Der Sturm bricht los

1047 Words
Die Winde der Veränderung Der Sommer 1793 legte sich schwer auf Paris. Die Revolution hatte ihre unschuldige Phase längst hinter sich gelassen. Die Barrikaden waren höher, die Parolen lauter, und die Luft war erfüllt vom Klang von Hämmern, die an neuen Guillotinen arbeiteten. Lucien und Céleste hatten sich tiefer in den Widerstand eingearbeitet. Während Céleste sich darauf konzentrierte, Flugblätter zu schreiben und Frauen in der Bewegung zu organisieren, hatte Lucien eine gefährliche Rolle übernommen: Er schleuste Nachrichten in die königlichen Reihen und brachte Informationen zurück. „Das ist ein gefährliches Spiel, Lucien," warnte Céleste eines Abends, als sie ihn in einer schäbigen Taverne traf, um Details eines neuen Plans zu besprechen. „Das ist kein Spiel," erwiderte Lucien trocken. „Wenn es eins wäre, würde ich gewinnen." Céleste verdrehte die Augen, doch ihre Besorgnis blieb. „Du bist zu wertvoll für diese Gruppe, Lucien. Wenn sie dich erwischen..." „Dann hoffe ich, dass mein Charme sie überzeugt, mir noch ein letztes Glas Wein zu geben," sagte er und zwinkerte ihr zu. Doch hinter seinem Humor lag eine Wahrheit, die sie beide wussten: Die Schlinge zog sich enger. Der Angriff auf die Barrikaden Eines Morgens erreichte die Druckerei eine erschütternde Nachricht: Die königlichen Truppen hatten in der Nacht mehrere Barrikaden im Viertel Saint-Denis gestürmt. Dutzende Revolutionäre waren gefangen genommen oder getötet worden. „Wir wussten, dass sie zurückschlagen würden," sagte Étienne, der trotz seines früheren Verrats durch andere Revolutionäre ersetzt worden war. „Aber das hier war brutal. Sie hatten genaue Pläne." „Was bedeutet, dass wir immer noch einen Maulwurf haben könnten," murmelte Céleste. „Oder einfach Pech," fügte Lucien hinzu. „Manchmal gewinnt das Schicksal, und wir verlieren." Die Gruppe beschloss, sich neu zu formieren. Neue Barrikaden wurden errichtet, und eine große Versammlung wurde organisiert, um weitere Schritte zu planen. Doch Lucien konnte die Unruhe in Céleste spüren. „Was ist los?" fragte er, als sie sich nach der Versammlung in einem stillen Moment trafen. „Ich habe das Gefühl, dass das hier auf etwas Schreckliches hinausläuft," sagte sie leise. Lucien zog sie in eine Umarmung. „Das tut es immer, Céleste. Aber wenn wir zusammen sind, können wir es überstehen." Eine gefährliche Mission Einige Tage später wurde Lucien mit einer neuen Aufgabe betraut. Er sollte eine geheime Nachricht an einen Kontakt außerhalb von Paris bringen – eine gefährliche Mission, die ihn durch königliches Gebiet führen würde. „Du kannst das nicht allein tun," sagte Céleste, als sie davon hörte. „Ich bin nicht allein," erwiderte Lucien. „Ich habe meinen Verstand und meine charmante Persönlichkeit." „Die dir nichts nützen werden, wenn du aufgeknüpft wirst," entgegnete Céleste scharf. Doch Lucien ließ sich nicht abbringen. In der Nacht vor seiner Abreise saßen sie zusammen auf dem Dach eines alten Hauses und blickten auf die Lichter von Paris. „Weißt du," sagte Lucien, „manchmal frage ich mich, wie das alles enden wird." Céleste sah ihn an. „Ich auch. Aber ich weiß eines: Du musst zurückkommen." „Ich komme zurück," sagte Lucien mit einem schwachen Lächeln. „Ich habe noch ein paar Bücher zu verkaufen." Gefangen im Netz des Terrors Die Reise verlief zunächst reibungslos, doch als Lucien in ein kleines Dorf nahe der Grenze zu Paris kam, geriet er in einen Hinterhalt. „Lucien Dubois," sagte ein Soldat mit einem kalten Grinsen. „Der Buchhändler, der glaubt, er sei ein Revolutionär." Lucien hob die Hände. „Eigentlich bin ich nur ein Buchhändler, der versucht, lebendig zu bleiben." Die Soldaten fesselten ihn und brachten ihn zurück nach Paris, wo er in den Keller eines königlichen Gebäudes gesperrt wurde. Die Tage im Kerker waren ein Albtraum aus Dunkelheit, Verhören und Kälte. Doch trotz der Gefahr blieb Lucien Lucien. Als ein Offizier ihn fragte, ob er bereit sei, seine Komplizen zu verraten, antwortete er: „Natürlich, Monsieur. Ich verrate sie Ihnen alle, sobald Sie mir sagen, wo der Wein ist." Rettungsplan Als Céleste von Luciens Gefangennahme erfuhr, war sie außer sich vor Sorge. „Wir müssen ihn retten," sagte sie entschlossen. „Das ist Wahnsinn," sagte einer der Revolutionäre. „Die königlichen Gefängnisse sind Festungen." „Lucien würde es für jeden von uns tun," entgegnete Céleste. „Ich werde ihn nicht im Stich lassen." Mit Hilfe einer kleinen Gruppe plante sie einen mutigen Angriff auf das Gefängnis. Sie wussten, dass es riskant war, doch Célestes Überzeugungskraft brachte sie dazu, ihr zu folgen. Der Bruch In einer mondlosen Nacht schlichen sich Céleste und ihre Verbündeten durch die engen Straßen von Paris. Sie hatten die Wachposten beobachtet und einen genauen Plan ausgearbeitet. Im Inneren des Gefängnisses war Lucien erschöpft, aber ungebrochen. Als er das Geräusch von Schritten hörte, dachte er zunächst, es seien wieder die Wachen. Doch dann flüsterte eine vertraute Stimme: „Lucien." Er hob den Kopf und blinzelte in die Dunkelheit. „Céleste?" „Natürlich," sagte sie, während sie das Schloss zu seiner Zelle knackte. „Wer sonst würde dich aus diesem Schlamassel holen?" Lucien grinste trotz seiner Schmerzen. „Ich wusste, dass du mich nicht verlassen würdest." Die Gruppe kämpfte sich durch das Gefängnis, doch als sie die Straßen erreichten, ertönte ein Alarm. „Lauft!" rief Céleste, doch Lucien stolperte und fiel. „Ich lasse dich nicht zurück," sagte sie, als sie ihn aufhalf. „Ich bin schwer verletzt, Céleste," murmelte Lucien, „aber wenn du mich trägst, werde ich es genießen." Sie lachte, während sie ihn stützte, und gemeinsam entkamen sie in die Nacht. Eine Liebe im Schatten der Guillotine Zurück in der Druckerei wurden Lucien und Céleste wie Helden empfangen. Doch der Sieg fühlte sich flüchtig an. Die Revolution war auf ihrem Höhepunkt, und die Straßen von Paris waren gefährlicher denn je. „Wir müssen vorsichtig sein," sagte Lucien, während er sich von seinen Verletzungen erholte. „Das waren wir nie," antwortete Céleste und nahm seine Hand. Lucien sah sie an, und trotz der Dunkelheit um sie herum verspürte er Hoffnung. „Wenn wir das überleben, Céleste," sagte er leise, „dann verspreche ich dir, ein neues Leben zu beginnen." „Zusammen?" fragte sie. „Zusammen," sagte Lucien, und zum ersten Mal seit langem glaubte er wirklich daran.
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