Sofia Silbermond bewegte sich leise am Rand des Silberkamm-Gebiets, ihre Stiefel machten kaum ein Geräusch auf der feuchten Erde.
Der Wald war hier dicht, Schatten klammerten sich wie dunkle Seide an die Stämme. Sie bevorzugte es so. Ruhe. Versteckt. Sicher.
Sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Aufmerksamkeit gefährlich ist.
Neugier könnte töten. Wölfe waren unberechenbare Wesen, selbst die kleinen, harmlosen. Und in dem Moment, als sie Silberkamm betrat, spürte sie das Gewicht jedes unsichtbaren Blicks auf sich.
Sie ließ die Kapuze tief, den Kopf gesenkt und die Hände in den Mantel vergraben.
Vor Monaten war alles, was sie kannte, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Schurken waren in der Nacht gekommen, lachtend, die Fackel in der Hand, und hatten ihr Familienhaus in Brand gesetzt.
Sie hatte versucht, ihre Eltern zu retten. Versuchte, das Feuer zu stoppen. Versuchte, das Chaos zu stoppen. Sie hatte versagt.
Jetzt hatte sie nichts mehr außer ihren Händen, ihrem Verstand und der Gabe, mit der sie geboren worden war: der seltenen Fähigkeit, Wölfe zu heilen.
Sie wollte keine Macht. Sie wollte kein Rudel. Sie will einfach nur überleben – und vielleicht eines Tages ein Zuhause wieder aufbauen, das ihr gestohlen worden war.
Sie erreichte eine kleine Lichtung nahe der Straße, die zu den Silberkamm-Grenzen führte, und hockte sich hin, um ein Bündel am Boden zu untersuchen.
Ein Wolf knurrte leise in der Ferne und beobachtete sie aus den Schatten, doch sie ignorierte es. Sie hatte längst gelernt, Gefahr zu lesen, ohne in Panik zu geraten.
Ihre erste echte Prüfung kam früher als erwartet. Ein Läufer taumelte auf sie zu und stolperte fast über seine eigenen Füße. Blut bedeckte seine Tunika. Seine Augen waren vor Panik weit aufgerissen.
"Bitte... Kennst du irgendeinen Heiler in der Nähe?... Ich brauche Hilfe", keuchte er.
Sofias Magen verkrampfte sich, aber ihre Hände machten sich an die Arbeit. "Ich bin Heiler, was ist das Problem?" fragte sie.
Er zeigte die Straße entlang. "Wo?" fragte Sofia und blickte in die Richtung. Eine Gestalt lag zusammengesunken am Waldrand, eine lange Wunde über seinem Bein, tief genug, um Muskeln zu erkennen.
Sie konnte selbst aus der Ferne das Eisen von Blut riechen.
Sie bewegte sich schnell. Ihre Stiefel machten kaum ein Geräusch, und doch ließ der nahe lauernde Wolf ein leises Knurren hören.
Sie ignorierte es. Sie hatte immer eine Art gehabt, sich durch die Welt zu bewegen, ohne die Kreaturen darin zu erschrecken. Es ist wie ein Teil ihres Geschenks geworden.
Als sie den Krieger erreichte, kniete sie sich sofort neben ihn. Seine Augen waren glasig, sein Gesicht blass. Er versuchte zu sprechen, aber nur ein schwaches Stöhnen entfuhr.
"Du wirst okay sein", sagte sie bestimmt, obwohl sie sich nicht sicher war, ob das stimmte. "Ich bin Sofia. Ich bin ein Heiler."
Die Lippen des Kriegers zuckten. Erleichterung blitzte in seinen Augen auf. "Silberkamm... Bitte... heil mich..."
Sofia machte sich an die Arbeit. Sie riss Streifen von ihrem Schal, um seine Wunde zu verbinden, und wusch sie so gut es ging mit Wasser, das sie in einer kleinen Hautflasche trug. Ihre Hände bewegten sich schnell, präzise, vorsichtig, ihr Geist ruhig, trotz der Angst, die in ihrer Brust pochte.
"Bleib still", sagte sie zu dem verletzten Mann. "Es wird einen Moment weh tun, aber du wirst überleben. Ich verspreche es."
Die Wunde brannte, als sie eine Paste zerstoßener Kräuter auftrug. Der Mann schnappte nach Luft. Sofia zuckte bei dem Geräusch zusammen, fuhr aber fort.
Ihre Hände leuchteten schwach, die Kraft in ihr reagierte instinktiv. Sie hatte keine Wahl. Das war ihr Leben. Das war alles, was ihr geblieben war.
Minuten vergingen, obwohl es sich wie Stunden anfühlte. Der Wald blieb still, abgesehen vom entfernten Rascheln der Blätter und dem leisen Knurren eines Wolfes, der hinter den Bäumen verborgen war.
Sofias Herz schlug schnell, doch ihre Hände zitterten nicht. Sie war konzentriert. Der Puls des Kriegers stabilisierte sich langsam. Das Blut hörte auf so frei zu fließen.
"Da", sagte sie schließlich. "Es ist gebunden. Du wirst mehr Behandlung brauchen, aber fürs Erste... du wirst überleben."
Er sah sie an, die Augen weit vor Dankbarkeit und Angst. "Wie... wie kann ich dir jemals etwas zurückzahlen?"
Sofia schüttelte den Kopf. "Du tust es nicht. Einfach... lass dich nicht noch einmal umbringen." Sie stand auf und klopfte den Schmutz von ihrem Mantel.
Ihr Blick wanderte wieder zu den Schatten, das Gefühl, beobachtet zu werden, kroch über ihre Haut.
Und da sah sie ihn.
Nicht weit von der Lichtung, direkt hinter der Baumgrenze, trat eine Gestalt vor. Groß. Breit. Muskeln angespannt unter seiner dunklen Tunika.
Seine Augen waren kalt, abwägend. Es lag eine Ausstrahlung in ihm, die selbst die Wölfe zögern ließ.
Alpha Klaus Reinhardt.
Sofias Atem stockte. Sie hatte das Flüstern gehört. Alle hatten es. Der junge Alpha, der gerade das Kommando über Silberkamm übernommen hatte.
Derjenige, dessen Vater unter verdächtigen Umständen gestorben war. Derjenige, von dem alle sagten, er sei zu aggressiv, zu unberechenbar. Den, den der Rat fürchtete.
Sie hatte ihn noch nie zuvor getroffen. Aber irgendwie strahlte er selbst dort stehend Autorität aus.
Die Art, die den Wald kleiner erscheinen ließ, die Luft schwerer und die Stille lauter erscheinen ließ.
Er machte einen langsamen Schritt auf sie zu, und die Wölfe, die lauernd gewesen waren, zogen sich schließlich einen Schritt zurück. Nicht, weil er sie befahl, wurde ihr klar, sondern weil er Aufmerksamkeit auf sich zog.
"Du bist der Heiler", sagte er mit leiser, aber bestimmter Stimme. "Das Rudel sagt, jemand hilft verwundeten Kriegern nahe der Grenze. Das bist du?"
Sofia nickte vorsichtig. "Ich bin es. I… Ich helfe jedem, der es braucht."
Klauss Augen verengten sich leicht. Er rückte nicht näher, aber seine Präsenz drückte scharf und unbestreitbar gegen sie. "Machst du das umsonst?"
Sofia zuckte mit den Schultern. "Kommt darauf an, wer fragt."
Er zog eine Augenbraue hoch. "Silberkamm zahlt. Du... du wirst für deine Dienste bezahlt", sagte Klaus ruhig. "Es hängt ganz von deinem Preis ab... Macht, Titel, Gold und Land".
Ihr Kiefer spannte sich an. "Ich gehe jeden Tag Risiken ein. Für mich, für mein Zuhause. Ich interessiere mich nicht für Macht. Ich interessiere mich nicht für Rucksäcke. Ich will einfach nur überleben. Ich möchte nur wiederaufbauen, was mir genommen wurde."
Klaus antwortete nicht sofort. Er studierte sie einfach. Und in diesem Moment spürte Sofia, wie sich etwas veränderte. Der Wald fühlte sich kleiner an. Die Schatten rückten näher. Sogar der verletzte Krieger hinter ihr schien den Atem anzuhalten.
Schließlich trat Klaus zur Seite und deutete auf die Lichtung. "Dann hilf ihm. Schnell. Die Grenze ist nicht sicher, und ich möchte nicht, dass sich die Lage verschlechtert, weil jemand nicht schnell genug gehandelt hat."
Sofia bewegte sich erneut auf den verletzten Krieger zu. Sie machte sich an die Arbeit, die Hände ruhig, ihr Geist fokussiert. Aber sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass der Alpha sie immer noch beobachtete.
Sie wusste nicht warum, und sie wollte es noch nicht wissen.
Als die Kriegerin endlich stabil genug war, um sich aufzusetzen, wischte Sofia sich die Hände an ihrem Mantel ab.
Sie blickte auf, und Klaus war jetzt näher, nur wenige Schritte entfernt.
"Das hast du gut gemeistert", sagte er. "Die meisten Heiler wären in Panik geraten. Die meisten Wölfe wären gestorben, bevor Hilfe eintraf."
Sofias Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie. "Ich bin nicht wie die meisten Heiler. I… Ich tue, was ich muss."
Er musterte sie still, als würde er jedes Wort abwägen.
Dann nickte er einmal und drehte sich um. "Gut. Bleib ein paar Tage in Silberkamm. Ruh dich aus. Das Rudel könnte jemanden wie dich gebrauchen."
Sofia blinzelte. "Warum sollte ich bleiben?" "Ich gehöre nicht hierher."
Klauss Blick wich nicht. "Weil das Rudel weiß, dass es jemanden wie dich braucht. Jemand mit Können. Jemanden, der mit dem umgehen kann, was kommt."
Sofia runzelte die Stirn. "Was kommt?"
Er antwortete nicht. Stattdessen bat er sie, ihm zu folgen, als er zurück zum Silberkamm-Rudel ging.
Sofia half dem Krieger auf die Beine. Er lehnte sich leicht an sie, seine Kraft schwach, aber wachsend. Sie führte ihn zum Rudel und folgte dem Alpha.
Etwas an dem Alpha hing in der Luft, wie Rauch nach einem Feuer. Wie eine Warnung.
Sie ließ die Kapuze tief und suchte die Bäume nach Bewegung ab.
Ab und zu drehte sich Klaus um, um sicherzugehen, dass sie kam. Und zum ersten Mal bewegte sie sich nicht, um sich zu verstecken.
"Die Grenzen waren nicht sicher. Und der Alpha? "Er scheint nicht so grausam zu sein, wie die Gerüchte behaupten." dachte Sofia bei sich.
Sie warf einen letzten Blick zurück. Der Wald war still. Der Krieger war vorerst in Sicherheit. Doch das Gefühl der Gefahr blieb, das sich wie Rauch um sie legte.
Sie wusste es noch nicht, aber ihr Leben stand kurz davor, sich zu verändern. Die Art von Veränderung, die entweder alles wiederherstellen konnte, was sie verloren hatte... oder sie komplett zu zerstören.
Und sie wäre machtlos, es zu stoppen, wenn sie nicht handeln würde.