Kapitel Fünf

1106 Words
Emilys Perspektive Gerade als ich im Wasser versinken wollte, sprang jemand hinter mir her. Starke Arme schlangen sich um meinen Körper und zogen mich nach oben. Meine Sicht war verschwommen, aber als ich durch das Wasser blinzelte, sah ich sein Gesicht deutlich — derselbe Mann, mit dem ich zuvor zusammengestoßen war. Er trug mich aus dem Pool und legte mich vorsichtig auf den Boden. Meine Brust brannte, als ich nach Luft schnappte und heftig hustete. Er drückte mehrmals auf meine Brust, bis ich das Wasser, das ich geschluckt hatte, ausspuckte. Dann half er mir, mich aufzusetzen, zog seine Anzugjacke aus und legte sie mir um die Schultern. „Geht es dir gut?“, fragte er, seine Stimme ruhig, aber bestimmt. Ich nickte schwach. „Danke, dass du mir das Leben gerettet hast.“ Mein Blick wanderte zu Ryder. Er stand dort mit dem Arm um Lisa und beobachtete uns. Sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten — in seinem Blick flackerte Ekel, gemischt mit etwas, das wie Verwirrung aussah. Es wirkte, als hasse er es, dass ich gerettet wurde, und doch konnte er einen Hauch Erleichterung darüber, dass ich lebte, nicht verbergen. Dann durchbrach die Stimme seiner Mutter die Stille. „Wie kannst du es wagen, sie zu retten, Nikolas?“, schrie sie und trat vor, die Augen voller brennender Wut. „Sie verdient es zu sterben! Sie hat versucht, die Frau zu töten, die den Erben deines Bruders trägt — und du gehst hin und rettest sie?“ spie sie wütend. Bruder? Meine Augen weiteten sich leicht. Ryders Bruder? Niemand hatte mir je gesagt, dass er einen hatte. Seit ich in diese Familie eingeheiratet hatte, hatte niemand seinen Namen auch nur einmal erwähnt. Nikolas’ Kiefer spannte sich an, seine Fäuste ballten sich. „Du sagst mir nicht, was ich zu tun habe“, sagte er scharf. „Du hättest deinen Sohn richtig erziehen sollen. Er ist genauso geworden wie sein Vater.“ In seinem Ton lag blanke Verachtung, während er sie anstarrte. „Sprich nicht so mit meiner Mutter!“, fauchte Ryders jüngere Schwester. „Warum gibst du ihr die Schuld für dein eigenes Unglück? Du bist doch nur ein verfluchter Sohn, der sein Leben an der Nordgrenze im Krieg verbracht hat. Was weißt du schon über Familienangelegenheiten?“ Lisa trat näher und hielt sich dramatisch den Bauch. „Nikolas“, sagte sie mit zitternder Stimme, „diese Frau, die du verteidigst, hat geschworen, mein Kind zu töten — den Erben deines Bruders. Sie hat mich sogar in den Pool gestoßen, um mein Kind umzubringen. Sie hat versprochen, mir das Leben zur Hölle zu machen.“ Ich starrte sie ungläubig an. Sie log so mühelos — ihre Stimme weich, zitternd vor gespielter Angst. Und mir wurde klar, dass ich die Einzige hier war, die nicht wusste, wer Nikolas wirklich war. „Lügen“, donnerte Nikolas. „Glaubst du, ich bin so ein Narr wie Ryder, der deine Geschichten einfach schluckt? Ich habe beobachtet, wie ihr sie behandelt habt, seit die Feier begonnen hat. Das hat mich daran zweifeln lassen, ob ihr überhaupt Frauen seid.“ Dann wandte er sich Ryders Mutter zu. „Was hast du getan? Du hast deinen Mann dazu gebracht, meine Mutter zu Tode zu foltern, und dann hat er dich als Luna geheiratet. Sieht das hier nicht genauso aus?“ Also hatte er zugesehen. Er hatte genug gesehen, um den Schmerz in meinen Augen zu verstehen. „Nikolas, du bist einfach nur eifersüchtig“, schoss Ryder zurück. „Du wurdest an die Nordgrenze geschickt, weil du mich töten wolltest. Vater dachte, du würdest nach fünfzehn Jahren deine Lektion gelernt haben, aber sieh dich an — du kommst zurück und willst Aufmerksamkeit. Und jetzt glaubst du, meine Gefährtin wäre etwas, das du benutzen kannst, um sie zu bekommen?“ „Ich bin nicht wegen Aufmerksamkeit zurückgekommen. Keiner von euch ist es wert, dieselbe Luft zu atmen wie ich“, sagte Nikolas scharf und rieb sich die Schläfen. „Ich bin zurückgekommen, weil ich dein Nemesis bin.“ „Du nennst sie deine Gefährtin“, sagte Nikolas und richtete seine Wut auf Ryder. „Und du lässt zu, dass sie so behandelt wird?“ Er hielt kurz inne. „Ich sollte meine Zeit nicht mit euch verschwenden.“ Dann sah er mich an. „Komm mit mir.“ Ryder trat abrupt vor. „Du wirst nirgendwo mit meiner Gefährtin hingehen“, knurrte er. Ich wollte gerade einen Schritt nach vorn machen und etwas sagen, als jemand zum Pool gerannt kam. Es war die persönliche Assistentin von Ryders Mutter, außer Atem und mit ihrem Handy in der Hand. „Meine Luna, sehen Sie sich die Nachrichten an — hören Sie, was Alpha Smith sagt!“, sagte sie und reichte ihr mit zitternden Händen das Telefon. Lisa runzelte die Stirn und riss es ihr aus der Hand. „Mein Vater? Der Alpha-Lykaner? Was ist los — warum ist er in den Nachrichten?“, fragte sie, Verwirrung breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Die Assistentin drehte die Lautstärke hoch, und die Stimme von Alpha Smith erfüllte die Luft. > „Bitte, wenn irgendjemand mir helfen kann, meine Tochter zu finden — sie hat ein besonderes Muttermal in Form eines Emblems. Man könnte es für ein Tattoo halten, aber das ist es nicht. Ich habe gerade herausgefunden, dass Lisa nicht mein leibliches Kind ist. Mein Baby wurde bei der Geburt vertauscht … ein Fehler des Arztes. Ich bin außer mir vor Wut zu wissen, dass ich all die Jahre das Kind eines anderen großgezogen habe. Wenn jemand meine Tochter findet, bringt sie ins Packhaus. Es gibt eine hohe Belohnung.“ Der ganze Ort verstummte. Alle Augen richteten sich auf Lisa. „Was? Was redet Vater da?“, stammelte Lisa mit zitternder Stimme. „Wie kann er sagen, ich sei nicht sein Kind? Vertauscht bei der Geburt? Das ist unmöglich!“ Flüstern breitete sich in der Menge aus wie ein Lauffeuer. „Also ist sie gar nicht die Tochter des Alpha-Lykaners?“ murmelte jemand. „Wer ist dann die echte?“ Mein Herz blieb für einen Moment stehen. Ein Muttermal in Form eines Emblems … etwas, das wie ein Tattoo aussieht. Meine Hand wanderte instinktiv zu meinem Hals — zu dem Mal, das ich immer unter Schichten von Make-up versteckt hatte. Dasselbe Mal, wegen dem ich in der Schule verspottet worden war, als Hure beschimpft wurde, weil alle dachten, ich hätte es mir selbst tätowieren lassen. Aber meine Eltern hatten mir gesagt, dass ich damit geboren wurde. Mir stockte der Atem. Konnte es sein … ich?
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