Kapitel 4

2386 Words
~Harlow~ ZWEI JAHRE SPÄTER Die Stimme meiner Vermieterin im Treppenhaus lässt mich fühlen, als ob mir einen Rutsch im Magen gibt, während sie mit dem Hausmeister über die verdammten Lichter spricht, die nicht funktionieren. Ich krümme mich zusammen, ziehe meinen Blazer höher, um meinen Hals und einen Teil meines Gesichts zu bedecken, und bete, dass sie mich nicht bemerkt. Meine Miete ist vier Monate überfällig. Ich versuche, an Martha vorbeizuschleichen, indem ich meine abgenutzte Handtasche höher halte, um mein Gesicht zu verdecken, doch als ich mich hastig an ihr vorbeischlängle, bleibe ich nicht unbemerkt. „Zara!“ schreit sie, während ich versuche, ihrem Zorn zu entkommen. Ich halte inne und drehe mich langsam zu ihr um. Ihre rötlichen, ergrauenden Haare sind zu einem Dutt auf ihrem Kopf gesteckt und zwei haarnadelförmige Schlangen stecken darin fest. Martha geht um den Handwerker herum, der auf einer Leiter steht und die alte Deckenleuchte hoch an der Wand auseinanderzieht. „Wo ist mein Mietgeld? Du hast versprochen, es letzte Woche zu haben!“ kreischt sie, und ich stöhne innerlich auf. Martha ist eine zähe alte Frau und sieht auch so aus, mit ihrer Jeansjacke, den schwarzen Stiefeln und den dunkelblauen engen Jeans. Mit Martha legt man sich lieber nicht an. Sie würde dir ordentlich den Hintern versohlen und dich vor die Tür setzen, wenn du es versuchen würdest. Ich habe sie schon einmal eine Gruppe Vandalen verprügeln sehen, die den zusammenbrechenden Eingangsbereich durchgegangen hatten. Martha hat ihnen ordentlich eins auf den Deckel gegeben und einem von ihnen das Skateboard über den Kopf gebrochen. Man kann wohl sagen, dass sie nicht wiedergekehrt sind. Manchmal frage ich mich insgeheim, ob sie nicht doch ein Mensch ist. Sie verbreitet Angst bei allen, ist aber auch sehr verständnisvoll und liebenswert. Solange man nicht wie ich mit der Miete vier Monate im Rückstand ist. „Ich werde es haben. Ich brauche nur noch ein wenig …“, versuche ich ihr zu sagen. „Nein, es sind vier Monate vergangen. Du sollst es bis zum Ende des Tages haben, 18 Uhr, Fräulein“, sagt sie und schnippt mit den Fingern in meine Richtung, bevor sie mit dem Zeigefinger auf mich zeigt. „18 Uhr“, nicke ich und schlucke. Martha ist normalerweise nett. Ich habe jedoch die Großzügigkeit ihrer Geduld überstiegen. Sicher, der Ort ist eine Müllhalde, aber es ist billig. Aber ich kann mir in diesem Moment nicht mal leisten, etwas Billiges zu haben. Ich kann noch nicht einmal etwas verkaufen, weil der Platz, den ich miete, voll möbliert ist und ich kaum Besitztümer habe. „Ich habe heute ein Vorstellungsgespräch. Bald werde ich es haben“, bitte ich sie um Verständnis. „Bald ist nicht gut genug. Ich muss Rechnungen bezahlen.“ Ich wühle in meinen Taschen und ziehe meine letzten hundert Euro heraus, abgesehen von etwas Kleingeld, das unten in meiner Handtasche herumfliegt. Brianna, meine einzige Freundin in der Stadt, hat mich vor kurzem ihrem Chef im örtlichen Strip-Club vorgestellt, in dem sie arbeitet. Talon lässt mich gelegentlich Geschirr spülen, damit ich genug Geld habe, um etwas Lebensmittel zu kaufen und um in der Stadt herumzukommen, während ich nach einem Job suche. Martha schnappt es sich und wedelt damit in der Luft vor mir herum. „Ich habe die Nase voll von den Krümeln. Im Ernst, Zara. Um 18 Uhr oder ich lasse Mike die Schlösser wechseln“, sagt sie und zeigt auf Mike. Er senkt den Kopf und lächelt traurig. Der Kerl ist gruselig wie die Hölle und stumm, aber er kommt immer angelaufen, wenn etwas repariert werden muss. „Ich werde heute Nachmittag etwas für dich haben“, sage ich zu ihr. „Nein, du wirst alles haben. Du schuldest mir fast viertausend Euro Miete plus Nebenkosten. Ich war nett genug, dich hier mit deinem gefälschten Ausweis und deiner beschissenen Lebensgeschichte wohnen zu lassen, die ich kein bisschen glaube“, sagt sie, wendet sich von mir ab und entlässt mich. Scheiße! Martha hat mich durchschaut. Ich frage mich, wie lange sie schon Bescheid weiß und ob sie von Anfang an meinen gefälschten Ausweis durchschaut hat, mir aber das Wohlwollen gewährte. Gott, ich hoffe, dass die Firma, bei der ich ein Vorstellungsgespräch habe, mich nicht zu genau betrachtet. Sie könnten sich fragen, warum ich die Narbe vom Ausweisfoto von Zara nicht habe, oder warum ich überhaupt den Ausweis eines toten Mädchens benutze, obwohl ich die Narbe immer als meine großartigen Fähigkeiten im Schminken erkläre. Ha! Ich kann nicht mal mein Aussehen konturieren. Das müssen sie aber nicht wissen. Ernst gesehen ist sie meine Zwillingsschwester. Wir sind einfach nicht zu 100 % identisch. Ähnlich, aber nicht identisch. Zwillinge sind eins und dasselbe, also ist es nicht so, als wäre es genau gefälscht. Es gehört meiner verstorbenen Schwester. Es ist nicht so, als ob sie es benutzen würde. Und ich kann es nicht riskieren, dass das Omega Center mich findet. Niemand sucht nach einem toten Mädchen! Aber das werde ich später angehen. Ich habe ein Vorstellungsgespräch und muss in zwanzig Minuten ins Stadtzentrum gelangen, sonst komme ich zu spät. Ich rase durch die Stadt zum Vorstellungsgespräch und schaffe es gerade noch rechtzeitig, mit nur drei Minuten Überschuss. Der Wolkenkratzer wirkt einschüchternd, als ich zum massiven Gebäude hinaufschaue. Ich war schockiert, als ich einen Rückruf erhielt: hier die Vorstellung zu haben. Sie müssen verzweifelt sein, denn schon das Betreten der Lobby lässt mich völlig aus meiner Liga fühlen. Es ist ein Technologieunternehmen und ich bewerbe mich um eine Empfangsposition. Beim Eintreten folge ich den Schildern zum Aufzug und finde die richtige Etage. Eine Frau kommt sofort auf mich zu, als ich aus den Aufzugtüren trete. Ihr schwarzes Kleid sitzt eng und zeigt ihre Kurven und großzügiges Brustspalte. Ihr blondes, lockiges Haar ist zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Sie hat perfekte Porzellanhaut und knallroten Lippenstift aufgetragen. Sie ist wunderschön. Ihre Absätze klackern auf den Marmorböden, während sie auf mich zukommt. Sie schnuppert in der Luft, als sie vor mir stehen bleibt. „Du musst Zara sein. Ich bin Leila. Wir haben am Telefon gesprochen“, sagt sie und streckt mir die Hand entgegen. Ich schlucke, als ich den blutroten Ring um ihre Augen bemerke. Diese Frau ist ein Vampir. Ich nehme ihre eisige Hand und sie drückt meine Hände sanft. „Ja, das bin ich. Hast du lange gewartet?“, frage ich sie. Das sieht nicht gut aus, wenn sie im Foyer auf mich gewartet hat. Bin ich zu spät? Ich werfe einen Blick auf die riesige goldene Uhr über den Aufzugtüren, die so glänzend sind, dass ich mein Spiegelbild darin sehen kann. „Nein. Ich führe das Vorstellungsgespräch. Folgen Sie mir bitte“, sagt sie und dreht sich um, dann geht sie zügig auf eine Doppeltür zu. Ich stolpere der Frau hinterher. Leila ist definitiv ein Vampir. Obwohl ich verwirrt bin, als ich sie einhole, und sie fängt an, über die Position zu sprechen. „Thane wollte das Interview selbst durchführen, aber er und seine Kumpels mussten kurzfristig zu einem Treffen nach unten gehen, also wurde mir das Interview übertragen. Es tut mir leid wegen der Kurzfristigkeit, aber du kannst sie morgen kennenlernen, wenn du anfängst. Die beiden anderen Mädchen... Nun, sagen wir einfach, dass sie nicht geeignet sind. Du weißt, wie Betas sind. Sie folgen nicht gut Befehlen, und die beiden konnten nur über Thane und Rhen reden“, sagt sie und schüttelt den Kopf, während ich stehenbleibe. „Warte, dachte ich nicht, dass es um einen Job als Empfangsdame geht? Die Anzeige sagte Empfangsdame“, frage ich. „Thane wollte nicht, dass die Medien erfahren, dass er eine andere persönliche Assistentin umgebracht hat.“ Meine Augen werden groß und ich flüstere mir selbst „Was zur Hölle“ zu. Thane? Ich nehme an, er ist der Chef. Warum hat sie immer wieder diesen Namen genannt? Und Moment mal, hat sie gesagt, dass er seine letzte Assistentin getötet hat? Leila redet weiter, ohne zu bemerken, dass ich kurz vor einer Panikattacke stehe. „Aber als ich sah, dass du Omega-Blut hast, wusste ich, du wärst perfekt und kontrollierbar“, sagt sie. Mit Omega-Blut meint sie, dass ich von Natur aus leicht zu befehligen und unterwürfig bin. Was zur Hölle habe ich mich beworben? Sie bringt mich in die oberste Etage und zeigt mir alles. „Willst du mich nicht interviewen? Ich habe Referenzen.“ Ich krame in meiner Handtasche, aber ihre Hand fällt auf meinen Arm. „Nicht nötig. Ich habe ein seltsames Gefühl, dass du genau das bist, wonach sie suchen... und was sie brauchen“, sagt sie mit einem leisen Kichern, während ihre Augen mich von oben bis unten betrachten und sie sich die Lippen leckt. Ich kämpfe gegen den Drang, mich von ihrem gierigen Blick zurückzuziehen. Es ist nahezu unmöglich, in dieser Stadt einen Job zu finden, besonders einen, der nicht dein Leben riskiert. Die letzte Firma, bei der ich gearbeitet habe, ist pleite gegangen, nachdem einige Vampire ihren Manager getötet und den Ort in Brand gesteckt haben, und seitdem geht es mir schwer. Es gibt kaum Jobs. Und die verfügbaren Jobs erfordern, jegliche Würde aus dem Fenster zu werfen und bereit zu sein, Dinge zu tun, bei denen ich nicht sicher bin, ob ich mich wohlfühle. Das 'Vorstellungsgespräch' dauert eine Stunde, und als ich gehe, versichert mir Leila, dass die Stelle definitiv meine ist. Ich bin mir nicht sicher, wie ich mich dabei fühle. Das Letzte, was ich will, ist, mit vier Alphas gefangen zu sein. Sie könnten mich buchstäblich zerstören, mir alles befehlen. Ich verdränge diesen Gedanken. Ich kann nicht wählerisch sein. Ein Job ist ein Job, und das ist die größte Technologiefirma in der Stadt, also wird es super auf meinem Lebenslauf aussehen, wenn ich hier überleben kann, auch nur für ein Jahr. Aber jetzt habe ich noch etwas anderes zu beachten. Ich kann nicht mit leeren Händen in meine Wohnung zurückkehren und ich habe Hunger. Also tue ich etwas, was ich nie gedacht hätte, dass ich es tun würde. Ich rufe Brianna im Aufzug an. Neben meiner einzigen Freundin ist sie die Einzige hier, die ich persönlich kenne. Nur weil ich ihr geholfen habe, als sie eines Tages aus ihrer Wohnung ausgesperrt war, die zufällig neben meiner war. Sie ist seitdem umgezogen, aber wir bleiben in Kontakt. Ich überlege ernsthaft, sie zu fragen, ob sie jemanden für heute Abend auf dem Stockwerk brauchen. Ich schaudere bei dem Gedanken, halbnackt mit gierigen Blicken dazustehen, aber ich habe auch keine Wahl, da Martha mir wegen der Miete im Nacken sitzt. Briana sagt, auf dem Stockwerk gibt es Geld. Tatsächlich sagt das auch ihr Chef. Martha hat mir keine Wahl gelassen, und mein neues Gehalt wird monatlich gezahlt, also ich brauche Geld, um über die Runden zu kommen, bis es so weit ist. Das Kleingeld in meinem Handtaschenboden reicht nicht für die Miete oder um mich zu ernähren. Trotzdem klingt es nicht sehr verlockend, meinen Körper zu verkaufen, besonders weil ich noch Jungfrau bin, was für ein Omega selten ist. Normalerweise beanspruchen uns Rudel schnell oder wir beanspruchen sie, aber ich habe jahrelang Unterdrückungsmittel genommen. Mein Duft ist schwach, obwohl meine Ausweispapiere deutlich angeben, wer ich bin, und ich werde es auf keinen Fall von den Dächern schreien. Ich will nicht die Schlampe irgendeines Alphas sein.“ Ich lache bitter, weil ich jetzt buchstäblich der Kaffee-Schlampe für vier Alphas bin. Ich fürchte mich jetzt schon vor dieser Arbeit, und sie hat noch nicht einmal begonnen. Leila meinte, sie sind alle Gefährten, was seltsam ist. Normalerweise besteht ein Rudel aus einem Alpha und einem Omega. Aber sie sagte, es sind nur die vier Männer.“ Ich plane, zum Club zu gehen. Es wird mich gut eine halbe Stunde kosten, dort hinzukommen. Ich hoffe, Tal lässt mich einfach nur hinter der Bar arbeiten, denn ich habe wirklich keine Lust, mit Brianna auf die Bühne zu gehen.“ Ich versinke in meinen Gedanken, als der Aufzug sich öffnet und ich heraussteige. Ich denke, es ist das Erdgeschoss, doch stattdessen knalle ich gegen eine harte Brust. Heißes, brennendes Getränk verschüttet sich über mich und ich zische, als ich von der Person abpralle und auf meinen Hintern falle. Ein donnerndes Knurren dröhnt durch die Luft und ich quietsche auf, als die Hände nach unten greifen und meine Arme fest umfassen. Funken und Wärme schießen meine Arme hinauf, doch der Druck seines festen Griffs ist erdrückend, als der Mann mich hochzieht und schüttelt. „Fickende Hure, du hast meinen scheiß Anzug ruiniert“, knurrt der Mann. Ich zittere vor seinem von Wut erfüllten, silbernen Blick und er stößt mich zurück. Mein Rücken trifft auf die geschlossenen Aufzugtüren und mir wird klar, dass ich direkt in den Weg eines Alphas gerannt bin. Sein maßgeschneiderter Anzug ist mit heißem Kaffee durchtränkt und instinktiv strecke ich die Hand aus, um dabei zu helfen, das Durcheinander zu beseitigen. „Verdammtes nutzloses, Omega“, schnaubt er, als ich versuche, von der nahegelegenen Rezeptionstheke Taschentücher zu holen. Ich versuche, sein Hemd trocken zu tupfen, als seine Hände meine Handgelenke umklammern und der drückende Schmerz mir die Luft raubt, seine Finger verletzt mich sofort. „Es tut mir leid, so leid, ich habe dich nicht gesehen“, stammle ich, als Hitze durch mich strömt und ich mich selbst verfluche. Seine Aura ist stark und mächtig und trotz der Einnahme von Unterdrückungsmittel wird es nass und gleitend zwischen meinen Oberschenkeln. Scheiß Omega-Gene! Ich fluche mich selbst, verfluche es, ein Omega zu sein. „Fass mich bloß nicht an“, zischt er und stößt mich zurück. Sein Kiefer knackt, als er ihn fest zusammenbeißt - der Blick, den er mir zuwirft, durchbohrt mich. Mein Nacken prickelt und meine Wangen brennen, während die Leute starren. Ich senke den Blick. Tränen brennen in meinen Augen vor Verlegenheit wegen der Standpauke. „Verschwinde jetzt aus meiner Sicht“, knurrt er und stößt mich in Richtung Aufzug. Das tue ich, gerne sogar. Alles, um dem einschüchternden Alpha zu entkommen. Ich frage mich, wer der Mann ist und hoffe, dass ich ihm nie wieder begegne. Ich verlasse den Ort mit schüttelnden Knien, aber nachdem ich das riesige Gebäude verlassen habe, spüre ich, wie ich langsam entspanne, die Anspannung mit jedem meiner Schritte abnimmt, während ich mich von dem riesigen Wolkenkratzer entferne.
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