl für dich getroffen und …“ „Ich opfere mich bereits, indem ich es überhaupt in Betracht ziehe, Vater. Wenn die Volkovs so überzeugt von ihren Erben und besonders vom zweiten jungen Herrn sind – wie wäre es dann, wenn ich selbst die Entscheidung treffe?“ Alexander betrachtete mich, dann brach ein Lächeln über sein Gesicht. Der Tisch war verstummt, der Tee und die Desserts längst kalt geworden. Keiner der sogenannten Volkov-Brüder – einschließlich des zweiten jungen Herrn, von dem alle so schwärmten – hatte es überhaupt für nötig gehalten, zu diesem Treffen zu erscheinen. Und ich, die man einzig und allein wegen familiärer Verpflichtung hierhergeschleppt hatte, sollte einfach so zustimmen? Als wäre meine Familie irgendwie weniger wert als ihre? „Sagen Sie uns, was Sie damit meinen, Eleanor.“ „Ihre Söhne“, sagte ich, beugte mich vor und verschränkte die Hände vor mir. „Ich glaube nicht so recht, dass sie die geeigneten Junggesellen sind, als die Sie sie hinstellen – sonst hätten Sie sie nicht einmal vor diesem Treffen versteckt.“ Ich hörte das Keuchen ringsum, doch Alexander lächelte nur. „Ich versichere Ihnen, das sind sie. Kain ist arbeiten, und Christian ist derzeit im Ausland …“ „Ausreden“, unterbrach ich ihn. „Wir reden hier von meiner Ehe. Von einem Bündnis, das den Rest meines Lebens bestimmt – ob gut oder schlecht. Deshalb habe ich meine eigenen Bedingungen.“ Mein Vater beugte sich vor. „Eleanor, das ist jetzt nicht der richtige Moment. Der zweite junge Herr ist die beste …“ „Genau jetzt ist der richtige Moment, Vater.“ Ich wandte mich wieder Alexander zu. „Ich werde selbst meinen Bräutigam auswählen. Es wäre ein Leichtes für Sie, mir den weniger wünschenswerten Sohn hübsch verpackt auf den Schoß zu legen, aber ich möchte sie beide selbst bewerten. Ich werde beide Söhne beobachten, bevor ich endgültig entscheide, wen ich heirate, um diese Fehde endlich beizulegen.“ Alexander holte tief Luft und warf einen Blick in die Runde seiner Familie. Ein stilles Einverständnis ging zwischen ihnen hin und her, bevor er sich wieder mir zuwandte. „Natürlich. Solange die Wahl zwischen meinen beiden Söhnen bleibt. Es liegt in unser beider Interesse, dass diese Ehe zustande kommt und wir die Beziehungen endlich kitten können. Deshalb stimmen wir zu.“ Ich nickte langsam. „Freut mich, dass Sie einverstanden sind. Dann habe ich noch zwei Bedingungen.“ Er nickte. „Nur zu.“ „Meine Identität bleibt beiden gegenüber geheim. Da sie heute nicht hier sind, wissen sie vermutlich nicht, wer die Vertreterin der Moretti-Familie ist. Das soll auch so bleiben, während ich sie beurteile. Ich will nicht, dass sie sich nur von ihrer besten Seite zeigen, um mich zu beeindrucken.“ Alexander nickte erneut. „Sie haben mein Wort. Niemand aus meiner Familie an diesem Tisch wird ihnen auch nur andeuten, wer Sie wirklich sind. Sie können auf jede erdenkliche Weise in ihr Leben treten.“ „Dann meine letzte Bedingung.“ Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme. „Ich fühle mich nicht wohl dabei, den Rest meines Lebens für dieses Bündnis zu opfern. Deshalb: Nachdem ich meine Wahl getroffen habe und wir verheiratet sind – wenn es in der Ehe nach einem Jahr keine … emotionale Entwicklung gegeben hat, bin ich frei, ohne Fesseln, ohne Bindung und ohne die Last dieser Fehde wieder zu gehen. Ich habe die zerrütteten Beziehungen, die Sie beide kitten wollen, nicht verursacht. Deshalb werde ich auch nicht den Rest meines Lebens in einer toten Ehe dafür opfern.“ Meine Mutter stieß einen zitternden Seufzer aus. Alexander betrachtete mich lange, bevor er langsam nickte und sich zurücklehnte. „Einverstanden. Wir lassen unseren Familienanwalt einen neuen Vertrag mit all Ihren Klauseln aufsetzen. Den jetzigen können wir vergessen.“ Ich nickte zufrieden mit dem Ergebnis. Alexander stand langsam auf. „Es war ein Vergnügen, mit Ihnen zu sprechen, Eleanor. Ich hoffe, Sie treffen Ihre Entscheidung so schnell wie möglich, damit der Rest von uns mit den Planungen für die Hochzeit des Jahrhunderts beginnen kann. Ganz Deutschland wird stillstehen für die Vereinigung unserer Familien.“ Ich stand ebenfalls auf, streckte ihm die Hand entgegen, mein Brustkorb hob und senkte sich. Unsere Blicke trafen sich, als seine Finger sich um meine schlossen. Ich zwang ein schmales Lächeln auf meine Lippen. „Das hoffe ich auch. Und wenn Ihre Söhne wirklich so sind, wie Sie sie schildern, sollte es nicht allzu lange dauern.“ Er lächelte erneut, schüttelte dann meinen Eltern die Hände und ging. Der Rest der Familie folgte ihm dichtauf, sodass der Bankettsaal des Fünf-Sterne-Hotels, das man extra für dieses Treffen gebucht hatte, plötzlich halb leer war. Ich blieb stehen und betrachtete den Vertrag, der beinahe mein ganzes Leben an einen Mann gekettet hätte, den ich nicht einmal kenne. Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht, meine Augen schmal vor Entschlossenheit. Dann wird es wohl Zeit, den berühmten zweiten jungen Herrn kennenzulernen. Ich hoffe sehr, er wird dem Hype seiner Familie gerecht.
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