Kapitel 1-3

812 Words
Mike Hallbrook betrachtete die müde, zerzauste Frau, die ihm gegenüberstand. Ein Anflug des Bedauerns durchfuhr ihn, weil er ihr nicht die Antwort auf die Frage geben konnte, die sie schon seit zwei Jahren beschäftigte – nämlich, was mit ihrer Freundin passiert war. Das Schicksal von Carly Tate war immer noch unbekannt – ein ungeklärter Fall in ihrer Kleinstadt. Als Patty, die Empfangsdame des Yachats Polizeireviers, ihm zugerufen hatte, dass das Mädchen, das nach der vermissten Frau suchte, wieder da sei, hatte Mike auch ohne Fallnummer gewusst, von wem Patty sprach. Es gab nicht viele ungelöste Verbrechen in dieser Gegend. „Nein, der Fall ist erst abgeschlossen, wenn wir wissen, was mit Ihrer Freundin passiert ist. Leider gibt es nicht viele Anhaltspunkte. Ich gehe den Hinweisen weiter nach. Haben Sie irgendwelche neuen Informationen?“, fragte er. Jenny schüttelte den Kopf und schlang die Arme um ihre Taille. „Nein. Haben Sie noch einmal mit Ross Galloway gesprochen? Er war der letzte Kerl, mit dem Carly ausgegangen ist. Ich wollte ihn schon lange fragen, habe es aber immer wieder vergessen“, erklärte sie. Mike nickte. „Ja. Er hat ein wasserdichtes Alibi für den Tag, an dem Carly verschwunden ist“, erwiderte er. Mike trat einen Schritt näher, als er sah, dass Jennys Augen sich mit Tränen füllten. In Momenten wie diesen hasste er es, Polizist zu sein. Er sah zu, wie sie ihren Kopf senkte und ein Taschentuch aus ihrer Tasche zog. Dann hörte er, wie sie zitternd einatmete, bevor sie zu ihm aufsah. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen, als er die Entschlossenheit in ihrem Blick sah. „Ich habe Ihrer Empfangsdame meine Telefonnummer hinterlassen, als ich das letzte Mal hier war. Können Sie mich bitte anrufen, wenn Sie etwas herausfinden?“, fragte sie. „Ich werde nachsehen, ob es dieselbe Nummer ist, die ich in der Akte vermerkt habe. Sobald wir etwas in Erfahrung bringen, werde ich Sie selbstverständlich anrufen“, versprach er. „Danke“, sagte sie und wandte sich zur Tür um. „Jederzeit. Wenn Ihnen irgendetwas einfällt, das uns helfen könnte, Ihre Freundin zu finden, zögern Sie bitte, nicht anzurufen“, fügte Mike hinzu. „Natürlich nicht. Ich werde die ganze Woche hierbleiben. Nochmals vielen Dank, dass Sie Carly nicht aufgegeben haben“, sagte Jenny und blickte zu ihm hoch, als er um sie herumgriff, um ihr die Tür zu öffnen. „Wir werden sie schon finden“, antwortete er in einem ruhigen Ton. Tränen schimmerten in Jennys Augen. Sie nickte und trat durch die geöffnete Tür. Mike sah zu, wie sie über den Bürgersteig zu einem dunkelroten Subaru eilte, der vor dem Gebäude parkte. Gedankenversunken blieb er in der Tür stehen. Der Fall verwirrte ihn. Aus den wenigen Gesprächen, die er mit Carlys Eltern geführt hatte, hatte er entnommen, dass sie bereits akzeptiert hatten, dass ihre Tochter tot war und wahrscheinlich nie gefunden werden würde. Die kalte, unbeteiligte Resignation in ihren Stimmen war das genaue Gegenteil von Jenny Ackerlys Trauer. Während seiner Ermittlungen hatte er erfahren, dass Carly eine warmherzige, fröhliche junge Frau war, die mit jedem auskam. Verdammt, sogar Ross Galloway hatte den Kopf geschüttelt und gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass jemand Carly etwas antun würde. „Sie ist doch schon eine Gefahr für sich selbst“, hatte Ross entrüstet gesagt. Als Mike Ross gefragt hatte, was er damit meinte, hatte er fahren, dass Carly eine liebenswerte, aber auch sehr tollpatschige Frau war. Ross’ Beschreibung, wie sie sein Boot in Brand gesetzt hatte – auch wenn es nur ein sehr kleines Feuer gewesen war, wie Ross hastig klargestellt hatte – hatte Mike geholfen, auch einige der anderen Anspielungen zu verstehen, die Leute bezüglich Carly gemacht hatten. „Wie ich Carly kenne, hat sie sich wahrscheinlich im Wald verlaufen oder ist von einer Klippe gestürzt“, hatte Ross achselzuckend gesagt. „Wäre nicht das erste Mal.“ Es war eine Möglichkeit, aber irgendetwas sagte Mike, dass mehr dahintersteckte und sich die junge Frau nicht einfach nur verirrt hatte. Wenn das der Fall wäre, hätten die zahlreichen Suchtrupps irgendetwas gefunden. Wenn Carly von der Klippe gestürzt wäre, wäre sie aufgrund der Form der Bucht ans Ufer gespült worden. Das Gebiet war bereits gründlich durchsucht worden. Mike blinzelte, als ein Anwohner vorbeifuhr und zur Begrüßung hupte. Automatisch hob er die Hand, um zu winken, und stellte fest, dass er immer noch in der offenen Tür des kleinen Polizeireviers stand. Mit einem resignierten Kopfschütteln ging er wieder hinein, schloss die Tür und verriegelte sie. Eigentlich sollte er jetzt Feierabend machen. Stattdessen ging er wieder in sein Büro zurück. Vielleicht würde er noch einmal einen Blick in die Akte werfen und prüfen, ob er etwas übersehen hatte. Schließlich verschwanden Leute nicht einfach so vom Erdboden! Es musste doch irgendeinen Hinweis darauf geben, was mit Carly Tate geschehen war.
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