Kapitel 4

1766 Words
Wynta Fünf Jahre später. Sie bekam die Einladung des Rudels direkt an ihren Schreibtisch geliefert. Zuerst wusste sie nicht, was es war. Die Postzustellerin Louise war um zehn Uhr in ihr Büro gekommen und hatte sie gebeten, für ein Paket zu unterschreiben, das sie auf ihren Schreibtisch gelegt hatte. Es gab einen kleinen weißen Klebezettel darauf, auf dem ihr Name deutlich zu erkennen war. Wynta hatte im Gegenzug gefragt, was das für ein Paket sei, und bekam zur Antwort: „Eine Einladung für eine Gala. Ich bin heute für die Zustellung der Einladungen verantwortlich.“ Und sie hatte auf ihren Wagen an der Tür hingewiesen. Wynta hatte gesehen, dass sich tatsächlich viele blaue Schachteln auf ihrem Wagen befanden, die genauso aussahen wie die, die Louise auf ihren Schreibtisch gelegt hatte. Sie hatte genickt und den Beleg unterschrieben, um zu bestätigen, dass sie das Packet erhalten hatte. Louise hatte dann den Aufkleber genommen und ihn neben Wyntas Unterschrift an ihrem Klemmbrett befestigt. Dann hatte sie Wynta angelächelt und gesagt: „Dann sehen wir uns dort! Das Unterschreiben der Einladung bedeutet nämlich, dass man daran teilnehmen wird.“ Das hatte Wynta aufblicken lassen und sie hatte Louise direkt mit einem Stirnrunzeln angesehen, die dann ein wenig entschuldigend gelächelt hatte: „Entschuldige bitte, aber Herr Hayes hat mir ausdrücklich gesagt, dass ich dir das erst nach deiner Unterschrift mitteilen darf.“ Sie hatte nur genickt und die Frau hinausgewunken. Dann saß sie einfach nur da und starrte ihr nach. Dieser verdammte Alpha Edward hatte endlich einen Weg gefunden, sie scheinbar freiwillig auf das Territorium des Rudels zu bringen. Und sie wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, ob sie sagen konnte, dass es nicht freiwillig war. Sie müsste zuerst einige Nachforschungen über die Feinheiten anstellen. Er hatte sie eindeutig überlistet. Sie hatte die Einladung unterschrieben, ohne zu wissen, dass sie damit technisch gesehen erklären würde, dass sie aus freiem Willen an der Gala teilnehmen würde. Aber war es wirklich aus freiem Willen? Wenn er in Wahrheit auf hinterhältige Weise vorgegangen war und wichtige Informationen unterschlagen hatte? Ansonsten hätte er sie doch niemals dazu bringen können, diese Einladung zu unterschreiben. Er wusste ganz genau, dass sie nicht unterschreiben würde, wenn sie gewusst hätte, dass es bedeutete, dass sie das Territorium seines Rudels betreten müsste. Sie schüttelte den Kopf und wusste einfach, dass dies sein umständlicher Weg war, sie dazu zu zwingen, in sein Rudel aufgenommen zu werden. Obwohl ein kleiner Teil von ihr sich auch darüber amüsierte, wie hinterlistig er gehandelt hatte. Es hatte ihn schließlich bereits fünf lange Jahre gekostet, das zu bekommen, was er von ihr wollte. Sie hatte eigentlich gedacht, dass er sich bereits damit abgefunden hatte, dass sie kein Rudelmitglied werden wollte und dass sie tatsächlich glücklich war, als Abtrünnige zu leben. Wynta richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Einladung. Es war eine sehr hübsche marineblaue Schachtel mit geprägter Schrift darauf. Sie wusste auch, worum es in der Einladung ging. Denn sie hatte gehört, dass Edwards jüngster Sohn und vierter Erbe, Lance, während des letzten Vollmonds seine Gefährtin gefunden hatte. Es war immer noch das aktuelle Gesprächsthema, nicht nur im Büro, sondern auch in der Menschenwelt. Dies war dem Aussehen nach die Einladung zur Luna-Zeremonie. Die Farben des Rudels waren in Mode, wie es schien. Sie wusste, dass die Farben des Zedernrudels marineblau, silber und natürlich die Farbe von rotem Zedernholz waren. Denn auf ihrem Territorium gab es unzählige Zedern. Das Rudel war also ihrer Meinung nach treffend benannt. Wynta öffnete die Schachtel und darin befand sich ein Umschlag mit einem Wachssiegel. Sie schüttelte den Kopf und fragte sich, wofür dann eigentlich die Schachtel war. War es eine Rudeltradition oder wollten sie einfach besonders extravagant wirken? Sie brach das Siegel und zog die eigentliche Einladung heraus. Sie war ordentlich gefaltet, aber Wynta entdeckte ein weiteres Siegel. Nur dieses hatte drei feine goldene Fäden, die es zusammenhielten und an das Wachs gebunden waren. Es war alles sehr schick, stellte sie fest. Edward und Marian ließen sich wirklich nicht lumpen. Sie brach das Siegel und öffnete die tatsächliche Einladung. Die Namen Lance und Raelynn standen dort in einer großen, fett gedruckten, auffälligen Schrift geschrieben. Dann folgte der Name der Veranstaltung, die Zeit und der Ort. Die Veranstaltung würde natürlich im Ballsaal des Rudels stattfinden. Dort wo alle Luna-Zeremonien stattfanden, vermutete sie. Nicht, dass sie jemals bei einer gewesen wäre. Aber sie hatte gehört, dass es immer großartige Veranstaltungen waren. Es war auch eine Liste von Details beigefügt, auf der stand, was man nicht tragen sollte und welche Art von Kleidung erwartet wurde. Formelle Abendgarderobe wurde erwartet und kein Rudelmitglied oder verbundener Gast durfte etwas Weißes oder Cremefarbenes tragen. Denn die Luna würde ein weißes Kleid tragen und jeder Versuch, sie zu übertrumpfen, würde mit drei Peitschenhieben am Schandpfahl bestraft werden. Die Veranstaltung war obligatorisch und das gesamte Rudel wurde erwartet, um das glückliche Paar zu feiern. Diejenigen, die sich entschieden, nicht daran teilzunehmen, würden sich am Schandpfahl wiederfinden und einen Peitschenhieb für ihre Respektlosigkeit erhalten. In Klammern stand noch geschrieben, dass diejenigen ohne Wölfe als Bestrafung einen Tag am Schandpfahl und eine vollständige Zurechtweisung durch den Alpha und die Luna zu erwarten hätten. Auf der linken Seite der Einladung gab es einen QR-Code und darunter stand, dass alle Frauen die Farbe des Kleides angeben mussten, das sie tragen würden. Das Tragen aller Pastellfarben sollte vermieden werden und man sollte sich bei der Kleiderwahl auf helle oder dunkle Farben beschränken. Sie schüttelte nur den Kopf. Sie starrte die Einladung eine Weile an. Wynta hatte nun bereits fünf Jahre lang für die Hayes AG gearbeitet und es dennoch geschafft, nie einen Fuß in das Rudel selbst zu setzen. Sie hatte keinen einzigen Paarungsball besucht, weil sie keinen Grund dazu hatte. Sie hatte damals einen Gefährten gehabt und ihn vor vierzehn Jahren abgelehnt. Es gab keinen Grund, zu glauben, dass sie einen weiteren bekommen würde. Sie hatte jedoch in den letzten fünf Jahren dreimal im Jahr Einladungen erhalten und bei allen Gelegenheiten angekreuzt, dass sie nicht teilnehmen würde. Nach dem ersten Jahr wurde dann in den Einladungen darum gebeten, einen Grund anzugeben, warum man nicht teilnehmen würde. Sie hatte den Kopf geschüttelt und verstanden, dass dies Alpha Edwards Versuch gewesen war, einen Weg zu finden, sie auf das Territorium des Rudels zu locken. Sie hatte dann entweder angegeben, dass sie kein ranghohes Mitglied wäre, dass sie in den Urlaub fahren würde oder dass sie die Kriterien für den Paarungsball nicht erfüllte. Sie war immer noch eine Abtrünnige und hatte daher keinen Rang innerhalb dieses Rudels. Selbst als sie eine Einladung nur für Omegas erhalten hatte, hatte sie diese abgelehnt, da sie ja keine Omega war. Als Abtrünnige passte sie tatsächlich in keine Kategorie und hätte daher auch einfach immer angeben können, dass sie eine Abtrünnige war. Aber sie hatte sich gedacht, dass es Edward mehr ärgern würde, wenn sie sich verschiedene fadenscheinige Gründe ausdachte. Die letzte Ablehnung war ihrer Meinung nach genial von ihr gewesen. Edward hatte ihr eine Einladung für alle übernatürlichen Kreaturen, unabhängig von ihrem Status in ihren eigenen Reichen oder im menschlichen Reich geschickt. Es ging darum, auf jener Veranstaltung einen Gefährten zu finden. Sie hatte tatsächlich über die Formulierung gelacht. Denn dadurch hatte sie nicht antworten können, dass sie als Abtrünnige nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte. Es amüsierte sie mehr als nur ein wenig, all die Anstrengungen zu sehen, die er unternahm. Als Grund für ihre Absage hatte sie dann angegeben, dass sie an einer Konferenz teilnehmen würde. Das war auch tatsächlich nicht gelogen gewesen. Jene Konferenz war auch vier Monate vor dem Paarungsball geplant und von seiner eigenen Firma bezahlt worden. Sie hatte eine höflich formulierte E-Mail geschrieben, in der sie erklärte, dass sie nicht den Eindruck erwecken wollte, das Geld der Firma zu verschwenden, da die Veranstaltung nicht erstattungsfähig war. Außerdem wollte sie ihr Team nicht enttäuschen, das ebenfalls mit ihr zur Konferenz fahren würde. Diese fand außerhalb des Staates statt und war Monate im Voraus vollständig gebucht und organisiert worden. Sie hatte die Buchungsliste der Mitarbeiter sowie die Unterkunfts- und Konferenzdetails beigefügt, damit er alles überprüfen konnte. Sie hatte dann leise vor sich hin gelacht, als sie die E-Mail gesendet hatte. Es war einfach perfektes Timing für sie gewesen, nicht mehr und nicht weniger. An jenem Tag hatte sie sich zufrieden in ihrem Stuhl zurückgelehnt und leise gekichert, weil es nicht das erste Mal gewesen war, dass sie Weiterbildungskurse genutzt hatte, um den Paarungsbällen zu entgehen. Sie behielt immer im Auge, wann und wo diese Weiterbildungskonferenzen stattfanden. Jedes Mal, wenn sie zufällig auf einen Vollmond fielen, meldete sie sich dafür an. Sie tat es außerdem bereits Monate im Voraus, nur um sagen zu können, dass sie die Einladung nicht absichtlich in letzter Minute vermieden hatte. Sie hatte ein Budget für Bildung und Teamentwicklung, das sie dafür nutzte. Manchmal nahm sie das ganze Team mit. Einmal waren sogar alle drei Marketingteams dabei, einschließlich ihr und den anderen Vorgesetzten. Alle hatten sich angemeldet, nachdem sie es im Büro am Schwarzen Brett ausgehängt hatte. Die drei Abteilungen hatten sogar die Kosten für die Anmietung eines Busses geteilt. Edward konnte sie schließlich nicht davon abhalten, weiterhin das zu lernen, was in der sich ständig verändernden Welt um sie herum nötig war. Sie mussten immer die besten Methoden kennen, um die Kunden zu erreichen und ihre Geschäfte zu fördern. Es war alles notwendige Kompetenzentwicklung. Bei dieser Einladung jedoch hatte sie das Gefühl, dass sie wahrscheinlich nicht in der Lage sein würde, sich herauszuwinden. Obwohl sie jetzt anständig verdiente und im Unternehmen von einer Marketing-Spezialistin zu einer Marketing-Supervisorin aufgestiegen war, was mit einem neuen Büro und einem höheren Gehalt verbunden war, widerstrebte ihr der Gedanke immer noch, sich für diesen Anlass ein formelles Kleid kaufen zu müssen. Sie war kein Mitglied des Rudels, also sollte es nicht obligatorisch für sie sein, daran teilzunehmen. Aber er hatte sie dazu gebracht, diese verdammte Einladung zu unterschreiben. Und jetzt hatte sie die Verpflichtung, selbst als Abtrünnige, daran teilzunehmen. Wynta seufzte und schüttelte den Kopf. Sie wusste einfach, dass es diesmal keinen Weg geben würde, dem zu entkommen. Er hatte seine Hausaufgaben bei dieser Sache gemacht. Er würde sie wahrscheinlich drängen, in das Rudelgebiet oder in das neue Wohngebäude umzuziehen, das er gerade fertiggestellt hatte. Es war nicht riesig, nur sechs Stockwerke hoch mit sechs Wohnungen auf jeder Etage. Aber im Obergeschoss gab es vier Penthouse-Wohnungen. Er hatte ihr und ihrem Team den Auftrag gegeben, die Räume im Erdgeschoss zu vermarkten, wo er ein Restaurant und ein Café sowie zwei Boutiquen für Einnahmen platzieren wollte. Und diese Aufgabe würde Marketing und nicht nur Werbung erfordern.
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