Die Sanitäter waren am Unfallort eingetroffen und hatten begonnen, sich um Christian und den Fahrer zu kümmern, als ein schwarzer Limousine mit quietschenden Reifen direkt vor der Stelle zum Stehen kam.
Alexander Volkov stieg aus der hinteren Tür, begleitet von Marianna Volkov, seiner Frau. Beide wirkten sichtlich erschüttert. Marianna, die für ihre Eleganz und ihre Liebe zu Schmuck bekannt war, trug ausnahmsweise nichts außer einem schlichten Kleid – kein Schmuck, keine Accessoires.
Ich trat von Christians Seite zurück, als Marianna zu der Stelle rannte, wo er hinten im Rettungswagen saß und versorgt wurde.
„Geht’s dir gut?“ Ihre Stimme zitterte, als müsste sie sich sehr zusammenreißen, um nicht zu weinen. „Wie konnte das passieren? Wer hat das in deinem Wagen platziert? Wie kann jemand meinem unschuldigen Jungen so etwas antun?“
Christian schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Nicht ganz unschuldig, Mum. Und mir geht’s wirklich gut. Schau mich an. Außerdem war jemand da, der mich gerettet hat. Du solltest dich wahrscheinlich bei ihr bedanken.“
Sowohl Marianna als auch Alexander drehten sich zu mir um. Marianna nickte, streckte mir die Hand entgegen.
„Danke, dass Sie meinen Sohn gerettet haben.“
Ich lächelte. „War doch nichts.“
Alexander schenkte mir ein wissendes Lächeln, das ich erwiderte, bevor er sich abwandte.
„Das geht so nicht weiter“, fuhr Marianna fort, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. „Wir waren zu nachlässig. Du brauchst einen Bodyguard. Diese Bastarde haben nur darauf gewartet, dass du zurückkommst. Du musst aufhören, hier zu arbeiten, Christian. Sie wissen jetzt, dass du hier bist. Ich verstehe, dass du ein normales Leben spüren willst, aber du hast genug erlebt. Bitte. Wir werden dir Bodyguards mit strengen Sicherheitsprotokollen zuteilen. Wir lassen nicht zu, dass sie an dich herankommen.“
Christian löste sich sanft aus der erdrückenden Umarmung seiner Mutter und hielt ihren Blick fest.
„Mum, bitte. Ich bin kein Kind mehr. Ich lasse mich nicht wegen eines einzigen Unfalls einsperren.“
„Es war aber kein Unfall“, sagte Alexander, seine Stimme fest und schwer. Zum ersten Mal mischte er sich ein. „Wir gehen kein Risiko mehr ein. Das ist endgültig. Ab jetzt hast du einen Bodyguard. Darüber wird nicht verhandelt.“
Ein genervter Seufzer entwich Christians Lippen. Er lehnte sich zurück, setzte sich dann aber wieder auf, als wäre ihm plötzlich eine Idee gekommen.
„Gut. Aber ich darf den Bodyguard selbst aussuchen.“ Es war sein letzter Versuch, ein Stück Freiheit zu behalten – und im Moment wahrscheinlich der einzige.
„Christian“, begann Alexander, doch Christian hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.
„Ich habe schon zugestimmt, einen Bodyguard zu bekommen. Dafür musst du meiner Bedingung zustimmen. Ich teste die Kandidaten selbst und wähle den aus, der mir am besten passt.“
Alexander seufzte, dann nickte er. „Solange du geschützt bist.“
Ich verbarg ein kleines Lächeln. Nicht nur war Christian mir ähnlicher, als ich je gedacht hätte – sein Vorschlag, den Bodyguard selbst auszuwählen, hatte mir gerade eine weitere perfekte Gelegenheit verschafft, ihm nahe zu sein. Auch wenn er jetzt nicht mehr im Restaurant arbeiten würde. Es war ideal.
Sobald Christian mit Alexander und Marianna weggefahren war und ich auf dem Weg nach Hause war, setzte ich mich sofort an meinen Lebenslauf. Eine entfernte familiäre Herkunft, die niemand nachverfolgen konnte, und echte Erfahrung in Kampfsport. Am nächsten Morgen klickte ich auf „Absenden“.
Jetzt… warten.
Das Warten dauerte nicht lange. Vier Tage später landete die offizielle Einladung zum Vorstellungsgespräch in meinem Postfach. Offenbar waren sie sehr darauf bedacht, Christian gut zu schützen – der Prozess lief erstaunlich reibungslos.
Ich traf im Hochhaus der Volkov-Zentrale ein, zusammen mit fünfzehn anderen – alles Männer. Man führte uns in einen großen, leeren Raum, der wie eine Turnhalle aussah. Mitten darin stand ein großer Mann in einer schwarzen Weste, auf der in fetten Buchstaben „TARGET“ stand. Daneben verschiedene Geräte, die offenbar für die bevorstehenden Tests gedacht waren.
„Willkommen“, sagte ein Mann, der vor uns stand. Er war groß, kräftig gebaut und überragte alle Kandidaten deutlich. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt.
„Herzlichen Glückwunsch, dass Sie die erste Auswahlrunde überstanden haben. Ich bin Sicherheitschef Colin, mein Assistent ist dort drüben – Ian. Wir werden Sie in mehreren Runden testen. In jeder Runde scheiden die unteren fünf Kandidaten aus, bis nur noch einer übrig bleibt. Sie haben zwei Minuten, um sich vorzubereiten. Der junge Herr, für den Sie arbeiten werden, ist bereits auf dem Weg.“
Ich streckte mich, zupfte mein Shirt zurecht, ließ den Blick durch den sonnendurchfluteten Raum schweifen.
„Wir beginnen jetzt“, verkündete Sicherheitschef Colin erneut und klatschte in die Hände. „Zuerst der Schnelligkeitstest.“
Fünf Männer schieden aus. Ich sah zu, wie sie ihre Sachen packten und gingen. Ich atmete tief durch und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
„Nächster Test: Ausdauer!“
Diesmal nur zwei. Der Rest von uns lag ziemlich gleichauf.
„Krafttest“, verkündete er wieder.
Noch einmal drei weg. Sechs blieben übrig. Ich sah mich um. Die anderen wirkten elitär, bestens trainiert. Ich durfte nicht gegen sie verlieren – sonst wäre meine Chance, Chris aus nächster Nähe zu studieren, dahin.
„Herzlichen Glückwunsch an alle sechs!“, rief Colin. „Sie gehen jetzt in den finalen Test. Es werden drei Prüfungen in einer kombiniert, und die Eliminierung erfolgt nacheinander, bis wir die endgültige Wahl haben.“
Ich machte mich wieder bereit, sammelte neue Energie nach den vorherigen Tests, als die Tür aufging.
Wir drehten uns alle um. Christian trat ein. Er war makellos gekleidet: maßgeschneiderte schwarze Hose, weißes Hemd, das bis zum Schlüsselbein offen stand, Sonnenbrille hoch auf seiner geraden, römischen Nase. Die Haare im Wolf-Cut geteilt, der Blick prüfend.
Sein Blick traf meinen, bevor er sich abwandte und zu den Tribünen ging. Ich beobachtete, wie er sich lässig zurücklehnte, fast schon faul, und sich einen einzelnen Lutscher in den Mund steckte. Seine Zunge spielte darum herum.
„Sir“, sagte Colin und verneigte sich respektvoll. „Das sind die verbliebenen Kandidaten nach den ersten Tests. Wir gehen jetzt in den finalen Test, damit Sie Ihren Bodyguard bekommen.“
Christian ließ den Blick über uns schweifen und nickte. Es war klar, dass die endgültige Entscheidung bei ihm liegen würde. Ich hoffte sehr, dass mein Eingreifen von vorhin etwas zählte.
„Macht weiter“, sagte er schlicht, lehnte sich zurück und beobachtete uns.