Die Diener starrten weiterhin das Mädchen an und warteten darauf, dass sie erklärte, warum sie im Esszimmer des Alphas stand.
Keiner von ihnen wusste, dass sie direkt in Kaylas Geist sprach.
„Und was du bist, wirst du heute Nacht herausfinden“, antwortete das Mädchen. Ihr Lächeln wurde breiter.
„Worüber du dir Sorgen machen solltest, ist Alpha Khans Reaktion, wenn er es auch herausfindet.“
„Bete, dass er sich nicht von dir abwendet. Denn wenn er das tut, bist du erledigt. Du bleibst für immer verflucht.“
„Du warst nie dazu bestimmt, so gefährlich zu sein. Alpha Khan zu treffen war nur der Anfang deines Schicksals. Jetzt ist es Zeit, jemand anderen zu treffen, einen mächtigen Wolf, dessen Ankunft den Fluch aufheben wird, der dich dein ganzes Leben lang verfolgt hat.“
Das Mädchen lachte, sprang vom Stuhl und rannte aus dem Raum. Jeder Blick folgte ihr. Kayla blieb still.
Augenblicke später kehrte Alpha Khan zurück und setzte sich ihr gegenüber. Kayla war entschlossen, den Sturm in ihrem Inneren nicht preiszugeben.
Sie begrub jede Frage und zwang ihren Ausdruck, ruhig zu bleiben. Auch wenn sie den Appetit völlig verloren hatte, konzentrierte sie sich auf das Essen vor sich.
Khan musterte sie sorgfältig. Aber sie gab ihm nichts zu lesen.
„Wie soll ich heute Nacht herausfinden, was ich bin? Wer wird es mir sagen?“ fragte sie sich immer wieder.
„Ist es etwas so Schreckliches, dass Khan mich einsperren wird, so wie mein Onkel es getan hat?“
Die Fragen kreisten in ihrem Kopf. Sie war so abgelenkt, dass sie nicht bemerkte, dass sie ihr Essen umrührte, ohne einen einzigen Bissen zu nehmen.
„Kay?“
Khans Stimme durchbrach ihre Gedanken. Sie blinzelte und hob langsam den Blick.
„Du isst nicht“, sagte er leise.
Kayla erzwang ein kleines Lächeln.
„Ich bin nicht gewohnt, viel zu essen. Ich habe nicht wirklich Hunger.“
„Hat jemand etwas gesagt, das dich verärgert hat, während ich weg war?“ fragte Khan.
„Ein Welpe war hier“, antwortete sie. Seine Brauen zogen sich sofort zusammen.
„Ein Welpe? Von wo?“
„Ich weiß es nicht.“
„Hat noch jemand etwas gesagt, das dich verärgert hat?“
Kayla wich seinem Blick aus und schüttelte den Kopf.
„Nein. Gar nichts.“
Sie erzwang ein weiteres Lächeln. Sie hatte ihn bereits genug mit ihren Problemen belastet. Das Letzte, was sie wollte, war, dass er die Jagd ihretwegen aufgab.
„Kay, bist du dir absolut sicher?“ fragte er.
„Ich bin sicher.“
Er beobachtete sie einen Moment. Dann seufzte er, legte sein Besteck ab und wischte sich den Mund mit einer Serviette ab.
„Vergiss den Schmerz, den sie dir zugefügt haben. Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du stark genug sein, dich zu rächen. Kein Wolf wird dich jemals wieder verletzen. Du wirst so stark dastehen wie ich.“
Er schob seinen Stuhl zurück und erhob sich.
„Lass uns gehen.“
An der Tür des Gästezimmers öffnete Alpha Khan die Tür für Kayla. Sie blieb stehen und sah ihn an.
„Was ist?“ fragte er.
Kayla zögerte. „Wenn der Arzt die Tests macht… wird er die Ergebnisse mir oder dir geben?“
Khan hob eine Augenbraue. „Warum?“
„Weil es meine Probe ist“, sagte sie leise. „Sollte ich nicht die Erste sein, die die Ergebnisse sieht?“
„Worum geht es hier wirklich, Kay?“
„Glaubst du, der Arzt könnte die Ergebnisse heute Nacht bringen?“
„Nein. Warum fragst du?“
„Ich weiß nicht. Ich denke nur… wenn er sie bringt, wird er sie mir oder dir geben?“
Khan antwortete nicht sofort. Stattdessen musterte er sie und bemerkte, wie sie ihre Finger aneinander rieb und die Anspannung, die sie zu verbergen versuchte.
Sie war nicht nur neugierig. Sie hatte Angst. Angst, dass was auch immer in dem Bericht stand, alles verändern könnte.
„Kay“, sagte er sanft, „du musst vor nichts Angst haben. Ich bin dein Freund, nicht dein Richter.“
„Ich weiß. Ich will nur wissen, wem er sie zuerst gibt“, beharrte sie. „Das sollte ich sein, oder?“
„Wenn dich das beruhigt, dann ja. Er wird sie dir zuerst geben. Aber die Ergebnisse werden heute Nacht nicht fertig sein, also hör auf, dir Sorgen zu machen.“
„Okay“, murmelte Kayla.
Eine sanfte Stimme drang durch das offene Fenster, getragen vom Nachtwind.
Kayla hielt inne. Alpha Khan hielt ebenfalls inne.
Das Lied war schwach und zerbrechlich, als klammere sich die Singende verzweifelt an Hoffnung.
Die Veränderung in Khan war sofort. Die Traurigkeit, die er gewöhnlich vergrub, trat ohne Vorwarnung an die Oberfläche. Seine Schultern senkten sich. Sein Kiefer spannte sich an. Der Schmerz, den er immer verbarg, sickerte durch die Risse.
Kayla spürte es sofort. Sie verstand nicht, warum seine Trauer sie so tief berührte, aber sie tat es.
Khan verband sich über die Gedankenverbindung mit seinem Beta.
„Ist sie wegen der Pflanze verärgert?“ fragte er.
„Nein, Alpha. Die Oberste Mutter hat uns gebeten, sie nach draußen zu bringen“, sagte er. „Sie behauptet, ihre Instinkte sagen ihr, dass heute Nacht etwas Gutes passieren wird. Sie glaubt, sie könnte ihr Augenlicht wiedererlangen.“
„Bring sie zurück hinein“, sagte Khan sofort. „Ich gehe zur Jagd. Draußen ist sie nicht sicher.“
„Alpha, sie weigert sich“, antwortete Axel. „Wir haben alles versucht. Sie besteht darauf, draußen zu bleiben.“
Sorge blitzte über Khans Gesicht.
„Axel“, sagte er leise, „bitte überzeuge sie. Bring sie hinein.“
Ohne nachzudenken, streckte Kayla die Hand aus und nahm seine freie Hand. Nur eine kleine Geste und eine stille Erinnerung, dass er die Last nicht allein trug. Khan zog die Hand nicht weg. Er schloss einfach die Augen und atmete aus.
„Alpha“, sagte Axel erneut, „es gibt noch etwas. Die Oberste Mutter sagt, sie spürt, dass die Mondgöttin den Schatz zurückgebracht hat, den wir vor dreißig Jahren verloren haben.“
Khans Augen rissen sich auf.
„Ich komme sofort dorthin“, sagte er.
„Ich hoffe, alles ist in Ordnung“, flüsterte Kayla.
Khan nickte einmal.
„Es ist.“
„Okay“, murmelte sie. Er drückte sanft ihre Hand, bevor er zurücktrat.
„Und vergiss nicht, den Balsam am ganzen Körper einzureiben.“
Kayla nickte.
„Werde ich nicht.“
Khan drehte sich um und ging weg. Einige Sekunden später schloss Kayla leise die Tür hinter sich.
Das ferne Heulen von Wölfen hallte durch die Nacht und signalisierte, dass die Verwandlung bereits begonnen hatte. Das Rudel verwandelte sich unter dem Vollmond.
Als Kayla den Kleiderschrank betrat, fiel ihr etwas draußen am Fenster auf.
Es gab keinen Zweifel, wer es war. Kayla hatte Beta Leo unzählige Male verwandeln sehen.
Langsam, vor ihren Augen, verwandelte sich der Wolf zurück in seine menschliche Form.
„Alpha Khan ist auf die Jagd gegangen. Du hast jetzt die Gelegenheit, das Rudel zu verlassen“, sagte Leo.
„Alpha Cameron hat mich geschickt, dich zurück ins Rudel zu bringen, und du musst mit mir zurückkehren.“
Kayla blieb still, wissend, dass das, was Leo sagte, unmöglich war.
Sie wollte gerade das Fenster schließen, als Leo erneut sprach.
„Hör zu, Kayla. Der Hauptgrund, warum ich dir gesagt habe, dieses Rudel zu betreten, war, weil ich dich hier vor Alpha Thorne verstecken wollte, der gedroht hatte, dich aus unserem Rudel zu holen. Also habe ich dich hierher gebracht. Ich wusste, dass Alpha Khan dich fangen würde. Dann, wenn Thorne kommt, würden wir ihm sagen, dass du hier bist, und seine Aufmerksamkeit vom Silberberg ablenken.“
„Jetzt haben wir das getan. Seine Aufmerksamkeit ist hier. Du musst nach Hause zurückkehren, weil er jederzeit eintreffen könnte. Komm mit mir.“
Kayla seufzte einfach und schloss das Fenster. Leo und Alpha Cameron waren die Letzten, denen sie jemals vertrauen würde. Sie würde lieber in Gefahr laufen, als einem von beiden zu vertrauen.
Um eins Uhr morgens war keiner der Wölfe, einschließlich Alpha Khan, die auf die Jagd gegangen waren, zurückgekehrt.
Das gesamte Rudel war so still wie ein Friedhof. Kayla konnte nicht schlafen.
Sie blieb am Fenster und beobachtete den leeren Hof, hoffend auf ein Zeichen, irgendetwas, das enthüllen würde, wer sie wirklich war. Aber die Nacht blieb still.
Sie glaubte nicht, dass das seltsame Mädchen gelogen hatte. Es lag etwas Ungewöhnliches an ihr. Etwas Geheimnisvolles. Ihre Worte hallten noch in Kaylas Geist nach.
Plötzlich durchbrach ein Piepton die Stille. Khans Telefon, das auf dem Nachttisch lag, hatte eine Nachricht empfangen.
Seine automatisierte Stimme las vor:
„Alpha Khan, die Ergebnisse von Kaylas Probe sind fertig. Bitte rufen Sie mich an, sobald Sie zurück sind. — Dr. Harris.“
Kaylas Herz setzte aus. Sie zog sich schnell an und drehte sich zur Tür. Sie musste den Arzt zuerst sehen.
Mehr als zehn Wachen, die draußen postiert waren, blockierten ihren Weg.
„Das Rudel ist immer verwundbar, wenn unser Alpha weg ist“, erklärte einer von ihnen. „Unsere Feinde greifen lieber während des Vollmonds an, weil sie wissen, dass Alpha Khan jagen wird. Bitte kehren Sie in Ihr Zimmer zurück.“
Kayla drehte sich leise um und ging zurück hinein.
Sobald die Tür geschlossen war, fing sie einen unbekannten Duft auf. Jemand anderes war im Raum.
„Mein Alpha?“ flüsterte Kayla, während sie sich umsah. Keine Antwort kam.
„Khan…“ rief sie erneut.
Sie eilte zur Tür, um sofort zu gehen. Eine Hand legte sich plötzlich von hinten über ihren Mund. Der Griff war wie Eisen. Kayla kämpfte, aber sie konnte sich nicht befreien. Sie war vollständig festgehalten.
„Silas, hör zu“, sagte einer der Eindringlinge. „Ich habe einen Plan. Wenn dieser Alpha so viel Geld anbietet, nur um sie zu bekommen, warum behalten wir sie nicht für uns selbst? Er nannte sie einen Schatz. Sagte, sie sei wie eine Gelddruckmaschine. Wenn wir herausfinden, was er meinte, werden wir reich.“
Silas schüttelte den Kopf.
„Nein, Theo. Denk nach. Wenn sie so viel Geld anbieten, werden sie vor nichts zurückschrecken, um sie zu finden. Sie werden uns jagen, uns in die Enge treiben und uns alles nehmen.“
„Was, wenn wir komplett verschwinden? Neues Territorium. Neue Identitäten.“
„Und den Rest unseres Lebens rennen?“ schnappte Silas. „Das ist kein Sieg. Das ist Selbstmord.“
„Wir halten uns an den Deal. Wir liefern sie. Wir werden bezahlt. Wir bleiben am Leben. Keine weiteren Argumente.“