„Kayla!“
Elenas Stimme hallte durch den winzigen Raum, als sie die Tür aufstieß. Es war derselbe enge Raum, in dem Kayla die letzten vierzehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte, eingesperrt ohne auch nur die Hoffnung auf Freiheit.
Kayla fuhr aus dem Schlaf. Elena stürzte zu ihr, packte ihr Handgelenk und zog sie zur Hintertür.
„Du musst das Rudel sofort verlassen.“
„Was ist passiert?“ fragte Kayla entsetzt.
„Dein Onkel versucht, dieses Rudel zum Regentenrudel zu machen. Er will deine Kraft erneut nutzen. Wenn er Erfolg hat, wird er unantastbar. Der Rat wird seine Handlungen nicht mehr hinterfragen können, und unschuldige Wölfe werden weiterhin leiden. Du darfst ihm nicht erlauben, diese Macht zu erlangen. Du musst jetzt gehen!“
„Nein, Lehrerin. Es ist hoffnungslos. Sie werden mich fangen, bevor ich überhaupt rauskomme, genau wie jedes andere Mal.“
„Kay, das junge Mädchen, das mir diese Information gegeben hat, weiß, wie sie dich jedes Mal aufgehalten haben, wenn du versucht hast zu fliehen. Sie hat versprochen, dir diesmal zu helfen. Nimm den östlichen Pfad durch den Blackwood-Wald. Er führt direkt zum Rudel Blauer See. Lauf einfach… und komm nie wieder zurück.“
„Okay“, flüsterte Kayla. Sie glaubte, dass sie diesmal Erfolg haben würde. Gerade als sie einen Schritt zur Hintertür machte, flog die Schlafzimmertür auf.
Ein großer, breitschultriger Mann stürmte herein. Es war Beta Leo. Er stürzte vor und erwischte stattdessen Elena. Er legte einen Arm um sie und drückte ein Messer an ihre Kehle.
„Mach noch einen Schritt, Kayla, und sie stirbt.“
„Lauf!“ schrie Elena. Kayla blieb stehen und drehte sich um. Tränen füllten ihre Augen.
Elena war nicht nur ihre Lehrerin. Sie war die einzige Person im gesamten Rudel, die sie wie einen Menschen behandelt hatte. Während alle anderen flüsterten, Kayla sei ein Monster und die Strafe des Mondes für die Wölfe, hatte Elena sie alle ignoriert. Sie hatte sich freiwillig gemeldet, das eingesperrte Mädchen zu unterrichten, und war die einzige Familie geworden, die Kayla je gekannt hatte.
„Kayla, du wurdest geboren, um das Schicksal der Werwölfe zu verändern. Dein Schicksal ist größer als mein Leben. Verlass das Rudel jetzt“, weinte Elena. Kayla konnte sich nicht bewegen.
Kayla war die schnellste Wölfin, die in über fünfhundert Jahren geboren worden war, aber Geschwindigkeit hatte nie gereicht. Jedes Mal, wenn sie zu fliehen versuchte, fanden ihr Onkel und Beta Leo einen Weg, sie aufzuhalten.
„Es sei bekannt, dass du, Elena, dir dein eigenes Grab geschaufelt hast. In dem Moment, als du dich entschiedest, gegen das Rudel zu kämpfen, das dich jahrelang beschützt hat, hast du nicht nur unser Vertrauen verraten, du hast deinen eigenen Todesbefehl unterschrieben.“
Ohne ein weiteres Wort zog Leo die Klinge über Elenas Kehle. Blut strömte aus der Wunde. Leo ließ sie los, und sie brach auf dem Boden zusammen.
„Nein!“ schrie Kayla. Für eine herzzerreißende Sekunde konnte sie nicht atmen. Dann drehte sie sich um und rannte.
Leo blickte zu einem der Wachen, die in den Raum gestürzt waren.
„Geh zum Arzt“, befahl er. „Schau, ob er noch Kaylas Blut hat. Wenn ja, sag ihm, dass sie wieder geflohen ist und dass ich direkt hinter ihr bin. Er weiß, was zu tun ist.“
„Ja, Beta.“
Die Wache sprintete davon. Leo verwandelte sich in seinen Wolf und nahm die Verfolgung auf. Eine zusammengerollte Karte hing in seinem Maul.
Kayla raste durch den Wald schneller als der Wind selbst. Hinter ihr jagte Leo unerbittlich. Seine Frustration wuchs mit jeder Minute.
„Warum hat der Arzt sie noch nicht gestoppt?“
Sie hätte schon lange langsamer werden müssen. Stattdessen vergrößerte sie den Abstand zwischen ihnen immer weiter.
Dann, fast eine Stunde später, stolperte Kayla. Ihr Schritt stockte. Sie taumelte, als hätte sich der Boden unter ihr plötzlich verschoben.
Ihre Beine gaben schließlich nach, und sie stürzte vornüber auf den Waldboden.
Augenblicke später trat Leo aus den Bäumen. Der massive Wolf verwandelte sich zurück in seine menschliche Form.
Schwer atmend ging er zu ihrem bewusstlosen Körper.
Er pflückte ein paar Orangen von einem nahegelegenen Baum, drückte den Saft in ihren Mund und wartete.
Wenige Minuten später flatterten Kaylas Augenlider auf.
Bevor sie ihre Sinne vollständig wiedererlangen konnte, knallte eine donnernde Ohrfeige ihren Kopf zur Seite.
„Du hirnloses Idiot! Deine Lehrerin hat jemandem vertraut, der heimlich für deinen Onkel arbeitet.“
Er griff eine Handvoll ihres Haares und riss sie auf die Füße. Es tat höllisch weh, aber Kayla weigerte sich zu weinen.
Sie hatte in den letzten vierzehn Jahren genug Tränen vergossen und sich ein Versprechen gegeben: Sie würde ihren Feinden nie wieder die Genugtuung geben, sie weinen zu sehen.
„Dein Onkel braucht etwas“, sagte Leo. „Und nur du kannst es für ihn holen.“
Ein selbstgefälliges Lächeln breitete sich über sein Gesicht.
„Ich bin eigentlich froh, dass du diesen Weg gelaufen bist. Das hat mir die Mühe erspart, dich hierher zu schleppen.“
Kayla blickte sich um. Hinter den Bäumen lag das Territorium eines anderen Rudels.
Sie drehte sich zu Leo um.
„Was braucht er von mir?“ murmelte sie tonlos.
„In weniger als einer Stunde werden die Krieger dieses Rudels zu einer Jagd aufbrechen.“
Leo zeigte auf eine große Lodge hinter dem Zaun.
„Ich brauche, dass du dich hinter die Lodge des Alphas schleichst und alles, was du findest, über diesen Zaun wirfst.“
Leo schaltete eine kleine Taschenlampe an und rollte ein zerknittertes Stück Pergament gegen den kalten Stein aus.
„Das ist die Karte des Rudels Blauer See.“
Er tippte auf einen schwer befestigten Abschnitt nahe der Mitte der Karte.
„Das ist Alpha Khans private Kammer. Schleich dich dahinter. Was auch immer du dort findest, wirf es über die Mauer zu mir“, instruiert Leo.
Kayla blickte zu der hohen Mauer hinauf. „Und was, wenn der Alpha mich erwischt?“ fragte sie, obwohl es ihr eigentlich egal war. An diesem Punkt würde sie lieber erwischt werden, als weiterhin den egoistischen Ambitionen ihres Onkels zu helfen.
Leo spottete, während er die Karte zusammenrollte. Er drückte sie in ihre zitternden Hände. „Du bist halb Wolf. Du hast keinen Geruch. Für einen Werwolf bist du ein Geist. Sie werden dich nicht einmal sehen. Aber wenn du erwischt wirst, werde ich reinkommen und für dich bitten. Dein Onkel wird die Politik regeln.“
Kayla öffnete den Mund, um eine weitere Frage zu stellen, aber Leo stürzte plötzlich vor. Seine Finger verwickelten sich brutal in ihrem Haar und rissen ihren Kopf zurück, bis sie keuchte.
„Wenn diese Mission scheitert, wird dein Onkel dich selbst töten.“
„Jetzt kletter über den Zaun und geh rein. Wenn du wieder versuchst zu rennen, werde ich dich mit genau derselben Methode stoppen, die wir jetzt benutzt haben. Vertrau mir, diesmal sorge ich dafür, dass du einen langsamen, qualvollen Tod stirbst.“
Kayla blickte erneut zu der hohen Mauer hinauf. Schrecken ließ das Blut in ihren Adern gefrieren. Schwer atmend fand sie einen Halt im Stein und zwang sich über den Rand.
Sie holte Luft und sprang blind in das dunkle Territorium.
Anstatt auf den harten Boden zu treffen, stürzte sie direkt in ein Paar Arme, die sich wie solides Eisen anfühlten. Der Aufprall raubte ihr den Atem, und die Karte glitt aus ihrem Griff und flatterte nutzlos zu Boden.
„Mondgöttin!“ keuchte Kayla.
Sie kämpfte verzweifelt gegen den eisernen Griff des Alphas. Es war, als würde man gegen einen Berg ankämpfen.
„Lass mich bitte runter“, weinte sie.
„Halt den Mund“, knurrte Alpha Khan.
„Schrei sie nicht an. Sie ist unsere Gefährtin“, flüsterte Rion, der Wolf des Alphas, in seinem Geist.