Kapitel 5

1343 Words
Alpha Khan stürzte in die Klinik und blieb neben Kaylas Bett stehen. Sie sah so schwach aus, dass er kaum glauben konnte, dass sie dieselbe Person war, mit der er vor kurzem gesprochen hatte. Ihr Gesicht war blass. Ihr Atem flach. Die geringe Kraft, die sie zuvor gezeigt hatte, war verschwunden. „Was ist passiert?“ fragte er Dr. Harris. Der Arzt blickte auf die Monitore, bevor er antwortete. „Sie wird mit jeder Minute schwächer. Ihre Energiewerte sinken, ihr Blutdruck ist instabil, und ihre Vitalwerte fallen weiter.“ Khan runzelte die Stirn. „Wie ist das möglich?“ „Ich weiß es nicht, Alpha. So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Axel trat vor. „Alpha, begrabe deinen Stolz und schick sie zurück.“ Khan sah ihn an. „Der Schatz ist nie erschienen. Vielleicht ist sie nicht die Gefährtin aus der Prophezeiung. Vielleicht hat die Mondgöttin eine andere Gefährtin für dich vorgesehen. Die, deren Ankunft den verlorenen Schatz zurückbringen wird.“ Der Raum verstummte. Khan erinnerte sich an das, was Kayla ihm in der Nacht zuvor gesagt hatte. Ich wäre lieber eine Gefangene in deinem Rudel, als zu meinem zurückzukehren. Bitte gib mich nicht an meinen Onkel zurück. Sein Blick fiel auf die Einstichmale, die ihre Arme bedeckten. Langsam schüttelte er den Kopf. Dr. Harris seufzte. „Wenn der Silberberg eine Behandlung für das hat, was mit ihr passiert, dann muss sie sofort dorthin zurück. Im Moment habe ich keine Antwort.“ Khan schwieg einige Momente. Dann traf er seine Entscheidung. „Axel, mach das Auto bereit.“ „Ja, Alpha.“ Axel eilte hinaus. Einige Minuten später kehrte er zurück. „Das Auto ist bereit.“ Khan hob Kayla in seine Arme und trug sie nach draußen. Er legte sie vorsichtig auf den Rücksitz. „Alpha“, rief Axel. Khan hielt inne. „Die Vollmondjagd beginnt bald. Lass mich sie zurück zum Silberberg bringen.“ „Nein.“ „Alpha…“ „Ich sagte nein.“ Er stieg ins Fahrzeug. Axel folgte, und das Auto fuhr vom Rudel Blauer See weg und verschwand durch die Tore. Auf dem Weg zum Silberberg hatte Alpha Khan nicht die Absicht, Kayla dort zu lassen. Er glaubte, dass ihre Ankunft in seinem Rudel kein Zufall gewesen war. Das Schicksal hatte sie aus einem Grund auf seinen Weg gebracht, und er war entschlossen, ihn aufzudecken. Er legte ein stilles Gelübde ab. Selbst wenn sie starb, würde er sie in seinem Rudel begraben. Aber eines war sicher. Er würde ihren Wunsch respektieren. Er würde sie nie wieder an ihren Onkel ausliefern. Als der Konvoi vor den Toren des Rudels Silberberg anhielt, warteten sie darauf, dass die Wachen sie öffneten. Eine Wache trat schließlich nach etwa zehn Minuten Wartezeit aus dem Inneren hervor. „Der Alpha ist gerade zurückgekehrt“, verkündete er. „Er sagte, ihr sollt ihm zwei Stunden geben. Er sagte, ihr habt keine Wahl.“ „Was?“ schnauzte Khan. Er drehte sich zu Axel. „Lass uns hier verschwinden.“ „Alpha, es sind nur zwei Stunden. Lass uns auf ihn warten.“ „Nein. Lass uns gehen, Axel. Ich werde einen anderen Weg finden, sie zu retten.“ „Alpha, du kannst sie nicht retten. Nur der Silberberg hat das Heilmittel für ihre seltsame Krankheit“, sagte die Wache. Alpha Khan öffnete die Autotür und stieg ein. „Fahr.“ Axel nahm schnell seinen Platz hinter dem Steuer ein und startete den Motor. Das Auto fuhr vom Silberberg weg. Zehn Minuten vergingen. Kayla zeigte keine Anzeichen des Aufwachens. Dann schlug plötzlich etwas gegen das Seitenfenster. Khan runzelte die Stirn. Ein zweites Objekt traf das Heckfenster. Dann knallte ein drittes mit überraschender Kraft gegen die Front des Fahrzeugs. „Jemand versucht, unsere Aufmerksamkeit zu erregen“, sagte Khan leise. Sein Wolf knurrte zustimmend. „Halt das Auto an.“ Axel trat sofort auf die Bremse. Khan blickte hinaus und entdeckte ein kleines Mädchen, das hoch in einem Tangerinebaum am Straßenrand saß. Ihre Beine baumelten von einem Ast, während ihre kleinen Hände nach einer weiteren Frucht griffen. „Rückwärts.“ Der Konvoi setzte zurück, bis das Fahrzeug auf Höhe des Baumes war. Khan ließ das Fenster herunter. „Was ist?“ Das Mädchen sagte nichts. Sie pflückte eine weitere Tangerine und hielt sie hoch. „Das ist das einzige Heilmittel für das, was mit ihr passiert“, sagte sie. „Gib ihr den Saft. Es wird ihr besser gehen.“ Bevor Khan eine weitere Frage stellen konnte, warf sie die Frucht ihm zu. Er fing sie mühelos. Das Mädchen griff nach einer zweiten Tangerine und warf auch die. Khan reichte beide Früchte an Axel. „Wasch sie.“ Axel holte eine Flasche Wasser aus dem Auto, spülte die Früchte gründlich ab und reichte sie Alpha Khan. Khan schälte sofort eine. Er drückte den Saft in Kaylas leicht geöffnete Lippen. Einen Moment lang geschah nichts. Dann bewegte sich ihre Kehle. Sie schluckte. Er drückte mehr Saft in ihren Mund. Diesmal schluckte sie leichter. Farbe kehrte allmählich in ihr Gesicht zurück. Ein stärkerer Atem entwich ihren Lippen. Khan blickte zurück zum Baum. Der Ast war leer. Das Mädchen rannte bereits einen Feldweg hinunter, ihre winzige Gestalt verschwand zwischen den Bäumen, als wäre sie nie da gewesen. Rions Stimme hallte in seinem Geist wider. „Sie wusste genau, was mit Kay nicht stimmte. Du musst sie finden.“ „Rion, wir müssen nach Hause.“ Kurze Zeit später flatterten Kaylas Augenlider auf. Sie richtete sich langsam auf und blickte sich um. Die Straße war vertraut. Sie führte zum Silberberg. Panik blitzte über ihr Gesicht. Sie griff nach dem Türgriff und versuchte auszusteigen. Khan legte schnell seine Arme um sie und zog sie zurück. „Kay, entspann dich.“ Sie sah ihn ängstlich an. „Wir fahren zurück zu meinem Rudel.“ Die Anspannung wich sofort aus ihrem Körper. Zu ihrer Überraschung vertraute sie ihm. Sie kannten sich kaum einen Tag, und doch vertraute sie ihm vollkommen. Zurück im Rudel Blauer See führte Khan Kayla in die Klinik. Dr. Harris blickte auf und blinzelte überrascht. „Das ging schnell.“ Seine Augen wanderten zu Kayla. „Und sie ist wach.“ „Was ist passiert?“ Khan schüttelte den Kopf. „Es ist eine lange Geschichte.“ Er half Kayla zu ihrem Zimmer. „Komm mit mir. Ich muss diese Male verstehen. Ich habe das Gefühl, sie sind der Schlüssel zu diesem ganzen Geheimnis.“ Dr. Harris nickte und folgte ihnen auf die Station. In der Station bemerkte Alpha Khan ein winziges Einstichmal auf dem Rücken von Kaylas Handfläche. Blut sickerte daraus. „Was ist passiert?“ fragte er. Kayla blickte hinunter. „Keine Sorge. Das passiert jedes Mal, wenn ich aus dem Schlaf aufwache.“ Khan runzelte die Stirn und griff nach ihrer Hand, aber sie wischte das Blut schnell mit ihrer rechten Handfläche ab und versteckte die Hand hinter ihrem Rücken. „Tu das nicht“, sagte Dr. Harris sofort. „Lass mich es das nächste Mal ordentlich mit sterilem Wattebausch reinigen.“ Er zog seine Handschuhe an, nahm sterilen Wattebausch, der in Antiseptiklösung getränkt war, und reinigte die Stelle sorgfältig. Er übte sanften Druck aus, bis die Blutung stoppte, und wickelte sie leicht ein, um Reizungen zu verhindern. Khan nutzte seine Gedankenverbindung. „Bring Wasser und Seife auf die Station.“ Eine Omega trat Augenblicke später mit einer Schüssel sauberen Wassers und Seife ein. Kayla wusch ihre Hände unter Aufsicht, dann verließ die Omega leise den Raum. Khan drehte sich wieder zu ihr. „Du hast gesagt, das passiert jedes Mal, wenn du aufwachst?“ Kayla zögerte, dann nickte sie. „Ja. Manche Nächte kommt ein Arzt und zwingt mich, Wasser zu trinken. Wenn ich aufwache, finde ich immer neue Einstichmale an meinem Körper.“ „Aber das passiert in meinem Rudel.“ Kayla senkte den Blick. „Der seltsame Arzt kam in den frühen Stunden hierher.“ Khan und Dr. Harris tauschten einen scharfen Blick. „Sie spritzen ihr etwas in den Körper“, sagte Khan.
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