Kapitel 26

1211 Words
Lyon verwandelte sich zuerst. Knochen, Fell und Schatten falteten sich zurück in die Gestalt eines Mannes. Die kalte Luft biss gegen nackte Haut, aber er spürte es nicht. Nicht wirklich. Sein Verstand war woanders – immer noch gefangen in dem Aufblitzen von silbernem Licht, dem Duft, der nun jeden Atemzug heimsuchte. Er hockte sich neben den Späher und drückte zwei Finger an den Hals des Jungen. „Er atmet“, sagte er, seine Stimme leise und rau von der Verwandlung. „Der Puls ist stark.“ Merrick folgte einen Moment später, seine eigene Gestalt erhob sich aus den Schatten – größer, breiter, dunkles Haar klebte schweißnass und mit schmelzendem Schnee an seiner Stirn. „Das ist Reeve“, murmelte er, als die Erkenntnis einsetzte. „Er gehört zu Pagan.“ Pagan verwandelte sich als Letzter, trat aus seiner Wolfsgestalt in einem Ausbruch von Dampf und Wut hervor. Der Schnee zischte unter seinen bloßen Füßen. Seine Brust hob und senkte sich mit scharfen, ungleichmäßigen Atemzügen. Er sah seine Brüder nicht sofort an. Sein Blick blieb auf die Richtung fixiert, in die sie geflohen war. „Bringt ihn zu den Trucks“, befahl Pagan, seine Stimme tief und rau. Zwei Wachen – beide bereits zurückverwandelt – traten sofort vor. Sie hoben Reeve vorsichtig zwischen sich hoch und trugen ihn zur Reihe der schwarzen SUVs, die jenseits des Waldrands warteten. Pagan bewegte sich nicht. Sein Kiefer spannte sich an, der Muskel darin zuckte, während er dem Duft folgte, der immer noch geisterhaft durch die Lichtung zog. Er verblasste schnell – zu schnell. „Fächert aus“, schnappte er. „Ich will eine Perimetersuche. Wenn noch irgendwelche Rogues in Reichweite sind, findet sie.“ Die Wachen nickten und verteilten sich. Keine von ihnen erwähnte, dass der Ton des Alphas zu scharf, zu persönlich war. Keine von ihnen fragte, ob er die Rogues meinte – oder die Frau. Merrick sprach als Erster, als sie allein waren. „Du täuschst niemanden“, sagte er, die Stimme ruhig, aber scharf. „Du hoffst, dass sie sie finden.“ Pagan fuhr zu ihm herum, die Augen immer noch schwach rot leuchtend. „Du hast gesehen, was sie getan hat. Das war kein wilder Wolf. Das war –“ Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das noch feucht von geschmolzenem Frost war. „– etwas anderes.“ „Magie“, beendete Merrick, sein Tonfall abwägend und prüfend. „Mächtig. Kontrolliert. Sie hat den Späher verteidigt.“ Lyon sagte nichts. Er hatte sich schweigend angezogen – schwarzes Hemd halb zugeknöpft, die Hände zitterten einmal, bevor er sie beruhigte. Sein Verstand spielte immer wieder den Moment ab, in dem sie ihn angesehen hatte, den Atemzug zwischen ihnen, der in der Kälte hing. „Sie hat ihn geheilt“, sagte er leise. Beide Alphas sahen ihn an. Lyons Blick blieb auf den Wald gerichtet. „Ihr habt es gesehen. Ihre Magie. Es war keine Wut. Es war kein Chaos. Es war Präzision.“ Seine Stimme wurde leiser. „Sie wusste genau, was sie tat.“ Merrick verschränkte die Arme und atmete langsam aus. „Was die Frage aufwirft – was macht ein Wolf wie sie auf Wintercrest-Territorium?“ Pagans Kiefer spannte sich. „Vielleicht gehört sie zu ihrem Rudel.“ „Vielleicht“, sagte Merrick. „Oder vielleicht ist sie der Grund für ihr Schweigen.“ Lyon drehte sich endlich zu ihnen beiden um. „Wer auch immer sie ist, sie ist nicht nur ein Wolf. Diese Macht war nicht natürlich.“ Seine Kehle zog sich zusammen. „Und sie gehört uns.“ Die Stille, die folgte, war schwer und d**k von etwas, das keiner von ihnen benennen wollte. Pagan lief auf und ab, seine Stiefel knirschten im Frost. „Denkt ihr, ich wüsste das nicht?“ Seine Stimme kam als tiefes Knurren heraus. „In dem Moment, als sie mich angesehen hat, habe ich es gespürt. Die Verbindung. Den Sog. Ich hätte fast –“ Er hielt inne und zog eine Hand über sein Gesicht. „Ich hätte fast die Kontrolle verloren.“ Merrick musterte ihn, die Augen leicht verengt. „Du warst nicht der Einzige.“ Das Geständnis hing in der Luft zwischen ihnen. Lyon schloss kurz die Augen. „Wir können nicht danach handeln. Noch nicht.“ Pagan richtete seinen Blick scharf auf ihn. „Warum zur Hölle nicht?“ „Weil sie auf Wintercrest-Land ist“, sagte Merrick, bevor Lyon antworten konnte. „Und was auch immer hier gerade passiert ist – was auch immer sie ist – Alpha Darius wird sie nicht kampflos gehen lassen.“ Pagans Lachen war hart und humorlos. „Dann sollte er uns vielleicht nicht im Weg stehen.“ Lyons Kopf hob sich ruckartig. „Genug.“ Das Wort durchschnitt die Luft mit ruhiger Autorität. Sogar Pagan erstarrte. Lyon sah sie beide an, das blau-weiße Leuchten noch schwach in seinen Augen sichtbar. „Wir kennen nicht einmal ihren Namen.“ Pagans Miene verhärtete sich. „Das spielt keine Rolle. Wir werden es früh genug herausfinden.“ Merrick wandte sich den SUVs zu, als Scheinwerfer in der Ferne aufleuchteten – die Wachen kehrten mit der Nachricht zurück, dass die Fährte der Rogues kalt geworden war. „Wir müssen los“, sagte er. „Lasst Reeve behandeln. Dann berichten wir Alpha Darius.“ Lyon nickte einmal. Aber als sie sich zum Gehen wandten, blieb sein Blick erneut am Waldrand hängen – dem schwachen Schimmer des Frosts, wo sie gestanden hatte, dem Duft von Mondlicht, der immer noch in der Luft hing. Er spürte, wie sein Wolf sich erneut regte, tief und sicher. Sie ist nah. Der Konvoi der schwarzen SUVs rollte durch die nebelverhangenen Tore von Wintercrest, die Reifen knirschten über frostgehärteten Kies. Jedes Fahrzeug bewegte sich mit der sorgfältigen Präzision einer militärischen Prozession, eine stille Ankündigung von Autorität, die die Aufmerksamkeit jedes Rudelmitglieds im Hof auf sich zog. Wachen strafften sich, Gewehre über der Schulter, aber bereit, ihre menschlichen Augen weiteten sich, als der erste SUV zum Stehen kam. Es lag Spannung hier – gemessen, vorsichtig – aber unverkennbar. Die Lunaris-Alphas machten keine unangekündigten Besuche. Merricks scharfer Blick schweifte über den Hof, als er ausstieg, seine Stiefel knirschten auf dem Kies. Die Architektur von Wintercrest beeindruckte sogar ihn: graue Steinmauern, durchzogen von Frost, Türme, die die schwache Sonne einfingen, die durch den Morgennebel drang, hohe, gewölbte Fenster wie eine Kathedrale der Kälte. Schön, bemerkte er, aber hohl. Die subtile Leere sprach von schlecht geführter Macht, von Stolz, der nicht durch Stärke gemäßigt wurde. Wölfe in menschlicher Gestalt standen an den Rändern des Hofs stramm. Sie waren nicht neugierig; sie waren wachsam. Angst tanzte hinter ihren kontrollierten Haltungen, ein Spiegelbild der Unruhe ihres Alphas. Merricks Verstand katalogisierte sie in einem stillen Überblick: aufmerksam, fähig – aber zögerlich. Er merkte sich den Gedanken, bemerkte den Unterschied zwischen Stärke und Befehlsgewalt. Von den Stufen des Haupthauses erschien Alpha Darius. Groß, mit scharfen Gesichtszügen und der sorgfältigen Politur von jemandem, der das Gewicht seiner Präsenz kannte, aber nicht ihre wahre Last. Sein Lächeln war glatt, fast einstudiert; es erreichte seine Augen nicht. „Lunaris Alphas, welche angenehme Überraschung. Wir hatten keinen Besuch erwartet“, sagte er, die Stimme knapp, gemessen, triefend vor Höflichkeit.
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