Aria steht vor dem gesamten Halbmond-Rudel bei der Paarungszeremonie. Derek, der Alpha, blickt ihr in die Augen – nicht mit Liebe, sondern mit kaltem Abscheu.
Das Schlimmste war nicht der Schmerz. Es war die Stille davor.
Ich stand mitten auf der Zeremonienfläche, meine nackten Füße sanken in die weiche Erde, während dreihundert Augenpaare sich in meine Haut bohrten. Der Vollmond hing wie ein silberner Zeuge über uns, und tief in meinem Inneren dachte ich, es sei wunderschön. Ich dachte, diese Nacht würde die schönste meines Lebens werden.
Ich war so dumm.
„Aria.“
Dereks Stimme durchbrach das gedämpfte Flüstern des Rudels. Meine Gefährtin. Mein Alpha. Der Mann, den ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr liebte. Er stand drei Meter von mir entfernt, gekleidet in die traditionellen Zeremoniengewänder – schwarz mit silbernen Fäden, die im Mondlicht glänzten. Er sah aus wie ein Gott. Dunkles Haar, markantes Kinn, diese goldenen Augen, die mir früher das Herz höher schlagen ließen.
Jetzt waren diese Augen leer.
„Derek“, flüsterte ich zurück. Meine Hände zitterten. Ich presste sie zusammen, um es zu verbergen, aber ich wusste, dass es jeder sehen konnte. Wölfe haben ausgezeichnete Augen, besonders bei Vollmond. Wahrscheinlich konnten sie den Schweiß auf meiner Oberlippe sehen. Wie mein Puls in meinem Hals pochte.
Wie die Hoffnung noch immer in meiner Brust schlummerte wie ein zerbrechliches, sterbendes Etwas.
Ältester Marcus trat vor, sein wettergegerbtes Gesicht ernst. Fünfzig Jahre lang hatte er Paarungszeremonien durchgeführt. Er hatte meine Eltern verpaart. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie er Derek und mich verpaaren würde, mir sein stolzes Lächeln ausgemalt.
Seine Stimme verstummte, doch ich hörte die Worte trotzdem. Sie hingen unausgesprochen, aber ohrenbetäubend zwischen uns in der Luft.
*Du bist nicht gut genug.*
Mein Wolf wimmerte in mir. Sie war heute Abend so aufgeregt gewesen, hatte vor Freude fast gezittert bei dem Gedanken, unsere Seelenverbindung zu vollenden. Jetzt rollte sie sich in meinem Hinterkopf zusammen und winselte wie ein getretener Welpe.
„Sieh mich an“, forderte ich. Meine Hände zitterten nicht mehr. Dafür war ich zu gefühllos. „Sieh mir in die Augen und sag mir, dass du mich nicht willst.“
Dereks Kehle hob und senkte sich beim Schlucken. Einen Augenblick lang – nur einen Augenblick – huschte etwas über sein Gesicht. Schmerz, vielleicht. Reue.
Dann trat seine Mutter vor.
Luna Catherine Blackwood war eine wunderschöne Frau, mit scharfen Wangenknochen und kühler Eleganz. Sie legte Derek eine manikürte Hand auf die Schulter und lächelte mich an. Ihr Lächeln erreichte nicht ihre Augen.
„Aria, Liebes“, sagte sie mit gespielter Anteilnahme in der Stimme. „Du verstehst das doch sicher. Derek braucht eine starke Luna. Jemanden, der ihm zur Seite steht und das Rudel stärkt. Du bist ein liebes Mädchen, aber …“
„Aber ich bin ein Omega“, beendete ich den Satz. Die Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. „Das meinst du doch, oder? Ich bin nicht gut genug, weil meine Eltern keine hochrangigen Wölfe waren.“
„Es ist nichts Persönliches –“
„Es ist absolut persönlich!“, rief ich lauter, und es war mir egal. Das ganze Rudel sollte es hören. Alle sollten diese Demütigung miterleben. „Ich habe so hart trainiert wie jeder andere Wolf in diesem Rudel. Ich habe mich immer und immer wieder bewiesen. Ich habe –“
„Du hast gar nichts bewiesen“, Melissas Stimme durchdrang meine wie ein Messer. Sie trat aus der Menge hervor, und oh, sah sie nicht perfekt aus! Ihr blondes Haar fiel ihr in Wellen über den Rücken, ihr festliches Kleid betonte jede ihrer Kurven. Sie stellte sich an Dereks andere Seite und vervollständigte so das Bild.
Die wahre Familie. Die perfekte Verbindung.
Jetzt lächelte er nicht.
„Alpha Derek Blackwood“, begann Marcus, seine Stimme hallte über die stille Lichtung. „Nimmst du Aria Stone als deine Gefährtin, deine Luna, deine Partnerin vor der Mondgöttin und diesem Rudel an?“
Das war es. Der Moment, von dem ich jahrelang geträumt hatte. Der Moment, in dem Derek Ja sagen würde, wir die Verbindung vollziehen würden und ich endlich irgendwohin gehören würde. Zu jemandem.
Dereks Kiefer spannte sich an. Ein Muskel zuckte in seiner Wange.
Die Stille dehnte sich endlos.
„Derek?“, sagte ich leise. Meine Stimme brach. „Was ist los?“
Jemand lachte. Ein hohes, helles Lachen, das mir eine Gänsehaut bescherte. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Melissa war – Dereks Beta, seine Freundin aus Kindertagen, die Wölfin, die ihn seit Monaten wie ein Geier umkreiste.
Dereks Blick traf endlich meinen. Und in ihm sah ich etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Ekel.
„Ich …“, begann er, brach dann aber ab. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Ich kann das nicht.“
Die Welt geriet aus den Fugen. „Was?“
„Seht sie euch an!“, rief eine Stimme aus der Menge. Ich erkannte sie – Thomas, einer von Dereks Schlägern. „Sie ist ein Omega. Schwache Blutlinie. Der Alpha verdient Besseres.“
„Sie wird das Rudel schwächen“, stimmte jemand zu.
„Sie hätte niemals für Luna in Betracht gezogen werden dürfen …“
„Ruhe!“ Dereks Alpha-Befehl hallte wie Donner über das Rudel. Sofort senkten alle die Blicke, die Hälse unterwürfig entblößt.
Alle außer mir. Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden.
„Derek, bitte“, sagte ich. Meine Stimme war so leise. Wann war ich nur so leise geworden? „Sprich mit mir. Sag mir, was hier los ist.“
Er machte einen Schritt zurück. Weg von mir.
Dieser Schritt schmerzte mehr als jede Wunde, die ich je erlitten hatte.
„Das war ein Fehler“, sagte er. Seine Stimme war emotionslos. Kalt. Ganz anders als der warme Ton, den er letzte Woche angeschlagen hatte, als er mich unter der Eiche geküsst und mir ewige Treue versprochen hatte. „Ich habe darüber nachgedacht, und ich kann diese Paarung nicht vollziehen.“
„Du hast darüber nachgedacht?“ Die Worte schmeckten wie Asche. „Derek, wir sind seit zwei Jahren zusammen. Die Bindungszeremonie ist heute Abend. Was meinst du mit ‚darüber nachgedacht‘?“
„Ich meine, ich habe einen Fehler gemacht.“ Er sah mich nicht mehr an. Sein Blick ruhte irgendwo über meine linke Schulter. „Ich habe mich von meinen Gefühlen leiten lassen. Aber ein Alpha muss zuerst an das Rudel denken. Und an dich …“