Kapitel 22

1112 Words
Die Stille wurde von Pagans Stimme unterbrochen, die über ihre gemeinsame Verbindung hallte. Wie lange noch? Meine Beine krampfen. Merrick atmete durch die Nase aus. Merrick: Du sitzt seit vier Stunden, nicht beim Marathonlauf. Pagan: Fühlt sich gleich an, wenn man so gebaut ist wie ich. Lyons Mundwinkel zuckten leicht. Er brauchte Merricks Gesichtsausdruck nicht zu sehen, um sich vorzustellen, wie sich der Kiefer seines ‚Bruders‘ anspannte, sobald Pagans Gemecker begann. Lyon: Du könntest mit einem der Wachen tauschen, wenn du deine Beine ausstrecken willst. Vielleicht sie mal fahren lassen. Pagan: Und einen von ihnen den Lack an meinem SUV verkratzen lassen? Nicht die geringste Chance. Merrick murmelte etwas vor sich hin — etwas, bei dem Lyon sich sicher war, dass es Flüche und das Wort „Kontrollprobleme“ enthielt. Lyon lehnte sich zurück, die Augen halb geschlossen. Das Hin und Her zwischen ihnen war vertraut — scharfe Kanten, eingewickelt in Brüderlichkeit. Es beruhigte ihn mehr, als er zugeben wollte. Er lächelte schwach durch die Verbindung. Lyon: Ihr beide würdet weniger reden, wenn ihr euch auf die Straße konzentrieren würdet. Es gab eine Pause, dann einen gemeinsamen Ausbruch stiller Belustigung. Ein sanftes Wellen durch die Verbindung, das nicht genau Lachen war — eher eine tiefe Vibration gegenseitigen Verstehens. Eine Weile fuhren sie in dieser angenehmen Stille, Motoren summten, Reifen zischten über den vereisten Asphalt. Draußen veränderte sich die Landschaft — die Berge wichen zurück und machten welligem Wald Platz, der Horizont senkte sich tief und blau. Die Nacht wurde tiefer. Der Mond hing riesig und blass über den Bäumen, sein Licht flackerte über ihre Windschutzscheiben. Aber unter der Ruhe wellte Unruhe durch die Verbindung. Keine Worte — Instinkt. Ihre Wölfe spürten es zuerst. Einen Puls. Ein Beben. Etwas Altes und Magnetisches, das aus der Richtung von Wintercrest zog. Lyons Augen schärften sich auf die Straße vor ihnen. Sein Wolf regte sich unter seiner Haut, unruhig, auf und ab schreitend. Es war seit ihrem Aufbruch aus dem Anwesen so gewesen — ein seltsames Summen im Hinterkopf, schwach und beharrlich, wie der Rand eines Dufts, der auf einem Wind getragen wurde, den er nicht ganz einfangen konnte. Merrick blickte von seinem Datenfeed auf, die Stirn leicht gerunzelt. „Spürst du das?“, fragte er laut, obwohl er die Antwort bereits kannte. Lyon nickte einmal. „Ja.“ Pagans Stimme schnappte durch die Verbindung, jetzt rauer. Pagan: Wurde auch Zeit, dass einer von euch etwas sagt. Dachte schon, ich werde verrückt. Merrick: Definiere ‚verrückt‘. Pagan: Lustig. Lyon antwortete nicht. Seine Hand spannte sich leicht auf der Konsole, sein Puls synchronisierte sich mit dem Rhythmus der Reifen. Die Empfindung war keine Angst — es war Erkenntnis. Ein Sog, der seine Sinne streifte wie ein Flüstern durch Nebel. Es kam nicht von den Abtrünnigen. Es kam auch nicht von Wintercrests Grenzen. Es war etwas anderes. Er konnte es fast unter dem Summen des Motors hören — ein tiefes, schmerzendes Echo in seiner Brust. Als ob dort draußen etwas wartete. Merrick musste es ebenfalls spüren. Seine Haltung hatte sich verändert — starr, wachsam, seine Aura flackerte schwach mit zurückgehaltener Energie. Merrick (Gedankenverbindung): Wir halten die Formation. Keine Annahmen, bis wir die Grenzlinie erreichen. Pagan: Und wenn das, was wir spüren, nicht nur Nerven sind? Lyons Wolf grollte zustimmend — keine Nerven. Merrick zögerte einen Atemzug, dann: Merrick: Dann passen wir uns an. Wie wir es immer tun. Die Verbindung wurde wieder still. Meilenweit sagten sie nichts — drei Wölfe, verbunden durch Blut und Instinkt, das gemeinsame Summen des Zwecks vibrierte durch den Raum zwischen ihren Gedanken. Die Nacht rollte weiter, schwer von Nebel und dem schwachen Glitzern von Sternen durch die Wolken. Durch die Gedankenverbindung spürten sie alle es — ein leises Summen, einen magnetischen Puls, der sie vorwärts zog. Etwas — oder jemand — wartete jenseits der Bäume. Und bis sie Wintercrests Grenze erreichten, würden alle drei Alphas es wissen: Der Sog war nicht nur Instinkt. Es war Schicksal, das sich an seinen Platz fügte. Der Mond stand hoch am Himmel, als der erste Abschnitt des Wintercrest-Waldes in Sicht kam — endlose Nadelbäume, d**k mit Frost überzogen, ihre Spitzen leuchteten weiß unter dem blassen Mondlicht. Die Straße wurde enger, Asphalt ging in Schotter über, dann in Erde. Der Konvoi verlangsamte, als die SUVs von der Hauptstraße abbogen, Reifen knirschten über gefrorene Blätter. Nebel hing tief über dem Boden und kringelte sich zwischen den Stämmen wie Atem. Lyon kurbelte das Fenster einen Spalt herunter. Die Luft, die hereinströmte, war anders. Schärfer. Metallisch. Lebendig. Die Art von Kälte, die warnte, bevor sie biss — die Art, die flüsterte: Etwas beobachtet uns. Merricks Augen scannten die Baumgrenze mit soldatischem Präzision. Seine Hand ruhte nahe dem Schalthebel, Muskeln angespannt unter seiner Jacke. „Fast an der Grenze“, murmelte Merrick, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Lyon nickte, der Blick fest auf die Bäume gerichtet. Sein Wolf regte sich, schritt knapp unter seiner Haut auf und ab. Etwas an diesem Wald fühlte sich falsch an — zu still, als ob jeder Vogel und jedes Tier verstummt wäre. Die Luft trug Gewicht, eine elektrische Ladung. Im führenden SUV kam Pagans Stimme durch die Gedankenverbindung — leise, unruhig. Pagan: Riecht ihr das? Lyon atmete tief ein, und da war es — schwach, aber unverkennbar. Blut. Und darunter… etwas anderes. Der Geruch von Rauch, von Magie, die nicht zu diesem Territorium gehörte. Lyon richtete sich in seinem Sitz auf, der Puls spannte sich an. Lyon: Pagan— Die Bremslichter des führenden SUVs leuchteten auf. Reifen quietschten. Der plötzliche Halt schleuderte ihr Fahrzeug nach vorn und zwang Merrick, selbst hart zu bremsen. Schotter spritzte unter den Rädern. Bevor Lyon sprechen konnte, schwang die Fahrertür von Pagans SUV auf. Pagan stieg aus — bereits halb verwandelt, seine Augen brannten in einem heftigen ember-roten Ton. Seine Zähne verlängerten sich mit jedem Atemzug, seine Haut wellte sich vor kaum zurückgehaltener Macht. Dampf stieg in der kalten Luft von ihm auf. Pagan (durch die Verbindung, scharf und guttural): Einer unserer Späher. Er wird angegriffen. Lyons Blut wurde kalt. Merrick war in Sekunden aus dem Fahrzeug, knallte die Tür hinter sich zu. „Wir sind noch auf neutralem Boden“, schnappte er laut, doch der Wind trug seine Stimme in die Bäume. Pagan antwortete nicht. Blickte nicht einmal zurück. Er war bereits weg — sein Körper senkte sich tief, Knochen verschoben und knackten, als seine Gestalt brach und sich zu etwas Massivem und Primitivem neu formte. Die Luft donnerte von der Verwandlung — Muskeln und Sehnen drehten sich unter bronze-rotem Fell, durchzogen von Gold. Seine Pfoten trafen mit genug Kraft auf den Boden, um Frost von den Ästen zu schütteln.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD