Kapitel 9

1576 Words
ALISAS SICHT Der Umschlag kam um 9:17 Uhr an einem Dienstag im Restaurant an, gebracht von einem schlicht gekleideten Beta, der kein Wort sagte und ihn einfach über die Theke schob, als wäre es ein Kassenbon. Mein Name – Alisa Moretti – war in Rot auf der Vorderseite gestempelt. Drinnen lag ein einzelnes Blatt dickes cremefarbenes Papier und ein Foto. Ich. Von vor drei Nächten. Aufgenommen vom Bürgersteig vor dem Penthouse, während Kael und ich für etwas Luft hinausgegangen waren. Mein Kopf war zu ihm geneigt, die Lippen noch leicht geöffnet von dem Kuss, den wir in der Tür geteilt hatten. Seine Hand lag tief auf meinem Rücken, besitzergreifend selbst in der Öffentlichkeit. Die Bildunterschrift, in aus einer Zeitschrift ausgeschnittenen Blockbuchstaben: *GETRIEBEN VON BEGEHREN. WIRD DAS TÖTEN DEINER VERGANGENHEIT DIE ZUKUNFT SCHÜTZEN?* Mir drehte sich der Magen um. Das Restaurant verschwamm – Tische, offene Küche, der schwache Duft meiner eigenen Gewürze – bis ich nur noch Kaels Gesicht sah. Blass. Kontrolliert. Aber seine Augen waren flach geworden, das Bernstein kalt. Ich rief ihn an, bevor der Anruf überhaupt durchklingelte. „Kael. Sie wissen es.“ Seine Stimme kam knapp und tödlich durch. „Wo bist du?“ „Im Restaurant. Sie haben es mir geschickt.“ „Ich bin in acht Minuten da. Sperr die Türen ab. Niemand geht allein.“ Er kam wie ein Sturm. In dem Moment, als die Tür aufging, zog er mich hinein und schloss hinter uns ab. Seine Hände griffen nach meinen Oberarmen und musterten mich auf Verletzungen. „Du bist unverletzt.“ „Mir geht’s gut. Nur … wütend. Sie wollen dich tot sehen, oder?“ Sein Kiefer spannte sich an. „Sie wollen Druckmittel. Das alte Rudel hat noch Schulden, die ich nie vollständig beglichen habe. Blutgeld. Aber sie werden dich nicht anrühren.“ Er war bereits in Bewegung, das Telefon am Ohr, und bellte Befehle an Blackwood. „Verdoppelt die Sicherheit am Restaurant. Ich will stündliche Streifen. Und besorgt mir alles über dieses Rudel – Namen, Aufenthaltsorte, alte Groll.“ Ich folgte ihm ins Büro und beobachtete, wie er den Raum ausfüllte. Dieselbe Macht, die mich einst an seinen Schreibtisch gepresst hatte, strahlte jetzt nach außen und schützte mich. Meine Wölfin drängte sich nah heran, bereit, an seiner Seite zu kämpfen. Blackwood kam in unter zehn Minuten, Tablet in der Hand. „Das ist plump, aber es ist eine Kampfansage. Sie bieten mir eine Wahl: Die Scheidung fallen lassen, und sie lassen euch beide in Ruhe. Oder sie kommen nach Kaels Ruf, seiner Lizenz, seinem Leben.“ Kaels Lachen war kurz und hässlich. „Sollen sie es versuchen.“ Er drehte sich zu mir, die Augen wild. „Alisa, das ändert nichts. Du bist immer noch frei, meine Gefährtin zu sein. Meine Partnerin. Eines Tages meine Frau. Sie können jeden Wolf in der Stadt bedrohen; ich werde dich trotzdem in Anspruch nehmen, sobald diese Papiere unterschrieben sind.“ Ich trat näher und ließ meinen Körper an seinen streifen. Die Bindung summte, warm und drängend. „Ich weiß. Aber ich will nicht, dass dir wegen mir etwas passiert.“ „Du bist nicht der Grund, warum sie kommen.“ Seine Hand umfasste mein Kinn, der Daumen strich über meine Unterlippe. „Du bist der Grund, warum ich aufgehört habe zu rennen. Der Grund, warum ich diese Kanzlei gebaut habe, um für Gerechtigkeit statt für Rache zu stehen. Sie können kommen. Ich habe vierunddreißig Jahre auf dich gewartet. Nichts wird dich mir nehmen.“ Der Kuss, der folgte, war langsam, tief und von Besitzergreifung durchzogen. Seine Zunge glitt gegen meine, schmeckte Kaffee und Angst und etwas Süßerem – Vertrauen. Seine freie Hand glitt meinen Rücken hinab, griff nach meiner Hüfte und zog mich eng an sich. Ich spürte jeden harten Zentimeter, wie sein Körper bereits reagierte. Meine Nippel spannten sich; Feuchtigkeit sammelte sich heiß und plötzlich zwischen meinen Schenkeln. „Ins Büro“, murmelte er gegen meinen Mund. „Jetzt.“ Blackwood räusperte sich höflich und verließ den Raum, schloss die Tür. Kael hob mich genau wie beim ersten Mal auf den Schreibtisch, aber diesmal hetzte er nicht. Er zog mich mit bedächtiger Sorgfalt aus – die Knöpfe der Bluse öffneten sich einer nach dem anderen, der Rock glitt meine Beine hinab, die Spitzenhöschen wurden abgezogen wie ein Versprechen. Als ich nackt war, trat er einen Schritt zurück, gerade weit genug, um sich selbst auszuziehen. Der Anblick von ihm – breite Schultern, vernarbt von alten Kämpfen, das V der Muskeln, das sich zu seinem Schwanz verjüngte, bereits d**k und tropfend – ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er sank auf die Knie. „Alisa“, sagte er, die Stimme rau wie Kies. „Lass mich schmecken, was mir gehört.“ Sein Mund an mir war Anbetung und Hunger. Seine Zunge kreiste um meinen Kitzler, langsam und unnachgiebig, dann drang sie in mich ein. Ich schrie auf, die Hände in seinem dunklen Haar verkrallt. Er summte zustimmend, saugte sanft, während zwei Finger in mich glitten, sich krümmten und jene Stelle streichelten, die mein Sehvermögen weiß werden ließ. Die Bindung sang zwischen uns – jedes Stöhnen, das ich machte, hallte in seiner Brust wider. „Davon habe ich geträumt“, knurrte er gegen meine Feuchtigkeit. „Dass du auf meiner Zunge kommst, während ich dein Gesicht ansehe.“ Er fügte einen dritten Finger hinzu, spreizte ihn sanft und dehnte mich. Meine Beine zitterten. Ich ritt seine Hand, die Hüften rollten schamlos, der Schreibtisch knarrte unter uns. Als der Orgasmus sich aufbaute, scharf und unausweichlich, versiegelte er seine Lippen über meinem Kitzler und saugte. Ich zerbrach. Lust krachte in Wellen durch mich, meine Wände krampften sich um seine Finger, ein gebrochener Schrei riss sich aus meiner Kehle. Er hörte nicht auf – milderte es, leckte mich sauber, bis ich keuchend nach vorne sackte. Erst dann erhob er sich, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Er küsste mich und ließ mich mich selbst auf seiner Zunge schmecken. „Mein“, flüsterte er. „Sag es.“ „Dein“, keuchte ich. „Kael, bitte—“ Er drehte mich um, beugte mich über den Schreibtisch und drang mit einem einzigen glatten Stoß in mich ein. Kein Kondom – keiner von uns wollte Barrieren; die Bindung verlangte es. Ich stöhnte über die Dehnung, die Fülle, das perfekte Gleiten an jeder empfindlichen Stelle. Er blieb still, bis zum Anschlag in mir begraben, und ließ mich mich anpassen. „Spürst du das?“ Seine Stimme grollte an meinem Ohr. „Die Bindung, die sich schließt. Du gehörst jetzt mir. In jeder Hinsicht, die zählt.“ Er zog sich zurück und stieß hart vor. Tief. Der Rhythmus war strafend, perfekt. Meine Brüste pressten sich gegen den kühlen Schreibtisch; seine Hand griff um mich herum und rieb meinen Kitzler in engen Kreisen. Der zweite Orgasmus baute sich diesmal schneller auf, der Rand war direkt da und dann weg. „Komm noch einmal für mich, kleine Wölfin.“ Ich tat es. Schrie seinen Namen, das Sehvermögen zerbrach. Er folgte Sekunden später, brüllte, der Knoten schwoll an der Basis seines Schwanzes an, während er mich mit heißen Impulsen überflutete. Die Bindung flammte hell auf – goldene Fäden, die sich an ihren Platz schnappten, eine Anspruchsmarke, die heiß und dauerhaft unter der schwachen brannte, die er bereits hinterlassen hatte. Wir blieben so versperrt, atmeten schwer, seine Arme um meine Taille geschlungen, hielten mich fest, während er langsam abschwoll. Als er sich schließlich zurückzog, fühlte ich mich leer und zugleich beansprucht. Er drehte mich sanft um, hob mich in seine Arme und trug mich zur Couch. „Ruh dich aus“, befahl er und wickelte die Decke um uns beide. „Blackwood hat die Antwort entworfen. Wir reichen sie heute ein. Niemand rührt dich an.“ Aber die Bindung regte sich bereits wieder – sanft diesmal, ein Versprechen auf mehr. Seine Finger zeichneten müßige Kreise auf meinem Oberschenkel, so nah an der Stelle, an der ich noch schmerzte. „Bleibst du heute Nacht bei mir?“ flüsterte ich. „Immer.“ In dieser Nacht in seinem Penthouse hörten wir nicht wirklich auf. Wir machten langsam Liebe auf dem weiten Bett, Haut glitt über Haut, lernten jede neue Marke kennen, die die Bindung auf uns beiden hinterlassen hatte. Sein Knoten versperrte uns zweimal – einmal mitten in der Nacht, als die Bindung uns wieder unterzog, und einmal im Morgengrauen, als ich ihn weckte, indem ich mich über seine Hüfte setzte und mich auf ihn herabsenkte. Er erwachte sofort, stöhnte meinen Namen wie ein Gebet, die Hände führten meine Hüften, während wir uns zusammen bewegten, bis wir beide zerbrachen. In der Stille, die folgte, hielt er mich an seiner Brust, eine Hand lag besitzergreifend über der Stelle, an der seine Zähne beim zweiten Anspruch beinahe durchgedrungen waren. „Das ändert nichts am Kampf“, sagte er, die Stimme schläfrig und zufrieden. „Aber es ändert alles an dir. Du bist stärker. Du bist mein. Und niemand – Rudel, Rat oder Vergangenheit – wird dir das jemals nehmen.“ Ich glaubte ihm. Zum ersten Mal fühlte sich die Angst, ihn zu verlieren, kleiner an als die Angst, bei Jeff zu bleiben. Der Gerichtstermin rückte in drei Tagen näher. Und das alte Rudel bewegte bereits Figuren auf dem Brett. Aber heute Nacht, eingehüllt in Kaels Duft und seinen Herzschlag, fühlte ich mich bereit. Der Krieg konnte kommen. Ich hatte einen Gefährten, an dessen Seite ich kämpfen konnte.
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