Es war der Wecker, der mich schließlich aus meinem unbequemen Schlaf holte, wobei ich murrte und nur noch kurz das Bild eines roten Blitzes verspürte, bevor der Schlaf mich endlich losließ und ich das Piepen ausschalten konnte.
Mein Nacken und Rücken war verspannt, wodurch ich mich erst einmal streckte, damit diese Körperpartien wieder etwas an Gefühl und Geschmeidigkeit gewannen.
Ich gähnte, denn auch wenn ich recht fest geschlafen hatte, erholsam war er irgendwie nicht in dieser Position gewesen. Ich sah nach draußen. Erneut würde es ein warmer Tag werden, wodurch ich mir träge durch die Haare strich, stand dann auf und ging ins Bad, um kurz zu duschen und mich fertig zu machen, bevor ich nach unten ging, um dort zu frühstücken.
Irgendwie fühlte ich mich, als hätte ich die ganze Nacht durchgemacht, wobei es schon an der Tür klingelte, als ich dabei war meine Pause einzupacken. Träge schlurfte ich zu dem Störenfried und öffnete sie, wobei Cathy davor stand und mich viel zu gut gelaunt angrinste.
“Morgen, Sebastian. Na? Fit für die Schule?“, fragte sie mit ihrer zuckersüßen Stimme. Ich mochte Zucker noch nie und auch jetzt bekam sie nur einen vernichtenden Blick, bevor ich missmutig grummelte, ehe ich mich dann fertig machte und anzog, bevor ich ihr erneut gähnend nach draußen folgte.
Sie begann sofort zu reden, doch ich hörte ihr nicht zu, sondern begann noch ein wenig zu dösen. Mit geöffneten Augen.
Ich konnte im Nachhinein nicht sagen, wie ich es geschafft hatte, in einem Stück in mein Klassenzimmer zu kommen und dann auch noch auf meinen Platz. Verdankte ich wohl alles Cathy, die dafür gesorgt hatte, dass mich niemand umfuhr und dass ich nirgendwo dagegen rannte.
Ich hörte das Getuschel um mich herum. Es ging um den neuen Mitschüler. Oder Mitschülerin. Anscheinend war die Person das Gesprächsthema Nummer eins, wobei ich dann doch nicht vermeiden konnte, dass ich langsam neugierig wurde.
Wenn so viele über sie sprachen, dann musste da wirklich etwas Großes kommen. Und so war es auch. Zumindest für mich persönlich.
Als der Lehrer das Zimmer betrat, sah ich dich in seinem Schlepptau. Ich konnte es nicht glauben. Sah dich an. Merkte, dass du es warst. So perfekt, wie ich dich im Kino wahrgenommen hatte. So verführerisch, wie du neben mir den Film angeschaut hattest.
Mir war es fast so, als würde ich erneut deinen Duft riechen, der mich trunken machte.
“Sein Name ist Oliver Reichert” Du wurdest vorgestellt, wobei sich der Name sofort in mein Gedächtnis brannte. Der Name der Person, die mich vollkommen einnahm und jetzt sogar den Schlafmangel von meinen Schultern riss.
Du warst hier. Hier in meiner Klasse. Meine Kehle trocknete aus. Was sollte ich tun? Ich wollte dir näher kommen. So unfassbar nah. Doch ich wusste nicht, wie, und ich spürte, wie ich zu zittern begann, als du dich mir langsam nähertest und schließlich vor mir Platz nahmst, weil der Tisch frei war.
Mein Herz schlug unglaublich hart und schnell in meiner Brust. Ich schluckte, weil ich Angst hatte, dass es bald auf den Tisch sprang und dir in die Arme. Dein Duft drang in meine Nase. Umnebelte meine Sinne. Ich spürte, wie ich erneut zitterte und musste trocken schlucken.
Ruhig bleiben. Ganz ruhig. Doch das ging nicht, denn als du dich zu mir umdrehtest und ich dein Lächeln sah, waren alle Vorsätze wie in den Wind geblasen. Das erste Mal sah ich dich lächeln und ich spürte, wie mir Flügel wuchsen, die mich noch mehr in deine Arme trugen.
“Hallo, ich heiße Oliver.” du reichtest mir deine Hand, wodurch ich sie ergriff. Wie warm fühlte sie sich an und wie sanft deine Haut war. Ich zitterte erneut und schluckte trocken, bevor ich mich räusperte. “Sebastian.”
Ich bekam nicht mehr raus. Ich war einfach zu nervös, wodurch du abermals lächeltest. So sanft. “Schön. Ich hoffe, dass wir gute Banknachbarn - oder wie man das nennt – werden.” Dann drehtest du dich um und folgtest dem Unterricht. Im Gegensatz zu mir. Ich beobachtete deine Bewegungen und ließ mich immer mehr von dir einfangen, denn entkommen, das wollte und konnte ich nicht mehr.
“Hey, Sebastian.” Die Stunde war vorbei, als du dich zu mir umdrehtest und ich dein Lächeln erneut sah. “Wie sieht es aus? Willst du mir in der Pause vielleicht die Schule zeigen?”
Mein Herz begann wie wild zu schlagen. Das war nicht wahr. Nein, das konnte nicht wahr sein. Du wolltest wirklich, dass ich dich herumführte. Dass ich die Pause mit dir verbrachte. Sofort legte sich ein Lächeln auf meine Lippen und ich nickte viel zu schnell und überschwänglich. “Natürlich. Ich bin sofort dabei. Gerne zeige ich dir die Schule.”
“Gut, ich freu mich.” Das Lächeln wurde sanfter und du drehtest dich wieder nach vorne, weil der nächste Lehrer den Raum betrat, wobei er sich kurz mit dir unterhielt, um dich kennenzulernen, während ich in meine eigene Traumwelt abdriftete.
Ich würde dich herumführen. Bei dir sein können und vielleicht den ersten Stein für eine Freundschaft legen können. Wie sehr freute ich mich darauf. Ich wollte dich besser kennen lernen. Vollständig in mein Leben integrieren. Es war perfekt. Super perfekt. Ich würde diese Chance nutzen. Ja, das würde ich. Und dann würde ich vielleicht irgendwann dein Herz gewinnen.
Auch diese Unterrichtseinheit ging wie im Flug vorbei, wobei ich kaum etwas vom Stoff mitbekam, doch es war mir egal. Ich würde es dann irgendwann einfach nachlernen. Es war viel interessanter dich zu beobachten und mir deine Bewegungsmuster einzuprägen.
Schließlich läutete es zur Pause und ich nahm mein Sandwich aus der Tasche, um mich dann zu erheben und den Raum zu verlassen. Du wartetest schon draußen auf mich und begrüßtest mich mit einem Lächeln.
“Also, dann zeig mir das alte Gemäuer mal, damit ich mich nicht bei der ersten Gelegenheit verlaufe.” Du tratest neben mich und schon gingen wir den Gang entlang.
Ich zeigte dir die Klassenzimmer. Jedes Stockwerk, sodass du auch die anderen Räume finden würdest. Das Sekretariat, das Direktorat und das Lehrerzimmer. Alles was man brauchte, um das Leben in der Schule einigermaßen zu überstehen.
Wir unterhielten uns über alles Mögliche und ich merkte, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten: Die Musik, die Kunst, die Freizeitgestaltung und vieles andere auch. Ich hatte fast das Gefühl, dass wir seelenverwandt waren. Aber es war zu diesem Zeitpunkt definitiv noch zu früh, um so etwas festzulegen.
Schließlich erklang die Schulglocke erneut und signalisiert so das baldige Ende der Pause. “Danke. Das hat Spaß gemacht. Wie sieht es aus? Wollen wir heute Nachmittag nicht ein Eis essen gehen? Wir haben uns, glaube ich, noch viel zu erzählen.” Dein Lächeln erlosch nicht und diese Frage löste in mir ein unendliches Glücksgefühl aus, wodurch ich ruckartig nickte, bevor ich mich kurz räusperte und auch mit meiner Stimme antwortete: “Ja, natürlich. Wir können uns ja gegen vier am Stadtbrunnen treffen.”
“Das klingt gut.” Du wirktest genauso froh und so gingen wir zurück ins Klassenzimmer, um auch den restlichen Schultag hinter uns zu bringen.
Wenn es die Zeit zuließ, dann unterhielten wir uns über alles Mögliche. Scherzten und lachten. Du hattest ein so wunderschönes Lachen. Wie sich kleine Fältchen an deinen Augen bildeten, kaum dass du sie beim Lachen geschlossen hattest.
Alles faszinierte mich. Deine Haltung dabei, wie du versuchtest dich an deinem Bauch festzuhalten und so vielleicht die Kontrolle zurück zu bekommen, doch es gelang dir nicht immer so gut, wie du gerne gehabt hättest.
Deine Augen glänzten feucht, als du dir die Lachtränen wegwischtest und ich musste ebenfalls lächeln. Es tat gut zu sehen, wie ich dir ein gutes Gefühl bescherte. Ich wollte nur positiv für dich sein.
Deine Hand legte sich auf meine Schulter. “Oh Mann, Basti, du bist echt gemein. Liebst du es so sehr, mich zu foltern? Das tut langsam nämlich echt weh.”
Es fühlte sich alles so vertraut an und es schien egal zu sein, dass wir uns erst seit wenigen Stunden wirklich kannten. Deine Hand auf meiner Schulter fühlte sich so gut an. Wie jede Berührung von dir. Ich konnte mich aus diesem Bann nicht mehr befreien.
“Ich bin halt gut und was kann ich dafür, dass du nicht witzfest bist?” Ich grinste zurück und schon wieder sah ich deine Mundwinkel zucken, als du eine erneute Lachattacke zurückhalten musstest.
Du wolltest noch etwas sagen, doch der Lehrer kam herein und somit begann die letzte Stunde, wobei du dich wieder umdrehtest und sich der Kontakt für die nächsten 45 Minuten erledigt hatte.
Dachte ich zumindest, doch im nächsten Moment hatte ich einen weißen Zettel vor mir liegen. “Du bist echt cool drauf. Freu’ mich schon auf das Eis nachher.”
“Ich mich auch und danke. Du bist aber auch nicht ohne”, schrieb ich kurz die Antwort drauf und reichte dir den Zettel zurück, wobei sich erneut unsere Blicke trafen und ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
Wir hatten ein Date. Ein Date heute Nachmittag. Na ja, für mich war es ein Date. Für dich wohl eher ein normales, freundschaftliches Treffen. Doch das war mir egal. Es musste nicht alles so schnell gehen. Ich hatte Zeit und ich würde dich für mich gewinnen. Mehr als ich jetzt schon getan hatte.