Kapitel 3
Gegenwart, Ort unbekannt
Ich wache bei strahlendem Sonnenschein zu Meeresrauschen auf.
Moment, Meeresrauschen? Was soll der Scheiß?
Ich öffne die Augen, was mir erstaunlich leichtfällt. Meine Augenlider fühlen sich nicht mehr wie zusammengeschweißt an, und mein Körper nicht mehr so schwer, obwohl mein Mund schmerzhaft trocken ist. Die Wirkung des Medikaments, das mir verabreicht wurde, hat nachgelassen.
Ich blinzele gegen das helle Licht an und nehme meine Umgebung wahr.
Ich befinde mich in einem großen, sonnendurchfluteten Raum mit mehreren runden Fenstern. Die Wände sind aus glänzendem, hellem Holz, genauso wie die Decke. Die wenigen Möbel im Zimmer, die aus demselben Holz bestehen, sind eine Kommode, ein Nachttisch, ein Sessel in der Ecke und das große Bett, auf dem ich liege, das mit weißer Bettwäsche bezogen ist. Skandinavisches High End, das ist die Atmosphäre, die ich spüre – zusammen mit einem Hauch von Übelkeit, den das sanfte Schaukeln unter mir erzeugt.
Ein Boot. Ich muss auf einem Boot sein.
Ich setze mich langsam auf und drücke die Decke an meine Brust. Ich bin in etwas Leichtes und Seidiges gekleidet – ein Nachthemd. Da das Letzte, woran ich mich erinnere, ein rotes Abendkleid ist, muss jemand meine Kleidung gewechselt haben, und ich weiß genau, wer dieser Jemand ist. Mein Herzschlag beschleunigt sich, und mein Inneres zieht sich zu einem festen Knoten zusammen, auch wenn meine Gedanken seltsam ruhig und geordnet bleiben.
Mein erster Schritt ist, festzustellen, ob ich tatsächlich auf einem Boot bin. Ich schaue mich um und bin erleichtert, als ich einen pfirsichfarbenen Seidenbademantel entdecke, der an einem Haken an der Rückseite einer Tür zu meiner Linken hängt. Er sieht aus wie etwas, was ich mir selbst kaufen würde, genau wie der pfirsichfarbene Morgenmantel, den ich gerade trage.
Ich bin nicht überrascht. Alexej kennt meinen Geschmack.
Ich schwinge meine Füße auf den Boden, schlucke gegen die Trockenheit in meinem Hals an, und mein Blick fällt auf die Wasserflasche auf dem Nachttisch. Ich greife danach und schlucke den Inhalt gierig hinunter.
So. Viel besser.
Ich stelle die leere Flasche ab, schlüpfe mit den Füßen in ein Paar elegante Hausschuhe – wie die, die ich am liebsten mag – und gehe zur Tür, um den Bademantel zu holen. Ich bin immer noch seltsam ruhig. Vielleicht hat die Wirkung der Droge noch nicht ganz nachgelassen?
Ich schnappe mir den Bademantel, binde ihn zu und gehe zu einem der Fenster.
Es ist, wie ich dachte. Nichts als blaues Wasser in Sicht.
Mein Herz klopft unregelmäßig, und meine Schläfen spannen sich an.
Nein. Nicht Kopfschmerzen. Damit kann ich jetzt nicht umgehen.
Ich atme tief ein und zwinge meine Gesichtsmuskeln, sich zu entspannen. Ich bin ruhig. Ganz ruhig und Zen. Sicher, ich befinde mich mit dem Mann, der mir in den letzten zehn Jahren Angst gemacht hat, irgendwo mitten auf dem Ozean, aber das heißt doch nicht, dass ich in Panik geraten muss, oder? Panik wird nicht helfen. Ich muss nachdenken. Ich muss mich konzentrieren.
Aber mein Körper hört nicht auf mich. Mein Herz schlägt wie wild, und meine Hände beginnen zu zittern.
Alexej Leonow hat mich in seiner Gewalt, und nichts und niemand kann mich retten.
Ich hole noch einmal tief Luft und gehe zu einem anderen Fenster, nur für den Fall, dass ich von dort aus Land sehen kann.
Nein. Das blaue Meer reicht bis zum Horizont. Ein etwas unruhiges Meer noch dazu. Ich kann die weißen Wellenkämme sehen und spüre, wie das Boot unter mir schaukelt. Meine Übelkeit verstärkt sich schlagartig, und ich wende mich vom Fenster ab, bevor ich seekrank werde.
Das kann ich auch nicht gebrauchen. Überhaupt nicht.
Was ich brauche, ist ein Badezimmer, und dieses Bedürfnis wird von Sekunde zu Sekunde dringender.
Ich eile zu der Tür, an der der Bademantel hing, und drehe den Knauf. Treffer. Ein Badezimmer. Ein schöner, luxuriöser Ort, wieder mit dem gehobenen skandinavischen Flair. Zusätzlich zu einer großen Duschkabine gibt es eine Krallenfußbadewanne neben einem weiteren runden Fenster, das viel Licht hereinlässt.
Nachdem ich mich um meine dringendsten Bedürfnisse gekümmert habe, finde ich eine brandneue elektrische Zahnbürste – die gleiche, die ich in Moskau benutzt habe –, und putze mir die Zähne. Dann springe ich unter die Dusche, obwohl ich mich nicht im Geringsten schmutzig fühle. Was seltsam ist, wenn ich so darüber nachdenke. Es ist schon ein paar Stunden bis Tage her, dass Alexej mich aus dem Anwesen meines Bruders geholt hat, also sollte ich zumindest ein wenig unfrisch sein.
Er muss mich gewaschen haben, als er meine Kleidung gewechselt hat. Das ist die einzige Erklärung.
Meine Atmung beschleunigt sich, und ich kann mich nur mit Mühe an den letzten Fetzen Ruhe festhalten. Ich habe versucht, nicht an Alexejs Hände zu denken, wie er mich auszieht und mir mit ihnen über den nackten Körper streift, aber ich kann die Bilder von ihm, wie er mich badet, nicht aus meinem Kopf vertreiben.
Die Bilder und die verstörende Art, wie sie mich fühlen lassen.
Mit dem Gedanken an ihn dusche ich schnell, ohne mir die Mühe zu machen, meine Haare zu waschen, obwohl das Regal in der Ecke mit meiner Lieblingsmarke von Shampoo und Spülung bestückt ist. Stattdessen seife ich mich schnell ein und wasche mir das Gesicht. Dann steige ich aus und trockne mich mit einem flauschigen Handtuch ab, das auch verdächtig nach den Handtüchern aussieht, die ich zu Hause habe.
Ich habe keine Lust, den getragenen Morgenmantel wieder anzuziehen, also wickele ich mir ein weiteres Handtuch um den Oberkörper und glätte mein leicht feuchtes Haar mit einer Wildschweinborstenbürste – natürlich identisch mit der, die ich so gerne mag. Ein Blick in die Schubladen des Waschtischs enthüllt meine Lieblingsmarken für Hautpflege, Make-up und Haarstyling. Nach einem kurzen Zögern benutze ich alles, denn ich fühle mich besser, kontrollierter, wenn ich meine Schönheitsmaske trage.
Als ich fertig bin, sehe ich genauso aus wie immer: makellose Haut, roter Lippenstift, Katzenaugen-Liner. Mein vampirschwarzes Haar ist lang und glatt und hat einen seidigen Glanz. Jetzt brauche ich nur noch meine Designerklamotten, dann fühle ich mich ganz wie ich selbst. Oder zumindest das Selbst, das ich in den letzten Jahren sorgfältig kultiviert habe.
Ich ziehe das Handtuch fest um meine Brust, gehe ins Schlafzimmer – und bleibe dort abrupt stehen.
Wie ein Dämon, der von meinen Gedanken an ihn heraufbeschworen wurde, steht Alexej Leonow vor mir, und ein grausames Lächeln tanzt auf seinen Lippen.