Kapitel 6

1278 Words
„Nein. Sie leiten Sedierung ein“, korrigierte Dr. Harris. „Und möglicherweise verwenden sie kontrollierte Substanzen. Aber es sieht nicht nach Behandlung aus.“ „Nein… sie behandeln sie vielleicht, aber sie enthüllen absichtlich nicht, was sie verwenden. Auf diese Weise, wenn sie jemals das Rudel verlässt, wird sie immer wieder zu ihnen zurückkehren, wenn die Symptome auftreten.“ „Ich bin froh, dass ich das Heilmittel jetzt kenne.“ Kayla schloss langsam die Augen und atmete aus. Khan sah sie erneut an. „Weißt du, zu welchem Rudel dieser Arzt gehört?“ Kayla schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Khan drehte sich zu Dr. Harris. „Hast du ihn auf den CCTV-Aufnahmen identifiziert?“ „Nein“, antwortete Dr. Harris. „Er trug einen schwarzen Kapuzenpullover. Sein Gesicht war vollständig bedeckt.“ Dr. Harris untersuchte Kayla erneut und trat zurück. „Körperlich gibt es im Moment keine aktive Anomalie.“ Er zog seine Handschuhe aus. „Da die Symptome derzeit unter Kontrolle sind und du eine vorübergehende Intervention identifiziert hast, schlage ich Beobachtung außerhalb der Klinik vor. Wann immer es wiederkehrt, kannst du es sofort handhaben.“ „In der Zwischenzeit muss ich ein paar Tests durchführen“, sagte Dr. Harris. „Ich brauche eine Blutprobe.“ Kayla nickte und streckte ihren Arm aus. Dr. Harris nahm die Probe und beschriftete sie zur Analyse. Außerhalb der Klinik bemerkte Alpha Khan eine kleine Gruppe von Wölfen, die sich in der Nähe des Gartenbereichs versammelt hatten. Axel war unter ihnen. Er hielt eine der vorbeigehenden Krankenschwestern an. „Bring sie in eines der Gästezimmer.“ Die Krankenschwester verneigte sich schnell und führte Kayla weg. Khan ging auf die Menge zu. Die Wölfe traten sofort zurück und schufen Platz für ihn. Im Zentrum der Versammlung stand eine Pflanze. Sie war vollständig verdorrt. Khan runzelte die Stirn. Diese Pflanze war von seiner blinden Mutter gepflanzt worden. Sie pflückte jede Nacht ein Blatt davon, drückte den Saft aus und trug ihn auf ihre Augen auf, in dem Glauben, dass er eines Tages ihr Augenlicht wiederherstellen würde. „Was ist hier passiert?“ Die Omega, die zuvor das Wasser gebracht hatte, fiel sofort auf die Knie. „Ich… ich habe das Wasser… ich meine, ich wollte nicht…“ Ihre Stimme brach, als sie nach den richtigen Worten suchte, um dem Alpha zu erklären, was passiert war. „Sprich klar“, schrie Khan. „Ich habe das Wasser, mit dem sie sich die Hände gewaschen hat… auf diese Pflanze gegossen“, sagte sie schließlich. „Und sie ist sofort verdorrt.“ Stille legte sich über den Hof. Khans Brauen zogen sich zusammen. „Alle zurück in eure Quartiere.“ Die Wölfe zerstreuten sich sofort. „Axel. Bleib.“ Axel trat vor. Khan wandte seinen Blick zu ihm. „Was denkst du, hat das verursacht?“ „Alpha, es sieht so aus, als würde alles, womit sie in Kontakt kommt, kontaminiert… fast wie Gift.“ Alpha Khans Augen verengten sich. Er dachte einen Moment darüber nach. War das der Grund, warum Kaylas verstorbene Mutter sie immer davon abgehalten hatte, die Küche ihres Rudels zu betreten? Weil ihre Berührung gefährlich sein könnte? War das auch der Grund, warum der Obstsalat, den sie am Geburtstag ihres Bruders zubereitet hatte, zu so vielen Todesfällen geführt hatte? Khans Gedanken kreisten weiter, aber nichts fügte sich klar zusammen. Im Gästezimmer, in dem Kayla war, lehnte Alpha Khan an der Tür und beobachtete sie. „Kay, sag mir die Wahrheit“, sagte er leise. „Das Wasser, mit dem du dir die Hände gewaschen hast… es hat eine Pflanze getötet. Ist so etwas jemals im Silberberg passiert?“ „Ist irgendeine Pflanze gestorben, nachdem sie Wasser berührt hat, mit dem du dir die Hände gewaschen hast?“ „Nein.“ Khan musterte sie einen Moment, dann atmete er aus und trat ein. „In Ordnung.“ Er nahm sanft beide ihre Hände und hob sie näher, untersuchte ihre Handflächen sorgfältig. Er brachte sie in die Nähe seiner Nase, als suche er nach einer Spur von Gift oder ungewöhnlichem Geruch. Es war nichts da. „Gibt es etwas, das du über dich weißt? Etwas Ungewöhnliches, etwas, das dich von anderen Wölfen unterscheidet?“ fragte Khan. Kayla suchte nach einer Antwort. Das Einzige, was sie jemals an sich bemerkt hatte, etwas, das sie nie zuzugeben wagte, war ihre Geschwindigkeit. Andere Wölfe waren nur in ihrer Wolfsform schneller. Aber Kayla… selbst in ihrer menschlichen Haut rannte sie, als wäre der Wind Teil ihres Blutes. Sie erinnerte sich an das erste Mal, als sie es realisierte. An dem Tag, als sie vom Silberberg zu fliehen versuchte. Die Wachen hatten sie mit allem verfolgt, was sie hatten. Keiner von ihnen war in der Lage gewesen, sie zu berühren. Dann traf sie die seltsame Schwäche, als hätte jemand einen unsichtbaren Schalter in ihr gedrückt und sie abgeschaltet. Ihre Beine knickten ein. Ihre Sicht verschwamm. Sie fiel. Als sie aufwachte, war sie zurück in ihrem Zimmer, das eher einer Zelle glich. Kayla flüsterte: „Ich habe Geschwindigkeit.“ „Alle Wölfe haben das.“ „Nein…“ Kayla hob die Augen, um seinen Blick zu treffen. „Ich meine echte Geschwindigkeit. Nicht die gewöhnliche Art.“ Khan schwieg und fixierte seinen Blick auf sie. Kayla schüttelte den Kopf und weigerte sich, mehr zu sagen. Er atmete leicht aus und ließ das Thema fallen. „Ich brauche etwas Luft“, sagte Kayla plötzlich, und das Zittern in ihrer Stimme verriet mehr als Angst. Es klang, als versuche jemand, einer Erinnerung davonzulaufen. Sie stand schnell auf und ging zur Tür. Khan packte ihr Handgelenk und hielt sie sanft an. „Kay“, murmelte er. Sie drehte sich zunächst nicht um. Ihr Rücken hob und senkte sich zu schnell. Khan spürte die Panik durch ihre Haut. In dem Moment traf es ihn. Er hatte sie dazu gebracht, Dinge in Erinnerung zu rufen, die sie nur überlebt hatte, indem sie sie vergaß. „Kay…, ich wollte dich nicht so aufreißen“, murmelte er. „Ich weiß, dass ich Dinge aufgewühlt habe, denen du nicht bereit warst, dich zu stellen. Aber… es gibt etwas Geheimnisvolles an dir. Wenn ich es nicht verstehe, kann ich dich nicht am Leben halten.“ Langsam und schmerzhaft drehte sich Kayla zu ihm um. „Hör zu“, sagte er leise. „Ich muss etwas überprüfen. Stopp mich, wenn du dich unwohl fühlst“, sagte er. „Du hast hier die Kontrolle, nicht ich.“ „Okay“, murmelte sie. Mit langsamen, bedachten Bewegungen begann Khan seine Untersuchung und überprüfte ihre Haut auf physische Anomalien, die das Gift oder ihre plötzliche Schwäche erklären könnten. Er begann mit ihren Armen, drehte sanft ihre Ärmel hoch, um ihre Handgelenke und die inneren Ellbogenbeugen zu untersuchen, und fand winzige, schwache Einstichmale, die von früheren Injektionen zurückgeblieben waren. Er rollte vorsichtig den Saum ihrer Kleidung zurück, um ihre Beine zu untersuchen, und fand dieselben winzigen Einstichmale über ihre Oberschenkel verstreut. Während er sie untersuchte, bemerkte Kayla, dass seine Augen von tiefer Trauer schwer waren. Sie fasste Mut und fasste sanft sein Kinn, um ihn zu zwingen, sie anzusehen. „Was ist los“, flüsterte sie. Khan blickte in ihre Augen. Er versuchte, seine Traurigkeit zu verbergen, aber er konnte es nicht. Er öffnete sich. „Meine Mutter… diese Pflanze war ihre letzte Hoffnung. Auch wenn sie den Saft ein ganzes Jahr lang ohne Heilung verwendet hatte, glaubte sie immer noch, dass sie eines Tages mein Gesicht wiedersehen würde.“ „Sie wird nicht aufhören zu weinen, wenn sie jemals erfährt, dass sie weg ist.“
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