Kapitel 2

2120 Words
Ohne ein Wort zu sagen, trug Khan sie durch einen schwach beleuchteten Steinkorridor. Sein Blick blieb auf den winzigen Einstichmalen fixiert, die über ihre freiliegende Haut verstreut waren. Er hatte so etwas noch nie gesehen. Es war, als hätte jemand ihre Haut immer und immer wieder durchstochen. Alpha Khan war wütend, nicht auf sie wegen des Eindringens, sondern auf den, der ihr das angetan hatte. Es war offensichtlich, dass jemand sie misshandelt hatte. Die Male auf ihrem Körper erzählten die Geschichte. Er trat die Tür zu einem leeren Raum auf und senkte sie sanft auf den Boden. Vor ihr hockend griff er nach ihrem Handgelenk. Unzählige winzige Einstichmale bedeckten ihre Haut. Einige sahen frisch aus, während andere mit der Zeit verblasst waren. Dieselben Male bedeckten ihren anderen Arm und setzten sich an ihren Beinen fort. Einige waren rot und leicht geschwollen. Khan rollte ihren Ärmel ein wenig weiter hoch, sein Ausdruck verdüsterte sich. Sein Beta, Axel, trat vor und verneigte sich. „Alpha Khan, sie ist offensichtlich eine hungrige Rogue. Warum verschwendest du deine Zeit damit, sie zu untersuchen? Wirf sie erst in eine Zelle. Wir können ihr Schicksal nach der Jagd entscheiden.“ Alpha Khan ignorierte seinen Beta. Das Mädchen vor ihm war die Gefährtin, nach der er jahrelang in den mächtigsten und entferntesten Rudeln gesucht hatte. Nach sechs langen Jahren unerbittlicher Suche hatte er endlich den Blick auf sie gerichtet. Ihr Körper war schmerzhaft dünn, schwach und abgenutzt, als hätte sie von nichts als Resten überlebt. Doch trotz allem war die Gefährtenbindung unverkennbar stark. „Mein Alpha?“ rief Axel. Der Alpha ignorierte ihn und betrachtete weiter die seltsamen Male auf der Haut seiner Gefährtin. Eine Wache stürzte plötzlich in den Raum. „Mein Alpha, Alpha Cameron vom Silberberg ist am Tor. Er wünscht, dich sofort zu sehen.“ Khan richtete sich schließlich auf. „Ich denke, du solltest dich zuerst darum kümmern“, sagte der Beta. „Diese Verbrecherin geht nirgendwo hin.“ „Sie ist keine Verbrecherin!“ schnauzte Khan seinen Beta an. Axel senkte sofort den Kopf. „Meine Entschuldigung, Alpha.“ Khan seufzte. Als er sich zum Gehen wandte, griff Kayla plötzlich nach seinem Handgelenk. Der Raum verstummte. Khan blickte auf sie hinab. Angst erfüllte ihre Augen. „Bitte übergib mich nicht an ihn. Ich wäre lieber eine Gefangene in deinem Rudel, als zum Silberberg zurückzukehren.“ „Bitte.“ Einen Moment lang sagte Khan nichts. Dann löste er sanft ihre Hand. Ohne ein Wort drehte er sich um und verließ den Raum. An den Toren des Rudels Blauer See starrte Alpha Cameron Leo an. „Was hast du dir gedacht?“ verlangte er. „Der Plan war, dass du den Schatz heute Nacht holst, nicht dass du Kayla mitnimmst.“ „Mein Alpha, das kleine Mädchen, das die Prophezeiung überbracht hat, sagte, der Schatz wird fallen, sobald Kayla ihren Fuß auf das Land des Rudels Blauer See setzt. Wie soll ich den Schatz bekommen, wenn die Bedingung selbst Kaylas Anwesenheit erfordert?“ „Wenn sie nicht in dieses Territorium tritt, wird der Schatz sich nicht einmal zeigen.“ „Draußen hier ist immer noch Territorium des Rudels Blauer See, Leo. Sie hätte ihn draußen auslösen sollen, nicht drinnen.“ „Ich kann dieses Versagen verzeihen, aber nur unter zwei Bedingungen: Du holst mir den Schatz, und du sorgst dafür, dass Kayla an uns übergeben wird.“ „Alpha Thorne hat uns genug gedroht. Sobald wir diesen Schatz besitzen, werden wir zum mächtigsten Rudel aufsteigen. Er wird es nie wieder wagen, uns mit Krieg zu bedrohen.“ Leo nickte einmal. „Ich verstehe, mein Alpha.“ „Das solltest du besser.“ Dann öffneten sich die massiven Tore. Aus den Schatten des Eingangs trat Alpha Khan heraus. Cameron setzte sofort ein freundliches Lächeln auf und streckte die Hand aus. „Alpha Khan.“ Khan rührte sich nicht. Eine Hand blieb in seiner Tasche, während sein kalter Blick auf den beiden Besuchern ruhte. „Alpha Cameron, was suchst du zu dieser unheiligen Stunde in meinem Territorium?“ „Ich bin im Namen meiner Nichte hier. Darf ich hereinkommen?“ „Nein.“ Bevor Cameron sprechen konnte, trat Leo vor ihn und kniete auf einem Knie nieder, senkte den Kopf respektvoll. „Bitte, Alpha Khan.“ Khans Augen wanderten zu ihm. „Sie ist meine Gefährtin und trägt mein Junges.“ Khans Augen verengten sich. Er war sich sicher, dass das Mädchen, das er gefangen hatte, seine Gefährtin war. Nach mehreren Sekunden trat er zur Seite. „Komm herein.“ „Guter Zug, Leo“, sagte Alpha Cameron über die Gedankenverbindung. „Jetzt find eine andere Ausrede und entferne dich von uns. Durchsuche den hinteren Teil seiner Kammer und finde den Schatz. Versag mir diesmal nicht.“ „In dem Moment, in dem der Schatz in deinen Händen ist, findest du Kayla und holst sie aus diesem Rudel. Khan denkt drei Schritte voraus. Wenn sie länger hier bleibt, wird er die Wahrheit über sie aufdecken, und der Schatz ist für uns nutzlos ohne Kayla in unserem Rudel.“ „In Ordnung, Alpha“, antwortete Leo über dieselbe Verbindung. In Alpha Khans Büro sprach Cameron ohne Zeit zu verschwenden. „Alpha Khan, ich entschuldige mich für das Eindringen in dein Rudel. Das Mädchen, das in dein Territorium eingedrungen ist, ist labil. Sie ist derzeit in einer unserer psychiatrischen Einrichtungen in Behandlung, aber sie ist entkommen, also haben wir sie hierher verfolgt.“ „Sie sah mir nicht labil aus“, sagte Khan. „Sie sah vollkommen in Ordnung aus.“ „Sie ist auch schwanger von ihrem Gefährten. Du kannst sie hier nicht behalten.“ „Das beabsichtige ich selbst zu überprüfen“, antwortete Khan gleichmütig. Er blickte zu dem Beta an der Tür. „Bring das Mädchen zur Rudelklinik. Sag Doktor Harris, er soll einen Schwangerschaftstest an ihr durchführen und mir die Ergebnisse sofort bringen.“ Der Beta verneigte sich leicht. „Ja, Alpha.“ „Alpha Khan, solche Maßnahmen sind wirklich nicht nötig. Kayla ist nur eine schwache Wölfin mit mentalen Problemen. Du schenkst ihr weit mehr Aufmerksamkeit, als sie verdient.“ Khan schwieg einen Moment. „Wo ist dein Beta? Er behauptet, sie sei seine Gefährtin, und ich muss auch verstehen, wie das möglich ist.“ Camerons Augen huschten zur geschlossenen Tür und dann zurück zu Khan. „Er wartet wahrscheinlich draußen.“ Eine schwere Stille legte sich über den Raum. Nach ein paar Minuten öffnete sich die Tür erneut. Axel trat ein, verneigte sich respektvoll und reichte Alpha Khan die Ergebnisse des Schwangerschaftstests, bevor er zurücktrat. Khan nahm sie ohne ein Wort. Er sah sie an. Langsam hob er den Kopf und blickte Cameron an. „Ihr seid Lügner. Steht auf und verlasst mein Rudel sofort!“ schrie Khan. „Und meine Nichte?“ „Sie ist eingedrungen. Ihr Schicksal in diesem Rudel liegt in meiner Entscheidung. Jetzt geht!“ Cameron erhob sich abrupt und schlug mit der Faust auf Khans Schreibtisch. „Es gibt Aufsichtsorgane, die alle Gestaltwandler in diesem Land kontrollieren. Du hast kein Recht, dein eigenes Urteil durchzusetzen, besonders wenn die Person mit einem Alpha verbunden ist. Du solltest den großen südlichen Rat einberufen und sie übergeben. Sie muss unter dem Großen Südlichen Rat vor Gericht gestellt werden. Nur wenn sie für schuldig befunden wird, kannst du ihr Schicksal bestimmen. Du handelst nicht einfach so, weil sie in dein Territorium eingedrungen ist.“ Alpha Khan reagierte nicht. Seine Worte waren endgültig. Erst dann erklang Leos Stimme erneut über die Gedankenverbindung. „Alpha… der Schatz ist noch nicht erschienen. Wir müssen morgen zurückkommen. Finde einen Weg, den Besuch nicht abzuschließen. Wir brauchen eine weitere Gelegenheit, dieses Rudel zu betreten.“ Cameron richtete sich langsam auf und zwang Kontrolle zurück in seinen Ausdruck. „Nenne deinen Preis, Alpha Khan. Was willst du im Austausch für meine Nichte?“ fragte Cameron. Er brauchte eine Bedingung, die er bis zum nächsten Tag erfüllen konnte, eine Ausrede, um mit seinem Beta ohne Verdacht in das Rudel zurückzukehren. „Fünfzig unverpaarte Wölfinnen“, sagte er schließlich. „Alle über fünfunddreißig Jahre alt. Sie bleiben unter der Autorität meines Rudels. Nur dann wird deine Nichte freigelassen.“ „Das muss schriftlich und versiegelt werden“, sagte Cameron sofort ohne nachzudenken. „In Ordnung! Wenn ich dir diese Frauen bringe und du meine Nichte nicht freigibst, werde ich die Vereinbarung direkt zum Großen Südlichen Rat bringen.“ Alpha Khan zuckte leicht mit den Schultern. „Sobald du sie hast, werde ich deine Nichte freilassen.“ „Bereite die Vereinbarung vor“, befahl Cameron. Axel bewegte sich schnell, trat hinaus und kehrte Augenblicke später mit dem Dokument zurück. Beide Alphas unterschrieben. Cameron schloss die Hand um das versiegelte Papier. „Ich werde morgen mit den Frauen zurückkehren.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging hinaus. Eine Weile herrschte Stille, bevor Axel schließlich sprach. „Mein Alpha… diese Forderung war extrem. Du hättest einfach seine Nichte zurückgeben können. Sie ist hier nutzlos.“ Khan lehnte sich zurück. „Ich habe das gefordert, weil ich Zeit brauchte.“ „Zeit wofür?“ „Zeit zu verstehen, warum sie lieber eine Gefangene in meinem Rudel bleibt, als mit ihrer eigenen Familie zurückzukehren. Zeit zu verstehen, warum sie überhaupt in mein Territorium gerannt ist. Und vor allem brauchte ich zu verstehen, warum sie misshandelt wurde.“ „Lass sie frei. Wir haben jetzt keine Zeit dafür.“ Khan erhob sich langsam von seinem Stuhl. „Nun, ich kann nicht.“ „Warum nicht?“ drängte Axel. „Weil sie meine Gefährtin ist.“ „Nein, Alpha“, sagte er scharf. „Sie ist nicht deine Gefährtin. Du musst dich irren.“ „Und warum denkst du das?“ „Vor drei Jahrzehnten verlor dieses Rudel einen Schatz, der uns zum Regentenrudel gemacht hätte“, sagte er. „Dein Vater verbrachte Jahre damit, danach zu suchen, hatte aber nie Erfolg. Vor seinem Tod, während er in der Wildnis auf der Suche danach umherwanderte, empfing er eine Prophezeiung.“ „Die Prophezeiung sagte, der Schatz werde nur zurückkehren, wenn die Gefährtin des Rudelerben eintrifft.“ „Alpha, du bist der prophezeite Erbe.“ „Wenn diese labile Wölfin wirklich deine Gefährtin wäre, wäre der Schatz bereits hier.“ „Axel, du erinnerst dich an die Prophezeiung, aber du hast bequem den Teil vergessen, der sagt, dass es zwei gibt“, sagte Khan. „Die von der Mondgöttin Auserwählte kommt mit dem Schatz. Vielleicht ist sie nicht die Eine. Aber eines ist mir sicher. Sie ist meine Gefährtin.“ „Planst du, sie zu beanspruchen?“ fragte Axel. „Ich werde das nach meiner Untersuchung entscheiden.“ Alpha Khan stand auf und ging zur Klinik. „Alpha, was ist mit der Jagd heute Nacht?“ fragte Axel. „Sag den Kriegern, sie wird auf morgen verschoben. Ich muss herausfinden, was mit dieser Wölfin nicht stimmt.“ Die Sorge in seiner Stimme überraschte sogar Axel. Sie hatten das Mädchen gerade erst getroffen. Eigentlich hätte sie in einer Rudelzelle sitzen sollen. Axel blieb stehen und sah seinem Alpha nach. Er hatte Khan noch nie aus Emotion handeln sehen. Nicht bis heute. Der nächste Tag war Samstag und Vollmond. Ein besonderer Tag im Leben jedes Wolfes. Alle Mitglieder des Rudels Blauer See bereiteten sich auf die Vollmondjagd vor. Dr. Harris betrat den Hof, wo der Alpha Befehle gab. Er berührte Khans Schulter. Der Alpha beugte sich leicht, damit der Arzt seinen Bericht abliefern konnte. „Die Wölfin vom Silberberg ist wach.“ „Warum hat sie den ganzen Tag geschlafen?“ fragte Khan. „Nach Überprüfung der Sicherheitsaufnahmen der Klinik habe ich entdeckt, dass jemand sie in den frühen Morgenstunden sediert hat. Der Silberberg hat einen Spion in diesem Rudel.“ „Bist du sicher?“ „Absolut.“ „Schick die Aufnahmen an das digitale Forensik-Team. Ich will, dass sie alle Beteiligten identifizieren.“ „Ja, Alpha.“ „Axel, übernimm hier. Ich bin gleich zurück.“ „Alpha.“ Axel verneigte sich. „Wir haben die Jagd gestern Nacht schon wegen dieser Fremden verpasst. Lass uns die heutige Jagd nicht auch noch verpassen.“ „Keine Sorge. Das werden wir nicht. Ich brauche nur zuerst Antworten von ihr.“ Gerade da erschienen Scheinwerfer hinter den Toren. „Sieht aus, als wäre der Silberberg mit den Wölfen da, die du verlangt hast“, sagte Axel mit einem Lächeln. In diesem Moment klickte etwas in Khans Geist. Der Silberberg hatte Kayla sediert, um ihn daran zu hindern, sie zu befragen. Zum Glück für sie beabsichtigte er, seine Antworten zu bekommen. „Bring sie in mein Büro. Sag ihnen, ich treffe sie später.“
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