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1030 Words
ALINA Ich starre die Blondine im Spiegel an und richte meine Perücke noch einmal. Ich ziehe die knallblaue Mütze tief ins Gesicht und setze die dunklen, dicken Brillengläser auf. Ich trage ein weites, geblümtes Kleid. Ich bin unkenntlich, sogar für mich selbst. Moritz hat den Wachen gesagt, dass ich unter keinen Umständen nach Barcelona darf, und normalerweise hätte ich ihn konfrontiert und meinen Standpunkt vertreten. Aber ich will ihn überhaupt nicht sehen. Niemals. Und ich werde verdammt noch mal nicht zulassen, dass er die Befriedigung hat, dass ich ihn um irgendetwas bitte. Schon gar nicht um seine verdammte Erlaubnis, irgendwohin zu gehen. Letzte Nacht bin ich weinend eingeschlafen, habe den schönen Jungen betrauert, den ich einst geliebt habe. Ich weiß nicht einmal, warum mich seine Gemeinheiten in letzter Zeit so sehr getroffen haben. Es sollte keine Rolle spielen, und ich sollte mich auf keinen Fall darum kümmern. Dieses verdammte Begräbnis ist schuld. Ich hätte nie hingehen dürfen. Es hat alte, ungelöste Gefühle in mir hochgebracht, die ich jahrelang tief in meinem Herzen weggeschoben habe. Aber egal, scheiß auf ihn. Ich habe Besseres mit meinem Leben vor, als über verletzende Worte eines Kriminellen zu weinen. Wer ist er, mich zu verurteilen? Als ich jung war, hasste er, wie meine Familie mit mir umging, wie ich nicht ausgehen durfte. Ironischerweise gehört er jetzt selbst dazu und versucht genau dasselbe. Das Karma wird ihn kriegen; mein Gewissen ist rein. Ich packe meine Sachen in einen rosa Rucksack, werfe ihn mir über die Schulter und betrachte mich noch einmal im Spiegel. Ich kicher und mache ein Foto von mir. Dieses Outfit ist einfach perfekt. Okay, auf geht’s. Wenn ich an den Wachen vorbeikomme, habe ich freie Fahrt nach Barcelona. Ich habe ihnen gesagt, dass ich die nächsten drei Tage von zu Hause arbeite, habe ein Ticket für einen Linienflug, ein Hotel gebucht und die Uber-App heruntergeladen. Uber… ui! Wer bin ich überhaupt? Eigentlich wollte ich mitten in der Nacht los, aber ich dachte, dass dann niemand sonst unterwegs ist und ich vielleicht auffallen würde. Ich nehme den Aufzug, gehe in die Lobby und warte ein bisschen, bis eine Gruppe Damen herauskommt. Ich hänge mich strategisch hinter sie, als wäre ich Teil ihrer Gruppe, und folge ihnen um die Ecke. Ich halte mein Gesicht nach vorn, aber meine Augen spähen unter der Brille zu den Autos meiner Wachen. Die Jungs lehnen sich lachend an ein Auto. Bitte, lass mich nicht erwischen. Bitte, lass mich nicht erwischen. Fünf Minuten noch. Wir biegen um die Ecke, ich beiße mir auf die Lippen, um mein Lächeln zu verbergen. Vielleicht schaffe ich das wirklich. Ich löse mich von den Damen, überquere die Straße, biege um eine weitere Ecke und rufe ein Uber. Ich halte den Atem an, bis es kommt, und als es endlich da ist, springe ich aufgeregt auf den Rücksitz. „Zum Flughafen?“ fragt der Fahrer. „Ja, bitte.“ Ich strahle vor Stolz. Ich habe es geschafft. Ich betrete den Ballsaal mit einem Ordner unter dem Arm, die Nerven fest im Griff. Das ist es, das wichtigste Meeting meines Lebens. Wie versprochen bin ich in Barcelona, im Hotel, das wir gerade renovieren werden. Ich trage ein enges schwarzes Kleid und High Heels, meine langen dunklen Haare sind zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Mein Make-up ist dezent, mein Lippenstift tiefrot wie immer. Ich hoffe, ich sehe passend aus. Ein distinguiert wirkender Mann wartet auf mich, er ist um die fünfzig, sehr attraktiv in seinem Armani-Anzug. „Hallo.“ Ich lächle nervös und schüttle seine Hand. „Alina von Dunkelfeld.“ „Hallo, meine Liebe.“ Er lächelt, ein kleiner Stirnrunzel überzieht seine Augen. „von Dunkelfeld… woher kommen Sie?“ „München.“ „Ah.“ Er lächelt. „Gottes Land. Ich hatte einen lieben Freund in München. Sie sind nicht verwandt mit dem verstorbenen Moritz von Dunkelfeld, oder?“ „Doch,“ antworte ich höflich. „Er war mein Vater.“ „Wirklich… er wird sehr vermisst.“ „Ja, das wird er.“ Seine Augen halten meine. „Es ist schön, Sie kennenzulernen, Alina.“ „Entschuldigen Sie, ich habe Ihren Namen nicht verstanden,“ frage ich. „Ich bin Viktor Aschenbrand.“ „Hallo.“ Ich lächle. „Herzlichen Glückwunsch, Ihre Konzepte haben die Konkurrenz weit hinter sich gelassen.“ „Danke, ich freue mich darauf, zu starten. Es wird wirklich großartig, wenn es fertig ist,“ antworte ich, während ich den Ballsaal betrachte. Ich sehe schon die Magazinstrecken vor mir. Ich werde diese Renovierung meistern, egal was es kostet. Er deutet auf die großen Doppeltüren. „Sollen wir in meinem Büro weitermachen?“ „Natürlich.“ Ich greife nach meinem Ordner und folge ihm, steige in den Aufzug. Die Türen schließen. „Ich dachte, Ihre Firma sei französisch?“ „Ist sie, ich lebe in Amsterdam.“ „Wirklich?“ Er runzelt die Stirn. „Eine von Dunkelfeld, die nicht in Amerika lebt?“ „Nach dem Tod meines Bruders bin ich nach Hamburg gezogen.“ „Tobias?“ „Ja.“ Die Aufzugtüren öffnen sich, er deutet auf den Flur. Wir treten hinaus und gehen den Gang entlang. „Kannten Sie ihn?“ frage ich. „Nein, leider nicht,“ antwortet er, als wir bei einer Reihe von Büros ankommen. „Aber… kannten Sie meinen Vater?“ Ich bin verwirrt, sie kennen doch alle die gleichen Leute. „Ah.“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich kannte Ihren Vater beruflich, leider nicht persönlich.“ Er öffnet eine Tür und ein riesiges Büro erscheint, sehr altmodisch. Dunkelgrüne Wände, Walnussmöbel. Der Schreibtisch in der Mitte gigantisch, altmodisch – ich muss hier alles anpassen. Verdammte Arbeit. „Wo haben Sie gearbeitet?“ frage ich. „Ich habe früher für die Fußballmannschaft gearbeitet, die er besaß.“ „Oh,“ lächle ich, als sich die Puzzleteile fügen. Tobias hatte nichts mit dem Fußballteam zu tun. „Verstehe.“ Ich öffne meinen Ordner und zeige die schwarze Titelseite mit goldenen Lettern: Lux „Sind Sie bereit, die luxuriösesten und glamourösesten Hotels der Welt zu erschaffen, Herr Aschenbrand?“ frage ich spielerisch. Er lehnt sich zurück und lächelt, sichtlich beeindruckt. „Dann legen wir los.“
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