Die unerwartete Begegnung

1033 Words
Eine Woche später – Pacific Crest University, Kalifornien Die Bibliothek war still. Zu still. Nora ging hinein, ihre Bücher an die Brust gedrückt, während sie nach einem freien Platz suchte. „Endlich… Ruhe“, murmelte sie leise. Sie bog um eine Ecke— und lief direkt in jemanden hinein. Bücher fielen auf den Boden. „Oh! Es tut mir so leid!“ Nora ging sofort in die Hocke. „Ich habe dich nicht gesehen—“ Sie griff nach einem Buch. Hielt inne. Ihre Augen hoben sich. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. „…Du?“ Der Coffee-Typ. Er sah auf sie herab, sein Gesichtsausdruck undurchschaubar. „Du?“, wiederholte sie und stand schnell auf. „Du bist hier an der Uni?“ Er antwortete nicht. Stattdessen musterte er sie einen Moment und sagte dann flach: „Warum suchst du immer Aufmerksamkeit?“ Nora blinzelte. „…Aufmerksamkeit?“ Dann lachte sie kurz, scharf. „Entschuldigung? Du bist in mich reingelaufen.“ Er seufzte, als wäre sie anstrengend. Er beugte sich hinunter, hob seine Bücher eins nach dem anderen auf—ruhig, unbeeindruckt. Keine Eile. Keine Emotion. Dann ging er einfach an ihr vorbei. So einfach. Nora drehte sich um. „Warte—gehst du einfach?“ Keine Antwort. „Dann sag mir wenigstens deinen Namen!“, rief sie ihm hinterher. Ihre Stimme hallte. Zu laut. Köpfe drehten sich. Überall. Nora erstarrte. „Oh—mein Fehler! Es tut mir leid“, sagte sie schnell und senkte die Stimme. „Ich werde leiser. Sorry…“ Ein paar Studenten schüttelten den Kopf und wandten sich wieder ihren Büchern zu. Nora schluckte schwer. „…Super“, murmelte sie vor sich hin. „Ganz toll.“ Sie sammelte ihre Bücher ein und verließ hastig die Bibliothek. --- Draußen atmete sie scharf aus. „Gott… warum blamiere ich mich immer vor diesem Typen?“, stöhnte sie. Dann blieb sie stehen. „Aufmerksamkeit?“, schnaubte sie. Sie warf ihr Haar leicht zurück. „Junge, ich bin die Aufmerksamkeit. Ich suche sie nicht.“ Trotzdem… fühlte sich ihre Brust eng an. Genervt. Beschämt. Und irgendwie… neugierig. --- Cafeteria Mary saß bereits da und scrollte durch ihr Handy. Nora ließ ihre Tasche dramatisch auf den Tisch fallen. „Rate mal, wen ich gerade gesehen habe.“ Mary sah nicht auf. „Max.“ „Nein.“ „Kennedy. Dein Ex.“ Nora verzog das Gesicht. „Oh bitte—Kennedy? Ausgerechnet er?“ Mary sah endlich auf und grinste. „Ich erinnere mich noch, wie du wegen ihm geheult hast, als wäre dein Leben vorbei.“ „Das war Charakterentwicklung“, sagte Nora schnell. „Wir sind gewachsen.“ „Wir?“, hob Mary eine Augenbraue. „Ich bin gewachsen.“ „Hm.“ Nora beugte sich vor und senkte die Stimme. „Ich habe ihn gesehen.“ Mary runzelte die Stirn. „Wen?“ „Den Coffee-Typ.“ Marys Augen weiteten sich leicht. „Schon wieder?“ „Ja! In der Bibliothek!“ „Und?“ „Ich glaube, er ist Student. Und Mary…“ Nora griff nach ihrem Arm. „Er ist so gut aussehend. Also—unfair gut aussehend.“ Mary starrte sie an. „…Du bist verloren.“ „Ich bin nicht verloren!“ „Du bist verloren“, wiederholte Mary. „Erzähl weiter.“ Nora seufzte, ihre Aufregung verschwand sofort. „…Ich habe mich wieder blamiert.“ Mary blinzelte. „Schon wieder?“ „Ja!“ „Nora…“ „Er hat mich gefragt, warum ich Aufmerksamkeit suche!“ Mary brach in Gelächter aus. „Nein!“ „Doch, ich meine es ernst!“ „Und was hast du gemacht?“ „Ich habe gesagt, dass er in mich reingelaufen ist!“ „Gut.“ „Und dann ist er einfach… gegangen.“ Mary hörte auf zu lachen. „…Das war’s?“ „Das war’s.“ „Und du hast ihm hinterhergerufen?“ Nora zögerte. Mary verengte die Augen. „Nora…“ „…Vielleicht.“ „Du hast in der Bibliothek geschrien, oder?“ Nora sah weg. „…Vielleicht.“ Mary schlug sich die Hand vor die Stirn. „Girl… du bringst mich in Schwierigkeiten.“ „Ich habe mich entschuldigt!“ „Du entschuldigst dich immer erst, nachdem du Chaos angerichtet hast.“ Nora ließ sich in ihren Stuhl fallen. „Ich verstehe ihn nicht. In einem Moment ist er ruhig, im nächsten tut er so, als wäre ich eine Störung.“ „Weil du eine Störung bist“, sagte Mary direkt. „Maaary!“ „Ich bin ehrlich. Der Typ? Er ist nicht dein üblicher Geschmack.“ Nora runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“ „Er jagt dir nicht hinterher. Er ist nicht beeindruckt von dir. Das allein sollte dir etwas sagen.“ Nora klopfte nachdenklich auf den Tisch. „…Genau deshalb ist er interessant.“ Mary stöhnte. „Natürlich. Du magst Probleme.“ „Ich mag keine Probleme.“ „Du ziehst sie an.“ Nora ignorierte sie. „Er hat mich aufmerksamkeitsgeil genannt.“ „Vielleicht solltest du den Hinweis ernst nehmen.“ „Oder vielleicht sollte er sich entspannen“, schoss Nora zurück. „So tief ist das Ganze nicht.“ Mary beugte sich vor. „Mein Rat? Halt dich von ihm fern.“ Nora hob eine Augenbraue. „Warum?“ „Weil du schon viel zu interessiert bist. Und er offensichtlich nicht.“ Nora wurde still. „…Er interessiert sich schon“, sagte sie leise. Mary blinzelte. „Oh?“ „Er würde mich nicht bemerken, wenn es ihm egal wäre.“ Mary sah sie einen Moment lang an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Du bist verloren.“ „Ich bin nicht verloren!“ „Du bist verloren“, wiederholte Mary. „Sei einfach vorsichtig. Solche Typen? Die spielen nicht sanft.“ Nora lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „…Das werden wir ja sehen.“ Mary seufzte. „Ich meine es ernst, Nora. Renn ihm nicht hinterher.“ Nora schmunzelte leicht. „Ich renne niemandem hinterher.“ Mary warf ihr einen Blick zu. „Doch. Tust du schon.“
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