Die Gästesuite – ihre Suite – war ein Meisterwerk der Abgeschiedenheit. Elena saß auf der Kante der mit Seide bezogenen Matratze, ihr Laptop leuchtete in der Dunkelheit wie ein radioaktiver Ziegelstein. Sie hatte die letzten zwei Stunden hinter drei Schichten von VPNs verschlüsselt verbracht und versucht, die Namen, die sie auf Julians Schreibtisch erblickt hatte, mit den Insolvenzunterlagen von „The Chronicle“ abzugleichen.
Die Zahlen ergaben keinen Sinn.
Vane Shipping sollte eigentlich eine schlanke, räuberische Maschine sein. Aber die Liste der „privaten Auszahlungen“ war keine Abschussliste; sie war ein Rettungsboot. Julian leitete Millionen auf Konten genau jener Leute, die sein Vater, Arthur Vane, öffentlich entlassen hatte.
War es ein PR-Gag? Oder ein schlechtes Gewissen? Ihr Magen knurrte, ein scharfes, unladylikes Geräusch, das in dem hallenden Raum widerhallte. Sie hatte seit einem Stück trockenem Toast um 6:00 Uhr morgens nichts mehr gegessen. In ihrer Eile, eine Geisterin zu sein, hatte sie vergessen, dass Geister keine Kalorien brauchen, Journalisten aber schon.
Die Mitternachtsküche
Elena schlich zurück in den Wohnbereich. Das Penthouse glich einem Friedhof aus Schatten, während die Lichter der Stadt unter ihr lange, bernsteinfarbene Streifen über den Marmor warfen. Sie erreichte die Küche, ihre nackten Füße schritten lautlos über den kalten Stein.
Sie machte das Licht nicht an. Sie wollte nicht, dass das „sprachgesteuerte“ Smart Home ihre Anwesenheit protokollierte. Im Schein des offenen Kühlschranks fand sie eine Schachtel mit thailändischen Essensresten – wahrscheinlich von Julians Mitarbeitern bestellt und unberührt zurückgelassen.
Sie stand an der Kücheninsel und schob sich mit einer Plastikgabel kaltes Pad Thai in den Mund, als das Licht über ihr summend ansprang.
Elena verschluckte sich fast. Sie wirbelte herum, die Gabel noch in der Hand, und sah Julian neben dem eleganten Bedienfeld stehen. Er trug einen Seidenmantel über seiner Hose, seine Augen waren vor Erschöpfung halb geschlossen.
Er blickte auf die Schachtel. Dann auf sie.
„Der grüne Saft ist nicht jedermanns Sache“, sagte er trocken.
Elena spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg. Sie war eine investigative Journalistin, die korrupte Politiker in die Enge getrieben hatte, und doch stand sie hier, auf frischer Tat ertappt mit gestohlenen Nudeln. Sie stellte den Karton schnell ab und griff sich an die Kehle, um eine Entschuldigung anzudeuten.
„Nicht“, sagte Julian und ging auf sie zu. Er blieb erst stehen, als er auf der anderen Seite der Kücheninsel angekommen war. „Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du Hunger hast, Vivienne. Oder dafür, dass du ein Mensch bist. Dieser Ort … er ist für beides nicht gerade förderlich.“
Er griff nach einem Kupferkessel und füllte ihn mit gefiltertem Wasser. „Ich kann nicht schlafen. Die Stille in diesem Gebäude ist zu künstlich. Es fehlt ihr an Rhythmus.“
Dann sah er sie an, sah sie wirklich an. „Beherrschst du die Gebärdensprache? Mehr als nur die Grundlagen für die Kameras?“
Elena zögerte. Sie hatte drei Wochen in einem Intensivkurs verbracht, um diese Rolle spielen zu können. Sie nickte.
Ja, formte sie mit den Händen, ihre Bewegungen fließend, aber bedächtig. Mein Lehrer war sehr streng.
Julian beobachtete ihre Hände mit einer Intensität, die ihr eine Gänsehaut bereitete. „Meine Mutter sagte immer, dass Menschen sprechen, um die Wahrheit zu verbergen, aber sich bewegen, um sie zu offenbaren.“
Er lehnte sich gegen die Theke, während der Dampf aus dem Kessel zwischen ihnen aufstieg. „Erzähl mir etwas. Ohne das Notizbuch.“
Die erste Brücke
Elena spürte einen Adrenalinstoß. Das war eine Prüfung – oder eine Chance. Sie dachte an ihren Vater, einen Mann, der den Geruch von Druckpressen und tintenverschmierten Fingern geliebt hatte, einen Mann, den Julians Vater ruiniert hatte.
Sie hob die Hände. Die Stadt ist zu hell, gebärdete sie. Sie verdeckt die Sterne. Ich vermisse die Dunkelheit.
Julian runzelte leicht die Stirn, während er die Gebärden in seinem Kopf übersetzte. Als er die Bedeutung erfasste, milderte sich sein Gesichtsausdruck zu etwas, das gefährlich nah an Mitgefühl grenzte.
„Ich habe seit zehn Jahren keine Sterne mehr gesehen“, gab er zu. „Ich verbringe mein Leben damit, auf Bildschirme zu starren. Bildschirme sagen mir, wo die Schiffe sind, wo das Geld ist, wo die Feinde sind.“
Er trat einen Schritt näher. Die Luft zwischen ihnen war nicht mehr steril; sie war erfüllt vom Duft des Tees und der magnetischen Anziehungskraft zweier Menschen, die beide auf ihre eigene Weise hinter einer Maske lebten.
„Ich habe mir eine stille Frau gewünscht, weil ich dachte, das wäre einfacher“, flüsterte Julian, wobei seine Stimme wie Kies auf Samt klang. „Ich dachte, Schweigen würde bedeuten, dass ich mich nicht verstellen müsste. Aber du … du bist die gesprächigste Person, die ich je getroffen habe, Vivienne. Du benutzt nur deinen Mund nicht.“
Er streckte die Hand aus, ließ sie nahe an ihrer Wange schweben, bevor er sich wieder fing und zurückzog.
„Ich lasse dich in Ruhe zu Abend essen“, sagte er abrupt, während seine „Eiskönig“-Maske wieder an ihren Platz glitt. „Gute Nacht.“
Er verschwand in den Schatten des Flurs, bevor sie noch ein Wort sagen konnte.
Elena stand allein in der Küche, die kalte Gabel noch immer in der Hand. Ihr Herz pochte wie wild. Sie hatte ihre Spur. Sie hatte ihren Zugang. Doch als sie auf den schweren Diamanten an ihrem Finger blickte, wurde ihr klar, dass das „Ziel“ kein Ziel mehr war.
Er war ein Mensch. Und sie war eine Lüge.
Der nächste Morgen bringt einen „Brunch“ mit hohem Einsatz mit Julians Vater, Arthur Vane – dem Mann, den Elena wirklich vernichten will. Nutzt sie den Brunch, um dem älteren Vane eine Wanze anzubringen, oder verbringt sie die Mahlzeit damit, die zerrüttete Beziehung zwischen Vater und Sohn zu beobachten?