Kapitel 1-3

1365 Words
Als er mit ihrem Geruch zufrieden war, schwemmte er sie ab und ließ das Wasser aus der Wanne. Nachdem er zwei Handtücher um sie und ihr Haar geschlungen hatte, trat er wieder ins Schlafzimmer und legte sie auf das Bett. Er hatte für sie getan, was er konnte. Nachdem das Wasser sie nicht geweckt hatte, wusste er, dass sie sehr tief schlief und wahrscheinlich noch länger nicht aufwachen würde. Ohne den richtigen Schutz wäre dieser Krieg ihr Ende. Nachtfalke löste das Handtuch aus ihrem Haar und hob sanft ihren Oberkörper auf, dann berührte er mit den Fingern die Verletzung an ihrem Hinterkopf. Er hatte sie entdeckt, als er ihr Haar gewaschen hatte. In seinem ersten Leben war er eine Art Heiler gewesen… ein Schamane… also wusste er, dass diese Verletzung nicht lebensgefährlich war. Er ließ seinen Geist tief in sie greifen, wollte wissen, ob es einen anderen Grund gab, weshalb sie schlafen wollte… diese Welt eine Weile verlassen wollte. Er hatte die Verbindung, die sie mit ihm auf dem kleineren Friedhof hergestellt hatte, nie unterbrochen und so konnte er das geistige Band nun nutzen. In der Vergangenheit hatte es sich immer wie ein Würgegriff angefühlt, wenn ein Geisterbeschwörer nach seinem Geist gegriffen hatte. Aber ihre Verbindung war mehr wie Hände halten. Selbst in ihrem Schlaf konnte er fühlen, wie das Verlangen in ihr brannte… in der Seite, die nicht von Cravens Blutlinie war. Sie verbarg es tief in ihr… beantwortete den Ruf nicht. Das Verlangen könnte ihr helfen, ihre natürlichen Heilungskräfte zu beschleunigen. Dies war etwas, was er nicht für sie tun konnte… die Energie, die sie brauchte, kam von der Seele, und im Moment… hatte er keine. Es war nur gut, dass sie im Moment schlief, auch wenn sie damit langsamer heilen würde. Nachtfalke strich mit seinen Fingerrücken über ihre weiche Wange, wo Nil sie geschlagen und einen Bluterguss hinterlassen hatte. Craven hatte gesagt, dass das Streicheln eines Liebhabers sie heilen konnte. Musste man eine Seele haben, um zu lieben? Vermutlich, denn er hatte dieses Gefühl nicht mehr verspürt, seit er vor mehreren Jahrzehnten wirklich gestorben war. Er musste sich sehr anstrengen, um überhaupt ein Gefühl zu verspüren, abgesehen von Taubheit. Nachdem er sie sanft wieder auf das Kissen gelegt hatte, richtete Nachtfalke sich auf und schielte über seine Schulter auf die Seele, die ihn verfolgt hatte, seit er zum Haus zurückgekommen war. „Du gehörst ihr… nicht wahr?“ Carley zuckte überrascht zusammen, denn ihr war nicht klar gewesen, dass der Indianer sie die ganze Zeit über wahrgenommen hatte. Sie richtete ihren Blick scharf auf ihn. Er hatte sie einfach ignoriert, während sie geschrien und gewinkt hatte… dieser Idiot. Ihre Gesichtszüge wurden weicher… sie hatte nach einer Weile mit dem Schreien aufgehört, nachdem sie gesehen hatte, wie er sich so rührend um Tiara kümmerte. Langsam näherte sie sich und schwebte neben Tiara, so als würde sie auf der Bettkante sitzen. Es machte keinen Sinn, sich vor ihm zu verstecken… er könnte ihr ja doch nichts antun, selbst wenn er es wollte… was sie bezweifelte. „Man könnte meinen, dass ich ihr gehöre… aber das tue ich nicht“, antwortete Carley ehrlich, während sie ihre Hand nach Tiaras langem Haar ausstreckte und sich vorstellte, wie es sich anfühlen würde, wenn sie noch am Leben wäre. Sie war noch nicht lange genug tot, um das Gefühl einer Berührung vergessen zu haben. „Wieso bist du ihr dann gefolgt?“, fragte er. Carley sah zu ihm hoch und hob herausfordernd ihr Kinn. „Sie ist meine Freundin… ich will wissen, dass sie in Sicherheit ist.“ Nachtfalke nickte, respektierte die Antwort. „Und Cravens Magie hat keinen Einfluss auf dich, selbst nicht hier innerhalb dieser Wände?“ Es schien, als wäre die Frage dem Indianer wichtig, also schüttelte Carley ihren Kopf, während sie auf ihre Freundin schielte. „Durch Tiara kann Geisterbeschwörung mich nicht mehr verletzen oder kontrollieren. Dafür bin ich ihr zutiefst dankbar, also bitte tu ihr nichts an.“ Nachtfalke fühlte, wie seine Brust voller Hoffnung anschwoll. Das Gefühl verschwand schnell wieder, aber es war genug gewesen, um ihn auf den Geschmack zu bringen. Das war alles, was er sich je gewünscht hatte… nie wieder von einem Dämon gerufen zu werden. „Wir haben nicht vor, ihr etwas anzutun. Es war ihr Wunsch, mit uns zu kommen, und wir fühlen uns dadurch geehrt. Wenn du mir nicht glaubst, dann kannst du bleiben, bis sie aufwacht, und sie selbst fragen.“ Er sagte nur die Wahrheit… die eine Eigenschaft, die er von seinem Leben mitgenommen hatte. „Aber wer hat sie verletzt?“, fragte Carley, die wusste, dass es nicht der Mann gewesen war, der neben ihr stand, aber die schnell heilenden Blutergüsse auf Tiara waren eindeutige Anzeichen für böse Absichten. „Der Dämon, gegen den sie am Friedhof kämpfte, hat es getan. Craven hat sie vor ihm gerettet“, antwortete Nachtfalke, während er zum Fenster trat und sich dort auf einen Stuhl setzte, wo die Sonne ihn erreichen konnte. Dies war einer der wenigen Räume in dem Haus, wo die Fenster nicht schwarz gestrichen waren. Nachtfalke versuchte, sich daran zu erinnern, ob er je das Sonnenlicht genossen hatte, oder nicht… er nahm an, dass er es getan hatte. Carley runzelte die Stirn, als er sein Gesicht dem Fenster zuwandte, wie um zu zeigen, dass er das Interesse an ihr und der Unterhaltung verloren hatte. „Und Craven war der Dämon, der mit dir war? Wäre das dann auch derselbe, der das Haus mit so vielen Monstern bevölkert hat? Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Tiara das gutheißen würde.“ Sie streckte ihre Hand aus und legte sie auf die von Tiara, auch wenn sie geradewegs durch ihren Körper griff. „Und wieso sollte sie uns verlassen… ihre Freunde, um bei einem Dämon zu bleiben?“ „Sie und Craven sind blutsverwandt. Du würdest Craven ihren Onkel nennen, aber in Cravens Augen ist das Kind seines Bruders ebenso sein eigenes Kind. Darum wird er sie nicht verletzen. Sie ist keine Gefangene hier und sie wird nicht gezwungen werden, zu bleiben. Wenn sie wieder gesund ist… wenn sie sich entscheidet, zu gehen, dann werde ich als ihr Beschützer mit ihr gehen.“ „Wieso solltest du das tun?“, fragte Carley. Es war Craven, der mit ihr verwandt war… nicht der Indianer. „Hat Craven es dir aufgetragen?“ „Nein, Craven hat keine Kontrolle mehr über mich“, antwortete er, ohne sie anzusehen. „Ich bin ein Nachtwandler und sie ist die einzige, die mir meine Seele zurückgeben kann.“ Carleys Unterkiefer sackte ein Stück hinunter… ein Nachwandler? Nun, das war wirklich mächtige Magie. Sie dachte wieder an die Mythen und Legenden, die sie gelesen hatte, und selbst diese alten Schriften erwähnten sie kaum. Soweit sie sich erinnern konnte, entstand ein Nachtwandler aus einem Menschen, der während seines menschlichen Lebens von mystischen Mächten besessen war, und der nach seinem Tod von einem mächtigen Zauberer wiedererweckt wurde, wie ein Zombie. Aber das war nur der erste Schritt auf dem Weg zu einem vollständig entwickelten Nachtwandler. Anders als die meisten Zombies konnten sie ihre eigene Macht nutzen, um ihren Geist und ihr Herz wiederzuerlangen. Man sagte, dass sie seelenlos waren, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, welche Mächte ein Nachtwandler besaß, oder ob es überhaupt eine Grenze gab, was seine Fähigkeiten betraf. Ihr Blick ging nachdenklich in die Ferne, als sie sich nicht daran erinnern konnte, dass sie je etwas darüber gelesen hatte, dass ein Nachtwandler seine Seele wiedererlangte. War das überhaupt möglich? „Ist deine Seele nicht im nächsten Leben?“, fragte Carley neugierig. „Nein, sie ist an mein Grab gebunden“, antwortete Nachtfalke und verschwand in der Geisterwelt. Carley verschlug es die Sprache. An das Grab gebunden? Sie erschauderte bei dem Gedanken, an den Erdboden gefesselt zu sein, anstatt frei, so wie sie jetzt war. Als sie ihren Blick zum Boden senkte, bemerkte sie, dass Nachtfalkes Gestalt vielleicht verschwunden war, aber sie konnte ihn noch immer im Zimmer fühlen. Während sie wieder Tiara betrachtete, entschied Carley, dass sie ihn nicht weiter mit Fragen löchern wollte… gönnte ihm die Ruhe, um die er still gebeten hatte.
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