Zerschmettert-1c

1048 Words
„Das reicht nicht“, flüsterte ich. „Ich weiß. Aber Aria …“ Luna drückte meine Hände. „Vielleicht ist es das Beste. Dieses Rudel verdient dich nicht. Derek verdient dich nicht. Vielleicht ist Gehen genau das, was du tun musst.“ Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht konnte ich woanders neu anfangen. Ein neues Leben aufbauen, fernab der Erinnerungen und des Schmerzes. Nur würde ich nicht allein neu anfangen. Ich würde mit einem Baby neu anfangen. Dereks Baby. „Luna“, sagte ich langsam. „Kann ich dir vertrauen? Irgendetwas?“ Sie runzelte die Stirn. „Natürlich. Du weißt, dass du es kannst.“ „Auch wenn du mir etwas erzählen musst und das Rudel verheimlichen musst?“ Jetzt sah sie besorgt aus. „Aria, was ist los?“ Ich holte tief Luft. Das war ein Risiko. Ein riesiges Risiko. Aber ich konnte das nicht allein schaffen, und Luna war die Einzige, die mir noch geblieben war. „Ich muss dir etwas sagen. Aber zuerst musst du mir versprechen – schwöre es bei deinem Wolf –, dass du es niemandem erzählst. Nicht deinem Vater, nicht Derek, niemandem.“ Lunas Augen weiteten sich. „Du meinst das ernst?“ „Todeserbittlich.“ Sie musterte mein Gesicht lange, dann nickte sie langsam. „Okay. Ich schwöre bei meinem Wolf, ich werde niemandem erzählen, was du gleich sagen wirst.“ Ich spürte die Schwere des Eides zwischen uns. Wolfseide waren heilig, bindend. Sie konnte ihn jetzt nicht brechen, selbst wenn sie wollte. „Ich bin schwanger“, sagte ich. „Von Derek.“ Luna klappte der Mund auf. „Du bist … was?“ „Schwanger. Ungefähr in der sechsten Woche, glaube ich. Es muss während meiner letzten Läufigkeit passiert sein.“ „Oh meine Göttin.“ Luna stand auf und begann auf und ab zu gehen. „Weiß Derek davon?“ „Nein. Und das wird er auch nicht.“ Sie wirbelte herum und sah mich an. „Aria, du musst es ihm sagen. Es ist sein Kind –“ „Er hat mich zurückgewiesen!“ Die Worte brachen laut und scharf aus mir heraus. „Er hat mir in die Augen geschaut und dem ganzen Rudel erzählt, ich sei nicht gut genug. In zwei Wochen paart er sich mit einer anderen. Warum sollte ich ihm irgendetwas sagen?“ „Weil es sein Baby ist!“ „Es ist MEIN Baby.“ Ich presste schützend beide Hände auf meinen Bauch. „Meins. Derek hat alle Rechte an diesem Kind verwirkt, als er unsere Verbindung zerstörte.“ Luna fuhr sich mit den Händen durchs Haar, sodass es in alle Richtungen abstand. „Das ist Wahnsinn. Das ist … Aria, du kannst nicht einfach schwanger mit dem Erben des Alphas davonlaufen und es niemandem sagen.“ „Warte nur ab.“ „Was ist mit dem Baby? Verdient es nicht, seinen Vater zu kennen?“ Das traf mich hart, aber ich riss mich zusammen. „Ihr Vater ist ein Feigling, der der Manipulation seiner Mutter erlegen ist und seine Gefährtin wie Müll weggeworfen hat. Was genau sollten sie über ihn wissen?“ Luna ließ sich schwer aufs Bett fallen. „Ich kann es nicht fassen.“ „Willkommen in meinem Leben.“ Wir saßen eine Minute lang schweigend da. Ich konnte förmlich sehen, wie es in Lunas Kopf ratterte, während sie versuchte, alles zu verarbeiten. Schließlich sagte sie: „Du musst zu Dr. Sarah. Sicherstellen, dass es dem Baby nach der Bindungskrankheit gut geht.“ „Ich weiß.“ „Und du musst mehr essen. Viel mehr. Du isst jetzt für zwei.“ Trotz allem musste ich fast lächeln. „Ich weiß.“ „Und du brauchst einen Plan. Einen richtigen Plan, nicht nur ‚weglaufen und auf das Beste hoffen‘.“ Luna nahm wieder meine Hände. „Lass mich dir helfen. Bitte.“ Mir stiegen Tränen in die Augen. „Warum bist du so nett zu mir? Alle anderen im Rudel halten mich für Abschaum.“ „Weil du meine beste Freundin bist. Weil du das alles nicht verdient hast. Und weil …“ Sie holte zitternd Luft. „Weil ich sichergehen will, dass du weit genug weg bist, falls Derek herausfindet, dass du schwanger bist und versucht, mir das Baby wegzunehmen.“ Der Gedanke, dass Derek mir mein Baby wegnehmen könnte, ließ meinen Wolf knurren. Nur über meine Leiche. „Okay“, sagte ich. „Hilf mir beim Planen.“ Wir verbrachten die nächste Stunde damit, alles auszuarbeiten. Luna würde mir heimlich beim Packen helfen, Stück für Stück, damit es niemand merkte. Sie würde herumerzählen, dass ich zu krank sei, um meine Hütte zu verlassen, um uns Zeit zu verschaffen. Und Dr. Sarahs Schwester lebte im Silver Ridge Rudel, drei Territorien entfernt. Vielleicht würde sie mich aufnehmen. Es war kein perfekter Plan. Aber es war etwas. „Ich sollte dich ausruhen lassen“, sagte Luna schließlich. „Du siehst immer noch aus wie der Tod auf Erden.“ „Danke.“ „Ich komme morgen mit mehr Essen und Vorräten zurück. Versuch zu schlafen.“ Sie umarmte mich vorsichtig, als könnte ich jeden Moment zerbrechen. Vielleicht würde ich es ja auch. „Wir schaffen das, Aria. Versprochen.“ Nachdem sie gegangen war, legte ich mich wieder hin, erschöpft, obwohl ich drei Tage lang bewusstlos gewesen war. Meine Hand wanderte wieder zu meinem Bauch. Noch war da keine Wölbung, nichts, was darauf hindeutete, dass Leben in mir heranwuchs. Aber irgendwie konnte ich es spüren. Einen winzigen Funken Wärme in all der kalten Leere. „Jetzt sind nur noch du und ich da“, flüsterte ich dem Baby zu. „Aber ich werde dich beschützen. Ich werde dich in Sicherheit bringen. Egal was passiert.“ Mein Wolf regte sich zustimmend, stärker als je zuvor seit der Zurückweisung. Sie hatte eine neue Aufgabe. Einen neuen Fokus. Nicht Derek. Nicht die zerbrochene Seelenbindung. Unser Kind. Ich war fast eingeschlafen, als ich es hörte – ein Klopfen an der Tür. Ich erstarrte. Luna würde nicht klopfen. Und niemand sonst sollte mich besuchen. Noch ein Klopfen, diesmal lauter. „Aria.“ Dereks Stimme drang durch die Tür, und mein ganzer Körper versteifte sich. „Ich weiß, dass du da drin bist. Mach die Tür auf.“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD