Kapitel 2

2296 Words
Der nächste Tag brach an wie eine offene Wunde. Der Himmel hing tief und grau über dem Schloss Silbermond, als wollte er die Geheimnisse darunter erdrücken. Phoebe hatte kaum geschlafen. Jede Berührung von Prinz Georges Fingerspitzen an ihrer Wange brannte noch immer auf ihrer Haut, ein unsichtbares Brandmal, das tiefer ging als jedes sichtbare Zeichen. Das Band pulsierte in ihrer Brust wie ein zweites Herz, wild, fordernd, verräterisch. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, dass es ausgerechnet mit ihm existierte, dem Mann, der Cates zerstören wollte, wurde ihr übel vor Selbsthass. Sie stand früh auf, bevor die ersten Diener die Gänge bevölkerten, und schlich in die Waschküche. Dort schrubbte sie Laken, die nach Lavendel und dem Schweiß fremder Körper rochen, bis ihre Knöchel bluteten. Die harte Arbeit sollte den Sturm in ihrem Inneren übertönen. Doch je stärker sie schrubbte, desto lauter schrie das Band. Es wollte zu ihm. Es verlangte nach ihm. Und Phoebe hasste sich dafür. Gegen Mittag fand Cates sie dort. Ihre Halbschwester trug ein cremefarbenes Kleid, das wie flüssiger Mond aussah, und ihr Gesicht war blass, aber entschlossen. „Phoebe“, flüsterte sie und zog die schwere Holztür hinter sich zu. „Wir müssen reden. Jetzt.“ Phoebe ließ den Waschstock sinken. Wasser tropfte von ihren Händen auf den Steinboden. „Es gibt nichts zu reden. Du hast gehört, was er gesagt hat. Du weißt, was er vorhat.“ Cates trat näher. Ihre blauen Augen glänzten fiebrig. „Ich habe die ganze Nacht nachgedacht. Ich werde nicht zulassen, dass er mich wie ein Zuchttier behandelt. Aber ich kann auch nicht einfach fliehen. Vater würde das Rudel gegen mich hetzen. Und dich... dich würde er töten lassen, um ein Exempel zu statuieren.“ Phoebe lachte bitter auf. „Dann lass mich gehen. Ich verschwinde heute Nacht. Ich nehme nichts mit. Niemand wird mich suchen. Du bleibst hier, sicher, und er findet eine andere Lösung.“ „Nein.“ Cates packte Phoebes nasse Arme so fest, dass es wehtat. „Du bist das Einzige, was mir je etwas bedeutet hat. Wenn du gehst, gehe ich mit. Aber wir beide wissen, dass wir nirgendwo hinkönnen. Das Rudel ist überall. Und er...“ Ihre Stimme brach. „Er hat dich angesehen, Phoebe. Gestern im Garten. Er hat dich angesehen, als wärst du Beute. Als wärst du mehr als ich.“ Phoebe wich zurück. „Das war nichts. Ein Moment. Ein Irrtum.“ „Es war kein Irrtum.“ Cates Stimme wurde scharf. „Ich kenne diesen Blick. Ich habe ihn bei den Paarungszeremonien gesehen. Bei wahren Gefährten. Das Band. Es ist zwischen euch entstanden. Und das macht alles tausendmal gefährlicher.“ Phoebe presste die Lippen zusammen. Sie wollte leugnen. Wollte schreien, dass es unmöglich war, dass ein unmarked Mädchen niemals ein solches Band spüren konnte. Doch die Wahrheit lag wie glühende Kohle in ihrer Kehle. „Ich werde ihn nicht an mich heranlassen“, sagte sie schließlich leise. „Ich werde alles tun, damit er dich in Ruhe lässt.“ Cates schüttelte den Kopf. „Du verstehst nicht. Wenn das Band echt ist, wird er nicht aufhören. Er wird jagen. Und er ist der beste Jäger, den es gibt.“ Bevor Phoebe antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen. Zwei Wachen traten ein. Große Männer mit Narben im Gesicht und dem silbernen Abzeichen des Alphas auf der Brust. „Phoebe“, knurrte der eine. „Der Prinz verlangt nach dir. Sofort.“ Cates stellte sich davor. „Sie ist beschäftigt. Sagt ihm, sie kommt später.“ Der zweite Wachmann lachte rau. „Der Prinz wartet nicht. Und du, kleine Luna, solltest besser den Mund halten, bevor dein Vater das erfährt.“ Phoebe legte eine Hand auf Cates Schulter. „Geh. Ich komme schon zurecht.“ Cates Augen füllten sich mit Tränen, doch sie nickte schließlich. „Sei vorsichtig“, flüsterte sie. „Bitte.“ Die Wachen packten Phoebe an den Oberarmen und zerrten sie durch die Gänge. Sie wehrte sich nicht. Je weniger Aufmerksamkeit sie erregte, desto besser. Doch innerlich tobte ein Orkan. Jeder Schritt brachte sie näher an ihn heran. Näher an das, was sie am meisten fürchtete und gleichzeitig am meisten begehrte. Sie führten sie in den alten Turmflügel, einen Teil des Schlosses, den kaum jemand betrat. Die Wände waren hier dicker, das Licht schwächer, die Luft kälter und schwer von altem Stein und Leder. Vor einer massiven Eichenpforte blieben sie stehen. Einer der Wächter klopfte dreimal. „Herein“, kam die tiefe Stimme von drinnen. Die Tür öffnete sich. Prinz George stand am Fenster, den Rücken zu ihr zugewandt. Er trug nur ein schwarzes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, sodass die sehnigen Unterarme sichtbar waren. Sein dunkles Haar war feucht, als hätte er gerade gebadet. Der Raum roch nach ihm: nach Kiefer, Rauch und etwas Animalischem, das Phoebe die Kehle zuschnürte. Die Wachen schoben sie hinein und schlossen die Tür hinter sich. Das Geräusch des Riegels hallte wie ein Urteil. George drehte sich langsam um. Seine sturmgrauen Augen fixierten sie sofort. Kein Blinzeln. Kein Zögern. Nur pure, unverhüllte Intensität. „Du bist gekommen“, sagte er leise. „Ich hatte keine Wahl“, erwiderte Phoebe. Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. Er lächelte. Dieses langsame, gefährliche Lächeln, das ihre Knie weich werden ließ. „Du hattest immer eine Wahl. Du hättest fliehen können. Dich verstecken. Stattdessen stehst du hier. Warum?“ Phoebe ballte die Fäuste. „Weil ich nicht zulasse, dass du Cates zerstörst.“ Er trat einen Schritt näher. „Cates. Immer Cates.“ Seine Stimme wurde dunkler. „Sag mir, Phoebe. Hast du gestern Nacht an sie gedacht, als dein Körper nach mir schrie? Oder hast du an mich gedacht?“ Hitze schoss in Phoebes Gesicht. „Du bildest dir etwas ein.“ „Nein.“ Er kam noch näher. Nur noch zwei Schritte trennten sie. „Ich rieche es. Deine Erregung. Deine Angst. Deinen Hass. Und darunter... Verlangen. So stark, dass es mich fast wahnsinnig macht.“ Phoebe wich zurück, bis ihr Rücken gegen die kalte Steinwand stieß. „Bleib weg.“ George blieb stehen. Doch seine Augen wanderten über sie, langsam, besitzergreifend. „Du trägst Lumpen. Deine Hände sind wund. Dein Haar ist zerzaust. Und trotzdem... bist du das Schönste, was ich je gesehen habe.“ „Lüge“, flüsterte sie. „Wahrheit.“ Seine Stimme war rau. „Das Band lügt nicht. Es wählt. Und es hat dich gewählt. Mich. Dich. Gegen alle Regeln. Gegen das Mal. Gegen die Götter selbst.“ Phoebe schüttelte den Kopf. Tränen brannten in ihren Augen. „Dann brich es. Reiß es heraus. Ich will es nicht.“ George lachte leise, ein dunkles, vibrierendes Geräusch. „Du kannst es nicht herausreißen. Es ist in deinem Blut. In deinen Knochen. In jedem Atemzug.“ Er hob die Hand, strich eine verirrte Strähne aus ihrem Gesicht. Diesmal wich sie nicht zurück. Sie konnte nicht. Seine Berührung war elektrisch. Funken tanzten über ihre Haut. Das Band explodierte in ihrer Brust, heiß, wild, verzweifelt. George atmete scharf ein. „Spürst du das? Das ist kein Traum. Das ist real.“ Phoebe schloss die Augen. „Ich hasse dich.“ „Gut“, murmelte er. „Hass mich. Kämpfe gegen mich. Es macht das hier nur süßer.“ Bevor sie reagieren konnte, packte er sie an den Hüften und zog sie hart gegen sich. Sein Mund krachte auf ihren. Der Kuss war keine Zärtlichkeit. Er war Krieg. Seine Lippen pressten sich brutal auf ihre, forderten, nahmen, brandschatzten. Phoebe keuchte auf, versuchte ihn wegzustoßen, doch ihre Hände krallten sich stattdessen in sein Hemd. Das Band sang triumphierend. Ihr Körper bog sich ihm entgegen, obwohl ihr Verstand schrie. George knurrte tief in seiner Kehle, ein animalisches Geräusch, das durch ihren ganzen Körper vibrierte. Er drehte sie, drückte sie gegen die Wand, seine Hände glitten unter ihr fadenscheiniges Kleid, fanden nackte Haut. Phoebe wimmerte, halb Protest, halb Kapitulation. „Sag mir, dass du es nicht willst“, raunte er an ihrem Mund. „Sag es, und ich lasse dich gehen. Für immer.“ Phoebe öffnete die Augen. Sie sah nur ihn. Sturm. Feuer. Besitz. „Ich hasse dich“, flüsterte sie wieder. „Dann sag es.“ Sie konnte nicht. Stattdessen zog sie ihn zurück, küsste ihn härter, verzweifelter. Ihre Zähne streiften seine Unterlippe. Er stöhnte auf, packte ihr Haar, bog ihren Kopf zurück, um tiefer in ihren Mund einzudringen. Die Welt schrumpfte auf diesen Moment. Auf seine Hände, die über ihre Hüften glitten, ihre Brüste fanden, sie kneteten, bis sie aufkeuchte. Auf seinen Mund, der ihren Hals hinabwanderte, saugte, biss, markierte. Auf das Band, das wie ein lebendiges Wesen zwischen ihnen pulsierte, sie aneinander kettete. George hob sie hoch, als wöge sie nichts. Ihre Beine schlangen sich um seine Hüften. Er trug sie zum breiten Tisch in der Mitte des Raumes, fegte Pergamente und Tintenfässer mit einem Arm zur Seite. Phoebe landete auf dem harten Holz, George über ihr, dominant, unaufhaltsam. Er riss ihr Kleid auf. Stoff zerriss. Kalte Luft traf ihre Haut. Doch seine Hände waren heiß, fordernd. Er beugte sich hinab, nahm eine Brustwarze in den Mund, saugte hart. Phoebe schrie auf, bog sich ihm entgegen. Schmerz und Lust verschmolzen zu etwas Unerträglichem. „Sag meinen Namen“, befahl er. „George“, keuchte sie. „Lauter.“ „George!“ Er belohnte sie, indem er tiefer glitt, Küsse über ihren Bauch verteilte, tiefer, tiefer, bis er zwischen ihren Schenkeln ankam. Phoebe erstarrte. „Nein“, flüsterte sie panisch. „Doch.“ Seine Stimme war dunkel, entschlossen. „Ich will alles von dir. Jeden Laut. Jeden Geschmack.“ Er spreizte ihre Beine. Phoebe versuchte, sie zusammenzupressen, doch er war stärker. Sein Mund fand sie. Heiß. Nass. Unerbittlich. Phoebe schrie. Ihre Hände krallten sich in sein Haar. Sie wollte ihn wegstoßen. Stattdessen zog sie ihn näher. Seine Zunge tanzte, leckte, saugte, bis Sterne hinter ihren Lidern explodierten. Sie kam hart, zitternd, schluchzend, sein Name ein gebrochener Schrei auf ihren Lippen. George hob den Kopf. Seine Lippen glänzten. Seine Augen waren schwarz vor Lust. „Das war erst der Anfang.“ Er richtete sich auf, öffnete seine Hose. Phoebe starrte ihn an. Er war groß. Hart. Bereit. Angst und Verlangen kämpften in ihr. „Sag nein“, sagte er rau. „Und ich höre auf.“ Phoebe zitterte. Tränen liefen über ihre Wangen. Doch sie sagte nichts. George drang in sie ein. Langsam. Unerbittlich. Zentimeter für Zentimeter füllte er sie aus. Phoebe schrie auf, halb Schmerz, halb Ekstase. Er hielt inne, ließ sie sich anpassen, dann stieß er tiefer. „Du gehörst mir“, knurrte er. „Nein“, keuchte sie. „Doch.“ Er begann sich zu bewegen. Hart. Schnell. Tief. Jeder Stoß trieb sie höher, näher an den Abgrund. Phoebe klammerte sich an ihn, Nägel in seinem Rücken, Beine um seine Hüften. Das Band explodierte in Farben, die sie nicht benennen konnte. Lust. Hass. Liebe. Verzweiflung. George biss in ihre Schulter. Nicht tief genug, um zu markieren. Noch nicht. Doch der Schmerz katapultierte sie über die Kante. Sie kam wieder, diesmal mit seinem Namen als Schrei. Er folgte Sekunden später, tief in ihr, sein Körper zitternd vor Ekstase. Sie blieben so liegen. Schwer atmend. Verschwitzt. Zerstört. George zog sich langsam zurück, doch er ließ sie nicht los. Er hob sie hoch, trug sie zu dem breiten Bett in der Ecke des Raumes. Dort legte er sie nieder, deckte sie mit seinem Körper zu wie mit einem Schild. „Warum?“, flüsterte Phoebe. „Weil ich dich will“, antwortete er schlicht. „Weil das Band mich gewählt hat. Und weil ich niemals etwas loslasse, was mir gehört.“ Phoebe drehte den Kopf weg. Tränen tropften auf das Kissen. „Du wirst Cates trotzdem nehmen.“ George packte ihr Kinn, zwang sie, ihn anzusehen. „Ich nehme, was ich will. Aber ich lasse nicht zu, dass jemand anderes dich berührt. Niemals.“ „Und wenn ich fliehe?“ „Dann finde ich dich.“ Seine Stimme war sanft und tödlich zugleich. „Und wenn ich dich finde, Phoebe, werde ich dich nehmen. Wieder. Und wieder. Bis du verstehst, dass du nirgendwo sicherer bist als bei mir.“ Phoebe schloss die Augen. Das Band summte zufrieden in ihrer Brust. Doch ihr Herz blutete. „Ich werde kämpfen“, flüsterte sie. „Gut“, murmelte George und küsste ihre Stirn. „Ich liebe einen guten Kampf.“ Draußen begann es zu schneien. Dicke Flocken fielen lautlos gegen die Scheiben. Der Winter kam früh in diesem Jahr. Und mit ihm kam der Krieg. Später, als George eingeschlafen war, seinen Arm schwer über ihrer Taille, schlich Phoebe aus dem Bett. Ihre Beine zitterten. Jeder Muskel schmerzte. Doch sie zog die zerrissenen Reste ihres Kleides über, schlich zur Tür. Sie öffnete sie leise. Im Gang wartete Cates. Ihre Halbschwester stand da, bleich wie ein Geist, die Augen rot vom Weinen. „Phoebe“, flüsterte sie. „Was hat er dir angetan?“ Phoebe schüttelte den Kopf. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Er hat mich genommen. Und ich... ich habe ihn gelassen.“ Cates schlug sich die Hand vor den Mund. „Das Band.“ Phoebe nickte stumm. Cates trat vor, umarmte sie fest. „Wir finden einen Weg. Wir finden einen Weg, das zu beenden.“ Doch Phoebe wusste es besser. Es gab keinen Weg. Das Band war erwacht. Und es würde sie beide verschlingen. Hinter ihnen, im Zimmer, öffnete George die Augen. Er hatte nicht geschlafen. Er hatte gewartet. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen. „Lauf nur, kleine unmarked“, murmelte er in die Dunkelheit. „Ich komme.“ Und draußen fiel der Schnee weiter. Weiß. Kalt. Unaufhaltsam.
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