Kapitel 3 Wolkenlesen

2453 Words
GRACE Das Leben ist scheiße . Als ich mein Auto parkte, verzogen sich meine Lippen zu einem unangenehmen Schmollmund und mein Rücken sank in die Bequemlichkeit meines Sitzes zurück. Während ich einen Seufzer unterdrückte, der mir fast entfahren wäre, neigte ich den Kopf nach links und bemerkte dabei, dass mein Frühstück noch unberührt und vor neugierigen Blicken geschützt war. Ich griff träge danach und der Duft von Spiegeleiern und frischem Brot stieg mir in die Nase. Während ich mein Essen durch die Plastikverpackung hindurch betrachtete, in der es eingesperrt war, schlich sich die Erkenntnis in meinen Kopf, dass mein Leben bereits den tiefsten Tiefpunkt erreicht hatte, und schließlich stieß ich einen Seufzer aus. Seit ich das Büro verlassen habe, habe ich nur noch geseufzt. Ich habe so oft geseufzt, dass meine Schultern bestimmt ganz müde sind, weil sie all meine Gefühle aufgefangen haben. Bald zuckte ich mit den Achseln und sagte mir, dass ich mich erst um meinen wachsenden Hunger kümmern müsse, bevor ich über das Scheitern meines Lebens grübeln könne. Also zog ich meine Schuhe aus, stellte den Sitz so ein, dass meine Füße die Bedienelemente kaum noch berühren konnten, und holte mir ein belegtes Brötchen von meinem Frühstück hervor. Während ich das köstliche Essen genoss, begann ich über mein Leben nachzudenken. Beim Autofahren vermied ich solche Gedanken, weil ich mir selbst nicht traute. Ich habe schon mehrfach bewiesen, dass ich emotional instabil bin. Daher hätte ich möglicherweise einen Unfall verursacht, wenn ich beim Fahren nicht vorsichtig gewesen wäre. Ich schlug die Beine übereinander und nahm einen weiteren Bissen von meinem Essen. „ Das Zeug ist gut “, dachte ich, und danach dachte ich: „Mein Leben ist Scheiße !“ Samantha hatte Recht. Meine jüngste Art, mit dem Schmerz umzugehen, den ich schon lange mit mir herumtrage, verursacht mir unnötiges Leid. In gewisser Weise habe ich etwas Schädliches benutzt, um den Fehler in meinem Leben zu behandeln. Was könnte gefährlicher sein? Und die Tatsache, dass ich die Gefahr, in die ich mich selbst bringe, weiterhin ignoriere, verschlimmert die Sache nur noch. Erst letzte Woche wäre ich beinahe degradiert worden, weil ich viel zu früh zur Arbeit erschienen war. Ich war leicht angetrunken und irgendwie geil. Laut den Mitarbeitern, die an diesem Tag über Nacht geblieben waren, rieb ich mich trocken an einem der Regale in der Bibliothek, während ich Worte murmelte, die er nicht verstehen konnte. Abgesehen von der irrsinnigen Demütigung, in die ich mich immer wieder selbst hineinstürze, ist es klar, dass ich es absolut verdient habe, gefeuert zu werden. Aber was soll ich jetzt mit meinem Leben anfangen? Mit noch etwas Brot im Mund stöhnte ich wie ein hungriges Walbaby. Verzweiflung überkam mich, und meine Augenwinkel verengten sich, als ich in den Rest des Essens in meiner Hand biss. Die Qual in meiner Seele verstärkte sich und meine Augen begannen zu jucken. Sie schmerzten, fast so, als wollten sie mir sagen, dass noch mehr Tränen kommen würden. Aber mittlerweile bin ich des Weinens absolut überdrüssig. Ich habe in den letzten Wochen so viele Tränen vergossen, dass ich einfach nicht mehr kann. Ein Klopfen an der Scheibe des Beifahrersitzes riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte auf und wischte mir den öligen Fleck von der Hand an der Hose ab. Es war Da... ja, David. Voller Aufregung winkte mir der Mann, mit dem ich beinahe geschlafen hätte, so heftig zu, dass ihm die vorderen Strähnen seiner gestylten Haare zur Seite fielen. Ich griff nach der Steuerung und ließ das Fenster herunter. Er steckte den Kopf ins Auto, doch sein breites Lächeln verschwand, als er sah, dass sich ein paar Tränen ihren Weg aus meinen Augen gebahnt hatten. Ich wandte mich schnell der anderen Seite zu und beseitigte alle Anzeichen dafür, dass ich tief in der Niedergeschlagenheit versunken war. „Rose... warum bist du so schnell wieder zurück? Warum siehst du so traurig aus?“ Ahh... Ich schätze, es ist zu spät, das Entdeckte zu verbergen. Ich wandte mich ihm wieder zu, und David strich sich die kleine Haarlocke aus dem Gesicht, die ihm die Sicht versperrte; auf seinem hübschen Gesicht lag ein Ausdruck der Besorgnis. Während ich mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen konnte, nahm ich mir einen Moment Zeit, um meine Fähigkeit zu würdigen, attraktive Männer auch im betrunkenen Zustand in mein Bett zu bekommen. „ Gut gemacht, Rose !“, dachte ich mit einem sarkastischen Lächeln und ermahnte mich, mir nicht länger falsche Namen zu geben, wenn ich betrunken bin. Ich wandte den Blick von dem süßen David ab, schnappte mir ein weiteres Sandwich, schaute auf die schlichte weiße Wand, vor der mein Auto stand, und aß schweigend weiter. David öffnete die Tür und ich spürte, wie er sich setzte. „Rose…“, rief er. „Grace“, korrigierte ich ihn, und er runzelte fragend die Stirn. „Ich heiße Grace. Nicht Rose. Na ja, betrunken bin ich anscheinend Rose oder wer auch immer sie sein will.“ Ich antwortete ihm mit gelangweilter Stimme. Jeder, der mich jetzt hört, würde denken, ich hätte die Nase voll vom Leben. Ha! Ich habe das Leben irgendwie satt. Er nickte, als ob er es verstanden hätte, und fuhr fort: „Okay, Grace. Warum bist du so früh zurück? Hast du etwas vergessen?“ „Ich wurde gefeuert!“, rief ich und schlug mit den Händen aufs Lenkrad. Ich weiß nicht, was mich plötzlich so aufgeregt hat … seine Fragen oder meine Lebenssituation. Ich holte zitternd Luft und atmete langsam wieder aus. Dieser lange Atemzug war Teil der Tränen, die ich so lange zurückgehalten hatte. Ich kniff die Augen zusammen, um die verschwommene Sicht zu klären, und warf einen Blick auf David, der noch immer kein Wort gesagt hatte. Sein besorgter Gesichtsausdruck war verschwunden und einem undurchschaubaren gewichen. „Willst du denn gar nichts sagen?“ Sein Schweigen ließ mich allmählich bereuen, dass ich wegen meines jüngsten Problems so lautstark protestiert hatte. „Hast du den Chef umgebracht oder so?“ Ich warf ihm einen ungläubigen Blick zu und griff nach einem weiteren Stück von meinem Essen. Nun ja, es war das letzte. David fuhr fort: „Ich meine die Frage ernst. Du warst zu spät. Na und? Heutzutage kommen viele Leute zu spät zur Arbeit. Es grassiert diese Faulheits-Grippe in der Stadt, und ich verrate dir ein Geheimnis …“ Er strich sich wieder die Haare zur Seite. „Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist von dieser Grippe betroffen. Schau dir die Statistiken an.“ Wie kann man nur so törichte Dinge mit Stolz sagen? „Hör mal, David.“ Ich seufzte. „Ich wurde gefeuert, weil ich zu spät kam. Und … das mache ich jetzt schon seit ein paar Wochen. Und außerdem habe ich mich in letzter Zeit ziemlich danebenbenommen, weil meine verantwortungslose und betrunkene Seite so ist.“ „Brauchst du eine Umarmung?“ Seine Frage ließ mich augenblicklich erzittern. Ich legte das unberührte Brot zurück in die Tüte. Ein kindlicher Ausdruck huschte über mein Gesicht, und ich nickte heftig. David beugte sich vor und schloss mich fest an sich, sein Parfüm stieg mir in die Nase. Er roch sehr männlich, und das weckte in mir den Wunsch, länger in der Umarmung zu verweilen. Abgesehen von Sam, der mich bei jeder Gelegenheit umarmt, gibt es kaum andere Menschen, die mich umarmen. „Okay, Grace … ich glaube, wir sollten nach oben gehen und uns etwas ansehen, worüber du lachen kannst. Was meinst du?“, fragte David, nachdem er mich aus seiner herzlichen Umarmung gelöst hatte. Nachdem ich meine Position so angepasst hatte, dass ich gut saß, blickte ich einige Sekunden lang nachdenklich auf. „Ich glaube, ich möchte einen Spaziergang machen.“ „Nun ja…“ Er nickte. „… Spazierengehen hilft tatsächlich, den Kopf frei zu bekommen. Los geht’s.“ „Halt, halt. Warte mal.“ Er zog die Augenbrauen hoch. Und ich muss sagen, dabei sieht er noch süßer aus. „Was machst du denn noch hier? Ich dachte, du wärst längst weg. Du hast ja nicht mal den One-Night-Stand bekommen, den du hättest haben können.“ „Nun ja, ich bin immer noch hier, auch wenn ich keinen s*x bekommen habe.“ Meine Lippen zogen sich zu einem schmalen Strich zusammen, während ich ihm einen entschuldigenden Blick zuwarf. „Ich wollte eigentlich schon gehen, aber ich sah Ihr Auto hier und musste nachsehen.“ „Ich kann es selbst kaum glauben, aber ich bin froh, dass du nicht gegangen bist.“ „Ich bin froh, dass ich keinen s*x mit dir hatte.“ „Hä?“ Ich war verwirrt. „Wenn wir das getan hätten, wäre ich nicht hier und du hättest wahrscheinlich den ganzen Tag hier gesessen und geweint, bis du nicht mehr konntest.“ „Bist du etwa ein Zauberer? Sowas würde ich auch machen“, erwiderte ich und freute mich ein bisschen über die Gesellschaft. „Lass uns spazieren gehen.“ Wir stiegen aus dem Auto und ich schloss es ab, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich mein Handy nicht im Auto vergessen hatte. „Warum bist du denn nicht bei der Arbeit?“, fragte ich ein paar Sekunden, nachdem wir den Bürgersteig erreicht hatten. „Ähm… ich bin freiberufliche Grafikdesignerin. Seit etwa sechs Monaten arbeite ich ausschließlich mit Verlagen zusammen.“ „Wirklich? Ich arbeite … nun ja, ich habe mal in einem Verlag gearbeitet.“ Meine Stimme schlug innerhalb kürzester Zeit von Begeisterung in deutliche Verzweiflung um. Als ob er die aufkommende Traurigkeit spürte, wechselte David sofort das Thema. „Hast du schon mal versucht, Wolken zu lesen?“ Ich sah ihn interessiert an. „Das ist so eine alberne, aber lustige Sache, die ich mache, wenn mir langweilig ist. An bewölkten Tagen schaue ich in den Himmel und deute die Wolkenformen. Einmal sah ich einen Dinosaurier mit einem kamelartigen Höcker und einer Meerjungfrauenschwanzflosse.“ „Wirklich?“ Er nickte, und ich kicherte. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Es war unglaublich und gleichzeitig aufregend, das zu hören. „Ich schwöre, ich hab’s gesehen. Und ich war nicht überrascht, denn eines Tages sah ich einen überglücklichen Esel posieren neben …“ Er stupste mich an. „… rate mal, was es war.“ „Äh … ein Burrito?“ Er schüttelte den Kopf. „Hamburger?“ „Nein. Es ist ein männliches Geschlechtsorgan.“ „Ein männliches Körperteil. Ist es das Geschlechtsorgan...?“ „Ja.“ Er ließ mich nicht einmal den Satz beenden. Als es mir endlich dämmerte, weiteten sich meine Augen vor Ungläubigkeit. Ich warf ihm einen kurzen Blick zu, lachte kurz auf und wandte den Blick ab. „Ich glaube dir nicht“, sagte ich. „Ich wünschte, ich würde lügen. Und bevor du es sagst …“ Seine Zeigefinger deuteten in meine Richtung. „Ich war an dem Tag nicht high.“ „Oh mein Gott!“ Ich brach in schallendes Gelächter aus und blieb wie angewurzelt stehen, um es richtig auszukosten. Als mir das Bild vor Augen kam, lachte ich noch mehr und erntete Blicke von Passanten. David stand einfach nur da und beobachtete mich mit einem breiten Grinsen. „Das muss ja irre gewesen sein.“ „Du solltest es mal versuchen“, schlug er vor. „Wolkenlesen ist eine tolle Möglichkeit, Spaß zu haben und den Kopf freizubekommen.“ Mein Vergnügen verflog und ich gab seinem Vorschlag nach. Als ich meinen Blick in den fernen Himmel richtete, sah ich, dass es viele Wolken gab, von denen einige sogar einen großen Teil der Sonne verdeckten. Ich kniff die Augen zusammen, aber da flog mir ein Papier ins Gesicht und versperrte mir die Sicht. „Äh… ich sehe nichts als Weiß.“ Ich nahm das Papier von meinem Gesicht und wollte es gerade in einen nahegelegenen Mülleimer werfen, als ich das Wort „STELLENANGEBOT“ in großen Lettern obenauf bemerkte. Das hat meine Aufmerksamkeit erregt. „Was ist das?“ David trat näher und schaute in das Papier hinein. „Müssen die Leute heutzutage noch Flugblätter drucken?“ „Sie brauchen einen Babysitter.“ Ich sah zu David auf. „Und ich brauche einen Job. Das ist gut. Ich kann zum Vorstellungsgespräch oder wie auch immer das heißt, gehen.“ „Du willst als Babysitterin arbeiten?“ Ich zuckte mit den Achseln und nickte auf seine Frage. „Du hast doch früher in einem Verlag gearbeitet. Warum willst du Babysitterin werden?“ „Es ist kein schlechter Job.“ „Ich weiß, dass es nicht so ist. Aber worauf ich hinauswill ist, dass Sie jetzt in jeden beliebigen Verlag gehen können. Und ich bin mir sicher, dass sie … Moment mal, welche Position hatten Sie inne?“ „Stellvertretender Chefredakteur.“ Ich bin überrascht, dass ich so unkompliziert mit einem Mann über etwas so Wichtiges sprechen kann, mit dem ich beinahe eine Affäre gehabt hätte. „Im Ernst? Warum willst du babysitten, wenn du so eine Qualifikation hast? Verlage würden alles dafür geben, dich zu engagieren. Du hast doch schon für Elite Publishing gearbeitet, Grace. Elite Publishing.“ Als mir klar wurde, dass ich ihm nie genau gesagt hatte, wo ich arbeite, runzelte ich die Stirn und fragte: „Woher wissen Sie das?“ „Ich habe eine Tasse in Ihrer Küche gesehen.“ Der Mann stotterte nicht. „Der Name der Firma war in großen Lettern darauf geschrieben.“ Ich nickte zustimmend. Ich besaß tatsächlich so eine Tasse. Genauer gesagt zwei. Sie waren Teil der Mitarbeitergeschenke, die wir vor drei Jahren zur Weihnachtsfeier bekamen. Ich war damals noch bei klarem Verstand. Ich straffte die Schultern und sagte: „Wen interessiert es, ob ich bei Elite gearbeitet habe? Ich habe viel durchgemacht, David. Ich brauche eine anständigere Ablenkung. Und mit Männern rumzumachen ist nun wirklich keine anständige Ablenkung. Außerdem ist der Grund für meine Entlassung nicht gerade erfreulich genug, um mir das Selbstvertrauen zu geben, mich anderen Arbeitgebern im Verlagswesen zu präsentieren.“ „Na gut, wenn du das sagst. Wann findet denn das Vorstellungsgespräch oder was auch immer statt?“ Ich weiß richtig? Ich weiß gar nicht, ob man für Babysitterjobs Vorstellungsgespräche bekommt. Ich habe in der Zeitung nachgesehen. „Morgen.“ „Weißt du überhaupt, wie man sich um ein Kind kümmert?“ „Ich habe mal einem Kind im Park geholfen, auf eine Schaukel zu steigen.“ Ich schaute ihn wieder an, nicht sicher, ob das zählte. „Wenn das möglich ist, sollte Babysitten für dich ja nicht so schwer sein.“ Ich lächelte breit und sagte: „Das wird schon gut gehen. Wie schwer kann es schon sein?“ Er zuckte mit den Achseln, erwiderte mein Lächeln, ergriff meine Hand und schlug vor, etwas essen zu gehen.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD