Kapitel 91

1125 Words
Dann folgte Mira von Hollowcrest, ein schwaches Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie den Kopf neigte. Einer nach dem anderen spiegelten einige andere die Geste wider — keine Unterwerfung, sondern Anerkennung. Merrick sah, wie Varrics Ausdruck sich anspannte, obwohl nicht einmal er unterbrach. Charise trat schließlich zurück, die Energie um sie herum beruhigte sich, verblasste aber nicht. Ihr Blick huschte einmal zu den Lunaris — zuerst traf er Merricks, dann Lyons, dann Pagans — und die Hitze in ihrem geteilten Band pulsierte so stark, dass er sie in den Zähnen spürte. Sie sagte kein weiteres Wort. Das musste sie nicht. Die zurückgelassene Stille war keine Opposition mehr. Es war eine Überlegung. Und Merrick wusste, während er zusah, wie sie sich leicht zu ihm drehte, dass sich in diesem Raum etwas Grundlegendes verschoben hatte — in ihr, in ihnen und in jedem Alpha, der zusah. Sie war als Fragezeichen hereingekommen. Sie hatte den Raum gerade verlassen und sie dazu gebracht, ihre eigenen Antworten zu überdenken. Die Kammer hatte sich gerade erst nach Charises Rede beruhigt — die Luft d**k von dem, was sie zurückgelassen hatte. Stärke. Trotz. Etwas, das bei mehreren der Zwölf gefährlich nah an Bewunderung grenzte. Merrick ließ die Stille noch einen Moment länger wirken, bevor er vortrat. „Wir haben noch eine Angelegenheit zu besprechen.“ Zwölf Augenpaare richteten sich auf ihn. Einige wachsam, andere respektvoll. „Das Wintercrest-Rudel.“ Ein leises Murmeln ging durch die Kammer. Sogar jene, die sich durch ihre Rede Charise gegenüber etwas geöffnet hatten, rutschten unruhig hin und her. Merrick hielt seinen Ton ruhig und knapp, so wie er es bei der Befehlsgebung von Schlachtstrategien tat. „Unsere Späher haben mehrere Vorstöße von Abtrünnigen entlang der nördlichen und östlichen Grate bestätigt — Gebiet, das zuvor unter Wintercrests Aufsicht stand. Darius’ Rückzug aus dem Schutz der Lunaris hat Verwundbarkeiten geschaffen, die wir uns nicht leisten können zu ignorieren.“ Er trat an die zentrale Karte heran, die auf dem polierten Steintisch ausgebreitet lag. Markierte Grenzen, Wolfs-Siegel, rote Tinte, die entlang der Grate blutete. „Die Zahl der Abtrünnigen steigt — koordinierte Bewegungen, keine zufälligen Angriffe. Es gibt Anzeichen für Handelsrouten zwischen den Rudeln, die unter Darius’ Einfluss abgefallen sind, und Abtrünnigen-Fraktionen, die jenseits der Frost-Ebenen operieren.“ Einer der älteren Alphas, Garrin von Hollowmist, runzelte die Stirn. „Ihr sagt, Darius verbündet sich mit ihnen?“ Merrick begegnete seinem Blick. „Ich sage, er gewährt ihnen Deckung. Möglicherweise Ressourcen. Wir können das Ausmaß noch nicht bestätigen, aber jeder Bericht, den wir gesammelt haben, deutet auf Zusammenarbeit hin.“ Das löste eine weitere Welle von Unruhe im Raum aus. Merrick fuhr fort, ruhig, aber unerschütterlich. „Mit sofortiger Wirkung werden Wintercrests Grenzen versiegelt. Jedes Mitglied, das Zuflucht sucht, wird einer vollständigen Überprüfung unterzogen, bevor es Zugang zu den Ländereien eines anderen Rudels erhält. Bis Darius’ Loyalität geklärt ist, steht Wintercrest nicht länger unter dem Schutz der Lunaris oder ihrer Territorien.“ Einige Alphas nickten grimmig. Andere wechselten unsichere Blicke. Aus dem Augenwinkel sah Merrick, wie Charise am anderen Ende der Kammer stand, ihre Haltung königlich und unnachgiebig — die lebendige Verkörperung von Beherrschung. Doch durch ihr Band spürte er den Strom darunter: scharfkantige Trauer, begraben unter Kontrolle, der Schmerz der Geschichte, der gegen die Rüstung drückte, die sie sich aufgebaut hatte. Sie bewegte sich nicht, während die Diskussion weiterging — während Abstimmungen stattfanden, während der Antrag angenommen wurde. Ihr Kinn blieb erhoben, ihre Augen folgten jedem Sprecher mit der sorgfältigen, stillen Präzision von jemandem, der vor langer Zeit gelernt hatte, einen Raum auf Gefahr hin zu lesen. Lyons Hand strich über sein Kinn, der Ausdruck hart. Pagans Fuß tippte einmal unter dem Tisch, ein subtiler Widerhall von Verärgerung. Aber Charise reagierte nicht. Sogar als einer der niedrigeren Alphas vor sich hin murmelte über „verunreinigte Blutlinien“ und „was passiert, wenn man einen Hybrid in die Gemeinschaft lässt“, zuckte sie nicht zusammen. Stattdessen verschränkte sie die Hände vor sich, die Finger zogen sich einmal zusammen, das schwache Zittern ihrer rechten Hand fast unsichtbar. Nur Merrick bemerkte es. Nur er spürte das Flattern ihres Pulses — die Anstrengung, die es kostete, ihre Atmung ruhig zu halten. Er trat erneut vor, die Stimme leise, aber befehlend. „Dieser Rat wird Darius’ Fehler nicht wiederholen. Wir werden die Abtrünnigen nicht unterschätzen und auch nicht zulassen, dass unsere Vorurteile das Bündnis schwächen. Wir handeln als Einheit, oder wir fallen als Zwölf.“ Das brachte den Raum zum Schweigen. Charises Augen huschten zu ihm — eine kleine, wortlose Anerkennung, die nur er sah. Als der Rat sich von seinen Sitzen erhob, stand das Urteil fest: Wintercrest isoliert. Darius zur Überwachung markiert. Patrouillen verstärkt. Merrick schloss die Sitzung mit formeller Präzision, sein Ton gemessen und endgültig. „Wir kommen in zwei Wochen erneut zusammen, um die Fortschritte an den Grenzen zu überprüfen. Bis dahin kein weiterer Kontakt zur Führung von Wintercrest.“ Während die Zwölf sich zerstreuten, füllte sich die Kammer mit leisem Gespräch — zurückhaltend, vorsichtig, aber nicht mehr offen feindselig. Charises Anwesenheit hatte etwas verschoben, auch wenn niemand es laut auszusprechen wagte. Sie stand immer noch dort, die Hände ordentlich gefaltet, die Schultern gestrafft, der Blick auf die Karte fixiert, als würde sie die Linien zwischen Loyalität und Verbannung auswendig lernen. Merrick beobachtete sie einen langen Moment. Die anderen sahen Selbstvertrauen. Befehlsgewalt. Eine unerschütterte Luna. Nur er sah, wie das schwache Zittern aus ihren Fingern verschwand, als sie ausatmete — langsam, bewusst — und das Kinn höher hob, bereit, hinauszugehen, als hätte nichts davon sie berührt. Die Kammer leerte sich langsam. Das Geräusch von Stiefeln auf Stein, gemurmelte Stimmen, das Rascheln von Pergament, als die Ratsmitglieder sich zerstreuten — alles verschwamm ineinander wie Echos unter Wasser. Einen Moment lang bewegte sich Charise nicht. Ihre Finger waren immer noch vor ihr verschränkt, die Haut blass, wo ihre Nägel sich in die Handfläche drückten. Dann durchbrach eine Stimme den Lärm. „Miss Lancaster.“ Sie blickte auf — Alpha Garrin, sein silbernes Haar ordentlich zurückgekämmt, die Augen scharf, aber freundlich. Derselbe Mann, der anfangs gegen sie gewesen war und nun mit den Lunaris stand. Er neigte den Kopf. „Das war … unerwartet. Und gut gesprochen. Ihr habt diesen Rat daran erinnert, wie Loyalität aussieht. Nicht alle von uns haben das vergessen.“ „Danke“, sagte sie leise, ihre Stimme ruhig, obwohl ihre Kehle brannte. Ein weiterer folgte — Alpha Thane vom Duskmoor-Rudel, die Arme verschränkt, aber sein Ton leichter. „Mutig, was Ihr da getan habt, so zu sprechen. Die meisten würden es nicht wagen, in diesem Raum auch nur falsch zu atmen.“ „Die meisten müssten es nicht“, sagte sie, der schwächste Hauch von Ironie durchzog die Müdigkeit. Das brachte ihr ein kleines Grinsen ein.
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