Kapitel 29

1130 Words
Merrick bemerkte die Bewegung, seine Finger krallten sich an die Kante des Tisches, sein Wolf sträubte sich mit einem tiefen, warnenden Summen. Er bemerkte den schwachen Funken von Belustigung in Charises Augen, als sie Darius’ Blick auffing. Sie verlagerte ihr Gewicht, verbarg es mit einem kleinen Husten und senkte den Blick, während sie sich räusperte. Kühn, frech, dachte er. Pagans Knurren wurde tiefer. Ich sehe es. Ich spüre es. Sie ist scharfsinnig. Und sie weiß es. Sein Wolf knurrte erneut, tief und besitzergreifend. Lyon, der immer noch saß, spürte einen subtilen Anflug von Belustigung hinter ihrer Zurückhaltung. Sie ist sich des Spiels bewusst, stellte sein Verstand fest, und ich ebenfalls. Darius glättete seinen Gesichtsausdruck und kämpfte sichtlich gegen die Verärgerung über die winzige, aber unbestreitbare Macht, die Charise selbst in stiller Beobachtung ausstrahlte. Er lehnte sich wieder zurück, die Hände gefaltet. „Ich erwarte, dass Euer Aufenthalt kurz sein wird. Sobald unsere Späher berichten, werdet Ihr zurückkehren. Meine Krieger sind bestens ausgerüstet, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Ihr könnt beruhigt sein.“ Merricks Stimme durchschnitt die Luft, ruhig und kontrolliert, doch mit unbestreitbarem Gewicht. „Wir werden ein paar Tage bleiben. Wir haben Fragen an Eure Späher.“ Darius blinzelte, Verärgerung flackerte auf, aber bevor er antworten konnte, fügte Merrick entschieden hinzu: „Nicht verhandelbar. Ihr werdet Unterkünfte bereitstellen.“ Charise unterdrückte ein kleines, fast unmerkliches Lachen und verbarg es mit einem weiteren Husten. Sie drehte sich leicht weg und räusperte sich. Merrick bemerkte das leichte Heben ihres Kopfes dabei, wie ihr silberdurchzogenes Haar das Licht einfing. Widerstandsfähig. Kühn. Mein Silber, dachte er, der Name zog sich wie eine geheime, unausgesprochene Ehrfurcht durch seinen Verstand. Pagans Blick verweilte auf ihr, sein Wolf tief und angespannt, spürte jedes Flackern von Belustigung und Trotz. Lyons Verstand summte vor Bewusstsein derselben subtilen Signale, der stillen Kommunikation von Instinkten und Wahrnehmung. Darius’ Haltung versteifte sich. Er räusperte sich, seine Stimme war enger als zuvor. „Sehr wohl“, sagte er, seine Fassung geriet leicht ins Wanken. „Macht es Euch dann gemütlich. Unsere Arrangements werden… ausreichen.“ Die Alphas erhoben sich, ihre Präsenz erfüllte den Raum und beherrschte ihn mit dem stillen Gewicht der Macht. Das Wintercrest-Rudel senkte instinktiv die Köpfe und erkannte die Autorität an, die es noch nicht vollständig verstand. Charise schlüpfte zur Seitentür, sorgfältig darauf bedacht, ihren Blick zu meiden. Ihr Wolf grummelte leise in ihr, frustriert über die Zurückhaltung, die sie sich auferlegte. Als die Tür hinter ihr mit einem Klicken ins Schloss fiel, ging sie den Flur entlang, ihr Puls pochte immer noch von der Anspannung, Magie summte schwach in ihrer Brust. Für Merrick, Pagan und Lyon würde die Erinnerung an ihren stillen Trotz, das Schimmern von Silber in ihrem Haar und das schwache Flackern von Belustigung bleiben – und an etwas Primitivem, Schicksalhaftem und absolut Unvermeidbarem zerren. Die Tür knallte hinter ihr mit mehr Wucht zu, als sie beabsichtigt hatte. Die kleine Hütte erzitterte, Staub rieselte von den Dachbalken, als Charise sich mit dem Rücken gegen das Holz lehnte, die Augen geschlossen, die Brust schwer atmend. Ihre Handflächen waren kalt. Ihr Herzschlag nicht. Die Anspannung des Meetings hing immer noch wie Rauch an ihr – das Gewicht von Darius’ Herablassung, die Präsenz der drei Alphas, die die Luft wie ein lebendiges Wesen erfüllte. Sie konnte ihre Blicke immer noch auf sich spüren: Merricks stetig und prüfend, Pagans roh und ungezähmt, Lyons ruhig, der ihre Verteidigung durchbrannte, ohne ein Wort zu sagen. Ihr Wolf regte sich, bevor sie die Erinnerung vergraben konnte. Du spürst es, schnurrte die Stimme in ihrem Kopf – tief, weiblich, mit dieser uralten Belustigung, die nur Wölfe besaßen. Versuch gar nicht erst, mich anzulügen, Charise. Charise stieß sich von der Tür ab und lief durch den kleinen Raum. Das Feuer im Kamin war vor Stunden erloschen. Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Nein. Das mache ich jetzt nicht.“ Du kannst sie nicht ignorieren. „Sieh mir zu.“ Ihr Wolf lachte leise, das Geräusch vibrierte durch ihre Knochen. Sie sind unsere Gefährten. Du weißt es. Du hast es in dem Moment gespürt, als du den Raum betreten hast. Charise erstarrte mitten im Schritt, ihr Blick bohrte sich zum Fenster, als könnte sie die Stimme dadurch aus der Existenz verbannen. „Nein. Absolut nicht. Ich kann nicht –“ Sie schnaubte bitter und ungläubig. „– an sie gebunden sein. An die verdammten Alphas des Lunaris-Rudels?“ Drei von ihnen, schnurrte ihr Wolf ungerührt. Stark. Mächtig. Unser. Charise stöhnte. „Du bist verrückt.“ Du leugnest, was dein Blut bereits weiß. Sie drehte sich um und lief schneller. „Sie sind die Alphas von Lunaris. Begreifst du, was das bedeutet? Jedes Rudel in der westlichen Region beugt sich ihnen. Ihre Reichweite, ihre Macht – Darius würde niemals –“ Darius, spuckte ihr Wolf den Namen wie einen Fluch aus, wird sie nicht aufhalten. Das entlockte Charise ein kleines, humorloses Lachen. „Du denkst wirklich, sie würden für mich gegen ihn kämpfen?“ Du denkst, sie würden es nicht? Sie verdrehte die Augen zur Decke. „Du bist unerträglich.“ Und du lügst dich selbst an. Charise atmete scharf aus und drückte ihre Handflächen auf den Tisch. Ihr Puls war immer noch zu schnell, ihr Körper zu wach. Sie versuchte, sich zu beruhigen, indem sie sich auf praktische Dinge konzentrierte – ihre Atmung, die raue Maserung des Holzes unter ihren Fingern, das gedämpfte Geräusch des Windes draußen. Aber ihr Verstand rutschte immer wieder zurück. Zuerst Merrick. Stoisch. Kontrolliert. Jede Bewegung bewusst, jedes Wort abgewogen. Seine blassgrauen Augen hatten sie dort festgenagelt, wo sie stand, und sie gleichzeitig wie eine Schachfigur und etwas unendlich Gefährlicheres bewertet. Sie konnte die Berechnung spüren, den Intellekt – und darunter das schwache Flackern von etwas Primitivem, das durch pure Willenskraft zurückgehalten wurde. Dann Pagan. Der hatte nicht einmal versucht, seine Wildheit zu verbergen. Seine golden-grünen Augen hatten sie wie Beute und Schutz zugleich verfolgt. Seine Tattoos – Runen, die in Haut und Seele graviert waren – hatten ihren Blick gefangen, bevor sie sich gezwungen hatte, wegzusehen. Er war Gefahr in Bewegung, rohe Muskeln und Wolfshitze. Und Lyon. Er hatte nicht viel gesagt, aber sie hatte ihn gespürt. Das stille Summen von Macht. Das stetige Vibrieren unter seiner Kontrolle. Sein Blick war nicht scharf wie Merricks oder brennend wie Pagans – er war stetig, verzehrend. Die Art, die nicht schreien musste, um Aufmerksamkeit zu fordern. Ihr Wolf summte zufrieden. Du erinnerst dich gut an sie. „Leider“, murmelte Charise und wandte sich dem Fenster zu. Draußen hing dichter Nebel über dem Glas und wand sich um die dunklen Bäume. „Sie werden sowieso in ein paar Tagen weg sein. Nichts davon spielt eine Rolle.“ Du erzählst dir das weiter.
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