Der Auktionsblock-1d

981 Words
**DER PRIVATE SAMMLUNGSRAUM** Der Raum war elegant. Schlicht. Ledersessel. Ein Mahagonischreibtisch. Bücherregale an einer Wand. Ein Fenster mit Blick auf den Garten des Anwesens, durch dessen kostbare Vorhänge Mondlicht fiel. Und da stand er, ihr den Rücken zugewandt, die Hände in den Hosentaschen – Ein Mann. Groß. Breite Schultern. Ein maßgeschneiderter Anzug, der wahrscheinlich mehr kostete als ihr gesamtes Studium. Dunkles Haar. Vollkommen regungslos. Er drehte sich nicht um. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Sie waren allein. Lysandras Kehle war wie mit Sand behaftet. Sag etwas. Du musst *etwas* sagen. „Hallo.“ Ihre Stimme war leiser, als sie wollte. Kaum ein Flüstern. Er drehte sich um. Und Lysandras Welt veränderte sich schlagartig. Sie kannte dieses Gesicht. Nicht persönlich. Aber so, wie jeder in Manhattan bestimmte Gesichter kannte. **Cassian Vale.** Milliardär. Medienmogul. Risikokapitalgeber. Sein Gesicht war letzten Monat auf dem Cover des *Forbes*. Zweiunddreißig Jahre alt. Vermögen: weit über drei Milliarden. Zu seinen Unternehmen gehörten Tech-Startups, Medienkonzerne und Immobilienimperien. Er war eine New Yorker Elite. Und er hatte sie gerade gekauft. Aber das war nicht der Grund, warum ihr die Knie weich wurden. Es waren seine Augen. Sturmgrau. Scharf. Intelligent. Und er sah sie an, als hätte er sein ganzes Leben nach ihr gesucht. „Hallo, Lysandra.“ Er kannte ihren Namen. Nicht „Grundstück Nr. 7.“ Nicht „das Mädchen im roten Kleid.“ Ihren *Namen*. „Mr. Vale“, brachte sie hervor. „Cassian.“ Er trat näher. Nicht bedrohlich. Einfach nur … präsent. Er erfüllte den Raum mit einer Selbstsicherheit, die nur dann eintrat, wenn man alles, was man berührte, auch besaß. „Formalitäten sind jetzt überholt.“ Ihre Gedanken rasten. *Woher kennt er meinen Namen?* *Warum hat er so hoch geboten?* *Was will er von mir?* Er umkreiste sie langsam. Betrachtete sie eingehend. Sie stand wie erstarrt da, fühlte sich wie ein Auto, das er vor dem Kauf begutachtete. Nein. Genau das war es. „Du fragst dich, warum ich so hoch geboten habe“, sagte er. Sie nickte. Sie traute ihrer Stimme nicht. „Weil ich sichergehen wollte, dass es niemand anderes überhaupt versucht.“ Er blieb vor ihr stehen. Nah genug, dass sie sein Parfüm riechen konnte – teuer, dezent, etwas Dunkles und Holziges, das wahrscheinlich mehr kostete als ihre Miete. „Warum ich?“ Die Frage entfuhr ihr, bevor sie sie zurückhalten konnte. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Aber etwas flackerte in seinen Augen auf. Wiedererkennung? Nostalgie? „Weil du mir vor fünf Jahren ein halbes Sandwich gegeben hast.“ Lysandra blinzelte. „Ich – was?“ „Und seitdem habe ich darauf gewartet, mich zu revanchieren.“ Ihr Kopf war wie leergefegt. Vor fünf Jahren. Sandwich. Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Bevor sie fragen konnte, zog er sein Handy heraus. Tätigte einen Anruf. „Dr. Shaw? Cassian Vale. Die experimentelle Behandlung für Elara Thorne. Termin für Montag. VIP-Unterkunft. Keine Kosten scheuen.“ Pause. „Schicken Sie die Rechnung in mein Büro.“ Er legte auf. Sah sie an. Lysandras Knie gaben nach. Sie stürzte nicht – sie konnte sich an einer Stuhllehne festhalten –, aber ihr wurde schwindelig. „Du –“ Sie brachte kein Wort heraus. „Du hast einfach –“ „Deine Schwester wird leben.“ Seine Stimme war sachlich. Klinisch. Doch seine Augen verrieten etwas ganz anderes. Zärtlich. Fast... sanft. „Du hast mein Wort.“ Tränen rannen ihr über die Wangen, bevor sie sie aufhalten konnte. All die Angst. All die Verzweiflung. All die unerträgliche Last, die sie drei Wochen lang mit sich herumgetragen hatte – Erlöst durch einen einzigen Anruf. „Danke“, flüsterte sie. „Danke mir nicht.“ Er trat näher. „Du hast dafür bezahlt.“ Die Erinnerung traf sie wie ein Schlag. *Du hast dafür bezahlt.* Mit sechs Monaten ihres Lebens. Mit ihrer Freiheit. Mit sich selbst. Er reichte ihr die Hand. Lange Finger. Ruhig. Wartend. „Bereit, nach Hause zu gehen?“ *Nach Hause.* Sein Zuhause. Ihr Käfig. Aber Elara würde leben. Elara würde die Behandlung bekommen. Elara würde eine Zukunft haben. Und alles, was es kostete, war Lysandras Geschenk. Sie sah auf seine Hand. Sechs Monate. Nur sechs Monate. Sechs Monate konnte sie alles überstehen. *Stimmt's?* Sie nahm seine Hand. Seine Finger schlossen sich um ihre – fest, warm, besitzergreifend. „Braves Mädchen“, murmelte er. Und Lysandra begriff mit plötzlicher, erschreckender Klarheit: Sie hatte sich gerade an einen Mann verkauft, der das seit fünf Jahren geplant hatte. Einen Mann, der ihren Namen kannte, bevor sie seinen kannte. Einen Mann, der eine Million Dollar nicht für eine Begleiterin bezahlt hatte. Sondern für *sie*. Ganz gezielt. Absichtlich. Unweigerlich. *Was habe ich getan?* Aber es war zu spät für Zweifel. Der Hammer war gefallen. Der Deal war besiegelt. Cassian Vale gehörte ihr nun. In guten wie in schlechten Zeiten. Für sechs Monate. Oder für immer. Sie wusste nicht, was sie mehr erschreckte. --- Er führte sie durch einen privaten Ausgang aus dem Montgomery-Anwesen. Keine Menschenmassen. Keine anderen Bieter. Nur ein schwarzer SUV, der in der kreisförmigen Auffahrt wartete, der Motor schnurrte, die Scheiben so dunkel getönt, dass sie wie Spiegel wirkten. Ein Fahrer stand stramm – ein älterer Mann, militärische Haltung, teurer Anzug. Wortlos öffnete er die Hintertür. Cassian bedeutete Lysandra, zuerst einzusteigen. Sie stieg ein. Ledersitze. Weich. Teuer. Die Art von Auto, die sie nur aus Filmen kannte. Er setzte sich neben sie. Die Tür schloss sich. Die Welt draußen verschwand. Sie waren in Luxus und Stille gehüllt. Der Fahrer fuhr vom Anwesen weg, und Lysandra sah durch das Fenster zu, wie das Gebäude – und ihr altes Leben – in der Dunkelheit verschwand. Niemand sprach. Cassian tippte konzentriert und effizient auf seinem Handy. Geschäft, auch jetzt. Selbst nachdem er einen Menschen gekauft hatte. Lysandras Gedanken wirbelten durcheinander. *Vor fünf Jahren hast du mir ein halbes Sandwich gegeben.* Was sollte das bedeuten?
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