Nach dem Abendessen kehrte Elizabeth Greene in ihr Zimmer zurück und nahm die Bankkarte zur Hand. Sie starrte sie an, ein wenig verloren in ihren Gedanken. Die Familie Harrison war ganz anders als die Greenes – das war ihr nach nur einem Tag klar geworden. Es war eine ganz besondere Art von Wärme, die sie so noch nie erlebt hatte...
Plötzlich klopfte es an der Tür: Klopf-Klopf.
„Herein“, sagte Elizabeth. Kaum waren die Worte ausgesprochen, öffnete sich die Tür. Es war Richie Harrison.
„Kleine Schwester, gewöhnst du dich gut ein?“, fragte Richie sanft. Er wusste, dass sie noch nicht recht wusste, wie sie sie nennen sollte; so ein Übergang brauchte Zeit. Aber er war unbesorgt – früher oder später würde sie ihnen vertrauen.
„Es geht schon. Ich würde nicht sagen, dass es viel gibt, an das man sich gewöhnen muss“, antwortete Elizabeth sachlich. Auch wenn das übertrieben pompöse Prinzessinnenbett nicht ihr Fall war, fühlte sich alles andere in Ordnung an.
Richie lachte leise, seine tiefe, leicht raue Stimme strahlte eine beruhigende Herzlichkeit aus. „Ich weiß, dass du noch Zweifel hast. Wenn du uns nicht voll vertraust, kannst du jederzeit meine Haare für einen DNA-Test nehmen. Geschwister teilen identische Gensequenzen...“ Richie hatte bereits Wind davon bekommen, dass jemand Haare ihrer Mutter für einen Test mitgenommen hatte. Er musste nicht raten – es war Elizabeth.
Sie hegte immer noch Zweifel und war überzeugt, nicht wirklich die Tochter der Harrisons zu sein. Offensichtlich hatte der gnadenlose Rauswurf bei den Greenes tiefe Spuren in ihrem Herzen hinterlassen.
„Nein, ich... das ist nicht nötig...“
„Im DNA-Zentrum arbeitet ein Freund von mir. Er erwähnte mittags, dass jemand deine Haare und die von Mama für einen Test gebracht hat. Mir war sofort klar, dass du unsicher bist, also wollte ich dir Sicherheit geben.“
Richie hatte seine Schwester sofort ins Herz geschlossen, als er sie sah. Sie trug alle Markenzeichen eines Harrisons. Wenn sie Fragen hatte, war es seine Aufgabe, sie zu klären.
Elizabeths Herz sackte ein Stück tiefer. Wahnsinn, so ist es also, Teil der reichsten Familie von Kontinent Y zu sein – nichts entgeht ihrem Radar. Es fühlte sich fast so an, als würde sie rund um die Uhr überwacht.
„Aber versteh das nicht falsch“, fügte Richie schnell hinzu, „mein Freund hatte gerade Dienst und hat es mir erzählt, das ist alles. Ich habe dir nicht hinterhergespioniert.“ Sein Tonfall wurde weicher. „Ich weiß, dass du unsicher bist, aber wir wollen wirklich, dass du dich hier zu Hause fühlst. Seit dem Tag, an dem du verschwunden bist, haben wir alle auf deine Rückkehr gewartet.“
„Tut mir leid, ich habe ohne eure Erlaubnis gehandelt. Es ist nicht so, dass ich euch nicht vertraue. Ehrlich gesagt habe ich nichts zu bieten, also was hättet ihr davon, mich zu täuschen? Ich wollte einfach nur Gewissheit für mich selbst“, erklärte Elizabeth geduldig.
Unter den Menschen in ihrem Alter war Richie Harrison der Einzige, der so gefasst wirkte. Jetzt, da er sie direkt darauf ansprach, sah sie keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Richie verstand sofort, warum Elizabeth so handelte.
„Ich verstehe das. Genau deshalb bin ich hier – um dir diese Gewissheit zu geben“, sagte Richie, zupfte sich beiläufig zwei Haare aus und reichte sie ihr. „Wenn du mich noch nicht Bruder nennen willst, ist das völlig okay. Warten wir auf die Ergebnisse. Sobald bewiesen ist, dass wir eine Familie sind, liegt es ganz bei dir, ob du mich so nennen möchtest, einverstanden?“
Sein Ton war so sanft, fast schon verwöhnend, dass Elizabeth einen Moment lang fassungslos war. Eigenartigerweise hätte sie bei jedem anderen sofort scharf reagiert. Aber bei Richie? Da war etwas an seiner Art, das sie mochte – vielleicht sogar brauchte.
„Alles klar, ich verstehe. Danke“, nickte Elizabeth gehorsam. Unfähig zu widerstehen, tätschelte Richie ihr erneut den Kopf. „Ernsthaft, du hast die weichsten Haare überhaupt. Schwestern wie du sind definitiv die süßesten auf der Welt“, sagte er mit einem Grinsen.
Sie war sprachlos. Könnte mal jemand erklären, warum dieser Typ ihr heute schon zum zweiten Mal den Kopf getätschelt hatte? „Wenn du das weiter machst, bin ich bald kahl“, beschwerte sie sich.
„Keine Sorge, das wirst du nicht“, gluckste Richie amüsiert über ihren mürrischen Blick. Und selbst wenn, würde er ihr eine Haartransplantation spendieren – kein Grund zur Sorge.
Elizabeth: „...“ Sie blinzelte und hatte das Gefühl, er habe den Punkt ihres Kommentars völlig verpasst.
„Schon gut, du hattest einen anstrengenden Tag. Ruh dich jetzt aus“, sagte Richie sanft. Elizabeth nickte eifrig und wollte die Tür schließen. Doch Richie fiel noch etwas ein. „Ach, übrigens, hast du schon deine Bankkarte gecheckt? Wir Brüder haben dir ein bisschen Taschengeld geschickt. Ist es angekommen?“
Elizabeth: „????“
Richie seufzte. Dieses Mädchen behandelte sich immer noch wie eine Fremde. Er nahm die Karte und fragte mit gesenkter Stimme: „Darf ich kurz dein Handy haben?“ Elizabeth reichte es ihm schweigend. Richie verknüpfte die Karte schnell mit ihrer Mobile-Banking-App. „Benutz das Geld erst mal. Das ist dein Taschengeld für diesen Monat. Wenn es nicht reicht, sag Bescheid, dann schicke ich dir mehr.“
Elizabeth war verblüfft. Mann, so sieht es also aus, wenn man reich ist! Ein Taschengeld, das man einfach so aufstocken kann? Aber gut, Richie ist der CEO der Millennium Corp – Geld wie Heu zu haben, ist quasi sein Job!
„Okay“, nickte Elizabeth. Richie warf einen Blick auf ihr Handy. „Dein Telefon wirkt flüssiger als meines. Es ist sogar schneller als mein brandneues Modell.“ Er versuchte das Gespräch am Laufen zu halten, um mehr über seine Schwester zu erfahren. Ihr Handy schlug sein 30.000-Dollar-Gerät um Längen – das fühlte sich irgendwie falsch an.
„Dieses Handy wurde von einem Freund von mir entworfen. Es ist noch nicht offiziell auf dem Markt. Sobald die neue Version erscheint, sorge ich dafür, dass er eines für dich reserviert“, antwortete Elizabeth geschickt. Sie dachte sich: Wenn Richie es so sehr mag, warum nicht die Chance nutzen und kostenlos Werbung für die Arbeit ihres Freundes machen?
„Klingt super! Ich freue mich darauf“, stimmte Richie begeistert zu. Er sah sich schon damit prahlen, dass er als Erster ein Geschenk von seiner Schwester erhalten hatte. Damit verließ er den Raum.
Elizabeth entsperrte neugierig ihre Banking-App. Wie viel hatten sie ihr wohl geschickt? Dachten sie wirklich, sie hätte nicht genug?
Der Kontostand zeigte: 180.000.000,00.
180 Millionen?!
Sollte das etwa ihr monatliches Taschengeld sein? Hatten sie den Verstand verloren oder verlor sie gerade ihren? Wie sollte man so viel in einem Monat ausgeben, ohne völlig größenwahnsinnig zu werden?
Sie schaute in die Transaktionshistorie:
* Abby Harrison: 20 Millionen
* Robert Harrison: 20 Millionen
* Richie & Alexander Harrison: je 50 Millionen
* Abner & Samuel Harrison: je 10 Millionen
* Ding – Eine neue Nachricht: Nicholas Harrison hat 20 Millionen überwiesen.
Die Greenes hatten ihr früher gerade mal zehntausend im Monat gegeben – wie oft war das hier wohl mehr...