Kapitel 55

979 Words
„Zuerst Lyon. Dann Merrick. Pagan war der Letzte. Wahrscheinlich ist er schon vor Sonnenaufgang auf und ab gelaufen.“ Ein tiefes, amüsiertes Brummen antwortete ihr. Du magst es, dass er auf und ab läuft. „Ich mag es, dass er nicht stillsitzen kann“, murmelte sie. Trotzdem verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln. Du magst es, dass er sich Sorgen macht. Sie verdrehte die Augen und setzte sich auf. Dann schwang sie die Beine über die Bettkante. Sie war schneller geheilt, als sie erwartet hatte. Lyons Magie hatte dafür gesorgt. Auch wenn die Blutergüsse länger geblieben waren, als sie zugeben wollte. Ihr Körper hatte die Ruhe gebraucht. Ihr Geist hingegen ... nicht so sehr. Das Zimmer war um Welten größer als die Hütte. Und doch fühlte es sich seltsam an. Zu still. Zu geschniegelt. Sie stand auf. Ihre nackten Füße berührten den kühlen Holzboden. Dann ging sie zum Fenster. Die Aussicht erstreckte sich weit über die Trainingsfelder. Dahinter rollte sich der Wald in Schichten aus Grün und Schatten aus. Das Anwesen war bereits wach. Leise Rufe drangen vom unteren Hof herauf. Das Klirren aufeinanderschlagender Klingen. Pagans Trainingseinheiten. Ihr Wolf regte sich. Er streckte sich gegen ihren Brustkorb. Sie bleiben in Bewegung, damit das Rudel ruhig bleibt. Das tun Alphas. „Ich weiß“, sagte sie. „Es fühlt sich nur ... leer an, wenn sie nicht da sind ... Das ist ein neues Gefühl.“ Eine Pause. Dann, sanfter: Du magst es nicht, allein zu sein. „Ich bin dieses Gefühl nicht gewohnt ...“ Charise legte die Handflächen gegen den Fensterrahmen und beobachtete, wie ihr Atem das Glas beschlug. „Früher mochte ich es, allein zu sein. Dann konnte mich niemand verletzen.“ Ihr Wolf antwortete nicht. Das Schweigen sagte genug. Als sie schließlich ins Badezimmer ging, war die Luft kühl. Der Marmor fing das schwache Licht vom Fenster ein. Sie zog das dünne Hemd aus, in dem sie geschlafen hatte. Dann trat sie unter den Wasserstrahl der Dusche. Wärme floss über ihre Schultern. Über ihren Rücken. Dampf hüllte sie ein wie ein lebendiges Wesen. Das Ziehen in ihren Muskeln löste sich langsam auf. Es verwandelte sich in etwas Weicheres. Ein Summen tief in ihrer Brust. Ihr Wolf schnurrte als Antwort. Tief und zufrieden. Wärme drang durch den Raum, den sie teilten, bis Charise beinahe spüren konnte, wie sie nach außen strömte. Durch die feinen Fäden der Verbindung, die sie mit ihnen verbanden. Sie biss sich auf die Lippe und lachte leise vor sich hin. „Wag es ja nicht, sie das spüren zu lassen.“ Zu spät. „Verräter.“ Es wird ihnen gefallen, neckte ihr Wolf. Die Stimme klang beinahe singend. Lyon am meisten. Seine Magie summt bereits, wenn du atmest. Charise stöhnte auf und legte den Kopf zurück unter das Wasser, bis ihre Haare an ihrer Haut klebten. „Du redest zu viel.“ Du fühlst zu viel. Dagegen konnte sie nichts einwenden. Das stille Band, das zwischen ihr und den drei Alphas pulsierte, war nichts, worum sie gebeten hatte. Aber es war da. Lebendig. Wachsend. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie ihre Gefühle schwach wahrnehmen. Merricks beständige Disziplin. Lyons Ruhe, wie silbernes Wasser. Pagans Feuer. Nichts als Hitze und Bewegung. Ihre Ausgeglichenheit beruhigte etwas in ihr. Selbst dann, wenn sie es nicht zugeben wollte. Als sie schließlich aus der Dusche trat, fühlte sie sich leichter. Sauber. Wieder lebendig. Oder zumindest beinahe. Dann fiel ihr Blick auf den Kleiderschrank an der Wand. Und als sie ihn öffnete, erstarrte sie. Reihen ordentlich aufgehängter Kleidung. Jeans. Weiche Shirts. Pullover. Stiefel. Lederjacken. Sogar Kleider. Nichts davon gehörte ihr. Die Düfte, die schwach an den Stoffen hafteten, verrieten ihr jedoch genug. Lyons Magie in den Nähten. Merricks praktische Ordnung in der Anordnung. Pagans Ungeduld in den wenigen Stücken, die offensichtlich eher nach „Funktion“ als nach Feingefühl ausgewählt worden waren. Ihre Kehle zog sich zusammen. Es war zu viel. Zu aufmerksam. Zu sehr sie selbst. Sie ließ die Hand über einen Ärmel gleiten. Der Stoff fühlte sich glatt und kühl unter ihren Fingerspitzen an. „Sie glauben, das macht es leichter“, flüsterte sie. Das tut es, sagte ihr Wolf leise. Sie wollen, dass du bleibst. Dass du dazugehörst. Dazugehören. Allein dieses Wort ließ ihre Brust schmerzen. „Darin bin ich nicht besonders gut.“ Du lernst es. Charise atmete aus. Dann griff sie nach einer dunklen Jeans und zog sie vorsichtig an. Danach schlüpfte sie in ein eng anliegendes Shirt und eine der Jacken. Der Spiegel fing ihr Spiegelbild ein. Blasse Haut. Feuchtes Haar. Die schwachen Schatten der Erschöpfung unter ihren Augen. Aber stärker als zuvor. Lebendig. Sie fühlte sich nicht wie eine Luna. Was auch immer das bedeuten sollte. Als sie das Zimmer verließ, waren die Flure des Anwesens erfüllt vom ruhigen Rhythmus des Rudels. Stimmen. Schritte. Das schwache Summen von Magie, das an jedem Stein haftete. Aus der Küche strömte der Duft von frischem Brot und gerösteten Kräutern. Als sie eintrat, drehten sich sofort mehrere Köpfe zu ihr um. „Guten Morgen, Luna“, sagte eine der Hausangestellten und neigte den Kopf. Charise stolperte beinahe über die Anrede. „Äh ... guten Morgen.“ Einige von ihnen lächelten. Offensichtlich amüsiert über ihr Unbehagen. Eine andere hielt ihr einen Teller hin. Doch Charise schüttelte hastig den Kopf und schnappte sich stattdessen einen Apfel aus einer Schüssel. „Das reicht völlig, danke.“ „Sind Sie sicher, Luna? Sie sollten richtig essen—“ „Mir geht es gut“, sagte Charise. Diesmal etwas sanfter. Sie meinte es freundlich. Doch die Steifheit in ihrer Stimme ließ es eher wie einen Rückzug klingen. Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln. Murmelte ein weiteres Dankeschön. Und verschwand, bevor man weiter auf sie einreden konnte. Die Flure dahinter waren kühl und offen. Sonnenlicht fiel in langen Streifen durch die hohen Fenster.
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