Der Auktionsblock-1a

968 Words
Sie sollte unsichtbar sein – einfach eine weitere Catererin, die sich mit Champagnergläsern und geübter Stille durch Manhattans Elite bewegte. So war zumindest der Plan. Im Hintergrund bleiben. Schwarz tragen. Augenkontakt vermeiden. Den Abend mit genügend Trinkgeld überstehen, um die Lebensmittel für diese Woche und vielleicht – *vielleicht* – Elaras nächste Medikamentenration zu bezahlen. Stattdessen stand Lysandra Thorne in einem Kleid, das mehr als drei Monatsmieten kostete, hinter der Bühne der Velvet Auctions und wartete darauf, verkauft zu werden. Die Ironie entging ihr nicht. Vor sechs Stunden hatte sie denselben Leuten im Waldorf Astoria Champagner serviert. Jetzt war sie die Unterhaltung. „Los Nummer sieben.“ Die Koordinatorin – eine Frau namens Margot mit Klemmbrett und der emotionalen Wärme einer Konzernchefin. Klage – sie überprüfte Lysandras Make-up mit klinischer Präzision. Perfekte rote Lippen. Smokey Eyes. Ihr Haar in Wellen, um die sie sich vor heute Abend nie gekümmert hatte. Sie hatten sie in weniger als zwei Stunden von unsichtbar zu *unvermeidlich* verwandelt. „Denk an die Regeln“, sagte Margot, während ihr manikürter Fingernagel auf das Klemmbrett trommelte. „Lächeln. Sprich nur, wenn du direkt gefragt wirst. Geh zu deinem Platz auf der Bühne. Dreh dich einmal – langsam. Schau in den Raum, nicht zu einzelnen Personen. Wenn der Hammer fällt, gehst du in den privaten Abholraum. Dein Käufer erwartet dich dort. Noch Fragen?“ Lysandra hatte tausend Fragen. *Wie bin ich hierhergekommen?* *Seit wann ist mein Leben etwas, das ich kiloweise verkaufen kann?* *Wird das Elara wirklich retten, oder tausche ich nur einen Tod gegen einen anderen?* Aber sie verschluckte sie alle und sagte: „Keine Fragen.“ „Gut.“ „Du bist in drei Minuten dran.“ Margots Gesichtsausdruck wurde für einen kurzen Augenblick weicher – ein Riss in ihrer professionellen Fassade. „Aber glaub mir, Liebes, du schaffst das schon. Du bist klug, hübsch und jung.“ „Jemand wird dich wollen.“ *Wollen.* Als wäre sie eine Handtasche. Ein Auto. Eine Ware. Lysandra vermutete, dass sie genau das jetzt war. Sie sah sich im Backstage-Bereich um. Zwölf Mädchen insgesamt. Losnummern eins bis zwölf. Manche wirkten aufgeregt – Träume vom Sugar Baby tanzten in ihren Augen, Visionen von Penthäusern und Privatjets. Manche sahen resigniert aus – Schulden spiegelten sich in ihren hängenden Schultern, Verzweiflung in der Art, wie sie ihre Clutch-Taschen umklammerten. Losnummer 3 – ein blondes Mädchen, vielleicht neunzehn – weinte leise in der Ecke. Losnummer 6 – älter, vielleicht siebenundzwanzig, mit einer Schönheit, die nur durch teure Pflege zu erreichen war – überprüfte ihren Lippenstift in einem Taschenspiegel, völlig ungerührt. Losnummer 9 – dunkle Haut, eleganter Hals, die Haltung einer Tänzerin – starrte ins Leere, die Lippen bewegten sich zu einer Art Gebet. Lysandra fühlte sich wie betäubt. Vor drei Wochen, Sie war ein anderer Mensch gewesen. Studentin an der Columbia University. Hauptfach Anglistik. Notendurchschnitt: 3,8. Drei Jobs. Vormund ihrer sterbenden Schwester. Ein unsichtbares Mädchen, das unsichtbare Entscheidungen in einem unsichtbaren Leben traf. Dann sprach Dr. Martinez die Worte, die alles veränderten: „Sechs Wochen. Vielleicht acht, wenn wir Glück haben.“ **VOR DREI WOCHEN** **Mercy General Hospital, 23:47 Uhr** Elaras Hand war so dünn, dass Lysandra jeden einzelnen Knochen spüren konnte. Dreiundzwanzig Jahre alt und innerlich zerfallen. Akute lymphatische Leukämie – die Art mit den vielen Silben und der geringen Hoffnung. „Es gibt eine experimentelle Behandlung“, hatte Dr. Martinez mit bedächtiger Stimme gesagt, als würde sie eine Bombe entschärfen. „Klinische Studie in der Schweiz. Neunzig Prozent Erfolgsquote in den ersten Tests. Aber –“ „Wie viel?“ „Sie ist noch nicht von der FDA zugelassen. Sie bräuchten einen privaten Krankentransport, eine Privatklinik, ein spezialisiertes Team –“ „*Wie viel?*“ Dr. Martinez’ Pause sagte alles. Dann: „Zwei Millionen Dollar. Mindestens.“ Die Zahl hing wie ein Todesurteil in der sterilen Luft. Lysandras Kontostand: 847,23 Dollar. Ihr Sparkonto: 0,00 $. Ihre Kreditkarten: bis zum Limit ausgereizt durch Elaras vorherige Behandlungen. Ihre Möglichkeiten: keine. „Ich werde es finden“, hatte Lysandra gesagt, ihre Stimme fest, obwohl ihre Hände zitterten. Elara drückte schwach ihre Finger. „Lys, es ist okay –“ „Nein.“ Lysandra stand auf und riss sich mit derselben grimmigen Entschlossenheit zusammen, die sie seit dem Tod ihrer Mutter vor vier Jahren am Leben erhalten hatte. „Es ist nicht okay. Du bist dreiundzwanzig. Du solltest nächstes Jahr deinen Abschluss an der Columbia machen. Neurochirurgin werden. Leben retten. Du darfst nicht sterben, nur weil ich zu arm bin, um dich zu retten.“ „Woher willst du zwei Millionen Dollar nehmen?“, fragte Elara kaum hörbar, doch die Frage traf sie wie ein Schrei. Lysandra wusste keine Antwort. Nicht jetzt. Doch drei Tage später, während sie auf einer Wohltätigkeitsgala überteuerte Häppchen servierte, belauschte sie ein Gespräch, das alles verändern sollte. Zwei Frauen. Designerroben. Diamanten, die ein kleines Land finanzieren könnten. Sie standen in der Nähe der Toilette, ihre Stimmen leise, aber nicht leise genug. „Hast du von der Auktion nächsten Monat gehört?“ „Oh Gott, ich dachte, die wären abgeschafft.“ „Nicht, wenn man weiß, wo man suchen muss. Nur mit Einladung. Sehr exklusiv.“ „Was wird versteigert?“ Eine Pause. Dann leiser: „Begleiterinnen. Sechsmonatsverträge. Absolute Diskretion. Die Startgebote sind *wahnsinnig*.“ „Das ist barbarisch.“ „So funktioniert Kapitalismus, Liebes. Angebot und Nachfrage. Manche dieser Frauen gehen mit genug Geld nach Hause, um ihr Leben zu verändern.“ „Um wie viel geht es?“ „Letztes Jahr? Das niedrigste Gebot lag bei 300.000. Das höchste bei 2,8 Millionen.“ Lysandras Hände hatten so stark gezittert, dass sie beinahe ihr Tablett fallen gelassen hätte. Zwei Millionen Dollar. Sechs Monate. Elaras Leben. Die Rechnung war einfach. Die Entscheidung war unmöglich. Aber sie hatte keine andere Wahl. Und verzweifelte Menschen tun verzweifelte Dinge.
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