Kapitel Vier

1488 Words
Langsam ließ er meine Hand los, als hätte sie ihn verbrannt. „Das kann ich nicht zulassen. Du wirst darüber hinwegkommen“, sagte er und wandte sich dann zu Lisa. „Du solltest erst einmal nach Hause gehen. Emily ist gutherzig — sie würde dir nichts antun. Sie ist nur so, weil sie ein Kind verloren hat. Du wirst es bald verstehen, du wirst ja auch Mutter. Sie wird es überstehen“, fügte er hinzu. Ich konnte mir das Grinsen auf meinen Lippen nicht verkneifen. Gutherzig, ja? So sieht er mich also — sanft, jemand, der alles hinnimmt. Ich biss mir auf die Unterlippe. Ich hatte vorher gehen wollen, aber jetzt würde ich nicht mehr weglaufen. Ich würde bleiben. Ich würde sie den Verlust spüren lassen, den ich gespürt habe. Ich würde in ihrem Leben bleiben, Zwietracht zwischen ihnen säen und ihnen nehmen, was ihnen gehört. Ihr Kind würde sich vor mir verantworten müssen. Das war das Versprechen, das ich mir selbst gab. --- Wieder zu Hause ging ich ins Wohnzimmer, um mir ein Glas Wasser zu holen. Ich hatte Ryder bereits gesagt, dass ich sein Gesicht nicht sehen wollte, aber ich hörte Lisas Stimme aus dem Gästezimmer. Ich blieb vor der Tür stehen, als ich sie sprechen hörte. „Also ignorierst du mich jetzt, nur weil deine Gefährtin ihr Kind verloren hat?“ sagte sie scharf und kalt. „Es war nicht meine Schuld, dass du sie gestoßen hast. Außerdem hat sie das Baby sowieso schon verloren. Hast du vergessen, was der Arzt gesagt hat? Sie hatte kaum eine Chance, das Kind auszutragen — die Schwangerschaft war von Anfang an riskant. Was für eine Frau kann nicht einmal ein Baby austragen? Jetzt hat sie es verloren, und sie wird nie wieder eines haben. Erbärmlich.“ Ihre Worte schnitten wie Messer durch mich. „Du hast mich dazu gebracht, sie zu stoßen“, fauchte Ryder zurück. „Wenn du nicht gesagt hättest, sie hätte Essen über dich gegossen, hätte ich es nicht getan. Jetzt will sie nichts mehr mit mir zu tun haben, und du tust so, als wäre das alles egal, und verlangst s*x, als wäre es nur eine ganz normale Nacht.“ Seine Stimme war rau, voller Schuld und Verwirrung. „Ihr Kind ist weg, aber wir haben das hier, Ryder“, sagte Lisa mit glatter, aber scharfer Stimme. „Hast du vergessen, dass der Arzt gesagt hat, wir sollen das oft tun, damit meine Geburt leichter wird? Du kannst dich nicht an ein totes Kind klammern. Das hier—“ sie legte ihre Hand auf ihren Bauch, „—das ist dein Erbe. Und vergiss nicht: Wenn du dich nicht um mich kümmerst und mein Vater wütend wird, wie willst du dann für den Posten des Obersten Alphas kandidieren? Du hast schon alles, was es braucht. Du musst dich nur um mich kümmern und um meine Hand anhalten.“ Ryder trat näher an sie heran, sein Kiefer angespannt. „Ich will so sehr Oberster Alpha werden“, murmelte er, seine Stimme beinahe brechend. „Aber Emily… ich will sie auch nicht verlieren. Sie war für mich da, als niemand sonst da war. Wenn sie geht, verliere ich den Verstand. Dann wäre ich nicht mehr ich selbst.“ Lisa grinste, ihre Augen funkelten. „Sie hängt an dir, Ryder. Ich kenne Menschen gut — sie klammern sich, egal was passiert. Du hast mir doch selbst gesagt, dass sie zu Hause nicht geliebt wird, oder? Also wird sie dich nicht verlassen. Du kannst sie doch behalten, während ich deine Luna bin, oder?“ Langsam legte sie ihre Hand auf seine Brust, ihre Finger glitten hinunter, während sie begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Ein Lächeln spielte auf meinen Lippen. Ich hänge an ihm? Hat sie das gerade gesagt? „Ich werde dich diese Worte bereuen lassen“, flüsterte ich zu mir selbst. Er wollte mich nicht verlieren, aber er wollte sie wegen der Macht. Was für ein perfektes kleines Drehbuch. Gut, dass ich es endlich verstanden habe — er liebt sie nicht. Es geht nur um Ehrgeiz. Das macht alles nur leichter für mich. --- Heute war der 60. Geburtstag des früheren Alphas — Ryders Vaters. Alle hatten sich in der großen Halle des Packhauses versammelt. Die Luft war erfüllt von Lachen und Lob, aber nichts davon galt mir. Jedes einzelne Kompliment flog zu Lisa, der Goldenen, der Frau, die den Erben des Alphas trug. „Wozu bist du überhaupt gut, Emily?“ schnitt die scharfe Stimme meiner Schwiegermutter durch den Lärm. „Du konntest nicht einmal neun Monate lang ein Kind austragen! Ich bin enttäuscht von Ryder, dass er dich nicht loslässt. Wie kann er immer noch an einer Frau hängen, die ihm nicht einmal ein Junges schenken kann? So eine Zeitverschwendung.“ Ihre Worte taten weh, aber ich biss mir auf die Zunge. Ich wollte antworten, wollte ihr sagen, was für Monster ihr Sohn und seine Geliebte wirklich waren — aber ich konnte nicht. Noch nicht. Wenn ich sie jetzt respektlos behandelte und Ryder sich gegen mich stellte, würde mein Plan scheitern, bevor er überhaupt begonnen hatte. Flüstern breitete sich in der Halle aus wie ein Lauffeuer. „Sie ist so eingebildet“, zischte eine Stimme. „Sieh nur, wie sie ihre Schwiegermutter anstarrt“, murmelte eine andere. Ich stand da, nach außen ruhig, aber innerlich brannte ich. Sie hatten keine Ahnung, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm war. Ich sagte nichts. Ich ging einfach aus der Halle hinaus, weg von ihren gierigen, urteilenden Blicken. Meine Brust fühlte sich eng an vor all dem Geflüster und den Blicken. Auf dem Weg nach draußen stieß ich aus Versehen mit jemandem zusammen. Er blieb stehen und sah mich einen Moment lang an. Seine Augen — scharf, eisblau — trafen meine. Sein lockiges Haar umrahmte sein Gesicht perfekt und gab ihm ein raues, gefährliches Aussehen, wie jemand, der sein ganzes Leben an der Front verbracht hatte. „Tut mir leid“, sagte ich schnell. Er grinste. „Schon gut“, antwortete er mit tiefer Stimme und ging weiter. Ich drehte den Kopf und fragte mich immer noch, wer er war. Das war das erste Mal, dass ich sein Gesicht sah. Was denke ich eigentlich? Es war der Geburtstag des Ex-Alphas — natürlich gab es Fremde, wichtige Gesichter aus anderen Rudeln. Ich ging zum Swimmingpool und starrte in das schimmernde Wasser. Mein Spiegelbild sah mich an — ruhig, aber kochend vor stiller Wut. Heute Abend, dachte ich. Heute Abend muss ich meinen Plan beginnen. Da kam Lisa auf mich zu, ihre Absätze klackerten auf den Fliesen. Sie hatte wieder dieses selbstzufriedene Lächeln, das mich dazu brachte, es ihr vom Gesicht reißen zu wollen. Es war, als hätte sie mich von der Halle aus beobachtet und auf den richtigen Moment gewartet. „Hey“, sagte sie mit vor falscher Süße triefender Stimme, als sie sich neben mich stellte. „Was zur Hölle willst du von mir?“ fragte ich kalt und drehte mich zu ihr um. Sie grinste, derselbe spöttische Ausdruck auf den Lippen. „Eine Menge. Ich kann mit dir verhandeln. Ich will, dass du Ryder verlässt, und wenn du dich weigerst, werde ich dir das Leben zur Hölle machen“, sagte sie mit vor Ekel triefender Stimme. Ich lachte. Sie will, dass ich Ryder verlasse? Ich holte tief Luft und sah ihr in die Augen. „Ich werde ihn nicht verlassen. Tu dein Schlimmstes“, sagte ich ruhig, meine Worte schnitten durch die Luft. Sie schnaubte, ihr Gesicht verzog sich. Dann, ohne Vorwarnung, packte sie mein Handgelenk, zog mich näher und warf sich plötzlich rückwärts in den Pool. Das Platschen hallte durch den ruhigen Abend. „Hilfe! Hilfe!“, schrie sie und schlug um sich, als würde sie ertrinken. Einen Moment lang stand ich wie erstarrt da und fragte mich, was zur Hölle sie da tat — bis ich Ryders Stimme hörte. „Lisa!“, rief er, seine Schritte donnerten über die Fliesen, als er auf uns zurannte. Seine Augen schossen zu mir, sein Gesicht dunkel vor Wut. „Wie kannst du es wagen, sie in den Pool zu stoßen!“, brüllte er. Bevor ich etwas sagen konnte, bevor ich mich überhaupt verteidigen konnte, stieß er mich hart. Meine Füße rutschten weg, und ich stürzte ins Wasser. Der Schock der Kälte traf mich wie ein Schlag. Meine Lungen verkrampften sich. Ich konnte nicht schwimmen. Panik krallte sich in meine Brust, als ich versuchte, an die Oberfläche zu kommen. Durch den verschwommenen Schleier des Wassers sah ich Ryder ins Wasser springen — aber nicht für mich. Er hob Lisa in seine Arme und trug sie heraus wie ein Held, während ich tiefer sank, meine Glieder schwer. Er ließ mich einfach ertrinken, obwohl er gesagt hatte, er wolle mich nicht verlieren. Was habe ich mir gedacht? Dass er mich retten und sie zurücklassen würde?
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