Kapitel 12

1235 Words
Der Mond ging auf – blass, voll und schwer – und goss Licht über sein Gesicht, das sich in seinen Augen fing, bis sie in einem eisigen Blauweiß glänzten. Da flüsterte er es, leise und gewiss, so wie sich eine Wahrheit anfühlt, noch bevor sie bewiesen ist. „Sie ist nah.“ Ein langes Schweigen dehnte sich zwischen den Worten und dem Wind aus. Dann veränderte sich die Luft ganz leicht – sie trug etwas in sich, das nicht ganz Klang und nicht ganz Erinnerung war. Der Atem einer Frau, ein Herzschlag, der nicht der seine war, das Echo von etwas Altem und Göttlichem, das sich durch die Nacht zog. Der Flüsterton der Göttin ritt auf der Luft zwischen ihnen, tief und gewiss. „Wenn der Gesegnete auf die drei trifft, wird das Gleichgewicht zurückkehren.“ Das Licht des Mondsteins flackerte noch einmal auf – und verblasste dann, sodass Lyon in die ferne Dunkelheit starrte, sein Puls ruhig, doch sein Wolf unruhiger denn je. Er kannte ihren Namen nicht. Er musste ihn nicht kennen. Der Sog hatte begonnen. Die Kommandoebene des Lunaris-Anwesens pulsierte vor leiser, zielgerichteter Energie – ruhig, effizient, kontrolliert. Genau so, wie Merrick es bevorzugte. Stahl und Stein rahmten den Raum ein, verankert durch hohe Fenster, die den Blick auf den weitläufigen Stadtkern tief unten freigaben. Die Dämmerung brach gerade erst an – eine dünne Lichtklinge, die den Horizont schnitt – und glänzte auf Türmen, Autobahnen und dem schwachen Schimmer der Schutzwälle, die den zentralen Bezirk des Rudels umgaben. Von diesem Aussichtspunkt aus wirkte die Welt geordnet. Überschaubar. Im Inneren herrschte Ordnung, weil Merrick sie forderte. Der Raum war gesäumt von taktischen Konsolen und Kommandobildschirmen, von denen jeder in Farbe und Bewegung erstrahlte. Karten leuchteten in vielschichtigen Hologrammen auf, die Rudelgrenzen durch silberweißes Licht markierten, während Warnmeldungen dort rot flackerten, wo über Nacht abtrünnige Übergriffe registriert worden waren. Er konnte das gedämpfte Murmeln von Stimmen hören – Berichte wurden weitergegeben, Entscheidungen übermittelt, Bewegungen hinein und hinaus wie bei einer lebendigen Maschine. Und mitten darin stand Merrick regungslos. Die Arme verschränkt, den Blick fest auf die Karte vor sich gerichtet, wirkte er in jeder Hinsicht wie der Soldaten-Alpha: breitschultrig, das dunkle Haar kurz geschoren, der Gesichtsausdruck scharf und berechnend. Er hatte Jahre damit verbracht, dieses Netzwerk – diese Allianz – aus zersplitterten Territorien und verfeindeten Blutlinien zu etwas Stabilem aufzubauen. Zu etwas Starkem. Doch Stabilität hatte ihre Risse. Er beobachtete, wie die roten Markierungen nahe der nördlichen Kette – dem Wintercrest-Territorium – pulsierten und sich feine Punkte weiter über deren Grenze ausbreiteten. Ein weiterer Durchbruch. Eine weitere vermisste Patrouille. Seine Kiefermuskeln spannten sich an. „Das ist der dritte Übergriff in einer Woche.“ Der nächste Leutnant zuckte leicht zusammen, bevor er antwortete. „Ja, Alpha. Ihr Alpha, Darius, behauptet, die Streuner seien versprengt. Er— Letzterer …“ „… verliert die Kontrolle“, beendete Merrick den Satz für ihn, im Tonfall knapp und kalt. „Oder er lügt.“ Stille legte sich über den Raum. Jeder Wolf auf dieser Ebene wusste, dass Merrick keine Worte verschwendete. Er sprach mit einer Art von Gewissheit, die Untergebene strammstehen und Älteste verstummen ließ, wenn er einen Raum betrat. Er wandte sich wieder dem holografischen Tisch zu, seine Stimme war leise, aber tragend. „Halten Sie die Kommunikationslinien zu Silvercrest und Valeheart offen. Wenn Wintercrest zusammenbricht, liegt der nördliche Korridor offen – und das bringt jedes Rudel von hier bis zur Küste in Gefahr. Ich will bis zum Einbruch der Dunkelheit volle Einsatzbereitschaft entlang der Grenze.“ „Ja, Alpha Merrick“, kam die sofortige Antwort. Die Wölfe setzten sich augenblicklich in Bewegung – effizient, präzise. Sie hinterfragten ihn nicht. Sie mussten es nicht. Merrick glaubte nicht daran, durch Angst zu führen; er führte durch Beständigkeit. Indem er unerschütterlich war. Seine Leute vertrauten darauf, dass er sich nicht beugen würde – und wenn er es doch tat, bedeutete das, dass sich die Welt selbst unter ihren Füßen verschob. Er atmete langsam aus und beobachtete, wie die Grenze von Wintercrest erneut flackerte. Das holografische Leuchten pulsierte schwach – einmal, zweimal – fast im Rhythmus seines Herzschlags. In diesem Moment traf es ihn. Ein feiner Druck an der Basis seines Schädels, scharf genug, um ihm für eine halbe Sekunde den Atem zu rauben. Kein Schmerz. Keine Warnung. Etwas Seltsameres – als würde er durch eine unsichtbare Strömung gezogen. Es war so schnell vorbei, wie es gekommen war, und hinterließ ein Summen in seinen Knochen. Merrick runzelte die Stirn, seine Schultern spannten sich an. Er hatte so etwas Ähnliches schon einmal gespürt – schwache Echos, wenn Lyons Visionen aufbauten –, aber das hier war anders. Kälter. Direkter. Was zur Hölle war das? „Alpha?“, fragte einer seiner Leutnants zögernd. Merrick blinzelte und bemerkte, dass es im Raum still geworden war. Er richtete sich auf, und seine Kiefer spannten sich wieder an. „Verdoppeln Sie die Relaisstationen in der Nähe des Bergrückens“, sagte er, seine Stimme war wieder gefasst. „Ich will dieses Territorium ununterbrochen im Auge behalten. Keine Verzögerung.“ Der Leutnant zögerte, nickte dann, verbeugte sich leicht und eilte davon. Auf der Kommandoebene herrschte wieder Betriebsamkeit. Merrick blieb noch einen Moment länger am Tisch stehen und starrte auf die flackernde Linie hinab, die ihr Territorium von dem von Wintercrest trennte. Die schwachen roten Warnleuchten gingen in das Silber ihrer eigenen Grenze über – eine Verschmelzung der Farben, die ein unbehagliches Gefühl unter seiner Haut hervorrief. Er drückte seinen Daumen auf den Rand der holografischen Projektion und zoomte näher heran. Jeder Bericht besagte dasselbe – Streuner bewegten sich mit unnatürlicher Koordination. Der Alpha von Wintercrest lehnte jede Hilfe ab und behauptete, die Gunst der Göttin würde sie beschützen. Gunst gewinnt keine Kriege, dachte Merrick düster. Doch da war nun noch etwas anderes, das unter den Daten, unter der Logik selbst summte – ein Flüstern des Instinkts, das sein Verstand nicht wegrationalisieren konnte. Er rieb sich den Nacken, wobei seine Finger das schwache Brennen des Mondsichelmals berührten, das in seine Haut eingezeichnet war – das Siegel der Mondgöttin, das jeder Alpha trug und das bei ihm wärmer als gewöhnlich glühte. Der Schmerz hinter seinen Rippen hielt an, leise, aber stetig. Er stand da im kalten Licht der Dämmerung, während die Stimmen seines Rudels zu einem Rauschen verblassten, als die holografische Karte erneut pulsierte – und dieser wortlose Sog sank tiefer, unsichtbar und unerbittlich. Etwas stimmte nicht in Wintercrest. Die Kommandoebene war schon lange leer, aber das Summen der Daten hallte immer noch leise durch die Korridore aus Glas und Stahl, als Merrick den Flur entlangging. Er brauchte Ruhe. Er brauchte Abstand von den flackernden Karten und der Last von zu vielen Augen, die ihn suchend ansahen. Sein Büro lag am äußersten Ende des Kommandotrakts – privat, schalldicht, minimalistisch. Jede Linie klar, jede Oberfläche poliert. Keine Unordnung. Kein Chaos. Nur Präzision und Zweckmäßigkeit, ganz wie er selbst. Er blieb vor der hohen Glaswand stehen, die die Stadt darunter einrahmte. Der Morgen hatte die Skyline nun vollständig eingenommen – Licht goss Gold über die Stahltürme, der Verkehr schlängelte sich durch die Adern des Rudelterritoriums. Von hier aus wirkte das Lunaris-Reich unzerstörbar. Eine Zivilisation, geboren aus Disziplin und harten Entscheidungen. Merricks Spiegelbild starrte ihm im Glas entgegen: scharfe Augen, kurzes dunkles Haar, das schwache silberne Abzeichen, das in sein Handgelenk eingebrannt war und sanft leuchtete. Er atmete aus, die Handflächen flach gegen die kalte Oberfläche gepresst.
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